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Full text of "Ueber den Standort der Industrien"

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W bTl>-^u, Ueber den 



Standort der Industrien 



Von 



Alfred Weber 



Erster Teil 

Reine Theorie des Standorts 

Mit einem mathematischen Anhang 



Georg Pick 



■.ft^ 



64 Abbildungen '^, 

Zweite, photo-mechanisch gedruckte Auflage 



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-*»' 




Alfred Bellmann 

(2t ) Plcttenb3rg-88StMitt 

Gut Jmmcde 



Tübingen 

Verlag von J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) 

1922 



Druck von Omnilypie-Qes., Nachl. L. Zechnall, Stuttgart. 



III 



Aus dem Vorwort der i. Auflage. 



In zwei Teilen, von denen dies der erste abstrakte ist, wird 
hier versucht die industrielle Standortslehre, die, wie ich glaube, 
einen der Schlüssel zu den allgemeinen soziologischen Phänomenen 
der heutigen Bevölkerungsaggregierung, ebenso wie zu einer 
ganzen Anzahl anderer sozialer und kultureller Kräfteverschie- 
bungen unserer Zeit gibt, zu behandeln. In zwei Teilen, die von 
sehr verschiedener Art sein werden. Im zweiten Teil wird es 
möglich sein, der Wirklichkeit und ihren Phänomenen nahe zu 
kommen, anschaulich zu werden und Lösungen zu geben, deren 
praktischen Wert man fühlen kann. Dieser erste Teil ist propä- 
deutisch. Er bringt Theorie; nicht bloß dies, er enthält sogar 
ganz ausschließlich »reine« Theorie, d. h. von jeder näheren Wirk- 
lichkeitsgestaltung absehende; und er traktiert sie zudem mathe- 
matisch, — doppeltes Verbrechen, das ich schwer empfinde. 
Denn wenn auch theoretisches Arbeiten heute wieder in Deutsch- 
land in Aufnahme kommt, so doch im ganzen nicht grade so 
abstraktes, wie es hier getrieben wird. Die eigentlich strenge 
Abstraktion ist — bei den Reichsdeutschen wenigstens — doch 
auch heute noch >tabu«. Wenn aber schon einmal Theorie ge- 
trieben werden soll, (man möchte die Vorliebe dafür angesichts 
gewisser mißglückter Erscheinungen ja allerdings manchmal zum 
Teufel wünschen) so ist als eine ihrer Formen auch diejenige 
nötig, die die Abstraktion auf die Spitze treibt. Sie ist sogar, 
— leider, kann man sagen — fast überall der notwendige Aus- 
gangspunkt für eine leidlich fundierte endliche gedankliche Um- 
spannung der ganzen Mannigfaltigkeit des Lebens. 

So wenig sie dabei nun in allen ihren Teilen mathematisch 
zu sein braucht, so muß sie es doch in denen, welchen die reine 
mathematische Anschauungsform gewissermaßen inhärent ist. Daß 
zu diesen die Frage der örtlichen Verteilung der Wirtschaftskräfte 



IV Vorwort. 

gehört, die ihrem Wesen nach fortgesetzt mit Raumanschauungen 
arbeitet, ist wohl ganz unzweifelhaft. — Darum *reine« Theorie 
und zudem »mathematische^. Und zwar letzteres in dem Sinn, daß 
die mathematische Formulierung nicht bloß verdeutlicht; sondern, 
daß sie direkt die maßgebenden Lösungen und Aufschlüsse gibt. 
Ohne die Mithilfe des Mathematikers, in concreto ohne das freund- 
liche Zuhilfekommen von Georg Pick in Prag, mit dem ich 
das Glück hatte dort zusammengeführt zu werden, wäre die ganze 
Arbeit, die vorliegt, unmöglich, jedenfalls nicht bis zu ihren letzten 
Resultaten durchführbar gewesen. Es zeigte sich in allen Teilen 
daß das bis zu einem gewissen Punkt geführte Problem zuletzt 
immer nach einer mathematischen Formulierung »schrie«, nur 
durch sie überhaupt ganz zu bewältigen war. Die Mathematik 
ist hier also nicht »Spielerei«, sondern recht schmerzlich empfun- 
dene Notwendigkeit. Wer sich durch den trocknen Stoff, der hier 
geboten wird, durcharbeiten sollte, wird das einsehen. 

Heidelberg, Frühjahr 1909. Alfred Weber. 



Vorwort zur 2. Auflage. 

Die 2. Auflage dieses ersten theoretischen Teils kann un- 
verändert erscheinen. Was an Erörterungen standortstheore- 
tischer Natur inzwischen erschienen ist, berührt nicht die Grund- 
agen, die ich hier herauszuarbeiten versuche. Es gehört in die 
empirisch-kapitalistische Theorie, wie die sehr wesentlichen Stel- 
lungnahmen Werner Sombarts (vor allem in der neuen Auflage 
seines Modernen Kapitalismus). Ich gebe in dem gleichzeitig 
erscheinenden ersten Heft des 2. Teils über das Schicksal der 
induktiven Abschnitte der Arbeit, meine Absichten in bezug auf 
die empirisch-kapitalistische Theorie und ihre Ausführung aus- 
führlich Aufschluß. Hier habe ich zu den in diesem Band 
gebotenen abstrakten Teilen nur noch zu bemerken : mir war bei 
Abfassung der i. /Auflage die Arbeit von Launhardt über »die 
Bestimmung des zweckmäßigsten Standortes einer gewerblichen 
Anlage« (Zeitschrift des Vereins Deutscher Ingenieure 1882) durch 
ein bei mir liegendes Versehen unbekannt geblieben. Sie behan- 
delt ein Teilproblem der Transportorientierung (die optimale Träns- 
port-Standortslage eines isoliert gedachten Produktionsprozesses 
mit ausschließlich lokalisierten Materialien) auch unter Verwen- 
dung des Gedankens, daß man sich Materiallagerkomponenten 
und Kunsumortskomponente wie Kräfte zu denken habe, die sich 
am Standort das Gleichgewicht halten müssen. Dieser Gedanke 
wird in mathematisch-geometrische Konstruktionen hineinverfolgt, 
deren technische Zweckmäßigkeit für gewisse Fälle nicht bestritten 
werden soll, die mir aber für den Aufbau einer allgemeinen Theo- 
rie des gewerblichen Standorts doch keine Basis von genügender 
Breite zu bieten scheinen. Ich habe deswegen von einer Ein- 
fügung dieser mathematischen Konstruktionen m den Text und 
einer Auseinandersetzung mit ihnen abgesehen. Sie würde tat- 
sächlich mehr in das Gebiet des Mathematikers als das des Na- 
tionalökonomen fallen. 

Heidelberg, Mai 1922. « , ^ , ,,, , 

** ^ AlfredWeber. 



VII 



Inhaltsübersicht. 

Einleitung, i. Bedeutung einer wirtschaftlichen Standortslehre S. i. 3. Be- 
schränkung auf die industrielle Standortslehre ; Gründe S. 3. 3. Methode S. 7. 

4. Grenzen der Resultate S. 13. 

Kapitel i. Die Standortsfaktoren und die Standortsdynamik. 

I. Die Begriffe Standortsfaktor und Standortseinheit S. 15. 

II. Die Einteilung der St and ortsfak tor an: a) generelle und spezielle 

5. 18; b) regionale und agglomerative S. 19; c) natürlich-technische und gesell- 
schaftliche S. 19. 

III. Die Feststellung der generellen Standortsfaktoren 
S. 22: a) Einzelfeststellung der Regionalfaktoren S. 23; b) Transportkosten und 
Arbeitskosten als einzige Regionalfaktoren S. 25. 

rV. System und Dynamik der Standortsfaktoren S. 33. 

Kapitel 2. Vereinfacheude Annahmen. 

I. Die »Supposition« der Material-, Konsum- und Arbeitskraftbasis S. 36. 

II. Die Berücksichtigung der »Naturkräfte« S. 38. 

Kapitel 3. Die Transportorientierung. 

Abschnitt I. Analyse der Transportkosten, r. Gewicht und Entfernung 
als einzige Kostenelemente der Theorie S. 41. 2. Der Transportapparat und seine 
Bedeutung S. 42. 3. Die Art der Gegend S. 45. 4. Die Art der Güter S. 47. 
5. Verhältnis zur Wirklichkeit S. 47. 

Abschnitt II. Die Gesetze der Tran<»portorientierung S. 49. i. Die Stand- 
ortsfiguren und die Arten der Industriematerialien S. 50. 2. Die mathematische 
Lösung des Standortsproblems S. 54. 3. Materialindex und Standortsgewicht, und 
theoretisches Resultat S. 60. 4. Kasuistik der Einzelorientierung S. 62. 5. Die 
Gesamtorientierung S. 66: a) Die Entstehung der Einzelfiguren S. 66, b) Zusammen- 
wirken der Einzelfiguren S. 69. 6. Die »Bedingungen« der Transportorientierung 
S. 71. 7. Entwicklungstendenzen S. 72. 

Abschnitt III. Annäherungen an die Wirklichkeit. i. Die Tarif- 
gestaltung in der Wirklichkeit S. 74: a") Abweichungen von der Kilo- 
meterrechnung S. 76; b) Abweichungen von dei Gewichtsrechnung S. 77. 2. Die 
konkrete Natur des Transportapparats S. 80: a.) Das Zerschlagen- 



VIII Inhaltsübersicht. 

sein des Transportapparats S. So ; b) Das Zusammenwirken verschiedenartiger Trans- 
portapparate S. 80 : a) T.'ie Mitwirkung der Wasserstraßen S. 82 ; ß) Die Mitwirkung 
der Landstraßen S. 85. 3. Weitere Annäherungen an die Wirklich- 
keit S. 86 : a) Die Preisdifferenzen der Materialien S. 87 ; b) Die Heranziehung 
der Wasserkräfte zur Produktion S. 88: a) Benützung durch Fallwerke S. 88; 
ß) Uebertragbare Wasserkräfte S. 92. 

Kapitel 4. Die Arbeitsorientierung. 

Abschnitt I. Die Analyse der Arbeitskosten. 1 . Die geographisch deter- 
minierten Arbeitskosten-Differenzen S. 94. 2. Die Form ihres Vorkommens; ^platz- 
weise« Verschiedenheit S. 96. 3. Vereinfachungen S. 99. 

Abschnitt II. Die Gesetze der Arbeitsorientierung. i. Theoretische 
Lösung; die »Isodapanen« S. 100. 2. Ableitung der xBedingungent der Arbeitsorien- 
tierung S. 103. 3. Der Charakter der Industrien und die Arbeitsorientierung S. 105 ; 
a) Einzelorientierung: Arbeitskostenindex und Arbeitskoeffizient S. 106; b) Gesamt- 
orientierung: »Ausschaltung« von Arbeitsplätzen und »Remplazierung« von Lagern 
S. HO. 4. Die Milieubedingungen der Arbeitsorientierung S. 119. 5. Entwicklungs- 
tendenzen S. 117. 

Kapitel 5. Die Agglomeration. 

Abschnitt I. Analyse der Agglomerativ- und Deglomerativfaktoren. 
I. Gegenstand der Analyse S. 121. 2. Definitionen: »Erspamisfunktion« und »Ag- 
glomerationsfunktion« S. 123. 3. Die Agglomerativ- und Deglomerativfaktoren; 
der Charakter der Ersparnisfunktion S. 124, 

Abschnitt II. Die Gesetze der Agglomeration. A. Agglomeration 
bei Transportorientierung S. 132. i. Agglomeration bei fixem Index 
der Ersparnis S. 132: a) Wann S. 132 ; b) Wo S. 134; c) Bis zu welcher Größe? 
S. 135; d) Modifikationen (Reraplazierang von Materiallagern) S. 137. 2. Agglome- 
raüon bei steigendem Index der Ersparnis S. 139. 3- Die einzelnen »Bedingungen« 
der Agglomeration S. 142. 4. Die Agglomerationsformel S. 147. B. Agglome- 
ration bei Arbeitsorientierung S. 150. 

Abschnitt III. Hineinstellen in die Wirklichkeit, i. Der »Formkoeffizient« 
S. 115. 2. Die Wirklichkeitsformen der Agglomeration S. 158. 3. Entwicklungs- 
tendenzen S. 160. 

Kapitel 6. Die Gesamtorientierung. 

Abschnitt I. Die Produktionsstufengliederung, A. Die Produktions- 
stufen und die Transportorientierung S. 165. Wann tritt Zerschla- 
gung in Stufen ein S. 176. 2. Lage der Stufenstandorte S. 169. 3. Präzisierung 
des »Wann« der Zerschlagung S. 172. 4. Komplikationen (Remplaziernng von 
Materiallagern) S. 173. B. Die Produktionsstufen und die Arbeits- 
orientierung S. 174. C. Die Produktionsstufen und die Ag- 
glomeration S. 175. D. Hineinstellen in die Virklichkeit 
S. 179. I. Allgemeines S. 177. 2. Entwicklungstendenzen S. 179. 

Abschnitt II. Ineinandergreifen selbständiger Produktionsprozesse. 
I. Die Verkoppelung mehrerer Prozesse S. 186. 2. Die Materialverbundenheit S. 190. 
3. Die Absatzverbundenheit S. 194. 4- Gesamtorientierung S. 196. 



Inhaltsverzeichnis. TY 

Kapitel 7. Die Industrie im Gcsamtwirtschaftskörper. 

Vorbemerkung S. 19S. I. Die historische Standortsdynamik S. 200. II. Die 
theoretischen Lagerungsschichten und ihr Ineinandergreifen S. 201. III. Das Resultat 
und das verbleibende Problem S. 208. 

Exkurs I. 

Die bisherige Literatixr S. 214. 

Exkurs II. 
Ein lacdläunger und ein wissenschaftlicher Irrtum S. 219 
Technische Ausdrücke (S. 224). 
Mathematischer Anhang (S. 225). 



Einleitung. 



Die Frage des Standorts der Industrien ist ein Teil des all- 
gemeinen Problems der lokalen Verteilung der menschlichen 
Wirtschaftstätigkeit überhaupt. In jeder Wirtschaftsform und auf 
jeder Stufe der technischen und ökonomischen Evolution muß es 
für Produktion, Zirkulation, Konsumtion nicht bloß ein »Irgend- 
wie«, sondern auch ein »Irgendwo« des Vorsichgehens geben, muß 
es auch immer Regeln geben, die nicht nur das erstere, sondern 
auch das letztere bestimmen. — Nun ist die Nationalökonomie, 
soweit sie über die Analyse der Elementartatsachen und die reine 
Theorie des Wirtschaftens hinausgeht, naturgemäß und notwendig 
zunächst einmal Beschreibung und Theorie der Wirtschafts art. 
Die Darstellung und theoretische Analyse der Art der Wirtschafts- 
organisation, der Aufeinanderfolge und des Nebeneinander-Be- 
stehens der verschiedenen -> Arten« ist ihr ganz selbstverständ- 
licher ersterer Inhalt, sobald sie eben zur konkreten Wirklich- 
keit herabsteigt. Und es ist das» ein derart ungeheurer Inhalt, 
daß es nicht Wunder nehmen kann, wenn eine junge Wissenschaft 
sich darauf zunächst auch beschränkt, und wenn sie das »Irgend- 
wo« des Wirtschaftens, soweit sie es überhaupt berücksichtigt, 
nur einfach wie eine Funktion der Art des Wirtschaftens behan- 
delt, es also mit einigen allgemeinen Regeln von lokaler und 
internationaler Arbeitsteilung und dergleichen abtut. Tatsächlich 
ist die bisherige Nationalökonomie beinahe so verfahren. Obgleich 
der Wirtschaftsort nur teilweise Funktion der Wirtschaftsart ist, 
hat sie ihn doch im ganzen so behandelt. Im übrigen aber hat 
sie die theoretische Betrachtung des Wirtschaftens als eines ört- 
lich über einer Fläche sich vollziehenden Vorgangs weit überwie- 
gend der Wirtschaftsgeographie überlassen ; die aber das ihr über- 
lassene Objekt als eine Naturwissenschaft selbstredend nur inso- 

A. Weber, Standort der Industrien. 1 



2 Einleitung. 

weit, zu bewältigen vermochte, als es sich in seiner Gestaltung aus 
rein natürlichen nicht ökonomischen Tatsachen erklärt. Es ist 
dasselbe, als ob man die Analyse der Wirtschafts a r t e n einfach 
den technischen Wissenschaften überwiesen hätte ^). 

»Weit überwiegend« haben wir bisher nur wirtschaftsgeogra- 
phische Betrachtung der Standortslehre ; nicht ganz. Wohl jeder 
wird sofort an Thünen denken ; und es hegen auch außer seinem 
frühen Eingreifen in das Gebiet noch spätere weitere Schritte in 
dasselbe vor. — Trotzdem: Wir sind heute Zeugen von ein- 
fach ungeheuren örtlichen Verschiebungen der Wirtschaftskräfte, 
von Kapital- und Menschenwanderungen, wie sie niemals ein frü- 
heres Zeitalter gesehen hat. Wir sehen »Reiche stürzen, Reiche 
sich erheben« scheinbar als Folge solcher Wirtschaftsortverände- 
rungen. Wir verfolgen diese Dinge mit dem leidenschaftlichen 
Gefühl der Bedeutung, die sie für uns haben, stellen Prognosen 
auf über die Tendenzen zukünftiger Anhäufung und Verteilung, 
über Industriestaatsentwicklung und Zusammenbruch derselben. 
Ja wir greifen durch unsere Handelspolitik in diese Dinge ein 
und suchen sie zu meistern. Kurzum, — wir tun tausend Dinge 
unaufhörlich, die wir im Grunde nur auf der Basis einer klaren 
Einsicht in die Gesetzmäßigkeiten, die da wirken, tun dürften. 
Aber, können wir behaupten, daß wir eine solche haben? Kön- 
nen wir behaupten, daß wir bei unseren Argumentationen mit 
viel mehr operieren als mit einigen allgemeinen Sätzen eben über 
Arbeitsteilung u. dergl., über Wirtschaftsort als Funktion bestimm- 
ter Wirtschaftsart ? — Ich glaube, trotz Thünen und seinen Nach- 
folgern arbeiten wir bis heut beinahe nur mit solchen Dingen. 

Weiter: Wir sehen ähnliche ungeheure Verschiebungen 
auch im nationalen Rahmen wirken, sehen auch dort Gegenden 
rasch an Menschen und Kapital verarmen, andere übersättigt 
werden. — Ungeheure städtische Zusammenballungen sehen wir 
anscheinend ohne Ende vor uns wachsen. Wir philosophieren 
über diese Dinge, reden von den Vorteilen, Nachteilen, die sie 
haben, von der »Asphaltkultur«, die sie uns schaffen oder dem »Kul- 
turverfall«. Wir sind auch da selbstredend längst Partei. Dem 
einen »rennt« die Bevölkerung nur zum »Vergnügen« in die großen 
Städte, um dort sich und ihre Nachkommenschaft zu ruinieren; 
dem anderen folgt sie dabei notwendigen Gesetzen, z. B. dem 
der Strömung nach dem »Ort« des niedersten sozialen Drucks 

i) Ueber das Verhältnis zur Wirtschaftsgeographie vgl. im übrigen Exkurs l. 



Theorie des Wirtschaftsorts. 5 

USW. Es ist auf den »Zug nach der Stadt« ( — nicht bloß seine 
Konsequenzen, sondern auch seine Ursachen — ) schon sehr viel 
Geist verwendet worden. Aber können wir über seine Ursachen 
zu einem Resultat gelangen, solange wir noch keine wirkliche 
Kenntnis über die allgemeinen Gesetze der Standorte des Wirtschaf- 
tens besitzen, solange die rein ökonomische Maschinerie, die dabei 
sicher doch irgendwie mitarbeitet, uns noch nicht enthüllt ist.? — 
Jeder, der in die großen Städte zieht, geht dahin unter anderem 
doch auch, um dort zu »wirtschaften«. Können wir nun über 
seine höher-psychologischen kulturellen und sozialen Gründe, die 
ihn treiben, streiten, solange wir nicht wissen, ob er dabei nicht 
einfach eben an der ehernen Kette des engsten ökonomischen 
Zwanges hängt.? Es kann ja sein, die ungeheuren Agglomerationen, 
die wir vor uns haben, sind einfach notv/endige Standortserschei- 
nungen einer bestimmten Stufe ökonomischer und technischer 
Entwicklung ; — oder auch : sie sind nicht dies, aber notwendige 
Standortsfolgen einer bestimmten gesellschaftlichen Ordnung un- 
serer Wirtschaft usw. Das alles müßten wir im Grund doch 
wissen. Und in jedem Fall; wir können doch nicht so verfahren, 
als ob es bei der geographischen Bev/egung der Bevölkerung Ge- 
setze des Wirtschaftsorts überhaupt nicht gebe, als ob die Men- 
schen, die wir bei der Wirtschafts a r t in feste Regeln einge- 
schlossen wissen, bei der Wahl des Wirtschaftsorts, sich ein- 
fach von Vergnügen oder wer weiß welchen anderen irrationalen Mo- 
tiven leiten lassen könnten. — Hier klaffen recht gewaltige Lücken. 
2. Wonach der Ehrgeiz greifen möchte und was ja auch grund- 
sätzHch eigentlich allein helfen könnte, wäre natürlich eine allge- 
meine Theorie des wirtschaftlichen Standorts. Denn nicht durch 
die Betrachtung irgend einer Sondersphäre, vielmehr nur auf der 
Basis der Gesamtanschauung der örtlichen Verteilungsgesetze der 
Wirtschaftskräfte ist es augenscheinlich möglich, auch die Dyna- 
mik zwischen ihnen und jenen großen Verschiebungsvorgängen, 
vor denen wir stehen, wirklich aufzudecken, zu zeigen, wieweit 
z. B. die jeweilige Aggregierung der Bevölkerung Funktion des 
Wirtschaftslebens ist und in welcher Art, — wieweit vielleicht 
umgekehrt das Wirtschaftsleben in seinen Standorten von Ver- 
schiebungstendenzen beherrscht wird, die aus anderen Sphären 
kommen, und wenn ja, von solchen welcher Art. Man muß 
erst die eine, die wirtschaftliche Seite der Vorgänge ganz 
kennen ; von da aus kann man dann sagen, welche Bedeutung 

I* 



A Einleitung. 

für die Gesamtbewegung die Kräfte in der andern allgemein kul- 
turellen Seite haben. 

Aber : Selbst ganz abgesehen von Gründen der persönlichen 
Zeit und Kraft des Einzelnen, — es sind gewisse Ursachen vorhan- 
den, die doch eine zum mindesten vorläufige Beschränkung auf den 
Versuch einer nur industriellen Standortslehre richtig scheinen lassen. 

Einmal: Auch bei der Theorie der Wirtschaftsart hat man 
mit Nutzen die Betrachtung der Gesetzmäßigkeiten der verschie- 
denen Sphären von einander geschieden. Man verzichtet dabei 
bewußt vorläufig auf vollständige Tatsachenerklärung, aber man 
gewinnt, indem man isolierend vorgeht, doch sehr viel. Denn 
er.st indem man bei der Betrachtung irgend einer Sphäre die Er- 
scheinungen der anderen als zunächst unerklärte, wenn auch wirk- 
sam eingreifende Phänomene ansieht, kommt man zu einer klaren 
Einsicht sowohl über die aus dem besonderen Wesen dieser 
Sphäre folgenden Gesetzmäßigkeiten, wie auch über die Art und 
Weise, wie sie gesetzmäßig mit den anderen eben durch jene 
Phänomene kopuliert ist, bekommt man also weiter auch die 
Unterlage für die Erkenntnis der Zusammenhänge allgemeiner 
Art. Dies formell. 

Dann sachlich : Die standortsmässige Dynamik zwischen den 
verschiedenen Wirtschaftssphären ist sehr eigentümlich. Man mag 
Produktion, Zirkulation und Konsumtion durch noch so lange Ge- 
dankenstriche von einander trennen. Bei der Analyse des Orts- 
charakters der Wirtschaft erklärt man in der einen gleichzeitig 
immer einen sehr großen Teil der anderen : es ist die Standorts- 
lage der Konsuiissphäre mit Ausnahme recht geringer Teile ja 
ganz einfach nichts weiter als die der beiden andern Sphären, 
nur von einer anderen Seite her gesehen. Lediglich die relativ 
geringe Zahl der wirtschaftlichen Bloßkonsumenten, als: Beamte, 
Militärs und Rentner haben eine von diesen beiden andern Sphären 
unabhängige örtliche Bewegung. Im übrigen bedeutet jeder Pro- 
duzent, Arbeiter, Händler usw., wo immer er auch sei, einen Teil 
der Orientierung des Konsums. Und jeder Konsument, wo immer 
er auch sei, vollzieht gleichzeitig einen Teil der geographischen 
Lagerung jener beiden andern Sphären. Und das bedeutet eben : 
durch die Erklärung der Lagerung jener beiden anderen, — mag 
man dabei gedankenmäßig die Sphären noch so unabhängig stel- 
len, — ist die letztere doch miterklärt. Man hat sie miterklären 
müssen. 



Industrielle Standortslehre. 



Die Beschränkung der Betrachtung ist also sachlich schon 
nach dieser Seite hin zum guten Teil nur scheinbar. Nun liegt 
die Sache aber weiter so: der Teil der Zirkulation, der effektive 
Bewegung von Sachgütern, Warenzirkulation im engeren Sinne, 
darstellt, ist geographisch eingebettet teils zwischen die verschie- 
denen Teile der Produktion (produktiver Zirkulationsprozeß ) 
teils zwischen die Produktion und den Konsum (konsumtiver 
Zirkulationsprozeß). Und es ist unmöglich, die Sphäre der Pro- 
duktion standortsmäßig zu erklären, ja überhaupt auch nur g , 
dankenmässig nach einer Richtung zu umspannen, ohne die Zir 
kulation der Sachgüter in allen ihren Teilen in die Erklärung bezv^ 
Vorstellung mit einzuschließen. Man mag also bei der Theori 
der Wirtschafts a r t die »Produktion« mit dem Absatz an irgend einer 
Händler begrifflich enden lassen, so einen Einschnitt, über den 
man nicht hinausgeht, machend. Für die Erklärung des Wirt- 
schaftsorts der Produktion geht das nicht. Jedes Stück Pro- 
duktion richtet sich geographisch mit nach dem Konsumort aus. 
Und die Erklärung des Sichausrichtens (die Standortslehre also) 
muss den W e g zu diesem Konsumort mit umspannen. Tut sie 
das aber, so umspannt sie eben effektiv die Zirkulation der Sach- 
güter mit. 

Durch diese notwendige Miterklärung ist sie noch nicht eine 
völlige Standortstheorie der Zirkulationssphäre überhaupt. Denn 
sie erklärt damit noch keineswegs die Lage der Sitze der »Groß- 
Agenten« jener Sphäre, die die gedachte effektive Güterbewegung 
leiten , also den Sitz der Großkauf leute, die Lage der Handels- 
plätze , — die »Direktion« der Qi^terzirkulation und diese selber 
kann und muss ja weitgehend geographisch auseinanderfallen. — 
Und vollends sagt sie noch nichts Definitives aus über die Orien- 
tierung jener Teile der Sphäre, welche die Zirkulation der For- 
derungsrechte und des Geldes zum Inhalt haben, die Lage der 
Zentren des Kapital- und Kreditverkehrs. Es bleiben auch hiei 
also gewisse Teile der — bei isolierendem Vorgehen grundsätz- 
lich abzusondernden — Nebensphären übrig, die tatsächlich auch 
standortsmäßig abgesondert zu erklären sind, da sie eine eigene 
geographische Bewegung haben. Aber auch hier ist doch der 
Prozeß der Isolierung zum allergrößten Teil nur ein formelle 
Gedankenhilfsprozeß und im Effekt nur scheinbar. 

Greift man also die Sphäre der Produktion heraus und ge 
man in ihrer standortsmäßigen Erklärung bis ans Ende, so wii 



6 Einleitung. 

man tatsächlich in ihren besonderen Bewegungen anch den größ- 
ten Teil der Gesaintbewegungen des übrigen Wirtschaftskörpers 
-nit erklären. Man tut in praxi dabei nicht viel anderes, als daß 
man das Gesamtproblem des wirtschaftlichen Standorts von einem 
Destimmten Punkt her aufrollt: die ersten Schritte werden iso- 
ierte Theorie des Produktionsstandorts sein, die letzten aber im 
wesentlichen allgemeine Standortslehre. In jedem Fall wird es 
on ihnen aus nicht allzu schwer sein, zu einer solchen zu kommen. 
Bei der. Beschränkung auf die Sphäre der Produktion nun 
st es auf der einen Seite, wie die Dinge liegen, vor allem nötig 
.n die Erklärung der industriellen Produktion heranzugehen. Und 
iuf der anderen Seite ist es für Zwecke, die hier verfolgt werden, 
nöglich, sich schlecht und, recht einstweilen auch mit ihrer spe- 
ielleren Analyse zu begnügen. V/ir haben eine wenn auch, wie 
:"h glaube, nach dem heutigen Stand der Dinge etwas umzuge- 
taltende und vor allem fortzubildende Theorie des Standorts der 
Agrarproduktion in der Lehre Thünens. Wir haben aber 
— man kann das sagen , ohne den Arbeiten Roschers und 
chäffles Unrecht zu tun — bisher keine Theorie des Standorts 
er Gewerbe. Und dabei wird gleichzeitig jeder, was die Be- 
eutung beider Sphären für die Erklärung der großen Verschie- 
ungsvorgänge der heutigen Zeit angeht, ohne weiteres einsehen : 
s sind gewiß sehr feine imd interessante Dinge, die die moder- 
en Standortsverschiebungen der landwirtschaftlichen Produktions- 
-ten regeln. Aber es sind, soweit sie übers Detailtechnische 
nausgehen, die internationalen wirtschaftlichen Kräfteverschie- 
jngen und die modernen Bevölkerungsaggregierungen beeinflussen, 
1 ganzen einfache, stark untersuchte, gut bekannte Dinge ; Dinge 
~t zudem gewissermaßen nur die Unterlage der allgemeinen Stand- 
tsrevolution der neuesten Zeit geschaffen haben. Erst über dieser 
nterlage erhebt sich die eigentümliche Dynamik der Kräfte- 
rschiebungen und Bevölkerungsagglomerationen, die wir ganz 
■utlich als das moderne »Rätsel«, das zu lösen ist, empfinden, 
eine Geheimnisse sind in der Agrarsphäre nicht ant- 
iken. Sie müssen, wenn sie überhaupt in wirtschaftlichen 
ngen und in der Sphäre der Produktion zu finden sind, in deren 
dustriellen Teilen und in den Standortsregeln, von denen 
e s e beherrscht sind, aufzufinden sein. Die Lagerungen der 
iustrie sind es, die in jedem Fall die »Sub.stanz« (— ich sage 
■ht die Ursache -r-) der großen Menschenagglomerationen 



von heute abgeben. Es sind auch deren Bewegungen, die man ganz 
instinktiv — allerdings vielleicht etwas zu kritiklos — allgemptn 
zum mindesten als die »Symptome« der internationalen Kraft- 
verschiebungen ansieht. lieber die Orientierungstendenzen dieser 
Sphäre wird in Wahrheit denn auch heute allein ernsthaft ge- 
stritten. — Es ist das Wichtigste, zunächst einmal diese klar zu 
machen, nicht nur, weil es trotz allem das sachlich Vernach- 
lässigtste, sondern weil es auch das sachlich Weittragendste dar- 
stellt. 

3. Wie soll das nun geschehen? 

Es ist bemerkenswert, wenn auch aus der Natur der beiden 
Sphären, der größeren Kompliziertheit der industriellen nämlich, 
wohl erklärlich: Wir kennen schon das rein Tatsächliche 
der Agrarverteilung besser als das der Industrieverteilung. Wir 
haben eine gut entwickelte Berichterstattung, die die Anbauflä- 
chen der verschiedenen Agrarprodukte, ihrer Erntemengen usw. 
sowohl nach der Seite der internationalen Aufteilung im großen, 
wie auch nach der engeren lokalen Orientierung — letzteres we- 
nigstens in vielen Ländern — ziemlich gut verfolgt. Wir haben 
hier sogar nicht nur Maveriai, man kann auch sagen, dieses Ma- 
terial wird auch tatsächlich im ganzen wissenschaftlich schon ge- 
hoben. Die wesentlichen Züge der heutigen agrarischen Stand- 
ortsverteilung und -entwickelung sind uns bekannt. Oder es liegt 
doch nur an uns, wenn wir sie nicht kennen, — Bei der indu- 
striellen stehen wir zunächst schon vor den riesenhaften Schwierig- 
keiten des bloßen Materials. Nicht einmal die groben Ziffern 
der internationalen Produktions Verteilung kennen wir für 
mehr als einige wenige Gewerbe, wie die Hütten und Salinen, 
Zucker, Tabak, (allenfalls noch den mechanischen Teil der Tex- 
tilverarbeitung), für Gewerbe, die aus fiskalischen oder anderen 
besonderen Gründen einer feststehenden Produktionsstatistik unter- 
liegen. Für alle anderen operieren wir, der Not gehorchend, in 
einer prinzipiell ganz unzulässigen Weise- mit den Ein- und Aus- 
fuhrziffern, wenn wir von internationaler industrieller Kraftver- 
teilung reden, mit Ziffern, die wir ja ohne Beziehung auf die 
Größe der Stammproduktionen eigentlich dafür überhaupt nicht 
gebrauchen dürften. — Die Gewerbezählungen, die uns in den 
Personenzahlen über diese letzteren Anhaltspunkte geben, sind 
nur schv.er vergleichbar und daher für diese Zwecke so gut wie 
nicht verwendet. So international. — Nun die Verteilung in den 



8 Einleitung. 

nationalen Grenzen? Hier jjibt es Material, wenn auch z. T. 
bisher verborgenes. Hier können uns die Gewerbezählungen oder 
doch ihre Vor- und Zwischenmaterialien in ganz exakter ein- 
wandfreier Weise über die lokale Verscihiiebung Aufschluß geben. 
Man tut jedoch wieder niemand Unrecht, wenn man sagt: das 
ganze wirkliche große Material ist für diese Zwecke bisher noch 
nicht gehoben. -Noch nirgends, noch für kein Land sind die 
geographischen Verteilungs- und lokalen Häufungsverhältnisse auch 
nur einer Industrie mit ihm bisher zahlenmäßig wirklich genau ver- 
folgt. Denn was nützen uns für diese Zwecke mit ihm verfaßte sehr 
schöne Karten, die uns die Gegenden, in denen eine Industrie- 
> vorzugsweise« ausgeübt wird, vorführen '), — wo wir doch wissen, 
daß man dieselbe Industrie eben auch »außerhalb« dieser Gegen- 
den im gleichen Lande ausübt, und für eine irgendwie exakte 
Standortsmäßige Anschauung wissen müßten, wie sich das 
innerhalb und außerhalb Ausgeübtwerden quantitativ zu einander 
verhält. — Oder — wieder für denselben Zweck — andere im 
übrigen sehr schätzenswerte Karten, die uns die »relative geo- 
graphische Bedeutung« der verschiedenen Industrien im Verhält- 
nis zur Bevölkerung zeigen '^) , — wo man durch sie wohl über die 
verschiedenartige Zusammen sctzung derBevöIkerung 
hier und dort, nicht aber über die geographische Verteilung der 
Indifstrie Auskunft erhält. Wenn man in der lokalen Ver- 
teilung der Industrie irgendwie zahlenmässig wirklich bestimmte 
Vorstellungen sucht, so zeigt sich bald : man tappt in W'ahrheit 
für alle Industrien in allen Ländern im Dunkeln, mit Ausnahme 
vielleicht allein der Bergwerks- und Hüttenproduktion. Man 
tappt im Dunkeln für jeden einzelnen Zeitpunkt der Entwickelung ; 
wie vielmehr also noch für diese selber. Allen Respekt daher 
vor Schilderungen des Wirtschaftslebens, die die lokale Vertei- 
lung der Industrie schon heute mitbehandeln. Es i.st gegen sie 



1) So die Karten zahlreicher Werke über die Industrie Englands, ebenso auch die 
englischen 1^'abrikinspektionsberichten beigegebenen Karten über die Industrie- 
verteilung. 

2) So die Karten der deutschen offiziellen Gewerbezählungswerke. Sie sind 
— wohl faute de mieux — auch in dem Teubnerschen Handbuch der Wirtschafts- 
kunde Deutschlands für die Veranschaulichung des Standorts der Industrien ver- 
wendet und noch weiter ausgebaut worden. Darüber, daß sie dafür nicht nur 
»prinzipiell« unbrauchbar sind, sondern daß sie auch tatsächlich oft ganz 
verzerrte Bilder geben, siehe das Nähere im II. Teil, 



Methode. q 

wie die Dinge liegen, nichts zu sagen. Nur muß man sich dar- 
über klar sein, daß sie in Wirklichkeit nicht viel mehr bedeuten 
als ziemlich frei entworfene Schattenrisse. 

Hier zunächst gilt es, Wandel zu schaffen. Es gilt, das 
Material, das vorliegt, an irgend einem Punkte — wir werden da- 
für die deutsche Entwicklung seit 1860 herausgreifen — syste- 
matisch zu heben; zu versuchen, durch genaue zahlen- 
mäßige Erfassung der Verteilungs- und Häufungsverhältnisse der 
einzelnen Industrien und der Verschiebung derselben, ein zuver- 
lässiges Bild zu bekommen Das ist das eine, das unumgehbar ist : 
exakte Klarheit über die tatsächlichen Standortsverhältnisse und Ver- 
schiebungsvorgänge in irgend einem leidlich isolierbaren Gebiet für 
irgend einen noch so beschränkten Zeitraum. Wir müssen das Objekt, 
um das es sich handelt, an irgend einem Punkt einmal klar und 
durchsichtig und vor allem in allen seinen Teilen »meßbar« vor 
uns haben. 

Aber wir wollen ja mehr und müssen nach dem Vorherge- 
sagten mehr versu'chen. Wir wollen »Gesetze« für die Bewegungen 
dieses Körpers finden. Und zwar — es geht nicht anders — Gesetze 
so exakter Form, daß wir an ihnen die Verschiebungen der 
Wirtschaftskräfte wirklich messen können; derart, daß wir be- 
haupten können, wieweit sie und wieweit andere Dinge die 
Grundlage der gewaltigen geographischen Umwälzungen unserer 
Zeit sind. 

Wer auf dem Boden des reinen Empirismus steht, wird uns bei 
diesem weiteren, unserem wesentlichen Unternehmen, in besten Fall 
mit Achselzucken zusehen. Er wird -ins in bekannter Weise 
sagen, daß wir, da wir ja exakte, d. 1\. » naturwissenschaftliche <; 
Gesetze suchen, imstande sein müssten, das Objekt, das soziale 
Leben und seine Kräfte, auch naturwissenschaftlich ^experimentell 
zu beherrschen, und daß wir, da wir ja das nicht können, uns 
mit der Konstatierung von »Wahrscheinlichkeiten«, mehr oder we- 
niger sicheren »Beziehungen«, »Regelmäßigkeiten«, »Ablaufsphä- 
nomenen* usw^ zufrieden geben sollten. Alles weitere ist für 
diesen Standpunkt nutzlos. — Auf Zustimmung von dieser Seite 
also können wir dabei nicht rechnen. ■ — W^ohl aber dürfen wir 
vielleicht auf solche bei denen hoffen, die mit uns glauben, daß 
es möglich ist, die halben und ganzen -Wunder« der Ablaufs- 
phänomene, die der Empirismus konstatiert, trotz ihrer Kompli- 
ziertheit und ohne Experimente durch rein gedankenmäßige inten- 



I o EinleituBg. 

sn-e Arbeit weiter aufzulösen, sie durch isolierende Zerlegung dem 
volikommenen Kausalverständnis, ja auch der Meßbarkeit, v;enn 
nicht aller, so doch gewisser, ihrer Ursachenreihen zu erobern. 
Von den Anhängern der isolierenden Methode also wird der 
Versuch, den wir machen — mag er nun gelingen oder nicht — 
grün d sä tz lieh wohl gebilligt werden: und wird sein eventuelles 
Mißlingen nicht ihm selber, sondern — so hoffen wir — der Un- 
geschicklichkeit desjenigen, der ihn unternommen hat, zur Last 
geschrieben werden. 

Von dieser Seite wird auch verstanden werden, wie wir bei 
dem Versuch vorgehen müssen. Es scheint nämlich, daß sach- 
lich zweierlei Verschiedenes zu leisten ist : Es m.üssen erstens die 
Gesetze des industriellen Standorts — Gesetze im strengsten 
Sinne des Worts — zunächst einmal >rein<^, d. h. unabhängig 
von irgendwelcher besonderen Wirtschaftsart entwickelt werden. 
Und es scheint zweitens nötig, dann zu zeigen, welche beson- 
dere Ausprägung sie durch ihr Wirken in der heutigen Wirt- 
schaftsordnung erhalten, welche zusätzlichen weiteren Regeln 
oder hier vielleicht auch nur Regelmässigkeiten dabei noch zu 
ihnen treten. Im letzteren wird dann ohne weiteres mit enthalten 
sein, wie die Dynamik ist zwischen den Gesetzen beider Art und 
den erwähnten großen sozialen Umwälzungen, deren Aufklä- 
rung uns interessiert. 

So sachlich. Methodisch wird dabei stets isolierend bezw. 
abstrahierend vorangegangen werden, nicht nur im ersten »reinen« 
Teil, sondern auch im zweiten »konkreten«. Aber allerdings 
mit einem Unterschied : für die Aufgabe der Feststellung der 
»reinen« Standortsregeln wird es möglich sein, ausschhesslich de- 
duktiv zu operieren. Es wird hier möglich sein, von gewissen ganz 
einfachen bekannten Obertatsachen auszugehen, aus denen die ge- 
samte Mechanik der »reinen« Standortsregeln abzuleiten ist. Natür- 
lich eine Mechanik, die sich dann eben auch ausschließlich auf 
die Wirkung dieser Obertatsachen bezieht und auf nichts weiter. 
Es v/ird sich aber zeigen, daß es derart angeht, doch diese reinen 
Standortsregeln, soweit sie genereller Art sin^, d.h. alle Indu- 
strien mehr oder weniger angehen, voll zu entwickeln. Das nähere 
Grundsätzliche darüber siehe im Kapitel I. — Für die weitere 
Aufgabe der Ableitung der realistischen Standortsgesetze im heu- 
tigen Kapitalismus kann jedoch nicht mehr einfach deduktiv ver- 
fahren werden. Die Obertatsachen, die hier die besondere Form 



Vorgehen. I j 

der Anwendung der reinen Regeln und die weiteren zusätzlichen 
realistischen Regeln schaffen, sind uns nicht ohne weiteres be- 
kannt. Sie sind erst festzustellen. Und dazu muß zunächst das 
Tatsachenbiid der industriellen Orientierung, wie es die heutige 
Wirtschaftsart gestaltet, gewonnen v/erden. An ihm ist aufzu- 
zeigen, wieweit diese Orientiert-. ng sich schon aus den reinen Re- 
geln in der gewonnenen Form restlos erklärt, und wieweit nicht. 
Wieweit sie dann weiter aus anderen nicht erklärten Gründen 
spezieller Orientierung folgt, die die allgemeine Theorie 
ignoriert ') hat und auch weiter ignorieren kann. Und was end- 
lich an ihr noch nicht erklärte Gestaltung allgemeiner Artist. 
Für diese sind die Obertaisachen, die dann also irgendwie in der 
besonderen Natur des heutigeri wirtschaftlichen oder aligemeinen 
Lebens liegen müssen, aufzusuchen. Und erst aus ihnen ist es 
dann erlaubt, die ^ realistischen« Standortsregeln abzuleiten, die uns 
die vollständige Analyse der heutigen Lagerung und mit ihr 
gleichzeitig vielleicht auch die Schlüssel zu den allgemeinen Be- 
völkerungsaggregierungen der heutigen Zeit geben können — soweit 
das eine abstrahierende und daher die reale Wirklichkeit nie ganz 
erschöpfende »Theorie« überhaupt vermag. 

Es ist klar: Für die letztere Aufgabe der realistischen Theorie 
ist die Tatsachen Vorarbeit nötig, von der ich vorher sprach ; ' — 
nur für sie. Ich habe diese Vorarbeit, die Feststellung der deut- 
schen industriellen Standortsentwicklung seit 1 860 in Wirklichkeit 
vorgenommen, ehe ich überhaupt irgend eine theoretische An- 
schauung gewonnen hatte, zu allererst. Ich glaube aber, daß 
es richtig ist, das Material, das sie bietet, jetzt doch erst dort 
einzustellen, wo es logisch und sachlich notwendig hingehört: 
hinter die reine Theorie und vor die realiitische. Es ist unmög- 
lich, dies Material irgendwie gedankhch zu beherrschen und zu 
gliedern, ohne eine Theorie des reinen Standorts. Daraus ist diese 
auch für mich erwachsen, — Erst aus reiner Theorie und Tat- 
sachenbeherrschung kann dann die realistische Theorie in d^r ge- 
dachten Art gewonnen werden. 

Die Arbeit wird also derart gegliedert werden, dass sie ent- 
hält : alserstenTeil: die > reine Theorie« ; die ihrerseits zerfallen 
muss a) in die begriffliche Aufdeckung der wirtschaftlichen Kräfte, 
die die Industrieorientierung überhaupt beherrschen, die Analyse 

l) Näheres darüber in Kap I. 



12 Einleitung. 

also der Stand ortsfaktoren der Industrie und weiter b) in die 
Feststellung der Gesetzmäßigkeiten, nach denen diese wirken. — 
Und ftinen zweiten Teil: der dann die realistische Theorie ent- 
halten und aufgebaut sein wird 

a) auf der Analyse der deutschen Industrielagerung seit 
1861 und 

b) auf der Analyse einiger weiterer Tatsachen, die man über 
die Bevölkernngsaggregierung der modernen kapitalistischen 
Länder überhaupt kennt. 

Es wird sich ergeben, daß die Art der Industriegruppierung, 
die wir heute haben, nicht ohne v/eiteres durch »reine« Stand- 
ortsregeln bis zum Ende erklärt ist, und also auch nicht »tech- 
nisch-ökonomisch« ganz und gar gegeben ist, daß sie viel mehr zu 
einem gewaltigen Teil erst aus ganz bestimmten, zentralen Punk- 
ten des besondern Wesens des Kapitalismus erfließt, Funktion 
von ihm ist und mit ihm verschwinden kann; dass sie, um dem 
Hauptpunkt anzudeuten, in ihren wesentlichen besonderen Zügen 
hervorgeht aus der kapitalistischen Deklassierung der Arbeits- 
kraft zu einer Ware, die man heute kauft und morgen wieder 
abstößt, aus den Gesetzen der » Arbeitsmarktgestaltung c, die 
daraus folgen, und der lokalen »Arbeiteragglomeration«, die das 
schafft. Erst aus dieser Arbeiteragglomeration folgt mit Notwen- 
digkeit die besondere Form der Industrieaggregierung, die wir heute 
haben, die ich vorläufig einmal mit »Stufenagglomeration der In- 
dustrie« bezeichnen will. Aus ihr folgt dann, das wird zu zeigen 
sein, parallel damit das Phänom.en der heutigen Art der Bc- 
völkerungsaggregierung, vor der wir stehen, und mit ihr natürlich 
dann noch sehr viel andres. 

Dies nur, um zu zeigen, daß es auf der Stufe der realisti- 
schen Betrachtung immerhin möglich sein wird, schließlich zu 
gewissen, ziemlich allgemeinen Schlüssen zu kommen, die wenig- 
stens einen Teil der Dynamik der heutigen großen geographischen 
Umwälzungen erklären. — Nur einen »Teil« davon; die Grenze 
der Schlüsse, die der zweite Teii gestattet, wird in den Grenzen seines 
Materials liegen. Dies Material bezieht sich im. wesentlichen auf die 
Flächenindustriebewegung in einem Teilgebiet des internationalen 
Wirtschaftskörpers, einem Gebiete, das einen staatlich und im ganzen 
auch national einheitlichen Körper darstellt. Diese Begrenzung hat 
den Vorteil, daß sich der Betrachtung die Bewegungen der kapitali- 
stischen Industrie in ihm gewissermaßen »rein« darstellen, d. h. sowie 



Grensc-n der P.e-.üllate. i^ 

sie vor sich gehen ohne K.ücksicht auf Verschiedenheiten der 
staatlichen Organisationen anci Beeinflussung durch Handels-.'ohtik 
usw. auf der einen Seite, — und ohne Rücksicht auf Ver- 
schiedenheiten von Rasse, Klima, nationalem Kuimrmilieu auf der 
anderen Seite, — so als wie sie eben in einem klimatisch, rassen- 
mäßig, kulturell, politisch ei'iheitiichen Wirtschaftsorganismus sich 
abspielen müssen. Damit gibt die Betrachtung — das ist unzweifel- 
haft, — nicht nur eine Analsye der Dynamik für »ein Land«, son- 
dern offenbar auch die erste notwendige Stufe einer gleichen 
Theorie für die Weltwirtschaft im ganzen ; denn eine allgemeine 
Theorie wird ja grundlegend auch von den genannten Differential- 
faktoren zunächst absehen müssen und sie erst in einer zweiten wei- 
teren Gedankenoperation in Rechnung stellen ^). Aber diese Be- 
schränkung des Materials hat andererseits doch den Nachteil, 
daß sie eben für die Ersteigung der weiteren Stufen, die Feststel- 
lung der Bedeutung all der genannten Differentialfaktoren, nicht 
mehr weiter mithilft. Und hier liegt mit der Schranke des Mate- 
rials die Schranke alles dessen, was hier versucht wird, wie nicht 
scharf genug hervorgehoben werden kann. 

Hier liegt natürlich auch der Punkt, wo »fortzufahren« wäre, 
wo allerdings, wie gleichzeitig gesagt sein muß, die Fortsetzung 
recht schwer wird. W"ir brauchen, um von hier weiter fortzukom- 
men, recht viel verschiedenes Neue. Wir brauchen vor allem 
Begriffs- und Sachklarheit über die allgemeine Bedeutung so grund- 
legender Faktoren; wie Volksanlage und Milieu, ihre allgemeine 
Bedeutung und ihre Beziehung zu dem was wir heute mit »Arbeiter- 
stamm« der Industrie bezeichnen. Wir brauchen dazu Feststel- 
lungen über die qualitative Abhängigkeit der Industrien von ihren 
»Arbeiterstämmen«; in ihren verschiedenen Teilen, ihre Abhängig- 
keit von ihnen in verschiedenen Zonen und bei verschiedenen 
Völkern, über die W^andelbarkeit dieser Abhängigkeit im Rahmen 
der heutigen ökonomisch-technisclien Entwicklung usw. ^). Wir 

1 ) Daß die Bedeutung mancher dieser Differenzialfaktoren (vor allem der Handels- 
politik) lieute gemeinhin weit überschätxt wird, ist ganz sicher. Sicher aber ist auch, 
daß andere von ihnen, Klima, Kulturmilieu, vielleicht auch »Rasse< sehr große Be- 
deutung haben, so große, daß sie sich selbst bei der Analyse des anscheinend einheit- 
lichen deutschen Körpers fühlbar machen werden, und daß gewisse »dunkle Punkte« 
der Orientierung, die verbleiben, kaum anders als durch sie erklärt werden können. 
Das statistische Material, auf das wir angewiesen sind, löst leider diese Fragen nicht. 

2) In manchen Punkten werden hier vielleicht die Untersuchungen des Vereins 



I^ Einleiiung. 

brauchen für die internationalen Fragen weiter Untersuchungen 
über die effektiven Wirkungen der Staatseingriffe (HandelspoHtik, 
Industriepolitik etc.) auf die lokale wirtschaftliche Kräftegrup- 
pierung, die wir bis heute trotz aller Theorie der Handelspolitik 
doch noch nicht besitzen. Und wir brauchen natürlich vor allen 
Dingen Hebung des riesenhaften Materials über die internationale 
Industrielagerung und weitgehende Ergänzung desselben. Also 
viel und Schwieriges. — Aber auch abgesehen davon: ganz selbst- 
verständlich ist, daß sich zudem ergeben wird, wie viel auch 
noch an dem im engen Rahmen dieser Arbeit Gegebenen zu 
korrigieren ist. Man wird bei der Lektüre sehen, daß auch 
da von vornherein schon noch Probleme bleiben, deren Unge- 
löstheit nicht verschwiegen werden wird. — Das kleine Buch soll 
nicht ein Abschluss sein, vielmehr ein Anfang. 

für Sozialpolitik über >Auslese und Anpassung der Industriearbeiter« Förderung 
bringen können. 



Standortsfaktoren und Slandortseinheiten. 



15 



Kapi te 1 i. 
Die Standortsfaktoren und die Standortsdynamik. 

Die wirtschaftlichen Gründe, welche die Lokalisation einer 
Industrie bestimmen, scheinen, abgesehen von einzelnen Gewerben, 
ein so kompliziertes zudem im einzelnen Fall der Orientierung" 
vielfach willkürlich oder doch zufälüg zusammengesetztes Gewebe 
von verschiedenartigsten Faktoren zu sein, daß es mehr als die 
Analyse eines einzelnen Falles gar nicht zu geben scheint. Es 
scheint für weitaus die meisten Industrien unmöglich, irgend etwas 
Generelles zu sagen über die Plätze, an die ihre emzelnen Be- 
triebe notwendig hingehen müssen, und über die Gründe, von 
welchen sie dabei abhängig sind. Der einzelne Industrielle jeden- 
falls wird uns, sobald wir ihm mit einer solchen Frage seiner 
Standortswahl kommen — wenn er nicht einfach auf historische 
Faktoren hinweist : »Ich bin hier> weil die Industrie von altersher 
hier aufwächst« — meist ein merkwürdiges Gemisch von allge- 
meinen und besonderen Gründen vortragen, ein Gemisch, das bei 
jeder Fabrik verschieden sein wird und das bei jeder auch die 
allgemeinen Orientierungsgründe, die es enthält, wieder in 
einer besonderen individuellen Gruppierung darbieten wird. Der- 
artig, daß man, wie gesagt, zunächst verzweifeln möchte, generelle 
Formeln für die Wirksamkeit der verschiedenen Allgemeinfak- 
toren zu finden, ja sie selbst auch nur limitativ völlig zu bestim- 
men. Und doch ist gerade dieses zu allererst theoretisch nötig, 
und so schwierig es scheint, es muß versucht werden, den Knäuel 
von Orientierungsgründen, der uns überall in der Wirklichkeit 
entgegentritt, zu entwirren, die Faktoren, die ihn zusammensetzen, 
zu gruppieren, und sie zu isolieren. 

I. Begriffe. 

Dafür zunächst Klarheit über zwei Begriffe: über den der 
Kräfte, die als wirtschaftliche Orientierungsgründe wirken, die 



l(f Die Standortsfaktoren und die Standorlsdynaniik. 

»S t a 11 d o r t s f a k t o r e n< , und über die Objekte, auf die wir 
sie uns wirkend denken: die »S t a nd o r t s e i n h ei t e n<-. 

1 . Wir verstehen unter einem Standortsfaktor einen 
seiner Art nach scharf abgegrenzten Vorteil, der für eine wirt- 
schaftliche Tätigkeit dann eintritt, wenn sie sich an einem be- 
stimmten Ort, oder auch generell an Plätzen bestimmter Art voll- 
zieht. Einen »Vorteil«, d. h. eine Ersparnis an »Kosten« und 
also für die Standortslehre der Industrie eine Möglichkeit, dort 
ein bestimmtes Produkt mit weniger Kostenaufwand als an ande- 
ren Plätzen herzustellen ; noch genauer gesagt : den als Ganzes 
betrachteten Produktions- und Absatzprozeß eines bestimmten 
industriellen Produkts nach irgend einer Richtung billiger durch- 
zuführen als anderswo. 

2. Wir sagen: den Produktions- und Absatzprozeß irgend 
eines bestimmten Produkts. Wir vergleichen die Produk- 
tionsvorteile , die industrielle Standortsfaktoren darstellen, im- 
mer nur für ein und dasselbe Produkt ; denn nur die 
Herstellung ein und desselben Produkts stellt eine Einheit 
dar, bei der wir überhaupt von einer bestimmten Verteilung über die 
Fläche zu reden vermögen. — Und dabei gilt es genau zu sein: 
eine bestimmte Ware in besserer Qualität ist für uns nicht das- 
selbe Produkt wie diese Ware in schlechterer Gattung, wenigstens 
prinzipiell nicht. Die Produktion beider sind prinzipiell ange- 
sehen, jedesmal »Einheiten« für sich, deren jede sich nach ihren 
eigenen Eigentümlichkeiten über die Fläche verteilt. Einheiten, 
die mit einander kämpfen können und tatsächlich kämpfen : es 
kann die bessere die schlechtere, oder die schlechtere die bessere 
Ware verdrängen (Konkurrenz der Qualität), damit auch die » Orte « 
der einen die der anderen. Aber dieser Kampf und diese Ver- 
drängung ist ihrem Wesen nach kein »Standortskampf«, kein 
Kampf aus Standortsgründen, sondern aus Konkurrenzgründen- 
anderer Art. Er geht uns also zunächst gar nichts an. Er stellt 
für uns die Verdrängung einer Industrie durch eine andere dar; 
genau so, wie es z. B. die sich lieute vollziehende Verdrängung 
der Ton- und Holz- durch Eisenwaren auch ist. Wohin sich d-nn 
die siegende oder unterUegende Industrie, die Produktion der 
schlechteren oder besseren Qualität hinzieht, das ist dann natür- 
lich wieder Gegenstand unserer Betrachtung. Wir haben das 
durch die Analyse der lokalen Verteilung der Produktionsvorteile, 
die für diese bestimmte Qualität, diese »Standortseinheit« 



Standortsfakloren und Standortseinheiten. \n 

maßgebend sind, zu lösen. 

Es ist klar, daß in praxi der Fall vorliegen kann und häufig 
wird, daß der Umkreis und die Bedeutung der in Betracht kom- 
menden Produktionsvorteile für die verschiedenen Qualitäten des- 
selben Produkts keine fühlbaren Differenzen zeigt, daß, anders aus- 
gedrückt, der Relevanz der Standortsfaktoren in der Produktion 
der verschiedenen Qualitäten eines Produktes gleichartig ist, so 
gleichartig, daß sie »praktisch« wenigstens gleich ist. Auch dann 
aber haben wir in diesen verschiedenen Qualitäten selbständige 
Orientierungseinheiten für die Standortsbetrachtung vor uns. Denn 
es ist zu beachten : im Konsum ist jede der verschiedenen 
Qualitäten dennoch etwas völlig Besonderes ; jede hat ihre eigene, 
mit der der andern vielleicht kämpfende, aber doch abgeson- 
derte Konsumsphäre und daher auch ihren eigenen Organismus 
der lokalen Konsum Verteilung, ihr eigenes System von 
Konsumplätzen. Und es ist demnach nicht möglich, mag sie auch 
sonst in allem mit der Produktion der andern Qualitäten : durch- 
aus parallel gehen, (die gleichen »Materiallager« und sonstigen 
effektiven Standortsgrundlagen mit ihnen haben), ihre Produktion 
mit der der andern als eine standortsmäßige Einheit zu behan- 
deln. Wir haben es vielmehr dann mit zwei verschiedenen Pro- 
duktionen zu tun, die sich zufällig nach gleichen Grund- 
sätzen orientieren. 

Natürlich so »prinzipiell« — als Gedankennorm für die reine 
Theorie. Es ist selbstverständlich : im Leben gibt es ein un- 
geheuer weites Gebiet, auf dem die Konkurrenz der Qualität 
in solche des Preises umschlägt, wo Produkte verschiedener 
aber sich sehr nahestehender Qualität tatsächlich ohne Rücksicht 
auf die Qualität als ein und dasselbe Produkt in verschiedener 
Preislage behandelt werden. Genau zugesehen, muß man ja so- 
gar sagen, daß »jede Konkurrenz des Preises« auf einen solchen 
»Umschlag« mit beruht; denn in Wahrheit ist ja kein einziges 
Produkt der Wirklichkeit mit dem andern völlig gleich an Quali- 
tät. Es ist also eine reine Konkurrenz des Preises immer nur 
unter Nichtberücksichtigung von Qualitätsdifferenzen möglich. — 
Dort nun, wo die Wirklichkeit einen Unterschied in der Qualität 
nicht mehr macht, dort brauchen wir ihn natürlich bei der An- 
wendung der Theorie auf die Wirklichkeit auch nicht mehr zu 
machen. Dort haben wir für diese Anwendung »Einheiten« der 
Produktionsorientierung vor uns, Einheiten, die durch das Leben 

A. Webe r, Standort der Industrien. 2 



]g Die Standortsfaktoren und die Standortsdynamik. 

aus Produkten verschiedener Art dadurch zusammengeschweißt 
sind, daß der Konsum sie so behandelt. Hier behandeln wir dann 
auch Massen verschiedenartiger Produkte als Standortseinheiten, 
deren Produktionsverteilung über die Fläche als Einheit zu unter- 
suchen ist. 

Dies von der begrifflichen Natur der Standortsfaktoren und 
von den Einheiten, auf die wir sie wirksam denken : den Stand- 
ortseinheiten. 

2. Einteilung der Standortsfaktoren. 

a) generelle und spezielle. 
Wie werden wir nun diese durch eine allgemeine, begriff- 
liche Visitenkarte kenntlich gemachten »Herren«, mit denen wir 
zu exerzieren haben, zunächst gruppieren } 

I. Wir möchten zu einer allgemeinen Theorie des Standorts 
kommen; das heißt, wir möchten das einstweilen regellose Chaos 
der lokalen Produktionsverteilung gedanklich allgemeinen Gesetzen 
unterstellen können. Solche allgemeine Gesetze, wenn überhaupt 
vorhanden, können sich aber offenbar nur ergeben aus der Wir- 
kung von Standortsfa^toren allgemeiner Art, das heißt von 
solchen, die für jede Industrie, wie sie auch sei, in Betracht 
kommen, und bei denen nur das »Mehr oder Weniger« ihrer Wir- 
kung auf die verschiedenen Industrien in Frage steht, und 
die Art , in der sie ihre allgemeine Wirkung üben. Und so 
ist offenbar zu allererst zu fragen : gibt es überhaupt derartige 
Orientierungsgriinde, die jede Industrie betreffen ? Und weiter : 
gibt es, und in welcher Art, daneben Orientierungsgründe speziel- 
ler Art, die nur für diese oder jene Industrie, oder für diese oder 
jene Gruppe von Industrien in F'rage kommen, und die ganz augen- 
scheinlich dann aus dem speziellen technischen oder sonstigen 
besonderen Charakter einer Industrie oder einer Gruppe von Indu- 
strien hervorgehen müssen. Wie weit erklärt sich die Industrie- 
gruppierung schon aus ersteren, wie weit erst durch die Mit- 
einstellung letzterer f Mit anderen Worten : es sind die Standorts- 
faktoren zunächst begrifflich einzuteilen in generelle und 
spezielle in dem eben angeführten Sinne. Um den Unter- 
schied gleich zu verdeutlichen : P""aktoren er.sterer Art sind bei- 
spielsweise die Transportkosten, die Arbeitskosten, die Grund- 
rente ; denn diese Orientierungsgründe kommen für jede Industrie 
in Betracht, sie »mehr oder weniger«, »so oder so«, beeinflussend. 



Einteilung der Standortsfaktoren. Iq 

Die »Verderblichkeit' der Rohstoffe in frischem Zustand dagegen, 
der Einfluß des Feuchtigkeitsgehaltes der Luft in der Produktion, 
die Abhängigkeit vom fließenden Wasser u. s. w. sind Standorts- 
faktoren der letzteren Art ; denn sie gehen in praxi nur diese 
oder jene Industrie, diese oder jene Gruppe von Industrien an, für 
die nach der besonderen Natur der Produktion derartiges von Be- 
deutung ist. 

2. Alle Standortsfaktoren — generelle und spezielle — sind 
dann weiter nach der Art der Wirkung, die sie üben, einzuteilen 
in solche, die die Industrien »regional« verteilen und solche, 
die sie innerhalb der regionalen Verteilung »agglomerieren< 
oder ^deglomerieren«. — :>Regional verteilen«, d. h. die Indu- 
strie in Anlehnung an geographisch konkret gegebene Punkte 
orientieren , sie an individuell bestimmte Punkte der Erd- 
oberfläche ziehen, und so ein erstes Grundnetz der Industrieorien- 
tierung schaffen. — »Agglomerieren oder deglomerieren«, d. h. 
in diesem so geschaffenen Netz — gleichgültig, wo es konkret 
geographisch liegen mag — die Industrie in mehr oder weniger 
Punkten zusammenziehen und so die Häufungsverhältnisse be- 
stimmen, in denen sie in dem Grundnetz auftritt; etwas völlig 
anderes als das erstere. 

Wird die Industrie durch die Transportkosten beeinflußt oder 
durch geographische gegebene Arbeitskostendifferenzen, so wird sie 
dadurch in ihren Einzelproduktionen stets an ganz bestimmte, in 
ihren Lageverhältnissen mit der Entwicklung gewiß wechselnde, 
aber geographisch eben in jedem Augenblick determinierte Punkte 
gezogen. Das sind regionale Standortsfaktoren, die das tun. Wird 
sie dagegen durch irgendwelche Verbilligungen bei Häufung, sei 
das nun bessere Maschinenausnützung oder auch nur der Vorteil 
der Ortsvereinigung mit Hilfsgewerben an gewissen Punkten zu- 
sammengeführt, oder durch die Grundrente aus derartigen An- 
häufungen fortgescheucht, so wird sie dadurch in an sich geo- 
graphisch gänzlich unbestimmter Weise einfach innerhalb ihrer 
Grundorientierung nach gewissen allgemeinen Regeln zusammen- 
geballt oder ausgebreitet. Das sind Agglomerativ- oder Deglome- 
rativfaktoren, die das tun. 

3. Eine dritte Unterscheidung, die noch zu machen wäre, 
und die sich auch auf die Natur der Wirkung der verschiedenen 
Standortsfaktoren, aber die Natur ihrer Wirkung in einem anderen 
Betracht bezieht (die aber aus gleich zu betrachtenden Gründen 



20 Die Standortsfaktoren und die Standortsdynamik. 

hier noch nicht voll tlurchzuführen ist) wäre die von Standortsfak- 
toren »natürlich-technischer« und »gesellschaftlich- 
kultureller« Art. Diese Unterscheidung will, wenn man sie 
macht, besagen: die Vorteile, die Industrien hierhin und dorthin 
ziehn, können in einem »Naturverhältnisse« gegeben sein und dann 
auch nur durch Naturveränderungen und durch das verschiedene 
Maße der Naturbeherrschung, vor allem also durch die »Tech- 
nik« alterierbar, von den besonderen Gesellschafts- und Kultur- 
Verhältnissen, die herrschen, aber unabhängig, wenigstens >un- 
mittelbar« unabhängig sein. — Oder sie können gerade umge- 
kehrt keine natürlich-technische, sondern gesellschaftlich-kulturelle 
Gegebenheiten, Folge bestimmter Wirtschafts- und Gesellsohafts- 
formen, bestimmten Kulturniveaus usw. sein, und dann auch 
ganz von diesen Dingen und ihrer Bedeutung dependieren. Alle 
aus Lage und Klima verschiedener Plätze beispielweise hervor- 
gehenden Kostendifferenzen, also vor allem alle Transportkosten- 
differenzen verschiedener Plätze sind Standortsfaktoren der ersteren 
Art, Naturgegebenheiten, die nur durch die technische Entwicklung 
alterierbar sind. Etwaige Arbeitskostendifferenzen können den glei- 
chen Charakter haben (Differenzen der rassenmäßigen Erbqualitäten 
der Bevölkerung!), oder sie können aus Gesellschafts- und Kultur- 
milieu folgen (Lohnhöhedifferenzen, Differenzen der erlernten Lei- 
stungshöhe). Sie sind dann also eventuell Standortsfaktoren ge- 
mischter Art. — Wenn aber schließlich an den verschiedenen 
Standorten der Industrie ein verschiedener Zinsfuß herrscht, so ist 
das etwas, was mit Naturverhältnissen gar nichts zu tun hat, was 
also einen rein »gesellschaftlichen« Standortsfaktor darstellt. 

Es ist gut, sich diese Unterschiede hier schon bei der be- 
grifflichen Erörterung der Standortsfaktoren klar zu machen. Sie 
müssen bei der Methodik unseres Vorgehens ja später einmal er- 
hebliche Bedeutung für uns gewinnen. Denn es ist klar, daß 
alles was an den von uns festzustellenden Standortsfaktoren nicht 
natürlich-technischer, sondern gesellschaftlicher Art ist, auch, »prin- 
zipiell betrachtet«, nicht Gegenstand der reinen von den besonderen 
Wirtschafts- und Gesellschaftsformen unabhängigen Theorie, son- 
dern erst der empirischen Theorie sein kann, — und dass also 
hier mit dieser Einteilung der Standortsfaktoren gleichzeitig eine 
Abgrenzung der beiden großen Gebiete unserer theoretischen 
Betrachtung vorgenommen wird. Daß sie demnach wichtig ist, ist 
deutlich. 



Einteilung der Standortsfaktoren. 2 I 

Aber sie wird erst später ihren vollen Wert erweisen. Vor- 
läufig wird CS sich empfehlen, sie noch nicht voll zur Anwen- 
dung zu bringen. Es wird versucht werden, die ganz »reine« 
Theorie aufzubauen, ohne sie streng durchzuführen, das heißt: 
es wird so verfahren werden, daß wohl alle Standortsfaktoren 
rein gesellschaftlich-kultureller Art, die die Analyse der Wirk- 
lichkeit uns ergibt, von der Betrachtung der reinen Theorie aus- 
geschieden und der der empirischen überwiesen werden. Es wird 
aber nicht so verfahren werden, daß nun noch weiter untersucht 
würde, wie weit alle die Faktoren natürlich-technischer Art, die 
die Analyse uns ergeben wird, in der Ausprägung, die wir vor 
uns haben, neben ihren rein natürlich-technischen Elementen auch 
Elemente gesellschaftlich-kultureller Art in sich enthalten, die 
ihnen die besondere Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, der 
besondere Kulturstand von heute etwa beifügt. Es müßte streng 
genommen so verfahren und diese Inkremente müßten der empirischen 
Theorie zur Betrachtung überwiesen werden. Das wird aber nicht 
geschehen. Vielmehr wird mit den natürlich-technischen Faktoren in 
der reinen Theorie operiert werden samt dem besonderen Zusatz, den 
ihnen der heutige Wirtschafts-, Gesellschafts- und Kultuikosmos 
gibt, samt allen diesen »unreinen« Beimischungen. Es kann das ge- 
schehen, weil sich ergeben wird, daß diese Zusätze die prinzi- 
pielle Art »der Gesetzmäßigkeit«, nach der sie wirken, nicht 
aiterieren, daß sich aus ihnen vielmehr nur besondere konkrete 
Bestimmungen ihrer prinzipiellen Wirkung ergeben. Und es ist 
praktisch, diese besonderen Bestimmungen der allgemeinen Sätze 
gleich im Rahmen der prinzipiellen Erörterungen der ^reinen« 
Theorie mit zu erledigen und nicht erst einej späteren speziellen 
Auseinandersetzung zu überlassen. 

Es wird also wohl zwischen natürlich-technischen und gesell- 
schaftlich-kulturellen Standortsfaktoren unterschieden werden, aber 
nur um die bloß gesellschaftlichen vorerst abzuscheiden. Im 
übrigen wird die Betrachtung von dem Boden der natürlich-tech- 
nischen Verhältnisse aus schon in der »reinen« Theorie bis in die 
Verästelung fortgeführt werden, die die Ausprägung der Dinge in 
der heutigen Wirtschaft gibt, — um so mit den Erklärungsprinzipien 
gleich im ersten Wurf bis an die Oberfläche der Wirklichkeit zu 
kommen und ihre Ueberprüfung an den Bewegungen des Lebens 
technisch zu ermöglichen. 

Die Unterscheidungen der generellen und speziellen, der regio- 



22 Die Standorisfnktoren und die Standortsdynamik. 

nalen und agglomerativen Standortsfaktoren werden daher die 
Grundlage der Gliederung abgeben, -während die andere Unter- 
scheidung in natürliche und gesellschaftliche mehr nur ein schwei- 
gender Begleiter der Erörterung sein wird. 

3. Feststellung der generellen Standortsfaktoren. 

Können wir nun einen Ueberblick über die Einzelfaktoren 
gewinnen, die in den verschiedenen » Gruppen <- stecken.? Vollständig 
wäre dies offenbar nur empirisch möglich, denn es gibt kein 
Mittel, die speziellen Standortsfaktoren, die aus irgendwelchen 
besonderen natürlichen oder technischen Eigentümlichkeiten für 
einzelne Industrien sich ergeben, aus bekannten Obertatsachen abzu- 
leiten und also vorempirisch kennen zu lernen. Aber was wir brau- 
chen, um den Wust der Tatsachen unter eine für die Analyse zugäng- 
liche Gruppierung zu bringen, und dann in eine allgemeine Theorie, 
ist auch nicht dies. Was wir dazu brauchen, ist nur die Kenntnis der 
generellen, in grösserem oder geringerem Mass für jede Industrie 
in Betracht kommenden Standortsfaktoren. Kennen wir sie, so 
sind wir überall in der Lage, zu fragen: wieweit sich die Orien- 
tierung der Industrien einfach aus ihnen erklärt, also von ganz 
allgemeinen Faktoren beherrscht wird. Und erst eine weitere 
Aufgabe ist es dann für die so nicht erklärten Phänomene durch 
Tatsachenfeststellung die ferneren besonderen Gründe zu eruieren. Die 
Gründe, die dann eben den speziellen spezifischen Eigentümlich- 
keiten der einzelnen Industrien oder Industriegruppen entspringen 
müssen und die »besondere^ Standorisfaktoren sein müssen, die 
wir nicht von vornherein kennen, sondern erst so feststellen 
können. Auch für jeden von ihnen muß es prinzipiell möglich 
sein, eine »Theorie« zu geben. Wir aber wollen das nicht; wir 
wollen nur versuchen, eine Theorie zu entwickeln, die die Wirkung 
der allgemeinen Faktoren untersucht und so den Rahmen für das 
Verständnis der Wirkung auch der Spezialfaktoren schafft. Und 
diese Theorie kann aufgebaut werden, wenn als ihrer Grundlage 
eine UeDersicht eben über die Generalfaktoren gewonnen ist. 

Dabei kann diese Theorie sich in der Uebersicht der Stand- 
ortsfaktoren, die sie als Grundlage braucht, nun weiter auch noch 
beschränken auf die Einzelkenntnis der generellen Faktoren re- 
gionaler Wirkung. Denn kennt sie diese und ihre Wirkung, so 
kann sie auf Grund dieser Kenntnis sich das geographische Grund- 
netz der Industrieorientierung, das (cf. obenj durch sie geschaffen 



Feststellung dev generellen Standortsfaktoren. 23 

wird, gedanklich aufbauen. In dieses Grundnetz aber kann sie dann 
gedanklich die gesamten Agglomerativ- und Deglomerativfaktoren, 
den ganzen Rest der generellen Orientierungsgründe also als 
eine vorläufig nicht weiter analysierte Einheitskraft wirkend 
einsetzen — , als eine Einheitskraft, die dahin strebt in diesem 
Grundnetz eine bestimmte Anzahl an sich geographisch nicht 
determinierter Produktionshäufungen von bestimmter Größe her- 
zustellen. Sie braucht, um diese Einheitsvorstellung der anderen 
Orientierungsgründe zu gewinnen, sich nur zu halten an die Re- 
sultante , die aus dem Gegeneinanderwirken von Agglomerativ- 
und Deglomerativfaktoren als eigentliche End-Orientierungskraft, 
als » Agglomerationsresultante <^ sich in der Wirklichkeit ja über- 
all ergeben muß. Mit ihr nur braucht sie zu arbeiten , ihre Be- 
deutung und Wirkung nur zu untersuchen. Die Einzelkompo- 
nenten aber, die sie zusammensetzen, braucht sie zur Aufstellung 
ihrer allgemeinen Regeln nicht zu kennen'). Kurzum: die reine 
Theorie bedarf als ihre Grundlage der Einzelkenntnis nur der 
generellen Regionalfaktore n, die die Industrie beherrschen. 

Zu deren Feststellung haben wir nun ein simples Mittel. 
Wir können nämlich überhaupt alle generellen Standortsfaktoren, 
die die Industrie beherrschen, ausgenommen nur die Agglome- 
rativ- und Deglomerativfaktoren , also eben gerade die ge- 
suchten Regionalfaktoren aus der Analyse irgend eines 
isoliert gedachten Produktions- und Absatz- 
prozesses deduktiv gewinnen. Wir können sie durch sie ge- 
winnen. Denn in jedem solchen Produktions- und Absatzprozeß 
müssen alle generellen Standortsfaktoren, soweit sie nicht überiso- 
latorisch also agglomerativ bez. deglomerativ sind , qua gene- 
relle sämtlich wirken und also auch durch seine Analyse in ihm 
aufzufinden sein. Nur für die Auffindung der Agglomerativ- und Deglo- 
merativfaktoren reicht die Analyse eines solchen isoliert gedachten 
Prozesses augenscheinlich nicht. Denn diese Lokalisationsfaktoren 
gehen gerade aus Dingen hervor, die man bei seiner gedanklichen 
Isolierung als Einzelprozeß ignoriert; sie also müssen in einem 
solchen isoliert gedachten Prozeß nicht anzutreffen sein. Doch 
diese suchen wir ja auch nicht, denn ihre Einzelkenntnis ist ja. 



i) Darüber noch Näheres im Kapitel »Agglomeration* bei Analyse der Agglo- 
merationsfaktoren. 



2A Die Standortsfaktoren und die Standortsdynamik. 

wie wir sahen, nicht nötig. Wir suchen nur die Regionalfaktoren 
und die sind derart zu finden. — 

Gehen w'ir ans Werk. 

Wir müssen bei unserer Analyse des isoliert gedachten Pro- 
duktions- und Absatzprozesses augenscheinlich diejenigen seiner 
Kostenelemente aufsuchen, die je nach der Lage des Produktions- 
standorts, je nach seinem Hierhin- und F^orthin-Verlegtwerden 
davon abhängige Unterschiede aufweisen, lokal differieren. Haben 
wir sie, so haben wir augenscheinlich die gesuchten regionalen 
Standortsfaktoren genereller Art vor uns. Denn »Standortsfak- 
toren« sind, wie definiert, »Kostenvorteile«, die von einem 
Hierhin- oder Dorthingehen der Produktion abhängen, die die 
Produktion also Hierhin oder Dorthin ziehen. Und diejenigen 
Elemente des Produktions- und Absatzprozeßes , die die Eigen- 
tümlichkeit haben bei einem Hierhin- oder Dorthin -Verlegt- 
werden der Produktion kostenmäßig zu differieren, also »Kosten- 
vorteile« bezw. »Kostennachteile« dabei zu schaffen, müssen dem- 
nach seine v> Standortsfaktoren« sein. Sie sind es ja eben, die 
ihn dadurch Hierhin und Dorthin »ziehen«. — Der Gedanke dürfte 
klar sein. Er ist offenbar entscheidend für unser ganzes weiteres 
Vorgehen. 

Ein abstrakt gedachter industrieller Produktions- und Ab- 
satzprozeß enthält nun in jeder seiner Stufen, die er' hat, 
— wir analysieren irgend eine Stufe und müssen damit offenbar 
grundsätzlich alle Stufen analysieren — materialiter folgendes : 

1. Beschaffung der Standortsstelle (des Bodens als Standort) 
und der stehenden Sachkapitalien; 

2. die Beschaffung der Verarbeitungsmaterialien (Roh- und 
Hilfsstoffe bezw. Halbfabrikate) und der Kraftmaterialien (Kohle, 
Holz etc.) ; 

3. den Stoffumwandlungsprozeß; 

4. den Versand der Produkte. 

In jedem dieser Stadien wird ein bestimmter Aufwand von 
Naturgütetn und Arbeitskraft investiert — sei es, daß dieser 
Aufwand wie bei i und 2 , vom Standpunkt der einzelnen 
Produktionsstufe gesehen, zum größeren oder geringeren Teil 
schon vorgeleistet ist (Sachkapitalien, Halbfabrikate), »krista- 
lisiert« übernommen wird, — sei es, dass er wie bei 3 und 4, ganz 
in die betrachtete Produktionsstufe selber hineinfällt. Jeder dieser 
Aufwände schlägt sich in unserer heutigen kapitalistischen Wirt- 



Feststellung der generellen Standortsfaktoren. 2 ^ 

Schaft durch die Natur des Wertens in Geld hindurch im Warengeldpreis 
nieder, der beim Absatz des Produktes an seinem Bestimmungsort 
erzielt wird; die Aufwände in 3 und 4 in Form von Personal- 
geldkosten, derjenigen von i und 2 im wesentlichen in Form von 
S a c h geldkosten. Das Nähere geht uns hier vorerst nichts an. In 
jedem Fall : Wir müssen bei der Analyse des industriellen Waren- 
preises in der Gestalt seiner Geldelemente auf alle »natürlichen« Ko- 
stenfaktoren wieder stoßen, die den reellen Aufwand an Naturgütern 
und Arbeitskraft in dem Prozeß konstituieren. Und wir brauchen 
dann nur noch zuzusehen : erstens welche seiner Geldelemente, 
soweit sie Kostenelemente sind, je nach der Lage des »Stand- 
orts« von dieser Lage abhängig differieren — das sind die allge- 
meinen Regionalfaktoren des Standorts. Und zweitens: welche 
dabei Aeußerungsformen einer bestimmten Wirtschaftsord- 
nung, welche Aeußerungsformen jeder Wirtschaftsordnung sind. 
In letzteren haben wir alsdann, wenn auch in die Formen der 
heutigen kapitalistischen Wirtschaftsordnung gekleidet, die allge- 
meinen Regionalfaktoren der industriellen Produkte überhaupt, 
die gesuchten »generellen industriellen Regionalfaktoren der reinen 
Wirtschaft« also vor uns. — Wir müssen äußerlich in unserer 
Theorie mit ihnen in dieser heute für uns allein praktisch faß- 
baren kapitalistischen Form arbeiten, die uns die Analyse bietet. 
Innerlich, sachlich arbeiten wir dabei in Wahrheit mit den Ele- 
menten der reinen Wirtschaft; und stellen also eine Theorie 
auf, die für diese gilt. 

Für diese Transformierung des im obigen Schema analysier- 
ten > natürlichen« industriellen Produktions- und Absatzprozesses 
durch die kapitalistische Wirtschaft ist nun noch vorweg dies 
zu bemerken : 

Es verwandeln sich alle Aufwände an Arbeit und Natur- 
gütern, die den Prozeß »sachlich-natürlich« konstituieren, in geld- 
mäßige Vorabfindungen am künftigen Preis der Endprodukte ; 
geldmäßige Vorabfindungen , die der Unternehmer jeder Pro- 
duktionsstufe in Form von Arbeitslöhnen und Gehältern seinen 
industriellen Personalmitarbeitern und die er in Form von Kauf- 
preisen der Materialien, Maschinen etc. der Sachgüter überhaupt 
den Unternehmern der Vorstufen ausbezahlt. Die » Geldkosten c 
irgend einer Produktionsstufe sind nichts anderes als die Summe 
all dieser Vorabfindungen, die ihr Unternehmer zu leisten hat. 
Wobei nur zu bemerken ist, daß jede Stufe zu ihren Vorabfin- 



20 Die Standortsfaktoren und die Standortsdynamik. 

düngen noch zweierlei hinzuschlägt : erstens die Zinsquote des Wirt- 
schaftskapitals, das sie für ihre Vorabfindungen braucht, und zwei- 
tens den »Gewinn«, den sie macht. In jeder weiteren Stufe treten 
diese >Zuschläge« auf als Heraufsetzungen der Sachgüterkosten, 
die sie hat, so daß also deren Geldkosten nicht nur Vorabfin- 
dungen sind für, sei es in ihr, sei es in früheren Stufen gemachte 
Naturgüter und Arbeitsaufwände , sondern Vorabfindungen, die 
zugleich Zins und Gewinn der Vorstufen enthalten. Dies nur um 
die formale Natur des »Niederschlagsprozesses«, den wir jetzt 
näher analysieren wollen, vorher klar zu machen. 

Wie gestaltet sich nun dieser Niederschlagsprozeß, betrachtet an 
der vorhin aufgezeigten »natürlichen Gliederung« des Inhalts ir- 
gend einer Stufe.? 

I. Der erste Teil des naturalen Produktionsvorgangs war 
die Beschaffung des Grund und Bodens als Standort und der 
stehenden Sachkapitalgüter. Er verwandelt sich, soweit er die 
Beschaffung von Grund und Boden angeht, in Grundrenten- 
kosten , soweit er die der Sachkapitalgüter betrifft , in 
allgemeine Kapital-Geldkosten. 

Der Grund und Boden als Standort wird nun nicht »ver- 
braucht« , die Sachkapitalien sukzessive. Beide stehen also im 
endlichen Warenpreise erstens mit der Zinsquote des für sie auf- 
zuwendenden Wirtschaftskapitals 1), die Sachkapitalgeldkosten 
außerdem noch mit einer der Verbrauchszeit der Sachkapitalien 
entsprechenden geldmäßigen Amortisationsquote zu Buche. 

i) Es kommt natürlich nicht darauf an, ob das Vorschußkapital in Gestalt 
von »Darlehenssummen« in den Produktionsprozeß eingeht, so daß ein stipulierter 
Zins entsteht, oder ob es als »Eigenkapital« eingeht, wobei kein stipulierter Zins 
entsteht. Immer muß es vorhanden sein, immer wird es »verbraucht«, und immer 
geht daher seine Zinsquote in den Preis ein. Der stipulierte Zins für dargeliehenes 
Vorschußkapital ist, das ist ja wieder theoretisches Gemeingut, weiter nichts als 
die unter bestimmten äußeren Verhältnissen formell klar zu Tage tretende Aus- 
drucksform des allgemeinen Kapitalzinses. Wichtig ist für die hier gegebene Kosten- 
analyse wieder nur, daß ich diesen allgemeinen Kapitalzins in prinzipieller Anleh- 
nung an Böhm-Bawerk (wenn auch in etwas engerer Begrenzung als er) 
als allgemeinen »Zeitüberwindungspreis« (genauer als Preis der Disposition über 
Zeitüberwindungsgüter) verstehe d. h. als Preis für eigenes aufgewendetes ebenso 
wie für fremdes aufgewendetes »Vorschußkapital«. Für »Vorschußkapital«, d. h. 
Kapital, das gestattet, das Moment der »Zeit« im Wirtschaftsprozeß zu über- 
winden, hier im industriellen Produktionsprozeß, also all die Vorabfindungen 
möglich macht, aus denen sich dessen »Geldkosten«, wie erörtert, zusammensetzen. 



Feststellung der generellen Standortsfaktoren. 27 

2. Die HeranschafTiing der M a t c r i a 1- u n d K r a f t s t off e, 
die das zweite Stadium des ^ natürlichen <^ Produktionsvorgangs dar- 
stellt, zerfällt nunmehr in der kapitalistischen Produktion in die 
geldmäßigen Anschaffungskosten derselben am Ort ihrer Pro- 
duktion und die Transportkosten von dort zu dem Ort, wo sie 
zur Verwendung kommen. Wir lösen die Transportkosten einst- 
weilen noch nicht weiter auf. Der Anschaffungspreis der Materialien 
und Kraftstoffe geht in seinem vollen Betrage zuzüglich des Dis- 
konts für das für ihn verwandte Vorschußkapital in den Waren- 
preis ein; die Transportkosten tun dies gleichfalls. 

3. Das dritte Stadium, der Stoffumwandlungspro- 
zeß selber, bedeutet kostenmässig Verbrauch der Materialien, Ab- 
nutzung des stehenden Kapitals und Einschuß menschlicher Ar- 
beit. Die beiden ersteren Kostenelemente sind schon berück- 
sichtigt. Das letztere geht in Gestalt des Arbeitslohns, auch hier 
wieder natürlich zuzüglich des Diskonts des für seine Vorausbe- 
zahlung nötigen Vorschußkapitals in den Warenpreis ein. 

4. Das vierte Stadium, der Versand, wird durch Trans- 
portkosten repräsentiert, die in vollem Betrag — zuzüglich des 
Diskontes — den Preis erhöhen. 

Zu bemerken bleibt, daß sowohl hier wie in den vorigen 
Stadien natürlich auch noch das entsteht, was man heut mit dem 
schönen Sammelnamen »Generalunkosten« zu belegen 
pflegt, d. h. allgemeine Kosten der Regie, der Beleuchtung, Heizung 
usw., Steuern und Versicherungskosten usw. 

Gruppieren wir nun alle diese Kostenelemente nach ihrem ka- 
pitalistischen Artcharakter und fügen wir zu ihnen als letztes Ele- 
ment des Warenpreises den Gewinn hinzu, den der Unterneh- 
mer der betrachteten Produktionsstufe macht, so erhalten wir 
folgende Elemente, aus denen sich dieser Warenpreis zusammen- 
setzt : 

1. der Gewinn, 

2. die Zinsquoten des Vorschußkapitals der verschiedenen 
Stadien (des Anlage- und Betriebskapitals), 

3. Amortisationsquote des stehenden Kapitals, 

4. Anschaffungskosten der Materialien und Kraftstoffe, 

5. Arbeitslöhne, 

6. Transportkosten : 

a) für die Herbeischaffung der Rohstoffe und Kraftstoffe, 

b) für den Versand der Produkte. 



28 Die Standortsfaktoren und die Standortsdynamik. 

7. die Generallinkosten. 

Von ihnen können wir nun zwei (nämlich i und 7) aus un- 
serer weiteren Betrachtung ausscheiden. 

1 . Die Generalunkosten (N. 7) können füglich ausge- 
schieden werden. Denn soweit es sich bei ihnen um allgemeine künst- 
liche Verteuerungen der Produktion durch die politische und sonstige 
Organisation handelt (Steuern, Versicherungsprämien usw.), ge- 
hören sie ihrer Art nach in den Gesichtskreis der »reinen« Theorie 
nicht hinein. Soweit sie aber »naturale«' Kosten sind (Regie-, 
Licht-, Beheizungskosten) sind ihre geographisch bedingten, lo- 
kalen Differenzen, die sie zu regionalen Standortsfaktoren machen 
könnte, nicht wesentlich genug um in der allgemeinen Theorie 
Berücksichtigung zu finden. 

2. Die Gewinne der Unternehmer (Nr. i) auf der anderen 
Seite sind etwas was wenigstens auf der letzten Produktions- 
stufe jeder industriellen Sphäre nie Standortsfaktor werden kann, 
weil sie ja hier nicht Kostenfaktor sondern Resultat des Preises 
sind. Kostenfaktor können sie nur werden dadurch, daß sie als 
Gewinne der Unternehmer früherer Stufen in die Vorabfindungs- 
summen der späteren Stufen bei deren Sachgüterbeschaffung ein- 
gehen. Und als solcher Kostenfaktor können sie auch Standortsfaktor 
für die späteren Stufen werden, insofern nämlich als es möglich ist, 
dass sie regional differierend die > naturalen« Anschaffungspreise der 
Sachgüter erhöhen. Um das gleich deutlich zu zeigen : wenn 
heute ein Kohiensyndikat geographisch bezirksweise verschieden 
hohe Kohlenpreise festsetzt und dabei sich nicht einfach in allen 
Bezirken mit dem gleichen Gewinn begnügt, vielmehr in den :^ge- 
sicherten« Bezirken durch die Preisnormierung höhere Gewinne 
einstreicht als in anderen, und so die lokalen Differenzen der 
Kohlenpreise durch verschiedene Gewinnnormierung alteriert, so 
werden diese verschiedenen Gewinnnormierungen insoweit re- 
gional Standortsfaktor für alle Kohlen verbrauchenden Produkts- 
stufen von Industrie, als eben die verschiedene Höhe der Kohien- 
preise selbst ein solcher ist. Dass letztere einer ist, ist selbstver- 
ständlich und wird gleich noch zu besprechen sein. Und es gibt also 
auch Gewinndifferenzen, die Standortsfaktoren werden können. 
Trotzdem aber können wir die verschiedene regionale Höhe des 
kapitalistischen Unternehmergewinns aus der Betrachtung hier ent- 
fernen; denn sie ist wie dieser Gewinn selbst kein Element der reinen, 
vielmehr ein solches eben der kapitalistischen Wirtschaft. Und 



Feststellung der generellen Standortsfaktoren. 2Q 

sie geht uns daher für die »reine« Theorie nichts an. Es handelt 
sich hier um später einzustellende Alterationen, die die kapita- 
listische Wirtschaft an den Verhältnissen der »reinen« Wirtschaft 
vornimmt. 

Die für die reine Theorie relevanten restlichen fünf Waren- 
preiselemente (2 — 6) können wir nun einfacher d. h. mehr in An- 
lehnung an den »naturalen^ Produktionsprozeß, von dem wir aus- 
gingen, gruppieren, wenn wir uns sagen, daß das Element 2 des 
Warenpreises, die einzustellenden Zinsquoten der Wirtschaftskapi- 
talien, in seiner Höhe offenbar jeweils von zwei Faktoren ab- 
hängig ist : erstens nämlich von den Zinssätzen, die bestehen, und 
zweitens von der Größe der verbrauchten Wirtschaftskapitalien, 
wobei die Größe der verbrauchten Wirtschaftskapitalien augen- 
scheinlich wiederum einfach bestimmt ist von den Preisen der Einzel- 
produktionselemente, für die sie aufzuw^enden sind (also Grund und 
Boden, stehende Sachkapitalien, Materialien, Arbeitslöhne, Trans- 
portkosten). Woraus dann folgt, daß wir als für uns relveante 
Elemente des Warenpreises unter Zerlegung der Position 2 nach 
ihren zwei Faktoren einfach aufführen können folgende: 

1. die Grundkosten, 

2. die Gebäude-, Maschinen- und Einrichtungskosten (stehende 
Sachkapitalkosten), 

3. die Anschaffungskosten der Material- und Kraftstoffe, 

4. die Arbeitskosten, 

5. die Transportkosten, 

6. die Zinssätze, 

7. die Amortisationsquoten des stehenden Kapitals, 

eine Gruppierung, die nur aus einer gewissen Gründlichkeit 
nicht gleich von vornherein gewählt ist. 

Welche von diesen Elementen differieren nun je nach der 
Lage des Produktionsorts von dieser abhängig und können dem- 
nach generelle Regionalfaktoren darstellen.!^ — Fangen wir mit den 
letzten an. 

I. Die Abnutzungs- und demnach Amortisationsquote des 
stehenden Kapitals (Nr. 7) ist etwas, was, wie man ohne weiteres 
sieht, im ganzen von der geographischen Lage unabhängig ist. 
Nur die Differenzen des Klimas können hier z. B. durch stärkeres 
oder geringeres Rosten der Maschinen (infolge verschiedener 
P'euchtigkeit der Luft) von Bedeutung sein. Dadurch entstehen 



30 Die Stand Ortsfaktoren und die Standortsdynamik. 

aber nur »spezielle« gewisse Industrien betreffende nicht »gene- 
relle« Standortsfaktoren, die uns also hier für diesen Teil (cf. Ein- 
leitung) nichts angehen. 

2. Ebenfalls mit dem Produktionsort keine Berührung hat für 
das Gebiet eines wirtschaftlich einheitlichen Staats, das wir als 
Gedankenbasis der •.> reinen« Theorie benützen, der Zinssatz (Nr. 6). 
Der Zinssatz für Vorschußkapital schwankt in diesem natürlich nach 
der Qualität des Unternehmers oder des Unternehmens ; und es kann 
demnach der Zinssatz als Folge eines schlecht gewählten und also 
im Ertrag zweifelhaften Standorts für die betreffende Unternehmung 
sich sicherlich erhöhen. Er ist aber hier im ganzen nicht generell 
nach Gegenden verschieden, wie er das aus allgemeinen Gründen 
der verschieden starken lokalen Sicherheit, des verschieden starken 
Kapitalreichtums usw. für die verschiedenen Länder der Welt 
natürlich ist. Er kann daher im Wirtschaftskörper der reinen 
Theorie niemals die regionale Ursache einer Standortswahl sein. 
Ja, er weist in einem solchen Körper (z. B. im heutigen deutschen 
Reich) nicht einmal notwendige generelle Differenzen zwischen 
Land und Stadt, also zwischen Zerstreut- und Zusammensiedelung 
der Industrie auf, und kommt daher sogar als Agglomerations- 
faktor, der innerhalb einer bestimmten regionalen Verteilung der 
Industrie wirken würde, nicht mehr in Betracht ^). 

3. Nur nach dem Maß der lokalen Agglomeration, nicht 
aber regional, wenigstens letzteres nicht fühlbar genug, um da- 
durch einen regionalen Standortsfaktor darzustellen, differieren 
weiter die Kosten des Bodens (Nr. i) soweit er industrielle Stand- 
.stelle ist. Es handelt sich dabei um die Preise des landwirtschaft- 
lich benutzten Bodens; — denn nur dessen Preis kann regionale 
Wirkung üben; alle übrigen Lagepreise des Bodens haben natürlich 
nur agglomerative und deglomerative Bedeutung, wie sie ja ihrer- 
seits nichts weiter als Funktionen von Agglomeration und Deglo- 
meration darstellen. Es mag nun der Preis des landwirtschaft- 
lichen Bodens in einem Teil des Landes durchschnittlich 5, in 
einem andern 15, im dritten 25 oder gar 30 Mk. pro Ar betragen, je 
nach der größeren oder geringeren Dichte der Bevölkerung usw., 

l) Von den Kapitalbezugsverhältnissen sind vielmehr im einheitlichen Wirtschafts- 
körper nur gewisse bessere »formale« Bezugsmöglichkeiten des Kapitals (leichterer 
Bankverkehr), die bei Zusammensiedelung vorliegen, als Standortsfaktor — Agglo- 
merativfaktor — wrirksam ; etwas was uns hier nichts angeht, übrigens tatsächlich 
praktisch von keiner irgendwie erheblichen Bedeutung ist. 



Feststellung der generellen Standortsfaktoren. ^j 

SO ist das etwas, das für die Art der landwirtschaftlichen 
Produktion gewiß von großer Bedeutung ist. — Für die Standortswahl 
der industriellen aber fällt es gar nicht ins Gewicht. Es fällt nicht 
ins Gewicht für diese, weil es deren Preisbildung zu unwesent- 
lich beeinflußt. Wenn die moderne Spinnerei z. B., die ein Be- 
trieb mit großem Platzverbrauch (keine Stockwerklage der Ma- 
schinen) ist, für I200 Tonnen Jahresproduktion ein Areal von loo 
Ar braucht, so ist es für die Produktionskosten der Tonne Garn so gut 
wie gleichgültig, ob für die lOO Ar 500 oder 2500 M. zu zahlen sind. 
Das Zinskostenplus des letzteren Falls von 200 Mk. im Jahr mit 
seinem Preisaufschlag von 20 Pfg. auf die Tonne Garn, die einen 
Wert von 1 200 — 4000 Mk. hat, bedeutet so absolut gar nichts, dass 
es als Standortsfaktor nicht ins Gewicht fällt. Und auch Indu- 
strien mit niedrigwertigem Produkt und dabei ganz extremem 
Platzverbrauch wie Eisenwerke sind gegen diese regionalen Boden- 
kosten-Differenzen unempfindlich. Wenn beispiel weis ein Thomas- 
werk, das man bei 3 — 400 000 Tonnen Jahresproduktion auf zirka 
100 ha Grundbedarf einschätzen kann ^), statt 5 Mk. pro Ar 25 
Mark zu zahlen hat, also ein Grundkostenkonto von 250000 Mk. 
statt von 50000 Mk. erhält, so macht die ZinsendifTerenz von 
5000 Mk. pro Jahr eine Kostendifferenz pro Tonne Produkt, die im 
Durchschnitt als Halbfabrikat lOO Mk. und mehr wert sein 
dürfte, von Aveniger als 2 Pfg. au^ d. h. 0,02 "/o. Auch das 
ist viel zu unerheblich , als daß es irgend eine Standorts- 
wirkung üben könnte. — Ganz anders selbstverständlich, 
sobald die lokale Agglomeration eingreift, und für die Boden- 
preise, wie man das heute kennt, plötzlich jene turmartigen 
Auf gipfelungen schafft, die sie von 5 auf 500, lOOO, ja 5000 Mk. 
und mehr pro Ar anschwellen lassen ^). Mit ihnen rücken die 
ßodenpreise dann natürlich in der Reihe der relevanten Kosten- 
faktoren auch für die industriellen Produkte ein. Denn sie bedeuten 
für das Thomaswerk z. B. Preissteigerung durch Grundzinskosten 
um 50 Pfg., I Mk., 5 Mk. pro Tonne. Und das sind Dinge, die 
gewiß schon ins Gewicht fallen können, und mit denen die Grund- 
rente für Produkte dieser Art sehr wohl den Standort mitbe- 

i) Siehe H e y m a n n : die gemischten Werke im deutschen Großeisengewerbc 
(München 1904) S. 25. 

2) Siehe beispielsweise die Steigerungen der Charlottenburger Bodenpreise bei 
Andreas Voigt (nach Paul Voigt) in die »Bodenbesitzverhältnisse etc. in Berlin« 
(Schriften des Ver. f. Soz.Pol. Bd. 94 S. 205). 



22 Die Standortsfaktoren und die Standortsdynamik. 

Stimmen kann ^). Sie ist eben ein Standortsfaktor, der im Rahmen 
der Agglomerativtendenzen wirkt. Für die Betrachtung der Re- 
gionalfaktoren aber fällt sie fort. 

4. In den Gebäude-, Maschinen- und Einrichtungskosten (Nr. 3), 
den Kosten für Vormaterialien und Kraftstoffe (Nr. 4) haben wir 
nichts anderes vor uns als Preisbildungsresultate 

1. der Urproduktion, die die Roh- und Kraftstoffe liefert, 

2. der industriellen Vor- und Hilfsproduktionsstufen. 

ad 2. Soweit nun letzteres vorliegt, wir also nur die kristalli- 
sierten Kosten der Vor- und Hilfsstufen vor uns haben, steht 
nichts grundsätzlich Neues vor uns. Denn diese Stufen sind grund- 
sätzlich natürlich ganz dasselbe, wie die zur abstrakten Analyse 
von uns herausgegriffene Stufe. Ihre Kosten müssen sich daher 
wieder in dieselben Elemente auflösen, in die wir deren Kosten 
aufgelöst haben. Sie können keine prinzipiell neuen Kosten- 
faktoren, also auch keine neuen unbekannten Standortsfaktoren in 
sich bergen. 

ad I. Es bleiben als neues Kostenelement, das uns diese Gruppe 
zur Betrachtung liefert, nur die Preisbildungsresultate der Urpro- 
duktion, mit a. W. : es bleiben die Roh- und Kraftstoffpreise zur Be- 
trachtung übrig. — In ihnen haben wir nun in der Tat nicht 
bloß einen neuen, sondern auch augenscheinlich einen geo- 
graphisch differenten Kostenfaktor, also einen regionalen 
Standortsfaktor vor uns. Der Anschaffungspreis desselben Roh- 
oder Kraftstoffes kann und wird an dessen verschiedenen Produk- 
tionsstätten je nach der Art des Vorkommens, der Leichtigkeit der 
Gewinnung usw. verschieden hoch sein. Je nachdem, welche solche 
»Stätte«, welches »Lager«, wie wir das nennen wollen, man für die 
Produktion verwendet, werden also die Roh- und Kraftstoff- 
kosten der Produktion verschieden hoch. Und es wird augen- 
scheinlich eine Frage der Lage des Produktionsstandortes sein, 
ob eine Produktion von den mehr oder weniger billigeren Preisen 
des einen Material -Lagers gegenüber den anderen profitiert. 
Hier also wirken geographische Kostendifferenzen auf den Stand- 
ort. Und hier haben wir demnach unzweifelhaft einen regionalen 
generellen Standortsfaktor vor uns. Den ersten. 



i) Derartige Erscheinungen sind die Bodenpreissteigerungen für Thomaswerke, 
die Heymann (a. a. O. S. 34) aus den lothringischen Bezirken mitteilt: bis auf 
500 Mk. pro Ar. 



Feststellung der generellen Standortsfaktoren. 



33 



5. Den zweiten regionalen Standortsfaktor stellt die regional 
verschiedene Höhe der Arbeitskosten (Nr. 5) dar. Es bedarf 
keiner Worte, dass deren in verschiedenen Gegenden verschiedenes 
Niveau sowohl indirekt durch die Preise der Vorprodukte, die sie 
mit bedingt, wie direkt durch die Kosten der Stoffumwandlung 
in dem ins Auge gefaßten Stadium des Produktionsprozesses, die 
Produktion zu bestimmten Gegenden hin- und von anderen fort- 
ziehen kann. Zu bemerken ist nur, daß natürlich nicht die ab- 
solute Höhe der Löhne dabei in Frage steht, sondern ihre Höhe 
bezogen auf irgend eine Einheit Produkt, das was man eben 
heute meint, wenn man präzis von » Arbeitskosten« spricht. 

6. Schließlich der letzte Punkt (Nr. 5), die Transportkosten, 
die für die Zusammenführung der Materialien und für den Ver- 
sand der Produkte zu leisten sind. Es ist klar, je nachdem, wo 
die Verarbeitung stattfindet, werden sie differieren. Sie werden 
differieren je nach der Länge und Art des Wegs, den darnach 
die Materialien von ihrem Bezugsort her und die Produkte zu 
ihrem Absatzort hin zurücklegen müssen, vielleicht auch nach 
der Art des Transportmittels, das darnach zur Verwendung kommt 
usw. Sie also sind ebenfalls ein regionaler Standortsfaktor gene- 
reller Natur. 

IV. System und Dynamik der Standort sfaktoren. 

Also : Relative Preishöhe der Materiallager, Arbeitskosten- 
höhe und Transportkosten, das sind die regionalen Standortsfak- 
toren jeder Industrie. Von ihnen können wir nun aber einen, 
nämlich die verschiedene Preishöhe der Materiallager noch in 
einem anderen, nämlich in Transportkostendifferenzen gedanklich 
ausdrücken, und so, indem wir darnach nur noch mit wei 
Regionalfaktoren zu operieren brauchen, das Arbeiten der Theo- 
rie ganz wesentlich erleichtern. 

Die verschiedene Preishöhe der verschiedenen Lager des- 
selben Materials wirkt nämlich geradeso, als ob von diesen La- 
gern her zum Produktionsort verschieden große Entfernungen zu 
überwinden wären, als ob das eine »billige Lager für die Pro- 
duktionsverwendung näher, das andere »teuere ^ weiter läge, 
als ob also die Differenzen ihrer Preishöhe Lage- und- dem- 
nach Transportkostendifferenzen wären. Man stelle sich, um 
das ganz klar zu sehen, nur für jedes Material irgend 
einen durchschnittlichen Preis als den normalen Preis ab Pro- 
duktionsstätte (also Lager« in unserer Terminologie) vor. Die 

A. Weber, Standort der Industrien. 1 



34 



Die Standortsfaktoren und die Standortsdynamik. 



Differenzen plus und minus ihm gegenüber, die etwa bei dem 
und jenem Lager im Bezugspreis da sind, werden vom Stand- 
punkt der Einzelproduktionsplätze, die beziehen, genau dasselbe 
heißen, als ob in dem Betrage dieser Differenzen plus oder minus 
Transportkosten beim Bezug bis zum Produktionsplatz zu zahlen 
wären. Und das heißt eben mit anderen Worten : die Preisdif- 
ferenzen der Materiallager sind begrifflich ausdrückbar in Trans- 
portkostendifferenzen. Wir brauchen sie demnach nicht als be- 
sonderen Standortsfaktor, sondern nur als eine später (übrigens 
natürlich noch sehr viel näher auszuführende) Modifikation der 
Transportkostenwirkung aufzufassen ^). Folge: wir können für 
die Theorie mit nur zwei generellen Regionalfaktoren arbeiten, 
den Transportkosten und den Arbeitskosten. 

Ein für uns äußerst wichtiges Resultat. Denn da wir sahen, 
daß alle nicht regionalen (also alle übrigen) Standortsfaktoren ge- 
nereller Art nur Agglomerativ- oder Deglomerativfaktoren sein 
können, so können wir nun unter gleichzeitiger Verwendung der 
oben gewonnenen Möglichkeit diese letzteren Faktoren als eine 
einheitliche Agglomerationskraft, also einen einheitlichen dritten 
Standortsfaktor zu behandeln , sofort unser ganzes abstraktes 
System der generellen Standortsfaktoren und die Anschauung 
seiner Dynamik fertig ausbauen. 

Geht man davon aus, daß die Industrie in allen ihren iso- 
lierten Produktionsprozessen zunächst einmal »natürlich-technisch« 
an ihre optimalen Transportkostenpunkte gezogen wird, und sieht 
man, was so entsteht, einmal als das überall vorhandene »Grund- 
netz« ihre Orientierung an, das der > erste Standortsfaktor«, der 
Transportkostenfaktor, schafft, — so stellen dann die Arbeits- 
kostendifferenzen (der s zweite Standortsfaktor«) augenscheinlich 
eine erste »Alterationskraft« gegenüber diesem Grundnetz dar. 
Die optimalen Arbeitskostenplätze sind nichts anderes als ablenkende 
Attraktionspunkte der Orientierung, die eine »Deviation« von den 
optimalen Transportkostenpunkten herzustellen suchen, eine erste 
> Verzerrung« des transportmäßigen Grundnetzes der Industriela- 
gerung schaffen. — Man gewinnt die Vorstellung einer Grund- 
orientierung der Industrie nach Transportkostenplätzen und einer 
Alteration der Grundorientierung durch »Arbeitsplätze«. So die 
Industrie unter dem Einfluß der beiden festgestellten Regional- 
faktoren. 



i) Siehe darüber unten bei »Annäherungen an die Wirklichkeit«. 



Die Standortsdynamik. ß c 

Jede Agglomerationstcndcnz nun aber, also die 
ganze Gruppe aller übrigen Standortsfaktoren, die wir bisher nicht 
berücksichtigt haben, ist dann nichts weiter als eine zweite 
Alterationskraft, eine zweite »Deviationstendenz« , die das trans- 
portmäßige > Grundnetz« nach gewissen anderen Punkten, den 
»Agglomerationspunkten« hin zu verzerren, die Produktion dorthin 
zusammenzuziehen sucht ; — in ihrer Wirkung ebenfalls eine 
»Einheit«, ebenso wie der andere »Alterationsfaktor«, d;e Ar- 
beitskostendifferenzen, ein einheitlich wirkender » Standortsfaktor « 
also, ebenso wie diese und mit diesem anderen »Faktor' so 
äußerlich betrachtet »kämpfend«. 

Damit aber ist das »System« der generellen Standortsfakloren 
zusammen mit der Allgemeinanschauung der Dynamik, in der sie 
wirken, fertig — fertig wenigstens, soweit es als Gedanken- und 
Vorstellungsbasis für die »reine« Theorie notwendig ist. Der 
Transportkostenfaktor schafft die optimalen transportmäßigen Pro- 
duktionssätze der Industrien, ihr Orientierungsgrundnetz, — der 
Arbeitskostenfaktor führt diesem Grundnetz gegenüber nach der 
einen Seite eine »Deviation« herbei durch Heranziehen von Teilen 
der Produktion an die optimalen Arbeitskostenplätze, der Agglo- 
hierationsfaktor eine zweite »Deviation« durch Kontraktion von Teilen 
der Produktion an Agglomerationsplätzen. Das ist alles. Andere 
generelle Faktoren, die die Orientierung der Industrie beein- 
flussen, gibt es nicht. Es fragt sich nur, in. welchem Maße und 
nach welchen Gesetzen diese drei Faktoren die verschie- 
denen Teile des Industriekörpers beherrschen. Das zu zeigen wird 
die Aufgabe der reinen Theorie sein, mit welcher wir also durch 
die Einfügung des Agglomerativfaktors in die Erklärung, nicht 
mehr nur eine Analyse isoliert gedachter Produktionsprozesse, 
sondern der Gesamtlagerung der Industrie nach generellen Ge- 
setzen zu geben suchen. 



3* 



36 



Vereinfachende Annahmen. 



II. Kapitel. 

Vereinfachende Annahmen. 



Die Theorie, die hier gegeben wird, soll Wirklichkeit erklären. 
Da aber diese Wirklichkeit des industriellen Standorts auch noch 
nach einer anderen Seite als der eben betrachteten des Durch- 
einanderwirkens »genereller« und »spezieller« Standortskräfte » ver- 
wickelt <- ist, nämlich auch insofern : als sie das Resultat von Hin- 
und Rückwirkungen verschiedener »wirtschaftlicher Sphären« und 
verschiedener Teile derselben Sphäre darstellt, so verfährt die 
Theorie weiter isolierend so, daß sie zunächst gewisse Teile dieser 
weiteren Dynamik, die besteht, ignoriert. Sie stellt sich so, als ob ein 
Teil der Dinge, die in Wahrheit erst durch die Vorgänge, die 
sie untersucht, selbst mit geschaffen werden, von diesen unab- 
hängig »gegeben« wären, nimmt sie als Phänomene an, und unter- 
suchten vorerst nur die Dynamik, die dann übrig bleibt. Erst 
wenn sie über die so isolierten Teile klar zu sein glaubt, stellt sie 
den vollen Lrsach-Mechanismus ein, d. h. löst sie die bisherigen 
Gegebenheiten auf und betrachtet nun die »Aenderung«, die da- 
durch geschaffen wird. 

Nach dieser Praxis operierend wird die industrielle Orien- 
tierung des weiteren im Rahmen folgender Suppositionen unter- 
sucht : 

1 . Es wird die geographische Gestaltung der Material- 
basis als etwas -Gegebenes« angenommen, was ja zutrifft, so- 
weit es sich um Materialien wie Steine, Erden, Mineralien usw. 
handelt, die einfach ausgegraben« gebrochen« usw. werden, also 
an ihren verschic nen Plätzen in der Tat von Natur da sind; 
— was aber nicht ganz richtig ist , soweit die Materialien, die 
verwendet werden, erst -produziert« sein müssen, also agrarischer 



Vereinfachende Annahmen. 



3; 



Natur sind. — Die ganze >>agrare« Materialbasis der Industrie 
ist an sich nichts ohne weiteres »Gegebenes«, erhält vielmehr ihre 
geographische Fixierung erst in einer eigentümlichen vom Ab- 
satz ihrer Produkte also der Industrieorientierung selber mit ab- 
hängigen Dynamik (Thünen !). Es wird also, wenn die Industrie 
einstweilen in einen geographisch gegebenen Materlailager-Grund- 
riß gedanklich hineingestellt wird, bewußt vorerst von Rückwir- 
kungen, die sie auf den Grundriß ausübt, abstrahiert, und eine »An- 
nahme« gemacht, die später aufzulösen ist. 

2. Ferner: Auch die geographische Gestaltung der »Kon- 
sumsphäre« wird vorerst als »Phänomen« behandelt; das heißt : 
die Lage und Größe der Konsumplätze, für die die Industrie 
arbeitet, wird für die ganze reine Theorie zunächst als ein ge- 
gebener Rahmen der Orientierung angenommen. Dabei wird igno- 
riert, daß jede Lagerung der Industrie ja schon allein durch 
die Arbeitskraftverteilung, die sie schafft, selber natürlich wieder- 
um Konsumverteilung und selbstredend auch Verteilung des Kon- 
sums von Industrieprodukten ist, daß also auch die »Konsum- 
sphäre«, in der die Industrie mit ihren »Produktionssträngen« darin 
hängt, von ihr 2um Teil selber in ihrer geographischen Gestalt 
mit geschaffen und gestaltet wird. Auch diese Rücklaufs-Dyna- 
mik wird einstweilen nicht beachtet. Auch sie ist aber später 
natürlich in die Betrachtung einzustellen. 

3. Endlich drittens: es wird auch die Arbeitskraftbasis 
der Industrie vorläufig noch nicht in ihrer vollen wirklichen Be- 
weglichkeit in die Theorie eingestellt. Vielmehr wird an 
Stelle des beweglichen Verteiltseins der menschlichen Einzelar- 
beitskräfte, wie es wenigstens die heutige Wirklichkeit aufweist, 
vorläufig noch mit der schematischen Vorstellung des Ueber- 
zogenseins der Fläche mit einer Anzahl fest gegebener Ar- 
beitsplätze operiert, — mit Arbeitsplätzen, deren Arbeitskosten- 
höhe für jede Produktion sich die Theorie überdies als »fix« denkt, 
während sie die Menge der für diese Kosten an jedem Platz zu haben- 
den Arbeitskräfte sich ^unbegrenzt« vorstellt. Das Nähere über 
Grund und Art dieser Suppositionen siehe in Kapitel III Abschn. i 
am Schluß. Auch hier also wird w^ieder von einem Teil der bestehen- 
den Wirklichkeitsdynamik abstrahiert, denn die Lagerungsten- 
denzen der Industrie selber schaffen natürlich durch die Gestal- 
tung der lokalen Nachfrage nach Arbeitskräften die Arbeitskosten- 
höhe der verschiedenen Plätze mit. Ja mehr: wir beachten vor- 



38 



Vereinfachende Annahmen. 



erst nicht, daß und in welchem Umfang auch das lokale Verteilt- 
sein der Arbeitskräfte selbst, also auch Lage und Größe der -> Ar- 
beitsplätze <■ rückwirkend von den Lagerungstendenzen der Industrie 
mitbestimmt wird. All diesen Fragen entziehen wir uns einst- 
weilen durch die Annahme der umschriebenen » Gegebenheit < der 
Arbeitskraftgrundlage. Und es sei hier schon gesagt : es wird 
sich zeigen, daß diese dritte Supposition im Rahmen der »reinen« 
Theorie nicht völlig aufzulösen ist, daß vielmehr die Erklärung 
des dynamischen Verhältnisses zwischen dem lokalen Vertciltsein 
der Arbeitskräfte und den Xagerungstendenzen der Industrie erst 
durch die realistische Betrachtung ganz erfolgen kann. 

Ks werden natürlich noch andere Annahmen und Vereinfa- 
chungen im Laufe der Untersuchung sich als notwendig ergeben. 
Sie alle aber werden uns nur streckenweis begleiten. Nur 
die genannten drei .sind dauernde und geben den Rahmen ab, 
in dem sich vorerst die ganze reine Theorie bewegt. 

II. 

Wie die gegebene analytische Beleuchtung der Standorts- 
faktoren zeigt, baut unsere Vorstellung alle industrielle Produktion 
ausschließlich auf der Verwendung von -> Materialien < d.h. Stoffen 
auf, Materialien, die entweder Verarbeitungs- oder Kraftmaterialien 
(Holz, Kohle) sind. Und zwar spricht sie ausschließlich von der 
Verwendung »transportabler« Materialien. — Nun aber gehen in 
die industrielle Produktion in Wirklichkeit nicht bloß Materialien, 
nicht bloß »Stoffe« ein. Es werden auch »Naturkräfte« verwandt: 
Naturkräfte nicht nur in transportabler Materialform (Kohlen), 
sondern auch in der unmittelbaren Arbeitsform als lebendige 
Energien, entweder wie die Natur sie gibt, — so vor allem die 
Wasserkräfte; oder in transformierter Form, — so die Elektri- 
zität. Es fragt .sich : Umspannt eine Theorie, die nur mit dem 
Begriff der transportablen Materialien arbeitet, auch die Standort- 
wirkung dieser Kräfte f Oder ist für sie und ihre Wirkung noch 
ein besonderer »Ausbau« nötig. 

Darauf ist zu antworten : Es wird sich zeigen, daß es mög- 
lich ist, diese Naturkräfte, die nicht »Materialform« haben, in 
ihrer Standortsbedeutung als P"älle des Vorhandenseins beson- 
ders billiger transportabler Kraftmaterialien anzusehen, ihre Stand- 
ortsbedeutung gedankenmäßig durch die Vorstellung des Vor- 
handenseins besonders billiger > Kohlenlager« auszudrücken. Wenn 
man das tut — wie es im einzelnen geschehen muß, zeigt der 



Vereinfachende Annahmen. 5q 

Schlußabschnitt des Kapitels über die Transportorientierung — 
so erhält man fijr ihre Standortsbedeutung wohl gewisse zahlen- 
mäßige Modifikationen der allgemeinen nur auf die Verwendung 
von eigentlichen transportablen Materialien zugeschnittenen Regeln. 
Eine spezifische Wirkung aber, die in der Theorie nicht einzu- 
fügen wäre, bleibt nicht übrig. Diese umspannt demnach mit der 
einfachen Form, die sie verwendet, die Industrie in ihrer Voll- 
ständigkeit d. h. in allen Stoffen und Kräften, die sie in der 
Wirklichkeit in sich hineinsaugt. 



40 Die Transportorientierung. 



III. Kapitel. 
Die Transportorientierung. 

Abschnitt I. 
I, Analyse der Transportkosten. 

Die Frage, die zu lösen ist, lautet : Wie werden, wenn andere 
auf die lokale Orientierung der Industrie einwirkende Faktoren 
nicht existieren, die Transportkosten die industrielle Produktion 
in ihren Standorten über die P'läche verteilen.? An welche Plätze 
werden sie sie ziehen.? — Es ist klar, an diejenigen Plätze, wo, 
die Konsumtionsorte auf der einen, die Materiallager auf der 
anderen Seite in Betracht gezogen, die geringsten Transportkosten 
erwachsen. — Welches sind diese Plätze ? 

Wir bestimmen sie zunächst ganz generell und dazu ist zu 
fragen: Von welchen Elementen hängt überhaupt die 
Höhe der Transportkosten ab? Es sind diese ihrem Wesen 
aach zu analysieren. 

Die allerelementarsten Faktoren, weiche die Transportkosten 
bestimmen, sind offenbar das zu transportierende Gewicht und 
die zu überwindende Entfernung. Denn jeder Transport ist Fort- 
jewegung eines Gewichts auf eine bestimmte Entfernung, und die 
\rbeit, die dabei zu leisten ist, muß rein physikalisch betrachtet 
1 n erster Linie von Gewicht und Entfernung abhängen. Diese 
jeiden Faktoren sind auch diejenigen, die mathematisch ohne 
A^eiteres in strenger Weise faßbar sind und die daher eine klare 
Grundlage einer möglichst in mathematische Formulierungen aus- 
•nündenden abstrakten Theorie darstellen können. 

Wir verfahren nun so, daß wir für die Theorie diese beiden 
r^'aktoren zunächst als die beiden allein entscheidenden be- 
/landeln. Man ist dazu berechtigt, so zu verfahren, weil folgendes 
orhegt: 



Gewicht und Entfernung als Kostenelemente. 



41 



Man hat auij^cnschcinlich vom allgemeinen Standpunkt »Trans- 
portkosten« und »Transportkosten < zu unterscheiden. Trans- 
portkosten nämlich im allgemeinen technisch- wirtschaftlichen 
oder auch »rein< volkswirtschaftlichen Sinn und Transportkosten 
vom Standpunkt des privatwirtschaftlichen Unternehmers, der 
irgend einen Transport für sich durchführen läfSt. l'>stere sind 
das, was nach dem jeweiligen Stande der Technik an Natur- 
gütern und Arbeit aufgewandt werden muß, um einen bestimmten 
Transport durchzuführen, letztere das, was die Organisation, die 
jeweils für die Durchführung der Transporte besteht, von dem die 
Durchführung Wünschenden dafür verlangt. Wenn man von 
Gewicht und Entfernung als allerelementarsten konstitutiven Fak- 
toren der Transportkosten spricht, so hat man dabei offenbar jene 
ersteren Transportkosten im technisch-wirtschaftlichen Sinne im 
Auge. 

Unsere weitere Erörterung wird nun durch folgende Möglich- 
keit bestimmt: Man kann, wenn man sich zunächst gedanklich 
auf ein Gebiet mit einem einheitlichen Transportapparat be- 
schränkt, alle übrigen neben Gewicht und Entfernung noch mit- 
wirkenden Transportkostenfaktoren und zwar sowohl sämtliche 
technisch-wirtschaftlichen F'aktoren, wie auch weiter alle durch 
die unternehmungsweise Durchführung noch hinzutretenden Fak- 
toren gedanklich in Gewicht und Entfernung ausdrücken, die üb- 
rigen Faktoren also theoretisch auf diese zwei reduzieren. 

Was das heißt, und wieso das der Fall ist, bedarf einer kur- 
zen Erläuterung. Dabei ist zu bemerken: der Transportapparat, 
für den die dazu notwendige Gedankenoperation durchgeführt 
wird, sei der heute vorherrschende Eisenbahnapparat, und die 
Durchführung geschehe in Anlehnung speziell an die Tarifgestal- 
tung in Deutschland. Es ließe sich auch dasselbe für jeden 
andern Transportapparat und jede andere Tarifgestaltung vornehmen, 
aber die Mühe ist überflüssig, da der grundsätzliche Vorgang dabei 
überall der gleiche ist. Der Transportapparat der Eisenbahn aber wird 
als Objekt der Analyse gewählt, weil die durch die Transportkosten 
hervorgerufene Verteilung der Industrie über ein Landgebiet 
untersucht werden soll, und weil der für Landgebiete heute vor- 
herrschende Apparat natürlich die Eisenbahnen sind. Es wird 
daher auch zwecks weiterer vorläufiger Vereinfachung so ver- 
fahren werden, als.oberder einzige dort vorhandene wäre. Was 
das Nebeneinanderwirken mehrerer verschiedenartiger Transport- 



J2 I^'C Transportorientierung. 

apparate mit veischiedenartigen Prinzipien der Kostenfeststellung 
(konkret für unsern Fall gesprochen : also das Bestehen eines billige- 
ren Apparats in den Wasserstraßen und eines teureren in den 
Landstraßen neben den Eisenbahnen) für eine Bedeutung hat, 
wird später bei der schrittweisen Annäherung von der Abstraktion 
an die Wirklichkeit untersucht werden. 

E.> ist klar, daß die Transportselbslkosten abgesehen von 
Gewicht und Entfernung im allgemeinen abhängen: 

i) von der Art des Transportapparats und dem Maß seiner 
Ausnutzung ; 

2) von der konkreten Natur der Gegenci und der davon ab- 
hängigen Art des Weges ; 

3) von den außer den Gewichten für die Leichtigkeit des 
Transports wesentiichen Eigenschaften der zu überführen- 
den Güter, Tragen wir kurz, von der Art der Transport- 
güter selbst. 

ad i) Die Art des Transportapparats und 
das Maß seiner Ausnutzung schaffen natürlich zwi- 
schen den verschiedenen Apparaten außerordentlich große Un- 
terschiede in den Kosten. Dasselbe Gewicht wird auf die- 
selbe Entfernung heute auf den Eisenbahnen für ^U bis ^lo 
der alten Achsenfracht transportiert. Die Selbstkosten müssen 
also entsprechend gesunken sein. Diese großen Differenzen 
gehen uns aber vorläufig , wo wir von der Annahme nur 
eines alles beherrschenden »Apparats c. ausgehen, nichts an, 
— Auch zwischen den verschiedenen Teilen eines solchen ein- 
zigen Apparats wird die verschiedene Intensität seiner Benutzung 
unterschiede in den Selbstkosten der Beförderung desselben Ge- 
wichts auf dieselbe Entfernung hervorbringen, ioo Tonnen Kohle 
machen auf Linien, wo für sie ein eigener Güterzug instradiert 
werden muß, wesentlich höhere Kosten als dort, wo in diesem 
Zug noch 200 weitere Tonnen transportiert werden können, dort 
v/o keine Rückfracht da ist, höhere als dort wo solche stets vor- 
liegt. Und ebenso schwanken die Selbstkosten für den Tonnen- 
kilometer natürlich auch auf denselben Linien nach der Intensität 
des Verkehrs. Das sind bekannte Sachen. Bekannt ist aber 
auch, daß die Berechnung der aus diesen Gründen folgenden 
Differenzen der Selbstkosten des einzelnen Transportaktes so schwer 
ist, daß diese Differenzen bei der Feststellung der Tarife des heu- 
tigen einheitlichen Eisenbahnapparats nicht berücksichtigt werden, 



Bedeutung der Art deb Transporta[)[)arais. at, 

diese vielmehr ohne Rücksicht darauf nach Tonncnkiiometersätzen 
grundsätzlich für alle Linien gleich — so wenigstens in Deutsch- 
land -- generell festgesetzt werden. Da alsro der Transportappa- 
rat selbst in seinen Tarifen diese Modifikationen der Kostenbo- 
rochnung nach Gewicht und Entfernung nicht berücksichtigt, vit 
es auf:h für unsere Betrachtung nicht nötig auf sie Rücksicht zu 
nehmen. Dort aber wj eine Differenz der Sätze nach diesen 
Gesichtspunkten in der Wirklichkeit doch stattfinden sollte, wäre 
sie gedanklich in der Art aufzulösen, daß man .sich Strecken mit 
erhöhten Sätzen um die Erhöhungsprozente verlängert, Strecken 
mit niedrigeren als die normalen um sie verkürzt denkt. Wird 
also statt eines norm.ilen Kilometersatzes von i ein solcher von 
1^/2 erhoben, so hat m<.r- diese Strecken für die mit einheitlichen 
Kilometersät.~en operierende Standortsbetrachtung einfach mit 
dem I Va^^--^-'"'"^ ihrer Länge geographisch in Rechnung zu stellen. 
Doch ist dit.5^ Opperation wie gesagt bei den deutschen Ver- 
hältnissen im ganzen nicht nötig. 

Aber es gibt noch eine andere Form, in der das aus dem 
Herabgedrücktwerden der Selbstkosten folgende Interesse der 
Transportanstalten an möglichster Intensität der Benutzung sich 
in den Tarifen widerspiegeln kann, die Form nämlich, daß m.an 
generell für kleine Sendungen höhere Kilometersätze als für große 
und für die Aufgabe auf kurze Strecken höhere als für die auf 
lange bestimmt, in der Eisenbahnsprache ausgedrückt: daß man 
für die Aufgabe von Stückgut höhere Sätze als für die von Wagen- 
ladungen, für die Aufgabe von halben Wagenladungen höhere 
als für die von ganzen be.stimmt, und daß man weiter die Sätze 
nach der Aufgabeentfernung sinkend gestaltet, sie staffelt. Es i.ct 
hier nicht der Ort auseinanderzusetzen, wie und wann diese Tari- 
fierungen sich aus den Interessen an der Intensivierung der Be- 
nutzung ergeben, und wie sie dabei gleichzeitig auch noch der 
anderen Tatsache entsprechen, daß die gleichzeitige Disposition 
über große Massen und große Entfernungen ganz generell die 
Betriebskosten pro Transporteinheit senkt. Genug, sie sind vor- 
handen, und wir haben zu fragen: wie sind nun sie mit der Be- 
handlung der Transportkosten als bloßer Funktion von Gev;icht 
und Entfernung vereinbar.^ Die sinkenden Staffelungen der Sätze 
mit wachsender Entfernung machen dabei keine Schwierigkeiten: 
sie sind gedanklich nach dem-selben Prinzip, das vorhin schon be- 
nutzt wurde, aufzulösen, nur in umgekehrter Anwendung desselben. 



AA Die Transportorientierung. 

Man hat sich zu sagen, daß kartenmäßige Entfernungen bei Vor- 
handensein solcher Staffekmgen nicht mit ihrer tatsächUchen 
Länge in die Ri chnung einzustellen sind, sondern unter Reduk- 
tion derselben v iiisprechend den sinkenden Staffeln. Wird also, 
wie beirn deutschen Stückguttarif der allgemeinen Klasse, für 50 
Kilometer ein Satz von 11 Pfg., für die nächsten 150 km einer von 
10, ^ür weitere 100 km von 9 Pfg. usw. berechnet, so ist dabei 
eine Strecke von 100 km nicht mit ihrer vollen Länge, sondern 
mit 50 -+- (50 — 50) km, also mit 95,4 km einzustellen: Wie vorher 

II 
wird also auch hier die geographische Länge einfach nach Maß- 
gabe ihrer verschiedenen tarifarischen Behandlung korrigiert; — 
eine Operation, die übrigens die gegenwärtige deutsche Tarifge- 
staltung uns zum Glück überwiegend erspart, da sie nur für Stück- 
güter und außerdem nur für einen Teil derselben und für wenige 
Massengüter, sonst aber nirgends heute die Staffelung enthält. 

Wie aber ist die Tarifdifferenzierung zwischen Stückgütern, 
halben und ganzen Wagenladungen aufzulösen.^ Es geschieht das 
in der Art am besten, daß die Sätze, die bei ganzen Wagen- 
ladungen berechnet werden, als die normalen Tonnenkilometer- 
sätze angesehen werden. Dann kann man Güter, die weil in klei- 
neren Mengen befördert, höher tarifiert sind, betrachten als solche, 
die neben dem realen noch ein ideelles Gewicht besitzen, 
das ihnen eben wegen ihrer geringeren Menge von der Verwal- 
tung »angedichtet« wird. Sie sind einfach mit dem Zusatz dieses 
ideellen Gepäcks in Rechnung zu stellen. Wenn der normale Satz 
für ganze Wagenladungen z. B. 6 Pfg. ist, der erhöhte für halbe 
6,7 und der für Stückgüter 11, so sind also alle Güter, die nicht 
in ganzen Wagenladungen versandt werden, als mit 1,1 % bezw. 
83,3 % ihres realen Gewichtes außerdem noch ideell belastet 
transportiert anzusehen und mit entsprechend erhöhtem Gewicht 
einzustellen. Umgekehrt sind Güter, die etwa generell zu Aus- 
nahmesätzen (nach sogen. Spezial- oder Ausnahmetarifen) be- 
fördert werden, in ihrem Gewicht entsprechend dem Prozentsatz zu 
reduzieren, in dem der Ausnahmesatz hinter dem normalen zurück- 
bleibt. Sie sind mit einem ideellen »Gewichtsabzug« einzustellen. 

Damit dürfte wohl klar sein, daß es in der Tat möglich ist, 
die aus der Berücksichtigung der verschiedenen Höhe der Selbst- 
kosten folgende Abweichungen der Kostengestaltung von deren 
einfachem Ansatz nach Gewicht und Entfernung gedanklich doch 



Bedeutung der ;* rt der Gegend. ac 

in diesen beiden Elementen auszudrücken und sie demnach einer 
Theorie, die nur mit diesen arbeitet, ohne Schwierigkeit einzu- 
gHedcrn. 

Es dürfte aber .auch das generelle Prinzip klar sein, nach dem 
das Ausdrücken der übrigen Transportkostenfaktoren in den bei- 
den Elementarfaktoren erfolgt. Der Einfluß aller dieser Faktoren 
wird sich immer zeigen in einer Erhöhung des Tonnehkilometer- 
satzes oder in einer Reduktion. Bezieht sich nun solche Erhöh- 
ung oder Erniedrigung auf bestimmte Strecken oder bestimmte 
Entfernungen, so läßt sie sich als eine Erhöhung oder Er- 
mäßigung der Entfernung auffassen. Bezieht sie sich auf be- 
stimmte Güter oder die Art der Versendung derselben, so läßt 
sie sich als eine Erhöhung oder Ermäßigung ihres »angerech- 
neten Gewichts« auffassen. In jedem Fall läßt sie sich also in 
Gewicht oder in Entfernung ausdrücken. Mehr aber .ist nicht 
nötig für die Berechtigung, mit Gewicht und Entfernung, als den 
beiden allein maßgebenden Faktoren der Tran Sportkostengestaltung 
theoretisch zu operieren. 

Führen wir die Methode der Umrechnung noch schnell für 
die praktisch wichtigsten Fälle der aus den beiden anderen oben er- 
wähnten Gruppen von Transportkostenfaktoren folgenden Abwei- 
chungen von den einfachen Gewichts- und Kostenentfernungen durch. 

ad 2) Ich sagte, als zweites sei es die Art der Gegend und 
die aus ihr folgende Gestaltung des We^s, was ein Modifikationsele- 
ment bildet. Das geschieht auf der einen Seite durch die Unter- 
schiede, welche die jeweilig besondere Natur der Gegend in den 
Anlagekosten des »Weges« herbeiführt, auf der andern durch die, 
welche sie i"n den ;^gtriebskosten veranlaßt, indem sie bei Tal- 
fahrt die Gewichtsbewegung erleichtert, bei Bergfahrt erschwert. 
Man sieht aber ohne weiteres, daß diese lokalen Erhöhungen 
oder Herabsetzungen der Selbstkosten (soweit sie in den Tonnen- 
kilometersätzen zum Ausdruck kommen), sich genau wie die aus der 
geringeren oder größeren Verkehrsintensität einzelner Linien folgende 
Modifikationen der Sätze in kilometrischen Verlängerungen der 
betreffenden Strecken ausdrücken lassen; daß sie also der Ein- 
gliederung in die Theorie keinerlei Schwierigkeiten bereiten. Der 
heutige Eisenbahntransportapparat, wenn er für ganze Länder in 
einer Hand liegt, ignoriert überdies im ganzen diese Modifikationen. 
Er stellt z. B. in Deutschland .seine Sätze einheitlich auf ohne 
Rücksicht auf die speziellen Anlagekosten der verschiedenen Strek- 



^6 I^is Transportoiientierung. 

ken, ohne Rücksicht auch ob sie im einzeUien in Berg- oder Tal- 
fahrt zur Benutzung gelangen. Soweit e r in Betracht kommt (für 
das Gebiet unserer späteren induktiven Betrachtung also), haben 
wir standortsmäßig nicht mit einem durch Gebirg und Tal 
mannigfach gegliederten Wellenland, sondern mit einer mathe- 
matisch glatten Fläche zu tun, in der die Gebirge rasiert, die 
Täler gefüllt, die Moräste verdeckt sind. Die tatsächliche Tarif- 
gestaltung der deutschen Eisenbahnen setzt also in praxi die 
Wirklichkeit hier dem Idealbilde gleich, von dem wir zunächst nur 
einfach zwecks deduktiver Vereinfachung ausgehen. 

ad 3) Neben der Benutzungsintensität und der Art der Ge- 
gend: drittens die bes onder en Eigenschaften der Güter 
als Dififerenzierungsmoment. Für die Selbstkosten des Transports, 
also die Kosten im technisch^wirtschaftlichen Sinn, kommen hier 
vor allem größere oder geringere »Sperrigkeit« und daher 
Rauminanspruchnahme im Vergleich zum Gewicht, ferner Ver- 
derblichkeit und Explodier barkeit in Betracht. Erstere 
schafft eine Steigerung der Kosten durch erhöhte Inanspruchnahme 
der Betriebsmittel; Verderblichkeit und Explodierbarkeit schaffen 
sie durch eine Erhöhung der notwendigen Sorgfalt der Verstau- 
ung oder auch der Transportdurchführung selbst. Beide Arten 
von Eigenschaften schaffen also erhöhte Kilometersätze pro Tonne. 
— Aber es werden des ferneren Eigenschaften von Gütern mit 
erhöhten Sätzen bedacht, die keine Selbstkostenerhöhungen 
schaffen, so vor allem ihr höherer Wert. Man spricht sogar von 
Tarifen, die das Gewicht ignorieren und einfach den größeren 
oder geringeren Wert in Verbindung mit der Entfernung zur Grund- 
lage nehmen. Derartige Tarife gibt es in Wirklichkeit nicht. Viel- 
mehr sind alle sog. Werttarife Gewichtstarife, wenn auch ver- 
hüllte, mit Abstufungen nach dem größeren oder geringeren Wert 
der zu transportierenden Objekte. Ob derartige Wertabstufungen 
sachlich gerechtfertigt sind, da ja der Transport eines gleichge- 
wichtigen hochwertigen Objekts keine höheren Kosten als eines 
niederwertigen verursacht, geht uns hier nichts an. Es genügt 
für uns wiederum, daß sie da sind. 

Aber ebenso wenig wie die oben genannten aus wirklichen 
Kostendifferenzen folgenden anderen Satzabstufungen, die an 
> Eigenschaften« der Güter sich anlehnen, können sie uns theo- 
retisch irgendwelche Schwierigkeiten bereiten. Die Erhöhung des 
Kilometersatzes für das gleiche Gewicht, sei es aus welchem 



Bedeutung der Art der Güter. aj 

Grund immer, bedeutet eben auch hier einfach wieder ideellen 
Gewichtszuschlag, die Herabsetzung, sofern man die Sache um- 
gekehrt anfassen will, Gewichtsabzug. Das ist alles. — Im 
deutschen Eisenbahntarif werden »Sperrgüter^ mit dem 
1V2 fachen ihres wirklichen Gewichts in Kechnung gestellt und sind 
also als von diesem Gewicht auch durch die Theorie zu behan- 
deln. Die Berücksichtigung des »Werts« geschieht degressiv, 
indem von den regulären Tarifsätzen bestimmte niedrigwertige 
Güter ausgenommen und zu niedrigeren Sätzen beföidert werden. 
So werden bestimmte niedrigwertige Stückgütei zu 8 statt zu 
II Pfg., Wagenladungen bestimmter niedrigwertiger Güter zu 4,5, 
3,5 und 2,6 statt zu 6 Pfg. befördert. Hier sind einfach diesen 
Herabsetzungen entsprechende ideelle Gewichtsabzüge zu machen, 
sodaß also Kohlen z. B. die zu 2,6 Pfg. statt zu 6 Pfg. befördert 
werden, mit einem Abzug von 56 % ihres realen Gewichts bei 
der Betrachtung der deutschen Wirklichkeit in Rechnung gestellt 
werden müssen. 

Das alles ist äußerst klar. Und es ist also nicht nur das Prin- 
zip deutlich, nach dem die neben Gewicht und Entfernung maß- 
gebenden Einflußfaktoren in diesen beiden Elementarfaktoren 
ausgedrückt werden, sondern es ist die praktische Durchführung 
dieses Ausdrückens für alle in der Tarifgestaltung der Eisenbah- 
nen heute wichtigen Fälle gezeigt. Eraglich konnte nur sein, ob 
die Abweichungen von der einfachen Gewichts- und Entfernungs- 
tarifierung nicht so bedeutend sind, ob die vorzunehmenden Umrech- 
nungen nicht so groß sind, vor allem nicht vielleicht bei anderen Trans- 
portapparatenso groß sind, daß dieses ganze gedankliche Ausdrücken 
aller Transportkosten in Gewicht und Entfernung gegenüber einer 
weitgehend anders gestalteten Wirklichkeit der Tarifierung un- 
praktisch erscheint. Darauf ist zu antworten: 

Erstens: Gewicht und Entfernung bleiben nicht nur für die 
Eisenbahnen, sondern auch sonst überall tatsächlich die not- 
wendigerweise weitaus vorherrschenden Grundfaktoren aller 
Transportkosten und damit auch Tarifgestaltung, da sie eben 
wenn nicht ausschließlich so doch ganz vorherrschend die Ar- 
beit bestimmen, die bei jedem Transport zu leisten ist, und da 
diese Arbeit — sei es nun in welcher Form immer geleistet — , 
immer der wesentliche Faktor aller Transport- und folglich auch 
aller Tarifgestaltung ist. Eine von ihr ausgehende Abstraktion 
ist daher tatsächlich nicht in Gefahr, ein Bild zu geben, das durch 



^g Die Transportorientierung. 

die aus dem Hinfluß anderer Faktoren folgende Verzerrung für 
die Erklärung der Wirklichkeit wertlos sein würde. 

Und zweitens : Speziell die Tarifgestaltung der Eisenbahnen 
vor allem wie sie heute in Deutschland besteht, stellt eine weit- 
gehende Annäherung an die vorgenommene Abstraktion dar. Die 
deutschen Eisenbahnen haben als generelle Grundlage ihres Ta- 
rifs den Tonnenkilometersatz, also die einfache Gewichts- und 
Entfernungsberechnung, die dabei gleichzeitig wie schon gesagt, 
das ganze Eand wie eine mathematisch ebene Fläche behandelt; 
sie haben als Abweichung davon lediglich ideelle »Gewichtzuschläge« 
für halbe Wagenladungen und Stückgut, sowie für Sperrgüter und 
explodierbare Güter; und anderseits »Gewichtsabzüge« für aller- 
dings erheblich große Klassen niedrigwertiger Güter. Dies auf 
der einen Seite als Modifikationen der glatten »Gewichtsrechnung«. 
— Und auf der anderen Seite haben sie als Modifikationen der 
glatten »Kilometerrechnung« nur die Anwendung von Ausnahme- 
tarifen für gewisse Strecken, die sie dadurch verkürzen und 
die beschränkte Anwendung sinkender Staffelung bei wachsender 
Entfernung ; letztere — auch das war schon gesagt — nur für 
Stückgüter der allgemeinen Klasse und in noch beschränkt.^ em 
>'a2 für bestimmte niedrigwertige Massengüter. — Hier kann 
also die Wirklichkeit gegenüber unserer Abstraktion gar nicht 
allzu erheblich verzerrt sein. Und es erscheint also prinzipiell 
und praktisch sehr wohl zulässig, für die Theorie ganz einfach 
mit Gewicht und Entfernung, konkret gesprochen mit dem Tonnen- 
kilometersatz, als Maßstab der Transportkosten zu arbeiten. So 
zu arbeiten jedenfalls gegenüber einem Gebiet mit einem einzigen 
einheitlichen Transportapparat. 

Die prinzipielle und praktische Berechtigung aber dieser 
letzteren vereinfachenden Annahme des Bestehens eines einzigen 
einheitlichen Transportapparats in dem Gebiet, für das wir 
die Transportkostenwirkung untersuchen, die gebe man einst- 
weilen einmal einfach zu. Es bleibt nur die Verpflichtung 
zum Schluß zu zeigen, daß sich mit dem so Entwickelten auch 
das kompliziertere Verhältnis des Zusammenarbeitens mehrerer 
Transportapparate erklären läßt. — Damit ans Werk. 



Gesetze der Transportorientierung. /q 

Ab s c h n i 1 1 II. 
Gesetze der Transportorientierung. 

Wenn also Gewicht und Entfernung die beiden einzigen Be- 
stimmungsfaktoren sind, so werden die Transportkosten die indu- 
strielle Produktion offenbar an diejenigen Plätze ziehen, wo, die 
Konsumplätze auf der einen Seite, die Material- und Kraftstoff- 
lager auf der anderen Seite in Betracht gezogen, die geringsten 
verfahrenen Tonnenkilometer im Produktions- und Absatzprozeß 
als Ganzem entstehen. Denn bei Verlegung der Produktion an 
diese Plätze sind dann eben die Transportkosten am kleinsten. 
Der Transportkosten-Standort wird dann also der mit Rücksicht 
auf Konsumplätze sowie Material- und Kraftstofflager zu wäh- 
lende »tonnenkilometrische Minimalplatz« sein. 

Wie aber werden die tonnenkilometrischen Minimalplätze die 
Produktion tatsächlich über die F"Iäche verteilen .?* Welche Plätze 
werden sie ihr dort anweisen.? Das ist die eigentliche Frage, die 
zu lösen ist. 

Um zu ihrer Lösung zu kommen, müssen die verein- 
fachenden Grundannahmen der ganzen Theorie, welche der Schluß 
des vorigen Kapitels aufführt, im Auge behalten werden. Das 
heißt : es müssen die Konsumplätze in der Wirtschaft, die be- 
trachtet wird, zunächst nach ihrer Lage und nach der Größe 
ihres Vei-brauchs in jeder Produktionsart als gegeben angesehen 
werden, und es müssen ihnen die möglichen verwendbaren Ma- 
teriallager in Gedanken gleichfalls als etwas Gegebenes gegen- 
übergestellt werden. Dazu muß als von einer wenigstens zeit- 
weise (nämlich bis Kap. 6) festzuhaltenden Annahme von der 
Vorstellung ausgegangen werden, jedes Produkt werde nur in 
einer einzigen Produktionsstufe, also an irgend einem Produktions- 
ort in einem Zuge vom Rohstoff bis zur Genußreife ge- 
bracht. 

Stellen wir uns dann einmal in unserer Vorstellung an den 
gegebenen Konsumplätzen mit ihren gegebenen Konsumquanten 
auf; und am besten zunächst im Geist an irgend einem der- 
selben. — Wir sehen dann, daß es, von ihm aus gesehen, für jede 
Produktart, die in ihm verzehrt wird, bestimmte Lagerstätten der 
Materialien (Rohmaterialien, Kraftmaterialien) geben muß, bei 
deren Produktionsbenutzung die niedrigsten Tonnenkilcmetcrsätze 
entstehen; sagen wir jetzt ganz einfach statt dessen, die geringsten 

A. Weber, Standort der Industrien. a 



CO Die Transpoitorientierung. 

Transportkosten erwachsen. Es brauchen das keineswegs immer 
bei allen irgendwie notwendigen Materialien *deren dem Konsum- 
ort am nächsten liegende Lager zu sein. Es kann sein, daß für 
einzelne der Materialien die Lage zu andern Materiallagern — 
zieht man die im Gesamtprozeß entstehenden Transportkosten in 
Betracht — wichtiger ist als die zum Konsumort, und daß sie 
durch die Lage zu diesem und nicht durch die zum Konsum- 
ort als optimale ausgewählt werden ^). Wie dem auch sei: es muß 
von jedem Konsumort aus gesehen für jede Produktart unzweifel- 
haft >optimale« Lagerstätten jeden verbrauchten Materials 
geben. Und rein transportmäßig müssen es offenbar diese Lager- 
stätten sein, welche zur Deckung des Bedarfs an dem betreffen- 
den Konsumplatz für die Produktion herangezogen werden; und 
es muß die Lage des Produktionsplatzes sich irgendwie mit Rück- 
sicht auf den Konsumort und diese Materiallager bestimmen. So 
entsteht für jeden Konsumort in bezug auf jede Produktart eine 
aus diesem Konsumort und den optimalen Materiallagern gebil- 
dete »Standortsfigur«, an die sich die Produktart in der 
Wahl ihres Produktionsortes (Standorts) irgendwie anlehnen muß. 
Nehmen wir beispielsweise an, es handle sich um ein Gut, dessen 
Produktion zwei an verstreuten Lagerstellen vorkommende Ma- 
terialien verwendet, so würden sich die »Standortsfiguren« der 
Produktion in lauter »Dreiecken« präsentieren, gebildet aus den 
Konsumplätzen und den diesen zugehörigen optimalen Lager- 
plätzen der Materialien; etwa so: 

Kl M't Ml 






Fig. 1. Fig. 2. Fig. 3. 

Es ist klar : wirkt gar nichts als die Transportkosten auf die 
Wahl des Standorts ein, kann sich insbesondere dieser auch or- 
ganisatorisch ohne Schaden in so viele und so gestaltete Partikeln 
zerlegen, wie die Standortsfiguren sie enthalten, — und davon können 
wir ja bei vorläufigem Absehen von allen Agglomerativ- und Deglo- 
merativfaktoren ausgehen, — so müssen diese Standortsfiguren die 
ausschließliche mathematische Basis der Orientierung abgeben. 

In diesen »Standortsfiguren« haben wir damit die erste und 

i) Näheres darüber weiter unten S, 67. 



Die Standortsfiguren. CJ 

wichtigste Vorstellungsunteilage der Theorie vor uns ; diejenige 
Vorstellung, die wir in jeden noch so komplizierten Tatsachen- 
komplex hineinversenken werden, weil sich dadurch die allge- 
meinen Strukturelemente der Orientierung, die er enthält, ent- 
hüllen werden. 

Wie orientiert sich nun die Produktion transportmäßig in An- 
lehnung an diese Standortsfiguren .^ 

Darauf ist zunächst präparatorisch zu antworten. In ihrem 
prinzipiellen Charakter muß für jede Industrie diese Orientierung 
in allen ihren einzelnen Standortsfiguren gleichartig sein. Denn in 
allen hängt sie von dem generellen transportmäßigen Charakter 
der Industrie ab, wird von diesem determiniert. Um den prin- 
zipiellen Charakter der Orientierung des theoretischen »Trans- 
port-Minimalpunkts« kennen zu lernen, genügt es also vorerst sich 
immer in Gedanken einfach mit einer einzelnen Standortsfigur ab- 
zugeben. 

Dazu aber vorher noch einiges Terminologische. Es bezieht 
sich auf die Natur der Materialien, die die Industrie verwendet, 
auf die Art ihres Vorkommens und die Art ihres Eingehens in 
die Produkte. Denn es wird sich zeigen, daß der »transport- 
mäßige Charakter« der verschiedenen Industrien ganz von diesen 
drei Dingen abhängt. 

I. Terminologisches über die Industriematerialien. 

I.Art des Vorkommens, a) Die Materialien, die in der In- 
dustrie verwandt werden, können für die großen Verhältnisse der 
Praxis angesehen, »überall« vorkommen, von der Natur also — eben 
im Großen angesehen — ohne Rücksicht auf den Ort zur Verfügung 
gestellt werden. Was ganz allgemein d. h. für alle Plätze der 
Erde ja eigentlich nur von der Luft gilt, für enger begrenzte 
Gegenden, die man zum Gebiet abgeschlossener Standorts- 
betrachtung machen kann, aber auch für viele andere Dinge. Man 
denke an Ziegelerde, Holz, Getreide usw., die in gewissen Gegen- 
den »praktisch* überall da sind. Solche Materialien m.ögen 
>Ubiquitäten« heißen, im ersteren P'all »generelle«, im letz- 
teren »regionale«. — Sie werden natürlich immer an jedem Ort 
nur in begrenzter Menge vorhanden oder nur in begrenzter Menge 
produzierbar sein. Doch kann es sein, daß der Bedarf am Ort 
nicht bis an ihre letzte Grenze heranreicht; sie sind dann prak- 
tisch »absolute«. Wenn er diese Grenze übertrifft, »relative« Ubi- 
quitäten für den Ort, die Gegend usw. So wird Wasser für 

4* 



52 



Die Transportorienlierung. 



viele deutsche Gegenden nach ihrer Bedarfsgestaltung heut 
noch praktisch eine unbegrenzte, also »absolute« Ubiquität sein, 
Ziegelerde für ganze große Gebiete, ebenso ; die Getreidearten da- 
gegen z. B. sind für alle »Getreide importierenden« Gebiete na- 
türlich nur »relative« Ubiquitäten. — »Ubiquität«, das soll natür- 
lich nicht heißen in jedem mathematischen Punkt des Lan- 
des oder der Gegend vorhanden oder produzierbar; es soll heißen: 
so stark verbreitet in der Gegend, daß, wo auch ein Konsum- 
platz liegen muß, stets Lager bezw. mögliche Gewinnungsstätten 
in der Umgebung sind. Kein mathematischer also, sondern ein 
praktischer »Näherungs-Begriff« . 

b) Oder: die Materialien, die verwandt werden, gehören 
nicht in diese Kategorie, sind also in dem Land, der Gegend, die 
zum Gegenstand der Standortsbetrachtung gemacht wird, nicht 
ohne weiteres, wo auch ein Konsumplatz liegen mag, in der Um- 
gebung erhältlich, sondern nur an geographisch scharf umrissenen 
ganz bestimmten Stellen; oder sie werden doch, wenn sie auch 
»technisch« überall zu verschaffen sein würden, aus wirtschaft- 
lich e n Gründen nur an ganz bestimmten Stellen bergmännisch 
gehoben oder landwirtschaftlich produziert. So heut die ganze 
große Masse der industriellen Rohstoffe, von denen Mineralien, 
Kohlen, der größte Teil der keramisch und chemisch verwendeten 
Substanzen im ganzen in die erstere Kategorie der schon tech- 
nisch lokalisierten, Holz oder Wolle z. B. in die der wirtschaftlich 
lokalisierten Materialien gehören. Wobei es selbstverständlich ist; 
daß der Charakter eines industriellen Materials als »lokalisiertes« 
oder als »Ubiquität« nicht etwas ein für allemal Gegebenes, son- 
dern etwas ist, das für jedes Land, jede Gegend, welche man 
zum Gegenstand selbständiger Standortsbetrachtung macht, in 
concreto jedesmal festzustellen ist. Macht man z. B. den Südosten 
der Vereinigten Staaten zu einem solchen Betrachtungsobjekt, so 
wird Baumwolle (vielleicht!) praktisch in ihm eine Ubiquität sein, 
für die Weltbetrachtung ist sie natürlich keine solche, und für 
Deutschland stellt sie den extremen Gegenfall des Materials vor, 
das man sogar von ganz bestimmten Stellen von außen her 
beziehen muß. — Klar ist auch weiter, daß alle Stoffe, die nur 
relative Ubiquitäten sind, mit denjenigen ihrer Teile, mit denen 
ihr Dedarf an irgend einem Ort ihre dort vorhandene Erhältlich- 
keit übersteigt, nicht mehr in den Bereich der Ubiquitäten, son- 
dern der lokalisierten Materialien gehören, z. B. Gerste, soweit 



Die Arten der Industriematerialien. 



53 



ihr Bedarf in den Brauereien die Produktion der »Umgegend« 
der Brauerei übersteigt. 

2. Art des Eingehens in die Produktion. Eine wei- 
tere Unterscheidung, die praktisch noch präziser zu treffen ist, 
ist folgende: 

Jedes Material kann entweder restlos in das Produkt ein- 
gehen, oder es kann bei der Produktion Rückstände lassen, Rück- 
stände, die für andere Produktion vielleicht noch verwendet wer- 
den mögen, die aber vom Standpunkt seiner Verwendung für erst- 
genannte Produktion Abfälle sind. Es kann also, um dafür einen 
Terminus zu schaffen, »Reinmaterial« oder »Grobma- 
terial« sein. Auch jede »Ubiquität« kann natürlich eins von 
beiden sein, sich so oder so verhalten, es werden aber, da dieses 
verschiedene Verhalten bei den Ubiquitäten für den Standort 
keine Bedeutung hat, die Termini »Reinmaterial« und »Grob- 
material« der Kürze halber stets nur für die dadurch umschrie- 
benen Arten von »lokalisiertem« Material gebraucht werden. 

Der Unterschied des Eingehens ins Produkt läßt sich auch 
so betrachten: »Reinmaterial« teilt sein Gesamtgewicht dem 
Produkt mit, »Grobmaterial« nur einen Teil. Von da aus ergibt 
sich: man kann die für die Produktion gebrauchten Brennmateria- 
lien (Holz, Kohle usw.) ansehen als den extremen Fall von Grob- 
material; es sind diejenigen Grobmaterialien, von deren Gewicht 
kein einziges Partikelchen in das Produkt eingeht. Sie schaffen 
eine Stoffumwandlung (chemische Prozesse), oder eine Stoffver- 
änderung (mechanische Prozesse); aber durch ihre Verwendung 
kommt kein Zusatz an Gewicht ins Produkt. Ihr gesamtes Ge- 
wicht bleibt, vom Standpunkt der standortsmäßigen Betrachtung 
der Produktion gesehen, »außerhalb« zurück, mag ihre Verwen- 
dung auch noch so wichtig sein. Es empfiehlt sich für unsere Be- 
trachtung, sie mit den eigentlichen Grobmaterialien, die natürlich 
»technisch« in der Produktion eine fundamental andere Rolle 
spielen, doch unter einen einheitlichen Begriff, den des »Gewicht- 
verlustmaterials« zu fassen. Sodaß es also zweierlei derartige 
Materialien gibt, die Brennmaterialien, die ihr ganzes Gewicht und 
die Grobmaterialien, die nur einen Teil desselben bei der Produk- 
tion außerhalb des Produkts als »Rückstand« lassen. Es be- 
deutet diese Vorstellungszusammenfassung für die Theorie, die 
es als Standortstheorie hier zunächst ja nur mit Gewichtsvorgän- 
gen zu tun hat, wie sich ergeben wird, sehr viel. 



54 



Die-, Tfansportorientierung. 



Die Materialien also, die die Industrie verwertet, sind für die 
folgende Betrachtung: entweder »Ubiquitäten« oder ^lokalisierte 
Materialien« und diese entweder » Reinmaterialien« oder »Gewichts- 
verlustmaterialien«. 

2. Mathematische Lösung. 
1. 

Wir sagten, die Produktion muß sich unter dem liinfluß der 
Transportkosten in Anlehnung an die » Standortsfiguren «^, die wir 
besprachen, orientieren. Nach der Erläuterung, die wir diesen ga- 
ben, heißt das, sie muß die tonnenkilometrischen Minimalpunkte 
der Standortsfiguren für die Produktion aufsuchen. Diese werden 
die transportmäßigen Standorte sein. 

Wie sind sie zunächst ganz allgemein zu finden.?' Die An- 
schauung, von der ausgegangen wird, ist die, daß, wo der Stand- 
ort auch liegen mag, dieser stets transportmäßig folgende Bezieh- 
ungen hat : Es wandern zu ihm hin von den Materiallagern die 
Gewichte aller Matcrialiiin, die in der Produktion verbraucht wer- 
den und es wandert von ihm weg zum Konsum.ort das Produkt- 
gewicht. Das heißt, er ist mit »den Pocken« der Standortsfiguren 
verbunden durch Linien, auf denen die diesen Ecken zugehörigen 
Gewichte (Material- bezw. Produktgewichte) sich bewegen. Auf 
den Linien — nennen wir sie Komponenten — der Material- 
lager laufen die resp. Materialgewichte, wie sie für die Produktion 
notwendig sind, und auf der Komponente des Komsumorts läuft das 
Produktgewicht. ]\]an stelle sich eine Produktion vor, die mit zwei lo- 
kalisierten Materialien arbeitet, von denen für i T.P. das eine mit 
3/4 T., das andere mit V2 T. notwendig ist, so hat man eine Standorts- 
figur, auf deren Materialkomponenten die Gewichte '^U und V2 sich 
bewegen, während die Konsumkomponente die Belastung 1 hat. 

K 




M, M, 

Fig. 4. 
Diese Gewichte nun sind die Kräfte, mit denen 
unter Annahme der ausschließlichen Transport- 



Die mathematische Lösung. c c 

bedeutung von Gewicht und Entfernung die ver- 
schiedenen Ecken der Standortsfiguren den Stand- 
ort an sich ziehen. Denn jede Annäherung des Standortsauf 
den Komponenten an die Ecken spart ebensoviel, als sie beträgt 
an Tonnenkilometern, wie sie sich aus dem auf der Komponente 
laufenden Gewicht auf der einen und der Annäherung auf der 
anderen Seite ergeben. Und, sind lediglich die Tonnenkilometer 
dasjenige, wonach sich orientiert wird, so muß also die Bedeu- 
tung jeder Ecke genau proportional sein den Tonnenkilometern, 
die man durch Annäherung an sie ersparen kann, d. h. sie muß 
bestimmt sein durch das Gewicht, das auf ihrer Standortskompo- 
nente läuft. Und daraus folgt als allgemeines Resultat : D e r 
Standort wird den einzelnen Ecken nah oder 
fern liegenje nach der relativen Bedeutungder 
Gewichte ihrer Standortskomponenten. 

Der Mathematiker (confer. Anhang I 2) von seiner Seite 
sagt uns dann, daß der Standort in den Figuren dabei mecha- 
nisch allgemein genau bestimmt werden kann durch ein Gestell, 
über dessen auf den Ecken der Standortsfiguren aufzustellenden 
Ecken über Rollen Fäden laufen, die mit Gewichten im gegen- 
seitigen Verhältnis der verschiedenen Komponentengewichte be- 
lastet sind und die im Innern der Figur an irgend einer Stelle 
verbunden sind (Varignon'sches Gestell, confer. Abbild, im An- 
hang). Dort wo dieser Verbindungspunkt — , dessen Hinausge- 
zogenwerden über eine Ecke man gleichzeitig hindern muß — , 
durch die Dymanik der Gewichte zur Ruhe kommt, liegt dann 
der Standort. Er kann also bei gewisser Größe eines der Ge- 
wichte (übrigens natürlich auch bei besonderer geographischer 
Konstellation) in dessen Ecke liegen, andernfalls aber wird er an 
irgend einem Ruhepunkt innerhalb der Figur sich befinden. 

II. 

Ausgehend von der gleichen Allgemeinvorstellung, durch 
die hier der Standort mechanisch bestimmt wird, sagt der Mathe- 
matiker uns weiter, daß es neben den Standortsfiguren, die in je- 
dem Fall individueller Art sind, für jede Produktion auch »Ge- 
wichtsfiguren» gibt, die genereller Art sind, und die sich aus der 
in Längen ausgedrückten relativen Größe der Gewichte ergeben, 
welche je nach der Natur einer Produktion auf den verschiedenen 
Komponenten der Standortsfiguren laufen. Haben wir, wie im bis- 
her benutzten Beispiel, als Standortsfigur ein Dreieck mit den Kom- 



56 Die Transportorientierung. 

ponentengewichten i = ai, 3/4 = ao, V^ = as, so ist aus diesen 
Gewichten eine Gewichtsfigur zu konstruieren, die so aussieht: 




Für die Lage des Standorts unterscheidet der Mathematiker nun dies: 

1 . Immer, sagt er, wenn es unmöglich ist, aus den in Längen 
ausgedrückten Komponentengewichten eine Figur zu bilden, d. h. 
immer wenn eine Länge ebenso groß oder größer ist als alle übrigen 
zusammen, liegt der Standort in der Ecke dieser Komponente. — 
Etwas, was ja für den Fall der Gleichheit oder des Ueberwiegens 
dieses Komponentengewichts auch schon aus der bloßen Anschau- 
ung der »Gewichtsdynamik <; unmittelbar evident ist; denn, ist das 
ziehende Gewicht ebenso groß oder größer als alle übrigen zusam- 
men, so können es diese eben aus der Ecke nicht herausbewegen. 

2. Ist dagegen eine Gewichtsfigur herstellbar, also nicht ein Ge- 
wicht ebenso groß oder größer als alle übrigen zusammen, so 
gewinnt die Art der Standortsfigur Bedeutung. Es gibt dann, wenn 
diese in ihrer Kompliziertheit nicht über die Dreiecksform 
hinausgeht, eine einfache I'orm der konstruktiven Auffindung des 
Standorts. Man errichtet über den Seiten der Standortsfigur Gc- 
wächtsdreiecke d. h. eben nach der relativen » Länge <- der Kom- 
ponentengewichte gestaltete Dreiecke, um diese zieht man Kreise, 
und in dem gemeinsamen Schnittpunkt dieser Kreise hat man 
dann den transportmäßigen Minimalpunkt oder Standort (confer. 
über das Nähere Anhang I 4). 




Fig. 6. 



Die maihematische Lösung. C? 

Der allgemeine Sinn dieser Konstruktion ist der, daß man 
vom Standort zwei »Ecken der Standortsfigur« immer unter einem 
W'inkel sieht, dessen Größe von der relativen Bedeutung der Kom- 
ponentent^ewichte dieser Ecken abhängt. Ist sie groß, so ist auch 
der Winkel groß, liegt also der Standort nach dem Periphe- 
riewinkelsatz auf einem niedrigeren Kreisbogen, der sich über 
der Verbindungslinie der beiden Ecken wölbt, also — in der 
übrigens durch diesen Kreisbogen genau umschriebenen Art — 
notwendig den Ecken nahe. Ist dagegen das relative Kompo- 
nentengewicht der Ecken klein, so ist auch der Winkel klein, 
liegt also auch der Standort auf einem großen Kreisbogen, der 
sich über der Verbindungslinie der Ecken wölbt und daher wahr- 
scheinlich beiden oder mindestens der schwächeren von beiden 
fern. Und damit ist in exakter Form umschrieben, in welcher 
Art die relative Bedeutung der Gewichte den Standort den ver- 
schiedenen Ecken nähert. 

Nur ist dabei noch eines zu bemerken : Je nach der Re- 
levanz von zwei Ecken der Standortsfigur zur dritten und der 
geographischen Lage dieser dritten Ecke kann diese dritte Ecke 
auch innerhalb des über den beiden anderen sich spannen- 
den Bestimmungskreisbogens liegen, so daß sie von diesem um- 
schlossen wird und die Bestimmungskreisbügen sich also nicht 
innerhalb, sondern außerhalb der Standortsfigur schneiden (unten 
Figuren 7 und 8). Es tritt das dann ein, wenn entweder die Re- 
levanz von zwei Ecken im Vergleich zur dritten sehr klein, der 
Bestimmungskreisbogen, der über ihnen sich spannt, also sehr 
hoch verläuft (Figur 7). — Oder wenn die dritte Ecke der Ver- 
bindungslinie der zwei anderen nahe liegt (Figur 8). 



Al>i 





Aj 



Aj Az 

Fig. 8. 
Fig. 7- 
Dann rückt der Standort nicht über diese eingeschlossene Ecke 
hinaus, sondern er liegt wie im ersten Falle des gänzlichen ge- 
wichtsmäßigen Ueberwiegcns dieser Ecke in ihr selber (s. An- 
hang I 7). 



e8 Die Transportorientierung. 

Es ist also, wenn die Standortsfigur nicht über die Drei- 
ecksform hinausgeht, dreierlei zu unterscheiden : 

erstens: der Fall des absoluten gewichtsmäßigen Gleichkom- 
mens oder Ueberwiegens einer Ecke über die zwei anderen, wo 
der Standort stets in dieser liegt ; 

zweitens: der eben beschriebene Fall, bei dem, abgesehen 
voii besonderer Nähelage der dritten Ecke (Figur 8), zwar nicht 
ein absolutes Ueberwiegen, aber doch eine starke relative Prä- 
ponderanz der einen Ecke vorliegen muß. Liegt diese Ecke 
dann nicht allzuweit, so ist sie ebenfalls der Standort; 

drittens: endlich der Rest der Fälle, wo der Schnittpunkt 
der >Be5timmung>bögen< den Standort liefert, der dabei dann in 
der beschriebenen Form nach der Relevanz der Gewichte von je 
zwei Ecken diesen nah oder fern liegt. 

3. Für alle über die Dreiecksform hinausgehenden Standorts- 
figuren gibt es eine derart einfache Konstruktion des Standorts 
nicht mehr (s. Anhang I 12). Es tritt hier als leichteste Form 
seiner Bestimmung die Mechanik des beschriebenen Varignon'schen 
Gestells in ihr Recht. — Man kann sich aber vom Dreieck mit 
seinen Bestimmungskreisbögen her auch für diese kompliziertere 
Form die Allgemeinvorstellung mit hinübernehmen von einem ähn- 
lichen mathematisch meist nur nicht so einfach ausdrückbaren 
Hingezogenwerden des Standorts zu je zwei Ecken der gegebenen 
Standortsfiguren je nach der relativen Bedeutung von deren Kom- 
ponentengewichten. Das gibt, wenn eben auch hohe oder nie- 
drige Bestimmungskreisbögen nicht mehr hier der mathematische 
Ausdruck des »Hingezogenwerdens -^ des Standorts zu je zwei 
Ecken -sind, doch imm.er schon eine Vorstellungsbasis dafür, wo 
auch in diesen komplizierteren Figuren der Standort liegt. 

III. 

VV^as folgt nun aus diesen einfachen mathematisctien Ergeb- 
nissen für die Wirklichkeit.?' Decken sie sie völlig.^ 

Es ist klar : Für alle Fälle, in denen 1 okalisierte Ma- 
terialien zur Verwendung kommen, geben sie offenbar ausreichend 
Aufschluß darüber, wo der Standort sein wird. — Mag nun eine 
kompliziertere Standortsfigur entstehen, wie es bei der Mitwirkung 
zahlreicher derartiger Materialien der Fall ist, oder mag diese bei 
Verwendung von nur zweien ein einfaches Dreieck sein, oder 
schließlich bei Verwendung von nur einem einzigen zu einer 
> Linie »^, die von dem einzigen Materiallager zum Konsumort führt, 



Die mathematische Losung. 



59 



zusammenschrumpfen, — immer bleibt die Dynamik dieselbe, immer 
ziehen die Materiallager mit dem Materialgewicht, der Konsurnort 
mit dem Produktgewicht, und wird daher der Standort in der er- 
örterten Art determiniert. Nur daß, wenn die ^ Figur« zu einer 
Linie zusammenschrumpft, die Dynamik und Bestimmung sich 
vereinfacht. Es sind dann nur zwei Komponenten, die des einen 
Materiallagers und die des Konsumorts vorhanden, die überdies 
in einer Linie, die beide Orte verbindet, geographisch zusammen- 
fallen. Auf dieser geraden Linie zieht das Materialgewicht nach 
der einen, das Produktgewicht nach der andern Richtung und es 
wird sich hier also einfach nach dem Ueberge wicht des einen 
oder andern richten, wo der Standort auf der Linie liegt. Das 
heißt, er wird bei Ucbergewicht des Materials am ^ Lager«, bei 
Ueberwiegcn des Produktgewichts am »Konsumort «^ und bei Gleich- 
heit beider drei auf der Linie« liegen. 

P^ür die Verwendung lokalisierter Materialien also prinzipiell 
vollkommener Aufschluß. Wie nun aber, wenn daneben Ubiqui- 
täten, also z. B. Wasser oder dergl. zur Verwendung gelangen.?" 
Wie es ja schon der Fall sein muß, wenn, wie im letzterwähnten 
Fall, ein Ucbergewicht des Produktgewichts über die verwendeten 
lokalisierten Materialgewichte überhaupt entstehen soll. Die Ubi- 
quitäten haben keine dezidicrten Lager, mit denen sie in die 
Standortsfigur eingreifen können, sondern sind, wie eben ihr Be- 
griff sagt, »überall« vorhanden. Ihre Wirkung scheint sich also 
der Analyse in der Anschauungsform der Standortsfiguren über- 
haupt zu entziehen. Man braucht aber nur den Begriff der Ubi- 
quitäten ganz zu Ende zu denken, um zu sehen, daß das nicht 
der Fall ist. Da sie an jedem Ort, wo auch die Produktion statt- 
finden mag, zu haben sind, so werden sie eben auch in der 
Wirklichkeit da gewonnen werden, wo der Standort ist. 
Und das bedeutet, sie werden als Material in der Standorts- 
figur überhaupt keine Wirkung üben, sondern ausschließlich in 
ihrer verarbeiteten Form im Produkt; denn erst im Produkt 
treten sie standortsrnäßig geographisch in Erscheinung. An- 
ders gesagt, ihre Wirkung tritt in der Dynamik der Figuren ein- 
fach so zu Tage, daß sie als Verstärkung der Konsumortskom- 
ponente (die vom Standort zum Konsumort hinführt) wirken, weil 
sie dieser Komponente eben ihr Gewicht, das vorher nicht in Er- 
scheinung tritt, zuteilen. 

Bedenkt man dies, so sieht man, daß die Theorie mit ihrer 



6o Die Transpoitoric-ntierung. 

Anschauung die volle Wirklichkeit, weil eben sowohl die Verwen- 
dung von lokalisierten Materialien wie von Ubiqitäten, ganz um- 
spannt. Folglich muß es möglich sein, auch alle ihre Fälle aus 
ihr zu entwickeln. 

Das soll gleich geschehen. Zunächst jedoch ein paar allge- 
meine Resultate, die uns die theoretische Betrachtung sofort in 
den Schoß wirft. Und zu ihrer kurzen Formulierung gleichzeitig 
zwei Begriffe. 

3. Materialindex, Standortsgewicht und theoretisches Resultat. 
Man kann das transportmäßige Bestimmtwerden des Stand- 
orts, das sich ja zwischen den »Ecken« der Figuren bewegt, auf- 
fassen als einen Kampf verschiedener Kategorien dieser Ecken, 
und kann es daher ansehen als einen Karrtpf zwischen der Kon- 
sumecke und den Materialecken um den Standort; derart, daß 
alle Orientierung Konsumorts- oder mehr oder weniger weitge- 
hende Materialorientierung sein muß. — Wonach richtet sich nun 
die Entscheidung dieses Kampfes.?' Etwa, wie man meinen könnte, 
nach dem Maß, in dem überhaupt Material zur Herstellung eines 
Produkts verbraucht wird, also der Zahl der Materialtonnen, die 
für eine Produkttonne aufgewandt werden.^ Oder was dasselbe 
besagen würde, dem Maß der Materialverluste, derart, daß Pro- 
duktionen mit viel Materialtonnen p. T. P. , hohen Materialver- 
lusten also, material-, andere konsumorientiert wären } Das ist nach 
unserem Resultate falsch. Es kann dieselbe Menge Kohlen- und 
sonstiger Gewichtsverlustfaktoren p. T. P. aufgewandt werden, 
und doch kann der Standort an ganz verschiedenen prinzipiellen 
Punkten in der Figur, ja in einem Fall am Konsumort, im anderen 
Fall am Lager oder bei den Lagern liegen, je nachdem v.äe stark 
relativ die möglicherweise durch Ubiquitäten verstärkte Konsum- 
ortskomponente ist. — Maßgebend ist nicht das Verhältnis von 
verbrauchtem Materialgewicht zum Produktgewicht, sondern das 
Verhältnis des verbrauchten lokalisierten Materialgewichts zum 
Produktgewicht, wobei alle Ubiquitäten eben nur als Verstärkung 
dieses Produktgewichts Bedeutung haben. Dies Verhältnis des 
lokalisierten Material- zum Produktgewicht wollen wir bezeichnen 
als »Materialindex« der Produktion. Sodaß also beispiels- 
weise eine Produktion, die verbraucht für eine T. P. eine Tonne 
lokalisiertes Material -{- '/2 Tonne Ubiquitäten, ebenso einen 
>Materialindex« i hat, wie eine solche, die eine ganze Tonne 
Ubiquitäten noch zu einer Tonne lokalisierten Materials (z. B. 



Theoretisches Resultat. 5l 

eine Tonne überall vorhandener Erde zu einer Tonne Kohlen) 
dazu verbraucht, wie selbstverständlich endlich eine solche, die 
einfach eine Tonne Reinmaterial verbraucht. Sie alle sind prin- 
zipiell gleich orientiert. 

Faßt man so das Verhältnis des lokalisierten Materialgewichts 
— ganz gleichgültig übrigens auch zunächst, wie dies zusammen- 
gesetzt ist — zum Produktgewichte als »Materialindex« einer 
Industrie auf, so kann man weiter sagen: das G e s am tge wicht, 
das bei irgend einer Produktionsart pro Produkteinheit für die 
Bewegung in der Standortsfigur in Betracht kommt, hängt in 
seiner verschiedenen Größe augenscheinlich ganz einfach von der 
verschiedenen Größe dieses Materialindex der Industrie ab ; denn 
dieser Materialindex besagt ja, wieviel lokalisierte Materialgewichte 
noch außer dem Produktgewicht in der Standortsfigur bev;egt 
werden müssen, wieviel Gewicht also in ihr außer dem Produkt- 
gev/icht überhaupt in Bewegung gesetzt werden muß. Er mißt 
das zu bewegende Gesamtgewicht ab. Dies Gesamtgewicht, das 
in einer Standortsfigur zur Produkteinheit bewegt werden muß, 
wollen wir für die Folge als »Standortsgew icht<^ der betreffen- 
den Industrie bezeichnen. Wobei klar ist, daß dies S.tandortsge- 
wicht augenscheinlich den Minimalwert i hat (MI. == o, nur Übi- 
quitäten verwandt) und parallel dem Materialindex anwächst: 
MI. V2 = StG. 1V2 u. s. f. 

Mit diesen beiden Begrift'"en des »S^indortsgewichts« und des 
»Materialindex« läßt sich zu dem Kampf des Konsumorts und 
der Materiallager um den Standort nun folgendes sagen: 

Erstens: Allgemein. Industrien mit hohem Standorts- 
gewicht sind material-, solche mit niedrigem sind konsum- 
orientiert; denn erstere haben hohen, letztere niedrigen Mateiial- 
nucx, also hohe bezw. niedrige relative Attraktionsmaße der 
-Lager« ihrer Materialien. Und zwar — man denke an das ma- 
thematische Resultat — Hegt die Produktion aller In- 
dustrien am Konsumort, deren Materialindex, 
sei es aus welchem Grunde immer, nicht größer 
nls I, deren Standortsgewicht also nicht groß er 
als 2 ist. 

Das ist das erste Resultat. Als zweites aber kann man 
dann auf die Zusammensetzung des Materialindex eingehend, ab- 
leiten : 

Reinmaterialien können niemals dieProduk- 



02 L)ie Transportorientierung. 

tion an ihr Lager binden. Denn da sie ganz in das Pro- 
dukt eingehen, ist die Summe der Komponentengewichte ihrer 
Lager immer höchstens gleich dem Produktgewicb.t, der Material- 
index, den sie schaffen, also niemals über i. Das Nähere werden 
wir gleich noch unten sehen. 

Gewichtsverlustmaterialien dagegen können 
die Produktion bis an ihr Lager ziehen. Dazu ge- 
hört jedoch, daß erstens der Materialindex, inner- 
halb dessen sie mitwirken, größer ist als i und zweitens in 
dem Materialindex ihr Anteil gleich dem des Rests 
-|-dem Produktgewicht ist. Einfacher gesagt, ihr Gewicht 
muß gleich dem Produktgewicht -i- dem Gewicht der übrigen lo- 
kalisierten Materialien sein oder größer. 

4. Fälle. 

Gehen wir nun auf die verschiedenen möglichen Fälle der 
Wirklichkeit ein, und suchen wir alle irgend möglichen Kom- 
binationen zu erschöpfen. Es sind folgende Kombinationen von 
Materialien in den verschiedenen Industrien möglich und also der 
Reihe nach zu betrachten. Es kann vorliegen: 

1. Gebrauch nur von Ubiquitäten; 

2. Gebrauch von lokalisierten Reinmaterialien allein oder mit 
Ubiquitäten ; 

3. Gebrauch von Gewichtsverlustmaterialien allein oder in 
Kombination mit anderen Materialien. 

I. Nur Ubiquitäten. 

a) Eine Ubiquität. Hier ist ganz klar, die Produktion 
wird stets am Konsumplatz ihren Standort wählen. Es sagt uns 
das unsere Theorie, indem ihre Vorstellung ergibt, daß die Stand- 
ortsfigur zu einem »Punkt«, dem Konsumplatz, zusammenschrumpft, 
an dem die Produktion dann liegen muß. Es sagt aber auch die 
einfache Ueberlegung. Denn liegt bei Gebrauch nur einer Ubi- 
quität die Produktion am Konsumplatz, so ist überhaupt nichts zu 
transportieren, während bei jeder anderen Wahl des Standortes 
nach der Produktion ein Transport entsteht. Aus Transporterspar- 
nisgründen also Lage am Konsumplatz. 

b) Me-hrerc, Ubiquitäten. Es liegt kein Grund vor, daß 
der Standort hier anders gewählt wird als bei Verwendung von 
nur einer Ubiquität; er wird auch hier am Konsumplatz liegen. 

2. Lokalisierte Reinmaterialien allein oder mit Ubiquitäten. 
a) Ein Rein material allein. Die Standortsfigur schrumpft 



Die möglichen Einzelfälle. Q% 

hier, wie an anderer Stelle schon einmal erwähn!-, zu einer »Linie« 
zusammen, der Linie vom Lager des Materials zum Konsumplatz. 
Auf ihr ziehen das Material- und Konsumgewicht nach entgegen- 
gesetzten Richtungen. Im Fall, der vorliegt, wo der Materialindex 
gleich I ist, da das Material ganz eingeht und kein weiteres Mate- 
rial hinzutritt, sind sie gleich stark. Es ist ganz das gleiche Ge- 
wicht zu transportieren, ob man die Produktion im Konsumort, 
am Materiallager oder irgendwo auf dem Weg vornimmt. Der 
Standort ist beweglich; er kann irgendwo auf diesem »Weg« oder 
an einem seiner beiden Endpunkte, also am Konsumplatz oder 
am Lager liegen. 

b) Treten Ubiquitäten hinzu, so wird er sofort 
determiniert. Der Materialindex ist dann kleiner als i, die Kom- 
ponente des Lagers schwächer (eben um die Ubiquitäten), als die 
des Konsumorts, und der Standort liegt also an diesem. 

c) Mehrere Reinmaterialien allein. Auch hier 
entsteht eine Standortsfigur, in der der Materialindex gleich i 
ist. Unsere Theorie sagt also, daß der Standort am Konsumplatz 
liegen muß; denn hier zieht jener Materialindex nicht mehr auf 
einer Linie am Produktgewicht, sondern verteilt auf ebensoviele 
verschiedenen Linien als es Materialien gibt. Keine dieser Do- 
minanten ist der Konsumplatzkomponente ebenbürtig, diese 
aber ist so groß wie sie alle zusammen und hält daher den Pro- 
duktionsplatz am- Konsumort. Man kann dasselbe auch ohne Ver- 
wendung unserer Gewichtsdynamik auf anderem Wege finden. 
Man sagt sich : Alle Materialien müssen hier, sei es in Material-, 
sei es in Produktform, in ihrem vollen Gewicht von ihrem Lager 
zum Konsumplatz wandern. Sollen sie dabei keine überflüssigen 
Umwege machen, so muß jedes auf der geraden Linie zum Kon- 
sumplatz bleiben; es sei denn der Weg des einen führe zufäl- 
lig über den Lagerplatz des andern, werden sich also ihre Wege 
alle erst im Konsumplatz treffen. Und da ihre örtliche Vereini- 
gung Voraussetzung ihres Zusammengefügtwerdens zum Produkt 
ist, so kann nur der Konsumplatz, wo die Vereinigung der Wege 
stattfindet, der Standort sein. Produktion nur aus mehreren Rein- 
materialien also findet immer am Konsumplatz statt. 

d) Treten Ubiquitäten hinzu, so ist der Standort 
dann noch viel fester dort gebunden. Der Materialindex, der 
vorher i war, sinkt dann unter diese Größe. Die Konsumplatz- 
dominante ist nicht bloß ebenso stark, sondern stärker als alle 



Ö4 ^'^ Traiisportorientierung. 

anderen zusammen. Es ist daher ganz unmöglich, den Standort 
vom Konsumort zu entfernen. 

3. Gebrauch von Gewichtsverlustmaterialien allein oder in Verbindung 
mit andern Materialien. 

a)Ein Gewichtsverlustmaterial allein. Wir 
haben hier wieder den »Weg«, zu dem die Standortsfigur zusam- 
menschrumpft. Auch hier aber ist der Standort nicht mehr »be- 
weglich ^^j denn die Komponente des Materiallagers, die auf ihn 
wirkt, ist stärker, eben um den Gewichtsverlust des Materials. Der 
Materialindex ist um den Gewichtsverlust größer als i und der 
Standort liegt daher »am Lager«. 

b ) Treten U b i q u i t ä t e n hinzu, so verstärken sie ein- 
fach wieder die Konsumplatzkomponente. Und es wird sich für 
die Wahl des Standorts nur fragen, in welchem Grade sie das 
tun. Er bleibt offenbar solange »am Eager«, als trotz des Hin- 
zutretens der Ubiquitäten die Materialkomponente stärker, der Ma- 
terialindex größer bleibt als i. Sobald die Konsumplatzkompo- 
nente das L'ebergewicht erhält, der Materialindex also unter i 
sinkt, rückt der Standort plötzlich hinüber zum Konsumplatz. 
Also Wahl des Standorts zwischen diesem und dem Lager je 
nach der Größe von Gewichtsverlusten und Ubiquitäten. 

c) Mehrere Gewichtsverlustmaterialien allein. Hier 
tritt die volle Dynamik der Standortsfiguren unserer Theorie in 
Kraft, und eine präzise Aussage über die Lage des Standorts ist 
ohne ihre Berücksichtigung überhaupt nicht mehr zu machen. Es 
ist nach den gewonnenen allgemeinen Sätzen aber dies zu .«agen : 
Wirken Gewichtsverlustmaterialien allein in der Produktion mit, 
so ist notwendig der Materialindex stets über i, der Produktions- 
platz muß dann also in irgend einer Beziehung zu den Lagern 
orientiert sein. Wir wissen, durch welchen zwischen den Mate- 
riallagern laufenden Kreisbogen er bei zwei Materialien dann de- 
terminiert ist, und wir wissen weiter, wie er dabei nur dann am 
Konsumplatz liegen kann, wenn dieser zufälligerweise innerhalb 
dieses Kreisbogens liegt, während er in jedem Fall auch bei mehr 
Materialien ganz an ein Lager wandert, wenn dessen Gewicht 
gleich dem aller übrigen Lager + Produktgewicht ist. Woraus 
man nebenbei bemerkt sich ohne weiteres klar machen kann, in 
welchem Fall z. B. Kohlen die Kraft besitzen, den Standort bis an 
sich zu attrahieren. Dann nämlich wenn ihr Gewicht gleich dem Pro- 
duktgewicht -1- dem aller lokalisierten Verarbeitungsmaterialien ist. 



Die möglichen Einzelfälle. ^5 

Für den 1^'all, daß mehr als bloß zwei Materialien eingehen, 
wissen wir, tritt das Gestell des Varignon in Wirksamkeit. Man 
kann sich aber das durch das Ueberwiegcn des Materialindex ent- 
stehende geographische Attraktionsgebiet des Standorts, das 
CS hier gibt, dadurch deutlich machen, daß man einfach die Ma- 
teriallager zu einer Figur mit einander verbindet, also z. H so : 



M, 



■:off 



Fi-. 9. 
I'^s wird dann das Dreieck Mi, Mo, M.^ das Attraktionsgebict des 
Standorts sein; das um so stärker wirkt, je gr()ßer das Ueber- 
wiegcn des Materialindexes ist. 

d ) G e w i c h t s V e r 1 u s t ni a t e r i a 1 i e n mit Rein m a t c- 
r i a 1 i e n. Treten ReinmateriaHen bei der Produktion mit hinzu, 
so wird das he'ßen, daß der Materialindex kleiner wird, da sie 
ja ganz in der Konsumkomponente wieder zur Erscheinung kom 
men, daß also die Tendenz zu den Lagern abgeschwächt wird. 
Auch hier jedoch kann, solange nicht weitere Verstärkung der 
Konsumkomponente durch Ubiquitäten eintritt, der Standort nie- 
mals, — die zufällige Lage des Konsumplatzes innerhalb der be- 
kannten Kreisbögen abgerechnet — am Konsumplatz, sondern 
muß immer in irgendwelcher Beziehung zu den Lagern liegen. 
Wobei aber die Reinmateriallager keine Attraktionskraft üben. 
Man kann also wieder die separate Figur der Gewichtsverlust- 
materialien benutzen, um zu sehen, wo das geographische Attrak- 
tionszentrum des Standorts liegt, und auch wie stark es zieht. 

e) Treten endlich auch hier Ubiquitäten hinzu, so 
ist die Standortswirkung davon nach dem besprochenen wohl ohne 
weiteres klar. Ihr Hinzutritt besagt, daß genau um den Ik'trag, 
in dem sie verwandt werden, der Materialindex sinkt, sein aus 
dem Gewichtsverlust der anderen Materialien erlolgendes Ueber- 
gewicht also paralysiert wird. In dem Moment, wo die Gewichts- 
verluste durch Verwendung von Ubiquitäten wirklich ausgegliclien 
werden, ist der Materialindex trotz der Gewichtsverluste nur gleich 
I und liegt der Standort am Konsumplatz. Und genau in dem Maß, 
in dem die Sachlage durch Minzutritt von Ubit^uitäten sich diesem Zu 
stand nähert, wird natürlich die Attraktionskraft der Materiallager- 

A. Weber. St.nndort der Industrien; C 



(35 Die Tiansportorienlierung. 

fiL,uir sinken, die des Konsumplatzes steigen. Man braucht, will 
man wissen, ob eine Produktion bei Verwendung aller dieser Arten 
von Materialien sich im wesentlichen materialmäßig oder konsum- 
mäßig orientiert, nur den Gewichtsverlust ihrer lokali- 
sierten Materialien zu vergleichen mit dem Gewicht 
der Ubiquitäten, die sie braucht. Je nachdem welches Gewicht 
großer ist, liegt die eine oder die andere Art der Orientierung vor. 

Dies alles nur, um das prinzipielle mathematische Bild zu 
konkretisieren und zu zeigen, wie es sich in der Anwendung auf 
die Einzelfälle ausnimmt, und daß es sie umspannt. Die ge- 
naue Bestimmung des Standorts in jedem Einzelfall gibt natür- 
lich dabei unsere Konstruktion, oder, wird die Figur zu kompli- 
ziert, das :> Gestell« des Varignon. 

Diese Konstruktion ..md das Gestell sind aber, wie die eben vor- 
genommene Durchsicht der Einzelfälle zeigt, nur nötig, wenn Ge-- 
Wichtsverlustmaterialien zur Verwendung kommen, weil überhaupt 
nur dann eine wirkliche > Standorts-Figur <- entsteht, in der der 
Standort nicht am Konsumplatz liegt. In allen andern Fällen 
liegt er am Konsumplatz ; ausgenommen nur wenn er in folgen- 
der sonst einfacher Art bestimmt ist : 

a) bei Verwendung nur eines Reinmaterials, wo er auf dem 
Weg zwischen Lager und Konsumplatz beweglich ist ; 

b) bei Verwendung nur eines Gewichtsverlustmaterials, wo er 
an dessen Lager liegt; 

c) bei Verwendung von Ubiquitäten neben einem Gewichts- 
verlustmatcrial, wo er je nach dem quantitativen Verhältnis von 
Gewichtsverlust und Ubiquitäten am Lager- oder am Konsum- 
platz liegt. 

Dies das Resultat der Anwendung der allgemeinen mathemati- 
schen Minimalpunktslchre auf die in Umrissen vorgeführten Wirklich- 
keitskombinationen, die die verschiedenen Industrien darstellen. 
5. Die Gesamtorientierung. 

Wir haben bisher den Blick beschränkt auf die Vorgänge 
der Transportorientierung in isoliert angesehenen Standortsfiguren. 
Dehnen wir ihn weiter aus. — Es ist klar, daß grundsätzlich die 
Dinge für die Gesamtorientierung einer Industrie ganz die glei- 
chen sind. Denn diese Gesamtorientierung bedeutet ja doch, 
transportmäßig angesehen, einfach das Nebeneinanderbestehen 
einer mehr oder weniger großen Anzahl selbständiger Standorts- 



Die Entstehung der Standortsfiguren. 57 

figuren, die aus den verschiedenen Konsumplätzen und Material- 
lagern einer Industrie sich bilden. Doch ist es gut, sich dabei 
noch einige Fragen etwas weiter klar zu machen. 

I. Zunächst diese: Wie entstehen in der Gesamtorien- 
tierung einer Industrie die Standortsfiguren? 
Welches sind die günstigst gelegenen Lager, durch deren Heran- 
ziehung für die Konsumplätze sie sich bilden? Sind es einfach 
und in jedem Fall die jedem Konsumplatz geographisch nächsten ? 

In den einfachen Verhältnissen, in denen überhaupt keine 
komplizierten Standortsliguren mit gegeneinander wirkenden Kräf- 
ten entstehen, sind es in der Tat stets die geographisch nächsten 
Lager. Es ist, wenn nur ein Material verwandt wird, selbstver- 
ständlich, daß das nächste Lager gewählt wird, mag nun der 
Produktionsplatz am Lager, auf dem »Weg«, oder am Konsum- 
platz liegen. Es ist weiter selbstverständlich, daß bei Verwen- 
dung mehrerer Reinmaterialien allein oder in Verbindung mit Ubi- 
quitäten, wo ja der Standort stets am Konsumplatz liegt, gleich- 
falls einfach die nächsten Lager benutzt werden, um die nicht 
ubiquen Materialien dorthin zu schaffen. Und es ist endlich selbst- 
verständlich, daß in dem einzigen Fall, wo Gewichtsverlustmate- 
rial mit anderen zusammenwirkt, ohne daß eine kompUzierte 
Standortsfigur entsteht, nämlich dann, wenn nur Ubiquitäten zu 
einem solchen Material hinzutreten, wo dann der Standort, wie 
wir wissen, zwischen dessen Lager und dem Konsumplatz alter- 
nativ ist, gleichfalls das geographisch nächste Lager für die Ver- 
sorgung gewählt wird. 

Nicht so in jedem Fall , wenn eine wirkliche Standorts- 
figur entsteht. Die Lager, die die Figur bilden, müssen dann 
nicht notwendig sämtlich, vom Konsumplatz gesehen, die geo- 
graphisch nächsten ihrer Art sein. Man denke, um das sofort 
zu sehen, z. B. an folgenden Fall. GM das Lager des Gewichts- 
verlustmaterials sei allein in weiter Umge- 
bung vorhanden, außer Konkurrenz. Für 
das Reinmaterial aber konkurrieren zwei 
Lager, von denen RM i dem Konsumplatz 
das nächste ist, aber weiter von GM liegt als 
ein zweites RM 2, so wie es die Figur zeigt. 
Der Standort sei durch das Uebergewicht 
des Gewichtsverlustes in jedem Fall nahe bei ^^^<^ 
GM. Es ist klar, nicht RMi, des dem Kon- 




g§ Die Transportorienüerung. 

sumplatz geographisch nächste, sondern RMo, das GM geogra- 
phisch nächste, wird für die Produktion herangezogen, mit ihm 
also die »Figur« gebildet werden. Denn wenn der Standort nahe 
an GM liegt, müßte das Reinmaterial, wenn es bei RMi gewon- 
nen würde, eine weite Reise zunächst zu GM hinunter und dann 
wieder zurück zum Konsumort machen; während diese weite Reise 
gespart wird, wenn RM2 statt seiner für die Produktion herange- 
zogen wird. Es würden im ersteren Fall in der Standottsfigur, 
die entsteht, höhere Gesamttransportkosten erwachsen als im letz- 
teren. So an einem Beispiel. — Allgemein heißt das : Entschei- 
dend für die Heranziehung der Lager bei Bildung der Standorts- 
ftguren ist der Transportkostenindex der Figuren, der 
sich unter Mitberücksichtigung der Lage des Standorts in ihnen er- 
gibt; derart, daß diejenige Figur im Konkurrenzkampf obsiegt 
und daher theoretisch als die sich »bildende« anzusehen ist, 
welche den niedrigsten Transportkostenindex hat, und daß daher 
diejenigen Lager herangezogen werden, die durch ihre Heran- 
ziehung diese Figur zusammensetzen. Wobei sich für das ein- 
zelne Lager der Fall ergeben kann, daß es durchaus nicht das 
dem Konsumplatz geographisch nächste seiner Art ist. Je mehr 
vielmehr in der Standortsfigur der Standort nicht in der Nähe des 
Konsumorts, sondern in der des einen oder andern Lagers liegt, 
d. h. je mehr die Materialien und zwar eins von diesen für die 
Lage prädominierend sind, umsomehr bleibt nur für dieses eine 
Material die geographische Nähelage zum Konsumplatz bei der 
Auswahl des Lagerplatzes entscheidend, für die anderen Mate- 
rialien aber v ird nicht mehr die Nähelage zum Konsumplatz, son- 
dern zum Lager des prädominierenden Materials das sein, was die 
Heranziehung ihrer Lager zur Produktion und demnach die Bil- 
dung der Standortsfigur bestimmt. In unserer heutigen Industrie 
z.B., wo Kohle in weitem Maß ein solches pr-^dominirendes Mate- 
rial darstellt, ist es die geographische Nähe zu den Kohlenlagern 
und nicht zu den Konsumplätzen, was üb die Heranziehung der 
übrigen Rohstofflager in den Produktionen entscheidet, wo eben 
Kohle in der Produktion standortsmäßig prädominiert. Die Pro- 
duktion muß hier in Standortsfiguren orientiert sein, die wohl aus 
den den betreffenden Konsumplätzen nächst gelegenen Kohlen- 
lagern, im üb'igen aber aus möglichst nahe diesen Kohlenlagern 
gelegenen Ronstofflagern gebildet werden, die also eine schmale 
Basis an den Kohlenlagern und eine lange zu den Konsumplätzen 



Zusaininenwirkeii der Einzelfiguren. Qn 

gehende Spitze haben. Materiallager, die den Konsumplätzen 
sehr nane, den Kohlcnplätzen aber fern liegen, bleiben unbenutzt. 

So ist also die Entstehung der Standortsfiguren bei einer 
Vielheit der heranziehbaren Lager, wie sie die Wirklichkeit bie- 
tet, prinzipiell wohl klar. Die exakte mathematische Lösung 
ihrer Entstehung für den Fall, daß das optimale Lager 
eines Materials feststeht, bietet für die Heranziehung nur 
eines Zweitmaterials zudem der Anhang I Nr. lo, Tafel I. 
In Tafel I bezeichnen Ai, den Konsumplatz, y\2 das La- 
ger des einen prädomnierenden Materials, dessen heranzuziehendes 
Lager feststeht; A3, das beweglich gedacht ist, das noch unbe- 
stimmte Lager des Zweitmaterials. Die Linien gleicher Trans- 
portkosten, die für die bei verschiedenen möglichen Lagen von 
A3 entstehenden Standortsfiguren gezogen sind, geben dann Auf- 
schluß, welches von mehreren konkreten Zweitmateriallagcrn tatsäch- 
lich für die Bildung der Standortsfigur herangezogen werden wird. 
Dasjenige natürlich, dessen Heranziehung den geringsten Trans- 
portkostenindex liefert, und das wird das sein, das innerhalb der 
niedrigsten der in Tafel I gezogenen Transportkostenlinien liegt. 
So prinzipiell und in concreto über die Bildung der Standorts- 
figuren. 

2. Zweierlei sei für die Gestaltung der Gesamtorientierung 
nach Transportkosten weiter noch erwähnt : 

a) Es ist nicht nötig, daß für die Versorgung jedes einzel- 
nen Konsumplatzes in jeder Produktion nur eine einzige Stand- 
ortsfigur siegreich bleibt und demnach auch nur ein Produktions- 
platz für die Versorgung erwächst. Denn erstens kann und wird 
es vorkommen, daß sich mehrere Standortsfiguren mit gleichen 
oder für die Praxis annähernd gleichen Transportkostenindices 
ergeben: es liegt z. B. in der einen möglichen Standortsfigur das 
eine, in der anderen möglichen das andere Material näher am 
Konsumplatz und beides gleicht sich im Transportkostenindex 
aus. Dann besteht äquivalente Konkurrenz, aus der die Benutzung 
der Produktionsplätze beider Figuren hervorgehen kann. So aus 
natürlichen Verhältnissen, wozu noch kommen kann, daß auch 
eine entsprechende Tarifpolitik die Transportkostenindices 
ausgleichen kann. — Und zweitens und vor allem: die Mate- 
riallager der günstigsten Standortsfiguren können nach ihrem re- 
gelmäßigen Ausbringen vielleicht nicht ausreichen, um den Be- 
darf des Konsumorts zu decken. Es werden dann natürlich we- 



Die Transportorientierung. 




niger günstige Standortsfiguren, »die auf anderen Materiallagern 
ruhen, der Reihe nach herangezogen. Und so 
wird es sich bei großen Konsumplätzen — mo- 
dernen Großstädten vor allem — ergeben, daß 
oft eine ganze Vielheit von Produktionsplätzen, 
die auf Standortsfiguren mit verschieden hohem 
Index beruhen, sie versorgen. Diese Orte müs- 
sen, indem sie wachsen, fortgesetzt neue bisher 
»tote Materiallager« lebendig machen, fortgesetzt 
neue Standortsfiguren, die in ihnen ihre Konsumorte haben, 
entstehen lassen und also auch fortgesetzt neue Produktionsplätze 
schaffen. 

b) Ganz ebenso nun aber, wie das mögliche Ausbringen eines 
Materiallagers kleiner sein kann, als für die Versorgung des ihm 
nach der standortsmäßigen Lage in erster Linie zugehörigen Konsum- 
platzes nötig ist, kann das Ausbringen — und das wird für alle 
in großen Massen lokalisierten Materialien der Fall sein — auch 
größer, sehr viel größer sein. Das hat dann zur Folge, daß die- 
ses Materiallager nicht nur für jenen ersten Konsumplatz, sondern 
nach der Reihe auch für alle weiteren, für die seine Heranzieh- 
ung optimale Transportkostenindices, d. h. bessere als die irgend- 
welcher anderen Lager erzielt, verwendet wird. Solche Material- 
j^^ lager werden also ganz ebenso als Zent- 
rum von um sie gruppierten Standorts- 
figuren erscheinen, wie im eben erwähn- 
ten umgekehrten Fall der große Konsum- 
platz; und sind sie gleichzeitig Lager 
standortsmäßig prädominierender Materia- 
lien, die alles zu sich heranattrahieren, so 
werden sie Zentrum einer nach allen 
Fig. 12. Seiten ihren Absatz ausstrahlenden Pro- 

duktion werden. 

Mit alledem dürfte nun auch das Bild der Gesamtorientierung 
nach Transportkosten klar sein, nicht nur das der Einzelorientie- 
rung. Natürlich nur begrifflich deutlich, denn wie die Gesamt- 
lagerung wirklich aussehen wird, läßt sich natürlich abstrakt nicht 
sagen. Nur an die Faktoren von denen sie abhängt, und die 
Verschiebung dieser Faktoren durch die tatsächliche Entwicklung 
lei hier noch erinnert. 




Die Faktoren dei Transportorientierunii. - I 

6. Die Faktoren der Transportorientierung. 

Formal gesprochen, ist der einzige Faktor, von dem die 
Natur der transportmäßigen Standortswahl einer Industrie abhängt 
der M a t e r i a 1 i n d e X der Industrie und seine Zusammensetzun<^^ 
Und es ist in der Tat mit allem Nachdruck zu betonen, daß 
außer diesem ganz und ausschließlich im jeweiligen technischen 
Charakter der verschiedenen Produktionszweige gelegenen Faktor 
nichts anderes das transportmäßige Grundnetz ihrer Orientierung- 
bestimmt und ändern kann. Wir werden später sehn, wie für 
das Maß der Abweichungen, das die anderen Orientierungs- 
gründe von diesem Grundnetz schaffen, erstens weitere im »Cha- 
rakter« der verschiedenen Produktionszweige liegende Faktoren, 
zweitens aber auch noch allgemeine > Milieubedingungen«, wie 
vor allem die jeweils herrschende »Konsum- und daraus hervor- 
gehende »Produktionsdichtigkeit« und die bestehende allgemeine 
»Transportkostienhöhe« maßgebend sind. Für die Gestaltung des 
transportmäßigen Grundnetzes der Industrieorientierung bedeuten 
diese grundsätzlich gar nichts. Die Steigerung der »Konsumdich- 
tigkeit« kann die Heranziehung neuer Materiallager wegen Insuf- 
ficienz der bisher verwandten nötig machen und dadurch weitere 
Standortsfiguren und Produktionsplätze zu den bisher schon be- 
stehenden zur Entstehung bringen, eine ko nkr ete Weiterbildung 
des Grundnet/es also schaffen. Das ist alles. Die Hebung oder 
Senkung der allgemeinen »Transportkostenniveaus«, aber ändert 
an dem ganzen Bilde überhaupt nichts ; sie steigert oder senkt 
in allen Standortsfiguren deren »Kostenindex« verschiebt dadurch 
aber weder den Standort in ihnen, noch verschiebt sie die gegen- 
seitigen Bedingungen der Bildung der Figuren untereinander. Es 
besteht die paradoxe Tatsache, daß gerade das Grundnetz der 
Industrieorientierung, das man sich unter dem ausschließlichen 
Einflüsse der Transportkosten entstanden denkt, unabhängig ist 
von der allgemeinen Höhe dieser Kosten. 

Sachlich aber i.st die so ausschließlich von den Materialver- 
hältnissen geregelte transportmäßige Orientierung der Industrie 
durch diese Materialverhältnisse tatsächlich abhängig doch von 
zwei verschiedenen Bedingungen. Das w^as den »Materialindex 
jeder Industrie, den, wie wir sahen, theoretischen Ausdruck der 
für sie maßgebenden Materialverhältnisse, in seiner prinzipiellen 
Natur bestimmt, sind zwei Dinge : die Höhe der Gewichtsverluste 
der lokalisierten Materialien bei der Produktion auf der einen und 



~2 Dit TransportorieiUieruny;. 

die Höhe der verbrauchten Ubiquitäten aui der andern Seite. 
Jede Steigerung der Gewichtsverluste der ] Deduktion setzt den 
MateriaHndex herauf, und jede Steigerung des Ubiquitätenver- 
brauchs setzt ihn herab ; und umgekehrt. Und — das ist das 
Wichtige — diese beiden Dinge sind die einzigen, die ihn her- 
auf oder herabzusetzen vermögen. Sie sind es also, die ihn in 
seiner jMinzipiellen Natur bestimmen und die insbesondere die 
von der Höhe des Materialindex abhängige Frage der größeren 
oder geringeren Material- oder Konsumorientiertheit der Industrien 
entscheiden. Es ist das gegenseitige Verhältnis von in der Indu- 
strie verbrauchten Ubiquitäten zu in der industriellen Produktion 
entstehenden Gewichtsverlusten lokalisierter Materialien, was grund- 
legende Antwort gibt auf die Frage, ob die Industrie sich gene- 
rell in einer Zeit an die Konsumplätze siedelt, oder zu den Ma- 
terialien rückt. 

7. Entwicklungs-Tendenzen. 
Was heißt das nun für die Entwicklung der Transport- 
orientierung .^ Wie verschieben sich diese beiden Bedingungen 
in ihr, und was ist die Folge? Es liegt hier so: Stellen wir 
uns in die Wirklichkeit, und gehn wir davon aus, daß hier 
»Entwicklung« in guten Zeiten im ganzen heißt, fortwährend 
steigende Beherrschung der Natur und fortwährend weiter- 
gehende Verdichtung der Bevölkerung auf der Fläche , so 
bedeutet das für die Veränderung der Bedingungen der Trans- 
portorientierung dies: auf der einen Seite, was die Ubiquitäten 
angeht: muß die ;> Entwicklung«, indem sie die Bevölkerung ver- 
dichtet, der vorhandenen Masse der Ubjquitäten einen immer wei- 
ter steigenden Bedarf gegenüberstellen. Sie wird auf die Art 
nicht-reproduzible Ubiquitäten an gewissen Plätzen ganz verbrau- 
chen; und für reproduzible Ubiquitäten wdrd sie an vielen Plätzen 
einen ihre lokale Produzierbarkeit übersteigenden Bedarf konsti- 
tuieren. In beiden Fällen streicht sie damit bisherige Ubiquitäten 
an diesen Plätzen für die Produktion aus der Liste dieser; im 
ersten Falle ganz, im letzteren wenigstens für den Teil der Pro- 
duktion, dessen Rohstoffbedarf lokal nicht mehr bedeckt ist. Und 
diese Streichung von Ubiquitäten aus der Liste wird mit dem 
Fortgang der Entwicklung je mehr sich die Bevölkerung verdich- 
tet, dort wo sie sich verdichtet, immer größere Dimensionen an- 
nehmen; sie kann in den Verdichtungsgebieten praktisch soweit 
gehn, daß die Verarbeitung an sich d. h. technisch über- 



l-".m\vicklungstcndenzen. 7-5 

all pioduzierbarcr Stoffe in dem Verdichtungsgebiet tatsächlich 
ganz und gar sich zur Verarbeitung von auswärts zu beziehender 
d. h. lokalisierter Materialien umgestattet. Als Gesamterschei- 
nung will das besagen : die- ---Entwicklung«, soweit sie Bevölkerungs- 
verdichtung darstellt, vermindert fortgesetzt den Anteil, den die 
Ubiquitäten als Materialien in der Gesamtproduktion haben, indem 
sie an deren Stelle Verbrauch von lokalisierten Materialien setzt. 
Sie senkt damit unaufhörlich das Gewicht der Konsumplatzkom- 
ponentcn. So ihre Wirkung auf die eine der beiden prinzipiell 
entscheidenden Bedingungen. — Die andere, das Maß der Gewichts- 
verluste der also zunehmend zur Verwendung gelangenden lokalisier- 
ten Stoffe in der Produktion, beeinflußt sie durch ihre andere Seite : die 
technische Entwicklung oder steigende Naturbeherrschung. Man 
kann, was hier durch die steigende Naturbeherrschung vor sich geht, 
bezeichnen als fortgesetzten weiteren Uebergang von der Benüt- 
zung in der Natur dem Menschen verwendungsbereit dargebote- 
ner Stoffe wie Holz, Erden usw. zu der Benützung von Stoffen, 
die wie die Mineralien, chemischen Substanzen usw. erst durch 
Prozesse aus ihr ^auszulösen« sind. Dies aber heißt, es wird 
steigender Gewichtsverlust in der Produktion entstehen: erstens 
dadurch, daß die »Auslösungsprozesse« der neuen MateriaHen 
ganz durchgängig Brennprozesse und also infolge des Verbrauchs 
von Heizmaterial :> Gewichtsverlustprozesse <• größeren Stils sind; 
zweitens aber auch noch dadurch, daß die »neuen« Materialien 
selber, weil sie eben erst > auszulösen« sind, starke Gewichtsver- 
luste haben, »Rückstände« lassen, die durchschnittlich größer sind, 
als die der alten Stoffe, des Holzes, der Erden usw. Je mehr sich 
also jene neuen Stoffe in die Produktion einschieben, umsomehrwird 
es in ihr Gewichtsverluste der verwandten ^Materialien« geben. Da- 
mit noch nicht genug. Die Naturbeherrschung führt ganz gene- 
rell zur »Mechanisierung« der Produktion überhaupt und damit 
infolge eines abermaligen Verbrauchs von Heizmaterial, zur Ver- 
wandlung jedes mechanisierten Prozesses in einen »Gewichtsver- 
lustprozeß« und also wieder zur generellen Steigerung der Ge- 
wichtsverluste, wo sie derart eingreift. 

Steigerung der Gewichtsverluste in der Produktion und zwar 
sehr vielgestaltige und starke Steigerung und demnach kräftige 
Verstärkung der Materialkomponenten, das ist also das, was sie 
von der anderen Seite her der Schwächung der Konsumortskom- 
ponenten durch das Verschwindenlassen der Ubiquitäten, das wir 



74 Die Transportorientierung. 

erstlich kennen lernten, gegenüberstellt. Das Resultat muß sein : 
sehr starke und fortwährende Verschiebung der Industrie von der 
Konsum- zur Materialorientierung. Und in der Tat, so muß man 
die Entwicklung ansehn, wenn man von der Seite unserer Be- 
trachtungsweise her die allgemeinsten Grundlagen des großen in- 
dustriellen Umwälzungsprozesses verstehen will, dessen Zeugen 
wir im 19. Jahrhundert geworden sind. Die rapide Bevölkerungs- 
verdichtung des 19. Jahrhunderts, ebenso wie die rapide tech- 
nische Entwicklung (mit ihrer Mechanisierung der Produktion und 
ihrem Uebergang zur Metallnutzung), beide Entwicklungen konver- 
gierten nach der Seite, in ebenso rapider Eile, wie sie vor sich 
gingen, die bis dahin weitaus überwiegende Koinzidenz der in- 
dustriellen Transportstandorte mit den Konsumplätzen zu zerstö- 
ren, anders ausgedrückt, die standortsmäßige Entleerung der Kon- 
sumplätze von industrieller Produktion zu schaffen. Die »standorts- 
mäßige Entleerung der Konsumplätze von industrieller Produktion«, 
das aber war die Zerstörung des Handwerks; denn dieses hatte 
zu einer seiner Voraussetzungen eben die Koincidenz von Stand- 
ort und Konsumort. — Von da aus hat man von der Seite der Stand- 
ortslehre gesehen die allgemeine Anschauungsbasis für die Tat- 
sache des notwendigen Zusammenbruchs dieser Art der Industrie- 
organisation. 

Das Handwerk ist durch viele verschiedene und fast sämtlich 
sehr starke Kräfte untergraben worden. Es ist sicher, daß die 
angedeutete Verschiebung der Standortsbedingungen keine der 
schwächsten dabei war. 

Abschnitt III. 

Annäherungen an die "Wirklichkeit. 

Treten wir nun für die Durchbildung der Theorie aus der 
weitgehenden Abstraktion, in der wir uns bisher bewegt haben, 
heraus, und führen wir das Gewonnene in die Modifikationen 
hinein fort, die die konkrete Wirklichkeit hervorruft. Es sind 
zwei Dinge aufzugeben : erstens die Annahme, daß beim Transport 
Gewicht und Entfernung die einzigen für die Kosten maß- 
gebenden Faktoren seien, — die grundlegende Annahme also 
unsrer ganzen Auseinandersetzung — die die Standortsfiguren und 
den Standort ja auf dieser Gedankenbasis entstehen ließ — und 
zweitens : die Annahme daß, mögen nun die Transportkosten im 



Die konkrete Natur der Tarifgestaltung. 



einzelnen so oder so bestimmt sein, sie immer doch durch eine 
einzige Art der Transportdurchführimg einheitüch für ein 
ganzes Land determiniert sind. Diese zweite Annahme stand im- 
mer hinter jener ersten der Vereinfachung des Kostenmaßstabes 
bei unseren ganzen Auseinandersetzungen noch dahinter. Positiv 
gewendet heißt dies beides: wir haben er.sten.s die konkrete 
Natur der Tarifgestaltung zu berücksichtigen und zweitens das 
tatsächliche Zusammenwirken mehrerer Transportapparate. 

I. Die konkrete Natur der Tarifgestaltung. 

Es ist in Ab.'ichnitt i schon besprochen, in welcher Art grund- 
sätzlich die Abweichungen der Tarifgestaltung von reiner » Ge- 
wichts- <- und »Kilometerrechnung« gedanklich doch in ein Ver- 
kehrssystem, das bloß .solche kennt, einzufügen d. h. in dessen 
Elementen auszudrücken sind. Ich erinnere hier an das Gesagte. 
Wir sahen, Abweichungen, die Erhöhungen oder Ermäßigungen 
der »Kilometerrechnung« sind d. h. erhöhte oder erniedrigte 
Sätze für bestimmte *W e g kategorien< , einzelne Strecken oder ge- 
nerell gewisse Entfernungen bedeuten, sind in Gestallt von ge- 
dachten Verlängerungen oder Verkürzungen, »Kilometerzuschlä- 
gen-« oder > Abzügen« der betreffenden Strecken oder Entfer- 
nungen in das System einfügbar. — Abweichungen aber, die Ver- 
änderungen der reinen »Gewichtsrechnung« sind, d. h, erhöhte oder 
erniedrigte Sätze für bestimmte »W a r e n kategorien« darstellen, 
sind — - mögen sie nun die Warenkategorien generell oder unter 
bestimmten Bedingungen betreffen — immer als gedachte Gewichts- 
erhöhungen oder Gewichtsermäßigungen, ideelle »Gewichtszu- 
schläge« oder »Gewichtsabzüge«, die bei den betreffenden Warenka- 
tegorien zu machen sind, gedanklich einzugliedern. Das war die prin- 
zipielle Lösung. Wir sahen auch schon, in der deutschen 
Wirklichkeit sind es bei den Eisenbahnen nur die Entfernungs- 
staffelungen und »Streckenausnahmetarife«, die als Abweichungen 
von der reinen »Kilometerrechnung« und nur die Tarifermäßi- 
gungen für niedrigwertige Güter, sowie die Tariferhöhungen für 
in kleinen Mengen aufgegebene sperrige und explodierbare Güter, 
die als Abweichungen von der reinen »Gewichtsberechnung« hier 
Aufgaben stellen. Die Art, in der alle diese Modifikationen gedank- 
lich einzugliedern sind, ist nicht mehr zweifelhaft. Es fragt sich aber, 
welche Bedeutung hat ihre Eingliederung für die Struktur der 
Transportorientierung, die entsteht.^ Wie verändert sie die Bildung 



76 Die Transportorientierung. 

der Standortsfiguren, und wie beeinflußt sie die Lage der Stand- 
orte in diesen? 

Das muß, mag es auch wenig mteressant sein, hier noch durch- 
gesprochen werden. 

a)Die Abweichungen von der reinen Kilo- 
met e r r e c h n u n g. Werden durch billigere Ausnahmetarife ein- 
zelne Strecken kilometrisch verkürzt oder durch Staffelungen 
große Entfernungen generell, so bedeutet das offenbar einfach 
eine Verschiebung der geographischen Lage der verschiedenen 
für die Bildung der Standortsfiguren in Betracht kommenden 
Punkte zueinander. Von den Konsumplätzen her gesehen, werden 
gewisse Materiallager tatsächlich näher gerückt sein, als das nach 
der äußeren geographischen Lage der Fall ist. Von den Material- 
lagern gesehen, kann das für die gegenseitige Entfernung der 
verschiedenen Lager gleichfalls der Fall sein. Da nun die tat- 
sächliche Entfernung der Materiallager von den Konsumplätzen 
und von einander maßgebend ist für die Frage, welche Standorts- 
figur nach dem Gesetz des niedrigsten Transportkostenindex ent- 
steht (cf. oben S. 67), so tritt also durch diese künstliche Ver- 
schiebung der tatsächlichen Entfernungen auch eine Verschiebung 
der Konkurrenz der Materiallager bei der Versorgung der Kon- 
sumplätze und der Bildung der Standortsfiguren ein. Gewisse 
iVIateriallager, die sonst zur Bildung von Standortsfiguren mit 
bestimmten Konsumplätzen nicht herangezogen würdcfn, werden 
dies nun, — andere, die sonst Verwendung fänden, scheiden aus. 
Es können auf diese Weise für die Versorgung der Konsumplätze 
in concreto ganz andere Standortsfiguren und also auch ganz 
andere Produktionsplätze in der Wirklichkeit entstehen, als nach 
den bloßen geographischen Lageverhältnissen anzunehmen wäre. 
I n den Standortsfiguren aber, die entstehen, werden die Standorte 
der Produktion grundsätzlich sich genau so bestimrtien, wie es 
nach den angegebenen Regeln der Fall sein muß. Es wird, anders 
ausgedrückt, an der prinzipiellen Lage des Standorts zu 
Materiallagern und Konsumort nichts, sondern es werden nur die 
konkreten Standortsfiguren, in denen sich der Standort bildet, 
geändert. Bei Betrachtung der Karte wird man sich also viel- 
leicht wundern, daß der oder jener Standort sich nicht mit Ver- 
wendung eines anderen geographisch vielleicht näher liegenden 
Lagers gebildet hat; man wird aber die tatsächlich gewählten 
Materiallager einmal in Betracht gezogen, keine Abweichung von 



Abweichungen von der Kilomelerrechnung. 77 

der allgemeinen Regel der Standortsbcslimmung finden. 

b) Abweichung von der reinen Gewichts- 
rechnung. Anders und gerade umgekehrt offenbar, wenn es 
sich um den zweiten Fall der ideellen - Gewichtszuschläge +■ 
oder -abzüge^^^ handelt, die entsprechend der Tarifierung bei 
einzelnen Wagenkategorien zu machen sind. Hier wirkt offenbar 
das Gut, das mit Gewichtszuschlag oder -abzug in die Stand- 
ortsbilanz eintritt, mit einem anderen als seinem realen Gewicht 
bei ihr mit. Es attrahiert von seiner Ecke her entweder stärker 
oder schwächer, als sein reales Gewicht erlauben würde, und dem- 
entsprechend muß, wenn der ideelle Gewichtszuschlag oder -ab- 
zug nicht alle zusammenwirkende Materialien und das Produkt, 
also die Wirkung aller Ecken, in gleicher Weise betrifft, eine 
grundsätzliche Verschiebung des Standorts in der Standortsfigur, 
nämlich zu den modifiziert wirkenden Ecken hin oder von ihnen 
weg erfolgen. — Ist das Produkt der industriellen Arbeit z. ]1 
ein Sperrgut (unzerlegbarer Stuhl, Bottich, Fass), und sind es die 
Materialien, die dazu verwandt werden, nicht, so wukt nach dem 
deutschen Tarif die Konsumplatzkomponente oder kurz gesagt der 
Konsumplatz mit dem i '/2fachen des Produktgewichts, also nicht 
wie die allgemeine Theorie sagt, mit der bloßen Summe der 
eingegangenen Materialgewichte (sagen wir 2) sondern z. B. 
mit 3, und es kann dabei sein, daß der Standort, der bei 
Nichtsperrigkeit irgendwo in der Stanaortsfigur zwischen Material- 
lager und Konsumplatz zu liegen gekommen wäre, jetzt wenn 
das Produktgewdcht nun doppelt so groß als die Materialgewichte 
geworden sein sollte, am Konsumplatz liegen muß ; — sicher- 
lich ein Vorgang, der für sperrige Güter in der Wirklichkeit 
nicht selten ist. — Umgekehrt kann natürlich auch ein 
Rohstoff, der Sperrgut ist, (Wolle), dessen Produkt (Garn) 
SS aber nicht ist, vielleicht nunmehr in der Wirklichkeit die At- 
traktion-skraft haben, den Standort an sein Materiallager oder in 
dessen Nähe zu ziehen, während er nach der reinen Theorie wo 
anders liegen müßte. — So für Sperrgüter, für Explosivgüter 
natürlich ebenso. 

Die gleiche Wirkung, nur umgekehrt, bei Tarifermäßigung 
niedrigwertiger Güter. Derartige Tarifermäßigungen werden so 
gut wie immer Gewichtsabzüge der Materialien darstellen, 
während sie die Produkte überwiegend unberührt lassen oder 
doch nur mit kleineren Ermäßigungen bedenken werden; denn 



78 Die Transportorientierung. 

diese sind ja hochwertigere Güter als die Materiahen. Die Tarif- 
ermäßigungen niedrigwertiger werden also so gut wie immer 
Attraktionsverminderungen der Materialecken gegenüber der Kon- 
sumecken und demnach Verschiebungen der Standorte zu dieser 
hin bedeuten. . Wenn z. B. in Deutschland fast alle ganz niedrig- 
wertigen Rohstoffe, wie Erde, Erze, Holz mit Tarifermäßigungen 
bis ?u 60 7o, Kohle mit einer solchen von 56 "/o gegen die nor- 
malen Sätze befördert werden, so bedeutet das sicher eine starke 
Verschiebung der Standortstendenz von den Material- und Koh- 
lenlagern zu den Konsumplätzen; den Versuch also, die tatsäch- 
lichen Produktionsstandorte zu » zerstreuen « . Und unsere Theorie gibt 
auch darüber Aufschluß, in welchem Grade diese Zerstreuung 
durch die Maßregel gelingen wird, und wohin dadurch die Trans- 
portstandorte für die einzelnen Industrien verlegt werden werden. 
Denn es sind in die Standortsdynamik, die wir kennen, einfach 
die ermäßigt beförderten Güter mit der Ermäßigung entsprechenden 
Gewichts-Abzügen einzustellen, und es wird sich mit genau der- 
selben Exaktheit wie in den einfachen Fällen, wo keine solchen 
Gewichtsabzüge zu machen sind, berechnen lassen, wohin darnach 
die Transportkosten die Standorte verlegen. 

Was durch die Tarifermäßigungen oder Erhöhungen be- 
stimmter Güterkategorien also herbeigeführt wird, sind grundsätz- 
liche wenn auch genau bestimmbare Verschiebungen des Stand- 
orts innerhalb der »Figuren«. Zu bemerken ist aber, daß dies 
auch die einzige Wirkung Ist. Eine Verschiebung in den heran- 
zuziehenden Materiallagern tritt nicht ein, da ja die Tarifbeson- 
derheiten hier immer alle Materiallager derselben Güterkategorie 
gleichmäßig betreffen und, wie gesagt, nur ganz generell das ein- 
zustellende Gewicht, aber nicht die kilometrischen Verhältnisse 
tangieren. Nur aber eine Verschiebung dieser (d. h. der Ent- 
fernungen) bringt eine Verschiebung in der Konkurrenz der ver- 
schiedenen Lager untereinander und also eine Verschiebung ihres 
Herangezogenwerdens für die Standortsfiguren hervor. Genau im 
Gegensatz zu dem erst behandelten Fall der Abweichungen von 
der reinen Kilometerrechnung, die auf die Bildung der Standorts- 
figuren eine Wirkung übte, bleiben hier diese Figuren und mit 
ihnen also die gesamten strukturellen Grundlagen der Produktions- 
orientierung unberührt; es verschieben sich nur innerhalb dieser 
Grundlagen die Standorte selber. 

■ Etwas Besonderes ist vielleicht noch zu bemerken über die 



Abweichungen von der Gewichtsrechnung. 70 

Tariferhöhungen für Sendungen in kleinen Portionen (halbe Wagen- 
ladungen und Stückgutsendungen). Auch diese Tariferhöhungen 
sind ja auszudrücken als ideelle Gewichtszuschläge für die so ver- 
sandten Güter. Sie betreffen nun aber nicht bestimmt benannte 
Güterkategorien, sondern eben alle Güter, wenn sie in, bestimmter 
Form versandt werden, und sie scheinen daher auch keine in die 
generelle Standortsbetrachtung als präzise Größen einzustellende 
Faktoren zu schaffen, da man ja keinem Produkt ansehen kann, 
ob seine Produktion in den Standortsfiguren das Quantum für 
die normalen Sätze der bewegten Material- und Produktmassen 
erreicht oder nicht erreicht, und ob daher in den Standortsfiguren 
der Transport zu den erhöhten Sätzen vor sich gehen muß oder 
nicht. Die Deformationen des »theoretischen« Standortsbilds die so 
herbeigeführt werden, scheinen sich also jeder generellen Erfassung 
zu entziehen, wenn sie auch in jedem einzelnen Fall, für jede ein- 
zelne Standortsfiguren genau zu berechnen sind. In der Tat liegt 
die Sache so, doch kann man diese Deformationen vorläufig ein- 
fach ignorieren. Denn jede »Standortsfigur« die entsteht, hat ja 
eine bestimmte, durch die Größe des Konsumorts, für den sie 
arbeitet, gegebene Kapazität der in ihr bewegten Massen. Es 
werden sich also in der einen :> ganze <', in der anderen vielleicht 
nur »halbe« Wagenladungen bewegen usw. In der einen wird 
daher billiger, in der anderen teurer transportiert und, also pro- 
duziert und konsumiert werden, das hann aber weder die »Bil- 
dung« der Figuren noch die »Lage« des Standorts in ihnen 
grundsätzlich tangieren. Und demnach scheidet vorerst diese 
Modifikation der reinen »Gewichtsrechnung« aus der Betrachtuno- 
praktisch aus ^). 

1) Sie gewinnt erst Bedeutung, wenn die Produktion mehrerer Standortsfiguren 
durch Agglomeration miteinander »verkuppelt« wird. In den dann entstehenden 
>Kombinationsfiguren« bestimmt nicht mehr die Größe eines einzelnen Konsum- 
orts die Kapazität der überhaupt bewegten Mengen und also den Tarifsatz, sondern 
es kann \ielleicht der Bezug der Materialien zu den »Kombinationsproduktionsplätzen« 
hin in Wagenladungen also zu billigen Tarifsätzen erfolgen, auch wenn die Kapa- 
zität der einzelnen Konsumorle Zusendung der Produkte nur in kleineren Mengen 
erlaubt, also zu höheren Tarifsätzen. Das muß dann wie ein j Gewichtszuschlag« 
der Produkte wirken, Verstärkung der Konsumortskomponenten also bedeuten ; 

id müßte an sich die Tendenz haben den ; Kombinationsstandort« nach der Seite- 
der Konsumorte zu verschieben; — wenn nicht bei den »KombinalionsstandortPn« 
überhaupt andere i Verschiebungen* eintreten würden die eir Weitcrverfolgen 
dieser Verschiebungstendenz hier untunlich erscheinen lassen. 



3o L)ie Transpoitoricntienini:. 

2. Die konkrete Natur des Transportapparats. 

Die bisherige Theorie verfuhr so, als ob der Transportappa- 
rat immer ein für das ganze zu betrachtende Gebiet einheitUches 
Ding sei und, als ob nur ein Transportapparat von einer Art da 
sei. Das erstcre braucht nicht der l'^all zu sein ; jeder vor- 
handene Apparat kann in selbständige Stücke zerschlagen sein. 
Und das letztere ist in der Wirklichkeit nicht der Fall; es stehen 
Eisenbahnen, Wasser- und Landstraßennetz nebeneinander. Ich 
sagte schon, daß es die zweite Aufgabe unserer »Annäherung 
an die Wirklichkeit« sei, die Bedeutung dieser Abweichungen von 
der Abstraktion festzustellen. 

I. Zerschlagen sein des Transportapparats. 

Das möglicherweise vorliegende Zerschlagensein des Trans- 
portapparats in wenn auch technisch zusammenwirkende so doch 
wirtschaftlich selbständig operierende Stücke kann dabei mit 
wenigen Worten erledigt werden. Aeußert sich das Zerschlagen- 
scin in selbständiger Tarifgestaltung der verschiedenen Stücke 
— nur dann hat es natürlich für die Transportkostengestaltung 
eine Bedeutung — so wird es von dem MafS der Unterschiede 
zwischen den Tarifsätzen abhängen, ob man die Gegenden ver- 
schiedener Tarifgestaltung einfach zweckmäßig je als selbständige 
Gebiete der Industrieorientierung behandelt. So zu verfahren 
wird z. B. zweckmäßig sein, wenn die ideellen >> Gewichts- 
zuschläge <^ und -Abzüge«, die in den verschiedenen Gebieten 
gegenüber irgend einem für sie alle gedachten Normaltarifsatz 
gemacht werden, sehr mannigfaltiger Art sind. Dann entsteht 
hier für jedes der Gebiete eine möglicherweise weitgehend ver- 
schiedene »prinzipielle* Lage der Standorte, die man dann wohl 
besser je selbständig betrachtet. — Ocjer man kann die Tarifver- 
schiedenheiten als lokale Modifikationen einer • einheitlichen 
Tarifgestaltung in einheitlichem Orientierungsgebiet behandeln. 
Und das wird möglich und zweckmäßig sein z, B. dann, wenn die 
Tarifgestaltung nur in der Behandlung einzelner geringer Güterkate- 
gorien oder sonst nur in geringen Punkten von einander sich entfernt. 
Ein Fall, der z. B. für das Tarifwesen im deutschen Reich vorliegt 
und der es uns ermöglicht, das gartze deutsche Gebiet als einen 
einheitlichen Körper der Industrieorientierung zu behandeln. 
II. Zusammenwirken verschiedenartiger Trans- 
portapparate. 

Kompliziertere Probleme schafft anscheinend das tatsächliche 



'-.- *-.*'. 
>,-,?>, 



Zusammenwirken verschiedenartiger Transportapparate. gl 

Zvisammenwirken von Transportapparaten verschiedener Art, aber 
auch nur anscheinend. Wenn man die konkrete Lage der Dinge 
wie sie heute ist, ins Auge faßt, so sind sie auch lösbar. — Vor- 
her aber ist es zweckmäßig, sich noch folgende Anschauung zu 
verschaffen. 

Fasst man z. B. den Transportapparat der Eisenbahnen ins 
Auge, so stellt der geographisch ein »Netz<^ dar, das man sche- 
matisch sich so veranschaulichen kann : 



FJg. 13. 
In diesem Netz sitzen die bestehenden Konsumplätze und 
Materiallager an irgendwelchen Punkten drin, wie es in dem Sche- 
ma beispielweise angedeutet ist. Es ist geschaffen, um diese ver- 
schiedenen Zentren mit einander zu verbinden, es verbindet sie 
aber nicht gradlinig, sondern mit zahlreichen durch die Mitbe- 
rücksichtigung anderer Zentren und durch geographische Ver- 
hältnisse bedingten Krümmungen. Die idealen Standortsfigu- 
ren mit ihren mathematisch geraden Verbindungen und die 
tatsächlichen Verbindungen verhalten sich daher etwa so 
zu einander, wie es in dem Schema oben angedeutet worden 
ist. Der wirkliche Transport muß sich an die tatsäch- 
lichen Verbindungen anlehnen, höchstens daß er imstande 
ist, gewisse noch fehlende bessere Verbindungen, die sich aus 
den Bedürfnissen der Standortsfiguren ergeben, anzuregen und 
sie vielleicht herbeizuführen. In jedem Fall werden die mathe- 
matischen Verbindungslinien, die in den Standortsfiguren von den" 
Materiallagern zum Prodtiktionsplatz und von diesem zum Kon- 
sumplatz laufen, nur in den durch die Wirklichkeit geschaffenen 
Krümmungen erscheinen können. Das ist selbstverständlich. Hat 
das nun für die Anwendung unserer Regeln eine Bedeutung.?' Dar- 
auf ist zu antworten : ja, insofern als vermöge des notwendigen 
Sicheinfügens des wirklichen Standorts in ein ungcradliniges 

A. Weber, Standort der Industrien. 6 



j^-» Die Transportorientierung. 

Verkehrsnetz auch die Wahl dieses Standorts nur eine Annähe- 
rungr an den idealen Standort, nicht aber dessen reine Abspiege- 
lung in der Wirklichkeit sein kann. Es wird unter den nach der 
Natur des Verkehrsnetzes realer Weise in Betracht kommenden 
Punkten derjenige gewählt werden, der den Bedingungen des ide- 
alen Standorts noch am meisten entspricht. Es ist in der Zeich- 
nung angedeutet, wie in dem Schema von den dem idealen 
Standort naheliegenden realen Punkten mehrere in Betracht kom- 
men können, wie aber der eine von ihnen (P') gewählt werden 
wird, weil er wenn auch geographisch, dem idealen vielleicht ferner 
liegend doch in der Natur seiner Stellung zu den Materiallagern 
und dem Konsumort den idealen Anforderungen am meisten 
enstspricht. 

Die Anschauung dieser in jedem Fall vorliegenden »deformie- 
renden« Wirkung der Wirklichkeit vorausgeschickt, nun zu dem 
Zusammenwirken mehrerer Arten von Transportapparaten. 

a) Die Wirkung der Wasserstraßen. Es wirken 
heute Eisenbahnen, Wasser und Landstraßen zusammen, d. h. 
wenn man den Eisenbahnapparat als den normalen, an den man 
die Betrachtung anknüpft, behandelt, ein etwas billigerer in den 
Wasserstraßen und ein wesentlich teuerer in den Landstraßen. 
Was bedeutet nun zunächst standortsmäßig die Konkurrenz der 
Wasserstraßen, deren Sätze sich bekanntlich in praxi heut 
in Deutschland etwa um die Hälfte der niedrigsten Sätze der 
Eisenbahnen, also um i Pfg., per Tonnenkilometer bewegen.? — 
^lan mache sich klar, wie sich W^asserstraßen und Eisenbahnen 
geographisch heut zu einander verhalten. Es gibt überall ein 
außerordentlich dichtes, das ganze Land überspannendes Eisen- 
bahnnetz, und es gibt dazwischen »bandartig« hindurchlaufend 
einzelne natürliche oder künstliche Wasserstraßen. Diese stehen 
vielleicht untereinander in Verbindung, sodaß sie ein »Netz« bil- 
den, können aber auch nur unverbundene Stromsysteme darstel- 
len. Auch im ersten Fall aber sind sie ein so wenig gegliedertes 
Gerippe, daß sie weder den Aufschluß aller Materiallager des 
Landes noch etwa gar die Versorgung aller seiner Konsumplätze 
leisten können, daß sie vielmehr immer nur als gewisse Punkte 
billig verbindende Straßen in dem die beiden Aufgaben erfül- 
lenden und daher die Industricorienticrung eigentlich tragenden 
Eisenbahnnetz hängen. An dem Eisenbahnnetz liegt die große 
Masse der Konsumplätze, an ihm liegt die große Masse der Ma- 



Mitwirkung der Wasserstraßen. 33 

teriallager des Landes. Dieser enthält daher die Attraktionspunkte, 
nach denen sich die Bildung der Standortsfiguren, also das Grund- 
gerippe der Industrieorienticrung richtet. Daraus folgt, die Bän- 
der der Wasserstraßen, die durch das Eisenbahnnetz hindurch- 
laufen, stellen standortsmäßig nichts weiter dar, als gewisse in 
dieses eingefügte Transportstrecken, auf denen besonders billig ver- 
frachtet werden kann; sie lassen sich auffassen und werden zweck- 
mäßiger Weise aufgefaßt als Teile des Eisenbahnnetzes mit be- 
sonders niedrigen Tarifsätzen. Damit aber sind sie begrifflich in 
die Vorstellung eines einzigen bestehenden einheitlichen Trans- 
portnetzes eingefügt und damit auch in die einheitliche Auffas- 
sung unserer Theorie. Denn wir wissen, solche Strecken eines ein- 
heitlichen Transportapparats mit besonders billigen Sätzen be- 
deuten weiter nichts als proportional ihren niedrigeren Sätzen 
verkürzte Entfernungen. Sie bedeuten damit eine begrifflich 
schon erklärte Veränderung der strukturellen Grundlage der 
Industrieorientierung. Die Bildung der Standortsfiguren wird 
durch sie einfach dahin beeinflußt, daß Materiallager, die diese 
verkürzten Wege benutzen, andere Lager, die sie nicht oder nicht 
in gleichem Ausmaß benutzen können, für die Herstellung der 
Standortsfiguren > schlagen«. Also Erweiterung des Schlagkreises 
gewisser Materiallager, Ausschaltung anderer und Verlegung ge- 
wisser Standorte ; das ist die genau zu definierende Wirkung der 
Konkurrenz der Wasserstraßen mit den Eisenbahnen. Es macht 
nicht die geringste Schwierigkeit, wenn man die Tarifsätze der 
konkreten, in Betracht kommenden Wasserstraßen kennt, sie als 
Standortselemente in unsere Betrachtung einzustellen und die 
sich aus ihrer Mitwirkung ergebende Standortsgestaltung nach 
unseren Regeln zu bestimmen. Schematisch kann man sich den 
Einfluß ihrer Mitwirkung z. B. folgendermaßen deutlich machen. 

Fall I. Ausschaltung eines Materiallagers und Einfügung 
eines anderen durch den Einfluß einer Wasserstraße, Verlegung 
der Standortsfigur und des Standorts. Conf. Fig. 14 auf S. 84. 

Das Lager M2 Hegt hier geographisch für die Bildung der 
Standortsfigur wesentlich günstiger als das Lager M'2. Wenn keine 
Wasserstraße da sein würde, so würde sich für die Versorgung 
des Konsumplatzes das Standortsdreieck mit dem Produk- 
tionsplatz P bilden. Das Vorhandensein der W'ass(;r.straße kann 
aber bewirken, daß die anzurechnende kilometrische Entfernung 
die M'2 von K trennt, ganz wesentlich unter die heruntersinkt, die 

6* 



84 



Die Transportorientierung. 



M 2 von ihm trennt. Alsdann tritt trotz der äußerlich ungünstige- 
ren Lage von M'a doch das Standortsdreieck mit M'2 und der 
Produktionsplatz P' in Kraft. — Voller Effekt der Mitwirkung der 
Wasserstraße, wie er zuerst erörtert ist. 




Fig. 14. 

Fall 2. Natürlich braucht nun der Effekt nicht so weit zu 
gehen; es kann sein, daß eine Veränderung in den herangezoge- 
nen Materiallagern nicht herbeigeführt wird. Die Standortsfigur 
also dieselbe bleibt und nur eine geographische Verschiebung des 
den idealen Standort verwirklichenden realen Produktionsplatzes 
stattfindet. Diese kleinere Wirkung macht folgende Figur deut- 
lich. 




F'g- 15- 
Auch hier liegt M2 günstiger zum Konsumort als M'a, aber 
auch das mit Heranziehung von M 2 gebildete Standortsdreieck 
Ml M2 K läßt die Benutzung der Wasserfracht zu, und der mit 
dessen Benutzung gebildete Standort P' dürfte einen geringeren 
Transportkostenindex haben als der Standort des Dreiecks Mi 



Mitwirkung des Landstraßennetzes. 3 C 

M'a K. Es wird also IVI2 nicht ausgeschaltet werden, die herange- 
zogenen Materiallagern werden die gleichen und das Standorts- 
dreieck wird dasselbe bleiben, wie beim Fehlen der Wasserstraße. 
Aber etwas wird sich doch vollziehen, nämlich die Verlegung des 
Standorts innerhalb der Figur an die Wasserstraße. Der ideale 
Standort wird sich nicht in dem ihm bei bloßer Benutzung der 
Landwege adäquatesten Platz P, sondern in dem Wasserstraßen- 
standort P' verwirklichen. 

Das alles nur, um die größere oder geringere Wirkung der 
Wasserstraßen anschaulich zu machen, und um gleichzeitig zu 
zeigen, wie sich die in der Wirklichkeit vorliegende »Garnierung« 
der Wasserstraßen mit industriellen Produktionsstätten ergibt. Es 
sind das lauter Standorte, die bei ihrer »Fleischwerdung« in der 
Wirklichkeit von ihrer theoretischen Landlage durch die Wasser- 
straße einen kleinen Ruck nach rechts oder links erhalten haben 
und nun ihre Schornsteine am Wasser rauchen lassen, obgleich 
sie »ideell« irgendwo in die »Umgegend« gehörten. 

b) Mitwirkung des Landstraßennetzes. Es ist 
bekannt, daß die Transportkosten per Achse durchschnittlich 
das 4 — lofache, in einzelnen F"ällen das 2ofache der Eisenbahnkosten 
betragen, und daß infolgedessen der Fernfrachtverkehr auf dem 
Landstraßennetz aufgehört hat. Das Netz funktioniert heut nur 
noch als Zuleitungsmaschinerie zu den Bahnstationen bzw. als 
Verteilungsmaschinerie von ihnen aus. Daraus ergibt sich: eine 
selbständige Standortsbedeutung hat das Netz solcher Verkehrs- 
wege heut überhaupt nicht mehr; seine Funktion ist vielmehr 
die eines Unterorgans im Eisenbahntransportapparat. Wenn man 
sich die Bedeutung dieses Unterorgans klar machen will, so stellt 
man sich am besten jeden solchen Zuleitungs- bezw. Verteilungs- 
bezirk, der sich um eine Bahnstation gruppiert, als eine Einheit 
vor mit der Bahnstation als Mittelpunkt. Als eine solche Einheit 
tritt der Bezirk, sei es nun als Materiallager, sei es als Kon.sum- 
platz, durch die Bahnstation hindurch in die Gesamtindustrieori- 
entierung ein. Wobei es uns vorläufig gleichgültig sein kann, 
wie er sich dabei innerlich organisch unter dem Einfluß seines 
Straßennetzes gliedert. Es ist das eine ähnliche Standortsfrage 
wie die, wie sich die Industrie in einer Großstadt unter dem Ein- 
fluß der dort vorhandenen Verkehrsfaktoren gruppiert — eine 
lokale Agglomerations- oder Verteilungsfrage, von der an ganz 
anderer Stelle zu handeln sein wird. Wichtig i.st hier nur dies : 



36 Die Transportorientierung. 

Tritt eine solche Bahnplatzeinheit, wie ich sie nennen 
möchte, als Materiallager in die Industrieorientierung ein, so ist 
als Bezugspreis der Materialien nicht der Preis ab Lager, 
sondern der Preis ab Bahnstation anzusehen (also Preis ab Lager 
-1- Achsenfracht). Denn offenbar erst auf Grundlage dieses Preises 
tritt das Materiallager wirksam in die Industrieorientierung ein. 
Es wird gleich zu erörtern sein, was die Differenzen in den Be- 
zugspreisen der Materialien an ihren Lagern für eine spezielle 
-Bedeutung in der Industrieorientierung haben ( — ihre grundsätz- 
liche Rückführbarkeit auf Transportkostendifferenzen haben wir 
bereits oben gesehen — ). Dann wird sich auch ergeben, 
was der geringere oder größere Achsenaufschlag auf die 
eigentlichen Materiallagerpreise, oder, anders ausgedrückt, ^'die bes- 
sere oder schlechtere Lage der Materiallager zu den Bahnstati- 
onen innerhalb der Industrieorientierung für eine Bedeutung hat. 
Und erst damit werden wir die Bedeutung der Mitwirkung des 
Landstraßennetzes im Transportapparat ganz übersehen. Hier 
nur noch dies: es kann natürlich sein, und ist massenhaft der 
Fall, daß Materiallager und Konsumplatz so zueinander liegen, 
daß sie die Dazwischenkunft des Eisenbahnapparats gar nicht 
brauchen, daß sie sich, anders ausgedrückt, in derselben »Bahn- 
platzeinheit» befinden. Das heißt dann für die Industrieorientie- 
rung im großen, daß sie sich am gleichen Platz befinden und 
also für deren theoretische Betrachtung im großen ausscheiden. 
Für die lokale Orientierung innerhalb der Bahnplatzeinheit werden 
aber dann natürlich, angewandt auf das Straßennetz, das dort 
existiert, im kleinen genau dieselben Regeln der Orientierung, 
sich wirksam zeigen, wie sie im großen für das gesamte Land mit 
seinem großen Transpörtapparat gelten. Es wird sich hier alles 
einfach en miniature wiederholen. 

3. Weitere Annäherungen an die Wirklichkeit. 

Es ist nun möglich, zum Schluß noch ein paar w^eitere 

wichtige vereinfachende Annahmen aufzulösen, einige bisher 

Ignorierte Besonderheiten der Wirklichkeit in ihrer Bedeutung 

zu berücksichtigen. Es sind dies erstens die durch ihre 

»Lagerpreise« oder durch die lokale Lage der Materiallager zu den 
Bahnstationen geschaffenen Preisdifferenzen der Mate- 
rialien, mit denen diese in den Standortsprozeß eingehen, und zwei- 
tens die Mitwirkung der Wasserkraft im Produktions- 

»rozeße. Es war von den Preisdifferenzen der Materialien, die an sich 



Die Preisdifferenzen der Materialien. '^y 

ein selbständiger regionaler Orientieruni^sfaktor sein müßten, allge- 
mein ausgeführt worden, daß sie sich gedanklich als 'l'ransport- 
kostenunterschiede der Materialien ausdrücken und so in die 
Theorie einfügen lassen. Und es war weiter von den Wasser- 
kräften behauptet worden, daß sie sich gedankenmäßig als beson- 
ders billige Brennstoffe ansehen, also ihrerseits wieder in Preis- 
differenzen eines Materials ausdrücken und so gleichfalls in die 
Theorie einfügen lassen. Bei der Mitwirkung der Wasserkräfte 
liegen nun aber doch einige ganz wesentliche Besonderheiten vor; 
und auch die Art, wie sich die Materialpreisdifferenzen in Trans- 
portkostendifferenzen ausdrücken lassen, und wie sie dann auf die 
Orientierung wirken, bedarf doch auch noch der Konkretisici lug 
mit Heranziehung der gefundenen Standortsregeln. Also : 

I. Die Preisdifferenzen der Materialien und 
ihre Wirkung. 

Es geht uns hier nichts an, woraus diese Preisdifferenzen 
der Materialien hervorgehen; ob sie von Differenzen der Gesteh- 
ungskosten kommen, oder aus künstlicher Preispolitik, oder aus 
Transportkostendifferenzen, die bis zu dem Punkt erwachsen, wo 
die Materialien in den großen Verkehr (d. h. Eisenbahn- oder 
Wasserstraßenverkehr) treten und demnach Standortswirkung 
üben. Dieser Punkt, ist für die Theorie das »Lager«, mit 
dem sie in der Analyse des großen Standortsmechanismus ar- 
beitet, mit seinem Preis hat sie zu rechnen. — Die Preisdifferenzen 
selbst wirken im Standortsmechanismus nun niemals grundsätz- 
lich den Standort in der F'igur verändernd. Vielmehr ist ihre Be- 
deutung die, daß sie die Konkurrenzverhältnisse unter den Ma- 
teriallagern gleicher Art verschieben. Materiallager mit billigeren 
»Lagerpreisen« werden einfach größere Schlagkreise haben als 
aus der geographischen Situation an sich hervorgeht ; sie werden 
zur Versorgung von Konsumplätzen herangezogen werden, für 
die sonst geographisch günstiger gelegene verwendet würden. 
Sie werden also die Bildung gewisser Standortsfiguren unter Her- 
anziehung günstiger gelegener Lagerbezirke und die Wahl der 
aus diesen hervorgehenden Standorte verhindern, und an Stelle 
davon die Bildung anderer mit ihrer Heranziehung und mit den 
dazu gehörigen Standorten schaffen ; und dadurch können sie 
natürlich, ohne die Standortslage in den überhaupt entstehenden 
Figuren grundsätzlich zu ändern, eine weitgehende Verlegung der 
Stamlorte in concreto gegenüber dem rein -geographisch- zu er- 



88 Die Transportorientierung. 

wartenden Zustand schaffen. Kurz sie werden in allgemeiner Art 
ebenso wirken wie die durch billige Einzelstreckensätze hervor- 
gerufene Verschiebung in der Konkurrenz der Materiallagei;, die 
oben besprochen ward. 

2. Die Heranziehung der Wasserkräfte. 

Wasserkräfte können heute in zweierlei Formen als Kraft- 
quellen der Produktion benutzt werden; direkt durch Fallwerke 
oder indirekt durch elektrische Uebertragung. In beiden Fällen 
sind sie, wie schon frühere Erörterungen ergeben haben, für die 
Einfügung in unsere Theorie gedanklich zu behandeln, wie Brenn- 
stofflager die bestimmte im ganzen ja wohl niedrigere Preissätze 
haben. Wobei offenbar die Pferdekraftstunden, die sie leisten, auf 
der Grundlage der die gleichen Pferdekraftstunden leistenden 
Kohlenmengen in Gewichtsmengen von »Rechnungskohle« be- 
stimmter Preislage, umzurechnen sind, um so die Gewichtsmengen 
dieser ideellen Kohlen in ihren Preisen mit denen der realen Kohlen- 
mengen, die sie ersetzen, in Vergleich stellen zu können. Dieser 
Punkt ist einfach. Es liegen aber doch eingehend zu betrachtende 
Besonderheiten in der Standortswirkung dieser so gewonnenen 
»Rechnungskohlenmengen« vor, und zwar 

a)Bei Benutzung durch Fallwerke. Hier be- 
stehen die Besonderheiten darin, daß diese »Rechnungskohlen- 
mengen« nur an einem geographischen Platz, dem des I'allwerks, 
benutzt werden können. Das heißt »standortsmäßig« : sie üben 
eine alternative Standortswirkung aus ; entweder der Stand- 
ort geht an den geographischen Platz dieses Standortsvorteils 
hin, oder er bleibt, wo er ist, und ist also von ihm überhaupt 
ganz unberührt. Wann tritt das eine, und wann das andere ein.? 
Das Unberührtbleiben von diesem Standortsvorteil heißt praktisch 
heut, Bildung der Standortsfiguren und Wahl des Standortes in 
Verbindung mit den best gelegenen Kohlenplätzen. Die Stand- 
ortsfiguren, die so entstehen, kennen wir und wollen wir als die 
normalen ansehen. Heranziehung der Wasserkräfte bedeutet dem- 
gegenüber Ausschaltung der Kohlenlager und Bildung neuer Stand- 
ortsfiguren unter Benutzung der Wasserkraftplätze. Aber es bedeutet 
noch mehr; es bedeutet gleichzeitig Verlegung des Standorts in 
den neuen Figuren an einen unter Umständen prinzipiell neuen 
Punkt, nämlich an die Fallwerke des Wassers. Das prinzipielle 
Neue gegenüber der einfachen Ausschaltung von Kohlenlagern 
durch billigere oder besser gelegene andere Kohlenlager ist also, 



Die Heranziehung der Wasserkräfte. gg 

daß nicht nur durch eine neue Standortsfigur eine neue struktu- 
relle Grundlage der Orientierung entsteht, sondern daß auch 
durch die notwendige Verlegung des Standorts an den Wasser- 
kraftort in allen Fällen, wo der Standort in den alten Figuren 
nicht am Kraftstolflager war, gleichzeitig eine grundsätzliche Ver- 
legung des Standortes in der Figur stattfindet. Daraus folgt 
erstens, ganz provisorisch formuliert, daß die Standortswirkung 
von gegenüber Kohlenplätzen besser gelegenen, billigeren Wasser- 
kräften nicht so groß sein wird, als wenn diese Wasserkräfte um 
eben so viel besser gelegene oder billigere wirkliche Kohlenlager 
wären. Denn ihre Wirkung wird abgeschwächt durch die zu- 
sätzlichen Transportkosten, die sich durch das Abweichen des 
Standorts von seinem normalen transportmäßigen Minimalpunkt 
in den neuen Figuren ergeben. Die Standortsumwälzung also, 
die von solchen Wasserkräften ausgehen wird, wird das ihr nach 
der gedanklichen Eingliederung der Wasserkräfte als billigere 
Kohlenkräfte zustehende Maß nicht voll erreichen; sie wird da- 
hinter zurückbleiben, und zwar umsomehr in je größerem Aus- 
maß die Nichttransportierbarkeit der Wasserkraft eine gleich- 
zeitige prinzipielle Verlegung des Standorts in der Figur not- 
wendig macht, was wieder in umso größerem Maß der Fall sein 
wird, je geringer der Standort in den > alten Standortfiguren« von 
der Kraftlagerkomponente beeinflußt war. 

Wann wird nun zweitens, genauer gefragt, die Wasserkraft dar- 
nach in der Lage sein, die Verwendung der Kohlenlager auszuschal- 
ten und den Standort an sich heranzuziehen.? Antwort: Allgemein 
offenbar dann, wenn die Ersparnis an Kraftkosten größer ist als die 
Steigerung der Transportkosten. Es ist algo die Relation zwischen 
den in Betracht kommenden Kosten der Rechnungskohle am 
Wasserkraftort und der wirklichen Kohle an deren Lagerort zu 
vergleichen mit der Relation zwischen dem Transportkostenindex 
des alten und dem des neuen Standorts. Oder man kann auch 
sagen : es sind Wasserkraftkosten- und Transportkostenindex des 
neuen Wasserkraftstandorts auf der einen Seite zu addieren und 
auf der anderen Seite Kohlenkraftkosten- (loko Lager) und 
Transportkostenindex des alten Standorts auf der anderen Seite, 
und beide Seiten mit einander zu vergleichen. Ist die Summe 
des Wasserkraftstandorts dann kleiner, so ist er billiger und 
schaltet also die Kohlen aus; im umgekehrten Fall nicht. 




QO ^^^ Transportorientierung. 

lün einfaches Beispiel: Wenn die Alternative der nebenstehenden 
Figur vorliegt, (in der P den alten Standort 
der alten Standortsfigur M1M2K mitKohlen- 
verwcndung, (Kohlen in Mi) W (Wasserkraft- 
/ L\ S^^' ort) den neuen Standort in der neuen Stand- 

t^^^\ ^,^ ortsfigur M2 W K mit Wasserkraftverwen- 

**' '^' düng bedeutet, so ist zu vergleichen, Preis der 

Fig. 16. Gewichtsmenge Rechnungskohle proProdukt- 

einheil iu W plus Transportkostenindex von W (a' b) und Preis der 
Gewichtsinenge wirklicher Kohle pro Produkteinheil in M2 plus Trans- 
portkostenindex von P (a, b, c). Ist die erstere Sumnnc kleiner, so tritt 
an die Stelle von P der Standort W, sonst nicht. Der ganze Vor- 
gang ist also sehr einfach. Und die alterierende Wirkung der 
nicht übertragbaren Wasserkräfte ist also auch sehr leicht zu be- 
rechnen. Sie ist in die engen Grenzen geschlagen, die ihr das 
Aufgesogenwerden der größeren Billigkeit der Rechnungskohlen, 
die sie darbietet, durch die zusätzlichen Transportkostenindizes ihrer 
Standortsfiguren mit den in ihnen verschobenen Standorten schlägt. 
Am meisten wird sie noch auf weitere Entfernungen Industrien, 
die sowieso am Kohlenlager liegen, zu alterieren vermögen, 
weil hier die grundsätzliche Verlegung des Standorts mit ihrer 
verteuernden Wirkung wegfällt. 

b) Ueber tragbare Wasserkräfte. Für die Ein- 
fügung in das Gedankensystem unserer Theorie ist hier zweier- 
lei nötig: Man muß erstens gedanklich wie bisher die Pferde- 
kraftstunde, die hier elektrisch in transformierter Wasserkraftform 
gebraucht wird, durch das für ihre Erzeugung sonst nötige (je- 
%vicht Kohle, also durch eine Gewichtsmenge Rechnungskohle, 
ersetzen. Der Preis dieser Gewichtsmenge Rechnungskohle (loco 
Wasserkraftstelie) ist mit dem Preis der in Betracht konmienden 
wirklichen Kohle (loco in Betracht kommendes Lager) zu ver- 
gleichen. So hat man die verwendete Kraft in die eines Kohlen- 
lagers mit einem bestimmten und im ganzen wohl niedrigeren 
Kohlenpreis umgedacht. Dazu muß man dann zweitens die 
Uebertragungskosten der benutzten Pferdekraftstunden gedanklich 
als Transportkosten dieses Rechnungskohlengewichts auffassen. 
Im ganzen wird man bei Wasserkraftstellen mit guter Installier- 
barkeit für elektrische Kraftübertragung außerordentlich niedrige 
Preissätze der »Rechnungskoble« und außerordentliche niedrige 
Toimenkilometersätze für ihren Transport auf die Art erhalten. Die 



Die Heranziehuni; der Wasserkräfte. 



91 



Wirkurii^ der VVasserkraftstellen mit Uebcrtragung, die demnach be- 
^riftlicli Kohlenlager von bestimmten besonders niedrigen Preisen mit 
bestimmten außerdem noch besonders niedrigen Ausnahmetarifen 
darstellen, ist also anscheinend einfach. Die besonders niedrige 
Preislage der Rechnungskohlenlager wird nach allen bisherigen 
P>ürteriingen eine Ausweitung ihrer Heranziehung zur liildung von 
Standortsfiguren über das Maß ihrer geographischen Lage her- 
beiführen, eine Ausschaltung also geographisch für die Bildung 
von Standortsfiguren an sich günstiger gelegener Kohlenlager 
durch die Heranziehung von Wasserkraftstellen als - Standorts- 
ecken < schaffen. Die besonders niedrigen Tonnenküometor des 
Transports der Rechnungsgewichtsmenge von diesen Standorts- 
ecken aus aber werden sich in ideellen Gewichtsabzügen von 
diesen Rechnungsmengen ausdrücken und werden also in den 
Standortsfiguien, die unter Verwendung der Wasserkraftstellen 
als Standorts(?cken entstehen, den Standort überall prinzipiell 
weiter zu den anderen Standortsecken (Konsumplätzen, sonstigen 
Materiallagern) htnverlegen, als es in den mit den ausgeschalteten 
Kohlenlagern gebildeten Standortsfiguren der Fall gewesen sein 
würde. Also wieder wie bei der unüberiragenen Verwendung 
von Wasserkraft: i. Bildung neuer Standortsfiguren mit Heran- 
ziehung der Wasserkraftstellen und 2. prinzipielle Verlegung 
des Standorts in diesen P^iguren. Im Unterschied vom vorigen 
P'alle aber nicht Heranziehung des Standorts ans Materiallager, 
sondern gerade umgekehrt Loslösung desselben zu den Konsum- 
stellen und sonstigen Materiallagern hin; eine prinzipielle V^er- 
legung des Standorts in den neuen Standortsfiguren nicht etwa 
als P'olge der Unbeweglichkeit des neuen Kraftmaterials, son- 
dern gerade umgekehrt als Folge seiner leichten Transportierbar- 
keit. Daraus folgt als letzter wesentlicher großer Unterschied 
gegen die unübertragene Verwendung der Wasserkräfte : Wäh- 
rend dort die Abweichung des Standorts vom transportmäßigen 
Minimalpunkt mit der P>höhung des Transportkostenindex den 
an sich geographisch gegebenen und durch die Billigkeit der 
Gewinnungskosten der Wasserkraftstunden noch wesentlich er- 
weiterten » Schlagkreis <- der Wasserkraftstellen wieder einengte, 
stellt hier die billige Transportierbarkeit der »Rechnungskohle« 
zu der Erweiterung des geographischen Schlagkreises durch ihre 
billigen Gewinnungskosten noch ein weiteres Expansionsmoment 
hinzu : denn es ist ganz klar, die niedrigen »Tonnenkilometersätze « der 



Q2 Die Transportorientierung. 

Rechnungskohle (in der elektrischen Kraftübertragung) erniedrigen 
gleichzeitig den gesamten Transportkostenindex der in Betracht 
kommenden Standortsfiguren und machen daher geographisch 
sonst nicht denkbare Standortsfiguren mit anderen konkurrenz- 
fähig. Sodaß also, bei genügender Billigkeit der Pferdekraft- 
stunden loco Wasserkraftstelle und genügender Billigkeit der 
Uebertragung, geographisch günstig gelegene Wasserkräfte 
eine außerordentlich umfangreiche Ausschaltung der Kohlenstand- 
ortsfiguren herbeiführen und eine ganz wesentliche Verschiebung, 
und zwar »Auflockerung« der Standorte, herbeiführen müssen. 
Während selbst geographisch (d. h. zu Konsumplätzen und selbst 
sonstigen Lagern) ungünstig gelegene Wasserkräfte doch der 
Mitwirkung als Standorts- und damit Produktionsgrundlage nicht 
zu entbehren brauchen. 

In welchem Umfang und mit welchem transportmäßigen Stand- 
ortsresultate diese Wasserkräfte in die gegenwärtige Wirtschaft 
einzufügen sind, das muß sich — in Zukunft ist das vielleicht 
noch nachzuholen — nach unserer Theorie genau bestimmen 
lassen. Das Schema dafür liefert wieder das vorige Beispiel. Der 
»Wasserkraftstandort« P' bei Heran- 
ziehung der Wasserkraft W statt des 
Kohlenlagers M2 wird hier nicht wie 
bei unübertragene Verwendung bei W 
liegen, sondern nach dem Erörterten 
in der neuen Standortsfigur Mi WK 
Fig. 17- näher an Mi und K als der alte Koh- 

lenstandort P in der alten Figur Mi M2 K. Wo er in der neuen 
Figur genau liegt, ergibt sich nach den ja sattsam bekannten 
Gesetzen ; wobei das Gewicht, das dabei auf die Komponente 
W P' einzusetzen ist, offenbar das Gewicht der »Rechnungskohle« 
ist, die von W bezogen wird, minus dem ideellen Gewichtsabzug, 
der entsprechend dem niedrigeren Tonnenkilometersatz auf dieser 
Strecke zu machen ist. Ob der so gewonnene Standort P' mög- 
lich ist, also M2 ausgeschaltet wird, ergibt sich, wenn man zum 
Transportkostenindex des Standorts P' noch den Preis der für 
eine Produkteinheit nötigen »Rechnungskohlen« (loco W) hinzu- 
zählt und die Zahl, die man erhält, vergleicht mit dem Transport- 
kostenindex des alten Standorts P zuzüglich des Preises der ent- 
sprechenden Kohlenmenge in M2. Ist dann die erste Summe 
niedriger, so ist P' möglich, andernfalls nicht. Und dieses Bei- 




Die Heranziehung der Wasserkräfte. q-i 

spiel ist, wie man ohne weiteres sieht, genereller Anwendung 
fähig, und es dürfte die Möglichkeit der exakten Einfügung auch der 
Wasserkraftverwendung und ihrer Wirkung in die theoretische 
Anschauung der transportmäßigen Orientierung darnach wohl klar, 
die Heranführung der Betrachtung also bis zu allen Modifizierungen 
der vollen heutigen Wirklichkeit nun wohl erreicht sein. 



QA Die Arbeitsorientierung. 



IV. Kapitel. 

Die Arbeitsorientierung. 

Abschnitt i. 
Die Analyse der Arbeitskosten. 

Die Arbeitskosten einer Industrie, in dem Sinn, wie wir diesen 
Begriff in der Eingangsanalyse der Standortsfaktoren abgegrenzt 
haben, sind im allgemeinen ökonomischen Ausdruck die Aufwände 
menschlicher Arbeitsenergien, die bei der Durchführung des Pro- 
duktionsprozesses selber verbraucht werden. — Sie sind nieder- 
geschlagen in der kapitalistischen Wirtschaft in den Löhnen und 
Gehältern, die in ihm selber ausgegeben werden und die hier 
das »Aequivalent- der verbrauchten Arbeitsenergien darstellen. 
Man mag das Wort "Aequivalent« dabei in möglichst viele An- 
führungsstriche setzen. Und jedermann, dem klar ist, daß auf- 
gewandte menschliche Arbeitsenergien mit »Löhnen« nicht bezahlt 
sind, weil sie noch etwas anderes sind als eine »Ware«, wird das 
tun. Gleichviel, der ökonomische Niederschlag der aufgewandten 
Arbeitsenergien, die »Arbeitskosten« also von denen wir jetzt 
reden, sind in der kapitalistischen Wirtschaft heute die Löhne und 
Gehälter, die für irgend eine Produkteinheit ausgegeben werden. 
Und da wir die ökonomischen Phänomene stets in ihrer konkreten 
gegenwärtigen Erscheinung, weil sie nur so greifbar sind, behan- 
deln, so haben wir es also für unsere weitere Betrachtung jetzt 
mit derartigen auf irgend welche Produkteinheiten — entsprechend 
unserer bisherigen Theorie »Gewichtseinheiten« Produkt -- berech- 
neten Löhnen und Gehälter zu tun. 

Standortsfaktoren nun können diese so begriffenen Arbeitsko- 
sten offenbar nur dadurch werden, daß sie lokal differieren. Das ist 
.selbstverständlich. — I£s ist aber wichtig, sich klar zu machen, daß 
dies lokale Differieren der Arbeitskosten uns dabei hier, wo wir vorerst. 



Geographisch-detcrminierle Aibeitskosteiidifferenzen. gr 

immer noch die regionale Verteilung der Industrie weiter untersuchen 
auchnurangeht, soweit es eben für diese von Bedeutung ist. Und das 
heißt: es geht uns hier nur dann etwas an, wenn es irgendwie 
mit geographisch bestimmten Punkten in wenn nicht notwendiger 
so doch tatsächlicher Beziehung steht, weil es nur dann die Wir- 
kung haben kann, die Industrie auch an geographisch determi- 
nierte Punkte hinzuziehen und dadurch bei ihrer grundlegenden 
regionalen Verteilung mitzuwirken. Und es ist weiter wichtig 
sich klar zu machen, daß von den lokalen Arbeitskostendifferenzen 
der Wirklichkeit nur ein Teil derartige bestimmte geographische 
Beziehungen besitzt. Die Arbeitskosten einer Industrie können ja 
doch überhaupt und also auch lokal aus zwei ganz verschiedenen 
Ursachenreihen differieren : wegen verschiedener Leistungs- und 
Lohnhöhe der Arbeitskraft, also gewissermaßen aus personellen 
Gründen, und wegen verschiedener Leistungshöhe des organi- 
satorischen und technischen Apparats, in den die Arbeitskräfte 
eingestellt sind, also aus gewissermaßen objektiven Gründen. Nur 
das lokale Differieren aus personellen Gründen aber hat dabei 
gleichzeitig geographische Beziehungen, geographische » Bestimmt- 
heit <s ; es hat sie, insofern es eben Funktion einer bestimmten 
geographischen Verteilung der Bevölkerung sein muß, die in ihren 
verschiedenen Teilen verschiedene Lohn- und Leistungshöhe auf- 
weist. Die ArbeitskostcndiiTerenzen aus verschiedener Leistungs- 
höhe des »Apparats < dagegen sind augenscheinlich ebensowenig 
etwas geographisch Determiniertes, wie es die Anwendung des 
Apparats, d. h. der ihn konstituierenden Arbeitsorganisation 
und Technik selber ist. Auch sie können Standortsfaktor werden/, 
und wir werden ihnen in der Agglomerationslehre später noch 
begegnen. Hier aber fallen sie aus der Betrachtung aus. 

Demnach : wir erschöpfen hier die Bedeutung der Arbeits- 
kosten als Standortsfaktor nicht. Denn nur mit einem Teil der 
.Arbeitskostendifferenzen haben wir es hier zu tun; mit jenem 
Teil, der, wie sich gezeigt hat, aus lokal verschiedener personeller 
Leistungs- und Lohnhöhe der Bevölkerung folgt. 

Dabei kann es uns vorer.st und für die ganze »reine« Theo- 
rie ganz gleich sein, aus welchen besonderen Gründen diese per- 
sonellen geographischen Leistungs- und Lohndifferenzen and die 
auf ihnen aufgebauten Arbeitskostendifferenzen folgen. Es kann 
uns in.sbesondere gleich sein, daß sie in der konkreten Höhe, in 
der sie da sind, ja natürlich kein einfaches Phänomen der »reinen« 



q5 t^e Arbeitsorieutierung. 

Wirtschaft sind, vielmehr ein wechselndes Resultat von äußerst 
mannigfaltigen historischen und natürlichen Verhältnissen. Der 
reinen Theorie kann das gleichgültig sein ; denn sie will nur 
untersuchen, was überhaupt ganz allgemein die Bedeutung solcher 
geographisch determinierter Arbeitskostendifferenzen ist. Und da- 
bei ist ja die konkrete Höhe, die sie haben, ja ihr konkretes Vor- 
kommen überhaupt ganz gleichgültig. Sie arbeitet mit ihnen als 
einer »Möglichkeit«, und untersucht die allgemeinen Folgen einer 
solchen. 

Nur für eines muß sie sich dabei allerdings interessieren, 
nämlich für die geographisch wesentliche »Form« in der diese 
Kostendifferenzen auftreten. Sie muß wissen: in welcher grund- 
sätzlichen Art stufen sich in der Wirklichkeit in einem gege- 
benen Moment die aus der verschiedenen Lohn- und Lei- 
stungshöhe folgenden Arbeitskosten in einem Lande geogra- 
phisch ab.-* Sind die Differenzen »flächenmäßige«, so daß man sa- 
gen kann: diese ganze Gegend arbeitet im Vergleich zu jener 
billiger? Oder sind sie »platzmäßige«, beziehen sie sich auf einzelne 
Orte oder doch mehr oder weniger konzentrierte Bezirke , die in 
großen Verhältnissen »wie ein Ort« (mathematischer Punkt) ohne 
großen Fehler zu behandeln sind? Je nachdem das eine oder das 
andere vorliegt, werden, sie für unsere auch hier mit mathe- 
matischen Anschauungsmitteln fortzuführende Betrachtung, eine 
wesentlich verschiedene Bedeutung besitzen; indem wir eben in 
ersterem Fall, wo Niveaudifferenzen vorliegen, mathematisch mit 
dem Begriff der > Fläche«, im anderen dagegen mit dem Begriff 
des »Punktes« arbeiten müssen. 

Wenn wir uns nun in dieser Beziehung unbefangen an die 
bekannte Wirklichkeit wenden, so werden wir für die Art der 
Differenzen Verschiedenes unterscheiden müssen: 

Es werden uns zunächst gewisse gegendenweise Verschieden- 
heiten der Lohnhöhe ins Gedächtnis kommen. Das höhere all- 
gemeine Niveau der Löhne im Westen und Süden Deutschlands 
z. B. gegenüber dem im Osten kann uns einfallen. Wir werden 
an die bekannten Karten der ortsüblichen Taglohne derricen, die 
aus den Krankenversicherungsdaten zu gewinnen sind; wir er- 
innern uns, wie hier mit gewissen Abweichungen die Lohnsätze 
»treppenartig« vom Westen nach dem Osten fallen und wie 
» punktweise <- Abweichungen von dieser »flächenmäßigen« Ver- 



Platzueise Verschiedenheit der Arbeitskosten. 



97 



teilung der Lohnhöhe eigentlich nur die großen Städte schaffen. 
Jedenfalls der äußere »Lohnsatz« wird uns, wenn wdr an diese be- 
kannten Tatsachen denken, etwas im wesentlichen ^ flächenmäßig 
Abgestuftes scheinen. 

Und doch ist dieses Erinnerungsbild eine der vielen sta- 
tistischen Schematisierungen, die wir mit uns herumtragen, und 
die zwar nicht falsch sind, aber doch im Detail eine gefährlich 
falsche Vorstellung der. Wirklichkeit erwecken. 

Zum Beweis hier zunächst die Angaben der Lohnstatistik, 
die einer der größten deutschen Verbände im wesentlichen unge- 
lernter Arbeiter, der Zentralverband der Handels-, Transport- und 
Verkehrsarbeiter, d. h. der Hausdiener, Packer, Markthelfer, Kutscher. 
Fuhrleute, Möbeltransportarbeiter usw. in seinem jährlichen Rechen- 
schaftsbericht z. B. für 1901/02 gibt. Seine Angaben sind am 
besten für Mitteldeutschland, wo er (außerhalb der großen Städte) 
am weitesten verbreitet ist. Es ergeben sich für die durchschnitt- 
lichen Wochenverdienste seiner Mitglieder in Mark z. B. in dem 
kleinen Gebiet um den Harz herum folgende Abstufungen: Nord- 
hausen 14,2, Sangerhausen 12,0, Halberstadt 15,7; — für das 
auch recht beschränkte Gebiet des südlichen Thüringer Waldes : 
Sonneberg 15,7, Suhl 15,3, Saalfeld 17,2, Erfurt 19,3, Jena 17,0; — 
und für die Randzone des sächsischen Industriegebiets : Zeitz 17,8, 
Greiz 16,7, Plauenscher Grund 19,4. Also hier überall Unter- 
schiede von 2—2,70 Mk. im Wochenverdienst, d. h. in der Höhe 
von bis 22% in ganz nahe beieinander liegenden Plätzen. — Aehnlich 
auch überall sonst : in zwei nebeneinander liegenden schlesischen 
Kreisen, dem von Striegau und Waidenburg werden z. B. 12,9 und 
15,3 Mk. bezahlt. — Selbst für die ungelernte Arbeit daher eine 
durchaus »platzweise« Verschiedenheit der Lohnsätze nicht nur 
soweit die großen Städte mit ihrem auf das umliegende Land na- 
türlich hoch aufgesetzten Niveau in Betracht kommen, sondern 
auch überall sonst an den kleinen Arbeitsplätzen im Land selbst. 
Das »Flächenmäßige- ist nur das Durchschnittsresultat sehr starker 
lokaler Abweichungen. 

Dürfen wir so schon für die immer noch am ersten als eine 
gleichmäßige Masse anzusprechende unterste Arbeiterkategorie bei 
unserer Betrachtung nicht mit einer flächenweisen Verteilung der 
Lohnhöhe rechnen, so ist vollends eine im Prinzip »örtliche« 
Gliederung der Lohnhöhe als Vorstellungsunterlage evident, wenn 
man die auf dieser Basis aufgesetzte Lohnhöhe der gelernten 

A. Weber, Standort der Industrien. 7 



nS Die Arbeitsorientierung. 

Arbeitetkategorieii ansieht. Sandformer verdienen, wenn sie in 
Mitteldeutschland verbleiben, nach den Erhebungen des Metall- 
arbeiterverbandes für 1903 z. B. in Akkord per Stunde Pfennig: 
in Hildesheim 41, Ilsenburg 27, Thale 39, Sangerhausen 34, 
Gotha 44; Spannung 17 Pfg- = 60% in dem kleinen Gebiet um 
den Harz herum. — In Zeitz 24, in dem dicht daneben liegenden 
Gera 34; Spannung- 10 = ca. 30%. — In Bunzlau 31, Hirsch- 
berg 42, Schweidnitz 39; Spannung ii = 32%. — Gelernte Holz- 
arbeiter d. h. Tischler, Drechslet usw. kommen nach den sehr 
umfangreichen und sorgfältigen Erhebungen des Holzarbeiterver- 
bandes für 1902 im Durchschnittswochenverdienst auf Mark in 
Frankenhausen 13,6, Kalbe 11,2, Sangerhausen 16,7, Schkeudnitz 
21, Korbetha 12, Naumburg 1<S,7, — haben also in dem kleinen 
Rayon von der- Goldenen Aue bis zur Elster-Saale Spannungen 
von 9,8 Mk. = 86% pro Woche. Und das geht in ähnlicher 
Weise wieder durch: Der Thüringer Wald zeigt für sie folgende 
Zahlen: Koburg 14,7, Weimar 21, Gotha 20, Eisenach 18,2, d.h. 
Unterschiede von 6,3 Mk. pro Woche. — 

Das sind alles örtliche Unterschiede draußen in den kleinen 
Städten und auf dem flachen Land; zieht man die großen Städte 
in die Betrachtung mit hinein, so sind die Ürtssprünge noch viel 
größer. Für die Sandformer braucht man z. B. nur seinen Blick 
vom Harzgebiet aus bis Magdeburg oder Hannover auszudehnen, 
so stößt man auf durchs-jhnittliche Stundenverdienste von 48 — 52 
Pfg., d. h. Sätze, die ungefähr doppelt so hoch sind als sie Ilsen»- 
bürg am Harz aufweist. Ebenso für Holzarbeiter, wo Leipzig 
mit 23,7 Mk. ')der Halle mit 22,3 Mk. ebenfalls praeter propter 
die doppelten Sätze hat als Korbetha mit 12 I*-Ik. oder Kalbe 
mit 11,2. 

Also die Löhne schon für ungelernte, vollends aber für ge- 
lernte Arbeit sind heut ein höchst gebirgiges Terrain mit tiefen 
Abgründen und relativ hohen Spitzen. Soweit sie in Betracht 
kommen, müssen wir, wenn auch allgemeine Niveaudifferenzen 
vorliegen, die sich als Unterlage durch ganze Gegenden hindurch- 
ziehen, doch unsere Anschauung an das Bild einer punktweisen 
Verschiedenheit anheften. 

Nim sind die Höhedifferenzen der Arbeitslöhne bekanntlich 
nicht einfach das Bild der Höhedifferenzen der Arbeitskosten. 
Die Parallele zwischen beiden wird durchkreuzt durch die Verschie- 
denheit der Leistungen, und zwar kann sie durchkreuzt werden erstens: 



Vereinfachungen. qq 

du«-ch eine aus Natur- und Kulturtatsachen (Bevölkerungsanlage und 
IMilieu) folgende damit lokal bedingte Verschiedenheit der Lei- 
stungen bei gleichem Lohn. Und sie wird abgesehen davon zwei- 
tens bekanntlich generell durchkreuzt durch den sozialpsycho- 
logischen Erfahrungssatz, daß hohen Löhnen in erheblichem Um- 
fang höhere Leistungen parallel gehen. Der letztere Satz würde 
bedeuten, daß das höchst gebirgige Bild der Arbeits 1 o h n dif. 
ferenzen sich in den Arbeits kosten differenzen in we- 
niger gebirgiger Form widerspiegeln würde. Ja er könnte 
eine völlige Ausgleichung von Berg und Tal oder sogar 
die Umkehrung davon bedeuten, derart, daß Plätze hoher Löhne 
vielleicht durch die größeren Leistungen gerade Plätze der billig- 
sten Arbeitskosten sein würden. In der empirischen Theorie wird 
sich zeigen, daß das für Branchen ganz bestimmter Art in der 
Tat vielfach der Fall sein kann. Hier genügt die Konstatierung, 
daß, mag nun das Bild der Arbeitskostendifferenzen dem der 
Lohndifferenzen rrehr oder weniger parallel gehn, oder mag es durch 
Leistungsunterschiede stark gegenüber diesem verzerrt sein, jeder 
Unternehmer heute in jeder Branche erfahrungsgemäß mit der 
durchaus »lokalen«: nicht nur »gegendweisen« Natur der Arbeits- 
kostendifferenzen tatsächlich rechnet; Arbeitskostendifferenzen, de- 
ren lokales Variieren eben in dem außerordentlich starken 
Springen der Lohnsätze von uns symptomatisch anschaulich zu 
machen versucht wurde. Wir gehen also für die reine Theorie 
nicht von »flächenmäßiger«, sondern von »örtlicher« Verschieden- 
heit der Arbeitskosten aus und sprechen demnach nicht von ver- 
schieden hohen »Arbeitskostenflächen«, sondern von Arbeits- 
plätzen mit verschieden hohen Kosten. 

Dabei — das ward schon in der allgemeinen Vorbemerkung 
angedeutet — sind wir genötigt, um die Wirkung dieser »Arbeits- 
plätze mit verschiedener Kostenhöhe als Standortsfaktor theo- 
retisch völlig klar zu machen, zunächst noch von einer Reihe von 
Eigenschaften, die sie in der Wirklichkeit besitzen, abzusehn. 
Wir müssen nämlich davon absehn, daß an jedem von ihnen zu dem 
Kostensatz, den er hat, jeweils Arbeitskräfte natürlich nicht unbe- 
grenzt zu haben sind, daß er also vermöge dieser Kostensätze 
nicht quantitativ unbegrenzt Industrien attrahieren kann. Und wei- 
ter müssen wir auch davon absehn, daß der Kostensatz jedes 
Platzes durch jede attrahierte Industrie vermöge der Veränderung 

7* 



100 Die Arbeitsorientierung. 

der Nachfrage nach Arbeitskräften, die sie hervorruft, alteriert 
wird. Wir müssen von diesen Dingen absehn, und uns die Ko- 
stensätze der Plätze f i x und die an jedem Platz zu ihnen zu ha- 
benden Arbeitskräfte unbegrenzt vorstellen, weil wir nur so 
die Wirkung der Differenzen der Kostensätze auf die Indu- 
strielagerung bis zu ihren letzten Konsequenzen klar verfolgen 
können. Denn nur wenn wir der Attraktionskraft der Plätze, die 
eben in diesen Kostendifferenzen liegt, von allen anderen als 
räumlichen Schranken befreit uns denken, sie also sachlich unbe- 
grenzt vorstellen, können wir ihre räumliche Wirkung, und das 
heißt eben ihre Standortswirkung klar verfolgen. Und dabei 
müssen wir natürlich diese Attraktionskraft gleichzeitig als eine 
fixe Größe einstellen; sonst ist sie nicht mathematisch einfach 
meßbar. — Wir müssen also die Kostendifferenzen bei sachlich 
unbegrenzter Attraktionskraft als »gegebene« ansehen. 

Es muß der empirischen Theorie überlassen bleiben, diese 
Dinge »aufzulösen«, die tatsächliche Variabilität der Differenzen 
und ihren Zusammenhang mit dem Kampf der Industrien um die 
jeweils in nur begrenzter Menge an jedem Platz vorhandenen 
Arbeitskraftmassen als das reale Milieu, innerhalb dessen die ab- 
strakten Regeln wirken, in die Betrachtung einzuführen. Ebenso, 
wie auch sie erst die lokalen Verschiebungen der Arbeitskraft- 
massen und überhaupt die gesamte Wandelbarkeit der Arbeits- 
kostenunterlage der Industrie zu berücksichtigen und gleichzeitig 
zu erklären vermag. 

Abschnitt II. 

Das' Gesetz der Arbeitsorientierung. 

Wie wirkt nun diese Arbeitskostenunterlage mit ihren Arbeits- 
plätzen von verschiedener Kostenhöhe auf die Industrieorientie- 
rung ein.? 

1. Theoretische Lösung; die Isodapanen. 

Man stelle sich wiederum einen isolierten industriellen Produk- 
tions- und Absatzprozeß mit den Wurzeln der Materiallager und 
der Schlußverankerung im Konsumplatz vor und mit dem aus 
dieser Standortsfigur und dem genugsam bekannten Materialindex 
und seiner Zusammensetzung sich ergebenden transportmässigen 
Minimalpunkt. Was wird es für die Frage, ob wirklich an diesem 
Punkt produziert werden soll, bedeuten, daß es in der unendli- 



Theoretische Lösung; die Isodapanen. JOI 

chen Fläche vielleicht Punkte gibt, an denen die Tonne Produkt mit 
geringeren Arbeitskosten hergestellt werden kann, als an ihm ? 

Es ist zunächst folgendes klar : jeder solcher Punkt niedrigerer 
Arbeitskosten stellt wirtschaftlich ein A 1 1 r a k t i o n s z e n t r u m 
dar, das das Bestreben hat, die Produktion von dem transport- 
mäßigen Minimalpunkt weg an sich selbst zu verlegen. Die 
Attraktion eines solchen Zentrums ist dabei ihrem Wesen nach 
nicht eine Annäherungs attraktion ; denn eine Annäherung 
an den Platz, mit den niedrigem Arbeitskosten hätte für die Pro- 
duktion gar keinen Vorteil. Es nutzt ihr nur ein vollständiges 
Hinwandern an diesen Platz: sie ist also eine Alternativ- 
attraktion; d. h. sie wirkt in der Art, daß sie die Frage stellt, 
entweder Produktion am Minimalplatz oder Verlegung der Produk- 
tion an den Arbeitsplatz. 

Wann wird Verlegung der Produktion an den Arbeitsplatz 
stattfinden, wann wird sie unterbleiben.? 

Jede Verlegung des Standorts vom IMinimalpunkt fort an 
einen günstigen Arbeitsplatz bedeutet transportmäßig eine />Devia- 
tion«, eine Verlängerung der Transportwege und also eine Er- 
höhung der Transportkosten gegenüber den optimalen Verhält- 
nissen. Sie kann also nur erfolgen, wenn die Kostenerhöhung 
pro Tonne Produkt, die sie bedeutet, ausgeglichen oder mehr als 
ausgeglichen wird durch Kostenersparnisse. Die Kostenerspar- 
nisse, um die es sich beim Hingehen an Arbeitsplätze handelt, 
sind Arbeitskostenersparnisse. Und die Verlegung des Standorts 
vom transportmäßigen Minimalpunkt weg. an einen günstigeren 
Arbeitsplatz hin kann also nur erfolgen, wenn die Arbeits- 
kostenersparnisse, die dieser Ort bietet, größer 
sind als die Transportkostenzusätze, die er veran- 
laßt. 

Diesen allgemeinen Satz gilt es erstens präzis zu verstehen 
und zweitens in seinen Konsequenzen zu verfolgen. 

Für ein präzises Verständnis seiner allgemeinen Bedeutung 
ist er mit der allgemeinen mathematischen Vorstellungsbasis, mit 
der bisher gearbeitet wurde, organisch in Verbindung zu bringen. 
Und dafür gibt das im zweiten Teil des Anhangs über die Linien 
gleicher Transportkosten Gesagte, die nötigen Mittel. Das dort 
Entwickelte geht von der Anschauung aus, daß jede Deviation 
von dem transportmäßigen Minimalpunkt nach den denkbar ver- 
schiedensten Richtungen vor sich gehen kann, und daß es auf 



J02 Die Arbeitsorientierung. 

jeder Richtung, nach der sie vorgenommen wird, Punkte geben 
muß, an denen die Deviationskosten, d. h. die durch die Deviation 
geschaffenen zusätzlichen Transportkosten pro Tonne Produkt 
gleich hoch sind. Woraus sich ergibt, daß es auch Linien 
geben muß, mit denen man die Punkte solcher gleich hoher 
Deviationskosten verbinden kann, Linien, die sich in irgendwelcher 
je nach dem Materialindex verschiedenen Form und Distanz um 
den Minimalpunkt herumziehen müssen. Diese Linien, also 
die Niveaulinien gleichhoher zusätzlicher Transportkosten, die wir 
der Kürze wegen »Isodapanen« nennen wollen, sind das vor- 
stellungsmäßige Bindeglied zwischen den transportmäßir. n Mini- 
malpunkten und den Deviationspunkten, die die Arbeitsplätze 
darstellen. 

In folgender Art: Für jeden irgendwo gelegenen Arbeitsplatz 
mit einem bestimmten Ersparnisindex gegenüber dem Minimal- 
punkt muß es irgend eine »Isodapane« der ins Auge gefaßten 
Standortsfigur geben. Diese :iIsodapane« zeigt an, wie hoch die 
Deviationskosten bei Verlegung der Produktion von dem Minimai- 
punkt der Standortsfigur an den betreffenden Arbeitsplatz sind. 
So auf der einen Seite. — Und andererseits : Dem Ersparnisindex 
des Arbeitsplatzes muß irgend eine Isodapane der betreffenden 
Standortsfigur in der Art entsprechen, daß die Deviationskosten, 
die sie pro Tonne Produkt anzeigt, gerade so groß sind wie die 
Ersparnisse an Arbeitskosten pro Tonne Produkt gegenüber dem Ivli- 
nimalplatz, die eben der Ersparnisindex des Arbeitsplatzes anzeigt. 
Sie sagt also aus, daß der Arbeitsplatz, wenn er auf einer nie- 
drigeren Isodapane, als sie ist, liegt, mit seinen Ersparnissen die 
Deviationskosten übertrifft; und daß, wenn er auf einer höheren 
liegt, umgekehrt die Deviationskosten seine Ersparnisse übertreffen. 
Sie sagt damit aus, daß der Arbeitsplatz mit dem besagten Index 
die Produktion der Standortsfigur attrahieren wird, wenn er inner- 
halb des Bereichs dieser Isodapane liegt, weil sein Ersparnis- 
index dann ja die Deviationskosten übersteigt, die Verlegung an 
ihn hin also größere Ersparnisse schafft als sie zusätzliche Kosten 
verursacht ; — daß er aber nicht attrahieren kann, die Verle- 
gung der Produktion nicht herbeiführen kann, wenn er außerhalb 
ihres Bereichs liegt; sein Ersparnisindex bleibt dann unter den 
Deviationskosten. Sie ist demnach die in Bezug auf die Attrak- 
tionskraft dieses Arbeitsplatzes »kritische Isodapane«. 
Jedem irgendwo gelegenen Arbeitsplatz mit irgend einem Erspar- 



Bedingungen der Arbeitsablenkun»j. J03 

nisindex muß eine solche kritische Isodapane entsprechen. Und 
an dem Verlauf derselben ihm gegenüber, daran, ob er innerhalb 
oder außerhalb derselben liegt, ist ohne weiteres abzulesen, ob 
er die Produktion der Standortsfigur, um die es sich handelt, 
attrahieren wird oder nicht. 

Damit ist die Attraktionskraft der Arbeitsplätze, ihre Fähig- 
keit, an die Stelle von »Transportorientierung« »Arbeitsorientie- 
rung« zu setzen, in den Kreis der mathematischen Vorstellungen 
einbezogen , mit denen wir bisher die Gesetzmäßigkeiten der 
Industrieorientierung klar zu machen versuchten. Die Arbeits- 
orientierung erscheint darnach als eine sich in genau feststellbaren 
Gesetzen bewegende Alteration der Transportorientierung, eine 
Alteration, deren Bedingungen für den einzelnen Fall 
durch das Gesagte wohl schon in präziser Form klargestellt sind. 
2. Ableitung der Bedingungen der Arbeitsorientierung. 

Es handelt sich nun darum, die Bedingungen, unter denen 
im konkreten Einzelfall Deviation und Arbeitsorientierung erfolgen 
kann und muß^ in den Rahmen der allgemeinen Betrachtung zu 
stellen, von der Analyse des Einzelfalls also aufzusteigen zu den 
allgemeinen Bedingungen, von denen damit Arbeits- 
orientierung überhaupt abhängig ist. Wobei wir gleichzeitig zwei 
Fragen stellen wollen, nämUch : erstens : welche dieser Bedingungen 
stellen generelle > Charaktereigentümlichkeiten« der einzelnen Indu- 
strien dar, und zweitens, welche sind für alle Industrien gleichmäßig 
geltende Gestaltungen der Wirklichkeit, also » Milieubedingungen «.^ 
Wir werden sehen, daß im Gegensatz zu der Gestaltung der trans- 
portmäßigen Grundorientierung der Industrien, die durch den 
.«Marerialindex-x und des r-Stanciortsgewicht^ allein von »Charak- 
tereigentümlichkeiten ^ der Industrien abhängt, das Maß und die 
Art der Arbeitsorientierung ganz wesentlich mit von »IMiiioube- 
dingungen* bestimmt wird. 

Zunächst die Ableitung der verschiedenen Arten der Be- 
dingungen aus der vorgenommenen Individualanal^^se. 

Als Faktor(in, von denen das Abgelenktwerden einer indu- 
striellen Produktion durch Arbeitsplätze abhängt, ergeben sich 
aus den bisherigen: 

erstens: die gegenseitige geogrc^phische Lage von Stand- 
ortsfiguren and Arbeitsplätzen, 

zweitens: der Verlauf der Isodapanen um die Minimal- 
punkte der Standurtsfiguren, 



104 ■^'^ Arbeitsorientierung. 

drittens: die Ersparnisindices der Arbeitsplätze pro Pro- 
duktgewichtseinheit. 

ad I. Die gegenseitige geographische Lage von Standorts- 
figuren und Arbeitsplätzen ist etwas, was mit dem generellen 
Charakter der verschiedenen Industrien offenbar unmittelbar nichts 
zu tun hat. Es ist eine von diesem unabhängige anscheinend 
* zufällige < Gestaltung der Wirklichkeit, die später aber in einen 
allgemeinen Zusammenhang zu stellen und dadurch aus der Sphäre 
des Individuellen und Zufälligen, in der sie zu stehen scheint, 
herauszuheben sein wird. 

ad 2. Der Verlauf der Isodapanen um die Minimalpunkte 
der Standortsfiguren ist von zwei Unterfaktoren abhängig. 
Erstens: von einem ganz im Charakter der Industrien liegen- 
den, nämlich von ihrem Materialindex und dem darauf aufge- 
bauten Standortsgewicht. Die Figuren des Anhangs zeigen, und 
es wird gleich noch näher zu besprechen sein, wie ganz und gar 
die Distanz und in welchem Grade auch die Gestalt der 
Isodapanen von diesem Faktor beherrscht wird. — Für die 
Distanz der Niveaulinien von einander aber greift ein zweiter 
Faktor mit ein, nämlich die jeweils in einer Gegend geltenden 
Transportko-stensätze. Es ist klar: zieht man Gleichheitslinien 
zusätzlicher Transportkosten um einen Punkt, d. h. Linien, deren 
Distanz von einander man von irgend einer Einheit zusätzlicher 
Kosten bestimmt sein läßt, so wird die tatsächliche geographische 
Distanz, in der diese Linien stehen, davon mitbestimmt sein, 
welche geographische Distanz der Einheitssatz der Kosten über- 
deckt ; d. h. davon wie hoch eben die geltenden Transportkosten- 
sätze sind. — In ihnen hat man also eine weitere, von dem 
Charakter der einzelnen Industrien unabhängige, für alle gleich- 
mäßig geltende Bedingung der Wirklichkeit der Arbeitsorientie- 
rung vor sich, — die zweite. 

ad 3. Die Ersparnisindices der Arbeitsplätze pro Produkt- 
gewichtseinheit. Um zu sehen, wovon sie abhängen, muß man 
fragen, w'ie kommt ein solcher Ersparnisindex, z. B. 10 Mk. pro 
Tonne Produkt, überhaupt zustande > Offenbar dadurch, daß die 
Arbeitskosten p. T. in einem bestimmten Prozentsatz » komprimiert <• 
werden, um 5, 10, 20 % usw. Wovon der Ersparnisindex dar- 
nach abhängt, ist also : erstens: dieser Prozentsatz der Kom- 
pression. — Aber das ist nur der eine Faktor. Wie hoch sich 
absolut im ganzen die Ersparnis p. T. beläuft, resultiert daneben 



Bedeutung des »Charakters der Industrien«. jOC 

zweitens augenscheinlich aus der absoluten Höhe der Arbeits- 
kosten, die komprimiert werden. Betragen diese looo Mk. p. T., 
so wird die Kompression um lo % einen Ersparnisindex des Ar- 
beitsplatzes von loo Mk. p. T. schaffen, betragen sie lo Mk., 
nur einen solchen von i Mk. 

Diese absolute Höhe der Arbeitskosten p. T. P., an der die 
Kompression vorgenommen wird und die also gewissermaßen de- 
ren Objekt ist, stellt nun dies Objekt für jede Industrie eines 
Landes in einem bestimmten Entwicklungszustand offenbar dar 
in der Gestalt der Durchsch nittsarbeitskosten, die 
nach diesem Entwicklungszustand auf die Tonne Produkt »ge- 
sellschaftlich notwendigerweise« aufgewandt werden müssen, d. h. 
in Gestalt des Arbeitskostenindex der Industrie, 
wie wir das nennen wollen. Die per Tonne Produkt erwach- 
senden Arbeitskosten haben ihren Platz damit auf der Seite der 
generellen Charaktereigenschaften der Industrien als Bedingung 
der Arbeitsorientierung. — Der Prozentsatz aber, in dem es einem 
bestimmten Arbeitsplatz gelingt, diesen Arbeitskostenindex einer 
Industrie zu komprimieren, ist wieder etwas, was keine Eigen- 
tümlichkeit der betreffenden Industrie, sondern eine solche des 
betreffenden Arbeitsplatzes darstellt ^). Und demnach hat man 
in dem effektiven Prozentsatz der Kompromierung der Arbeits- 
kostenindices an den verschiedenen Arbeitsplätzen wieder eine 
allgemeine Milieubedingung vor sich, — die dritte. 

Es gibt also zwei generelle Charaktereigentümlichkeiten der 
Industrien, von denen ihre Arbeitsorientierung abhängt 

i) ihr Standortsgewicht (bzw. ihren ]\Iaterialindex) und 

2) ihren Arbeitskostenindex. 
Und es gibt drei Milieubedingungen, die bestimmend sind, nämlich 

1) die gegenseitige Lage von Standortsfiguren und Arbeits- 
plätzen, 

2) die geltenden Transportkostensätze und 

3) die tatsächlichen Kompressionsprozente der Arbeitsplätze. 

3. Der iCharakter der Industrien« und die Arbeitsorientierung. 
Wir sprechen von den Milieubedingungen später, vorerst über 

i) So jedenfalls für die verschiedenen Arbeitsplätze derselben Industrie, daß 
es daneben auch noch ein von dem verschiedenen »Charakter« der verschiedenen 
Industrien abhängige verschiedene allgemeine Kompressionsfähigkeit gleich grußer 
Arbeitskostenmassen gibt und warum sie hier ignoriert wird, darüber ist der Schluß 
des zweiten E.\kurses zu vergleichen. 



I06 tlie Arbeitsorientierung. 

dieCharaktereigentümiichkeiten, die sich als Bedingungen 
ergeben haben, die Art und Weise also, in der Standortsge- 
wicht bzw. Mateiialindex und Arbeitskostenindex die Arbeitsorien- 
tierung bestimmen. 

a) E i n z e 1 o r i e n t i e r u n g. 

i) Arbeitskostenindex. Seine Bedeutung ist sehr 
einfuc'fi und eigentlich schon klar. Die Formel, die für ihn gilt, 
muß nach dem Gesagten lauten : Hoher Arbeitskostenindex — 
große komprimierbare Arbeitskostenmasse — gieße mögliche 
Ersparnisindices der Arbeitsplätze — hohe korrespondierende 
kritische Isodapanen — also hohe virtuelle Attraktioaskraft der 
Arbeitsplätze. — Und umgekehrt: Niedriger Arbeitskostenindex — 
kleine komprimierbare Kostenmasse usw. Das heißt., die virtuelle 
Attraktionskraft der Arbeitsplätze verläuft für die verschiedenen 
Industrien parallel den Arheitskostenindices der Industrien. Der 
Arbeitskostenindex ist der Virtualmaßstab ihrer Ablenkbarkeit. 
Er aliein fällt schon über manche Industrien das definitive Urteil 
der Art ihres Orientiertseins; über alle nämlich, bei denen er so 
niedrig ist, daß eine Arbeitskostenmasse, die weit wirksame Er- 
spaf-nisindices ergeben könnte, nicht vorhanden ist. Und an 
diese angegliedert gruppiert er die übrigen Industrien nach dem 
ersten obersten Charakteristikum ihrer Ablenkbarkeit, eben ihrer 
Arbeitskostenmasse p. T. P. 

2) Das S t a n d o r t g e w i c h t. Urn aber den im Charakter 
einer Industrie liegenden Effektiv maßstab ihrer Ablenkbarkeit 
zu erhalten, muß man das Standcrtgewicht und den Materiaiindex 
mit in Betracht ziehen. 

Das Medium, durch das das Standortgewicht auf die Ablenkbar- 
keit einwirkt, ist Distanz und Gestalt der isodapancn. Was zunächst 
die Distanz der Isodapanen anlangt, so ist die Art, in der es 
auf :vie einwirkt, grundsätzlich sehr einfach. Denn: niedriges 
Standortsgewicht — geringe zu transportierende Stoffmasse p. 
T. P. — große Distanz der Isodapanen von einander — weites 
Hinausliegen der kritischen Isodapane — Ablenkbarkeit cet. par. 
über große Distanz. — Und vice versa. — Das Standbrtsgewicht 
steht den im Charak-ter der Industrie liegenden Maßstab für die 
Distanz der Isodr.panen dar; und so weit es also diese Distanz 
beeinflußt, bedearet es einfach eine nähere Bestimmung des im 
Arbeitskostenindex bestehenden Virtualmaßstabs der Industrien 
der angeführten Formel. — 



Bedeutung des »Charakters der Industrien«. 



107 



Das Standortsgewicht beeinflußt nun aber nicnt nur die 
Distanz der Isodapanen, sondern durch die Größe und Zusam- 
mensetzung des Materialindex, auf dem es beruht, wie die Fi- 
guren des Anhangs zeigen, auch deren Gestalt. Und das 
heißt: es kann gleichzeitig darüber aussagen, daß die Ablenkbar- 
keit bei den verschiedenen Industrien nach den verschiedenen 
geographischen Richtungen verschieden groß ist. Und zwar, so->v^eit 
sich eine aligemeine Regel aufstellen läßt, dahin, daß nur hidu- 
strien mit gleich großer Stärke der verschiedenen den Standort 
bestimmenden Komponenten und daher mit im ganzen zentraler 
Lage des Standorts eine ziemlich gleiche Ablenkbarkeit des Stand- 
orts vom Minimalpunkt nach allen Seiten besitzen (ungefähre 
Kreisform der Isodapanen) Während alle übrigen Industrien mit 
verschieden starken Komponenten und daher exzentrischem, d. h. 
einer Ecke genähertem oder in ihr liegendem Minimalpunkt eine 
erleichterte geographische Ablenkbarkeit nach der Seite der 
nächststarken Standortsecken haben müssen, und zwar umsomehr, je 
stärker relativ deren Komponenten sind. Das lieißt, in der 
Sprache des Materialverbrauchs ausgedrückt : die Industrien mit 
sehr kleinem Materialindex (sehr geringem lokalisiertem Material 
und daher Ueberwiegen der Konsumkomponenten) und umgekehrt 
Industrien mit sehr hohem Materiaiindex (sehr viel lokalisiertem 
Material und daher Ueberwiegen irgend einer Materialkomponente) 
haben ungleichmäßige geographische Ablenkbarkeit (erleichterte 
Ablenkung nach der Seite der übertrumpften Ecken); Industrien 
dagegen mit einem mitileren Materialindex (z. B. von der Größe 2), 
zumal, wenn dieser auch noch gleichmäßig zusammengesetzt ist 
(l : i) haben eine Ablenkbarkeit des Standorts, die nach allen 
Seiten gleich ist. 

Aber das ist nun alles nicht sehr wichtig. Es hat nur für 
die Ablenkung auf kurze Strecken, im wesentlichen nur für De- 
viationen, die innerhalb oder in unmittelbarer Nähe der Stand- 
ortsnguren liegen, Bedeutung; für alle großen Entfernungen nähern 
sich die Isodapanen, wie die Figuren des Anhangs zeigen, bei jeder 
Größe und Zusammensetzung des Materiaiindex der Kreisform. Na- 
turgemäß — denn die aus dem Materialindex folgende Lage des 
Standorts innerhalb der Standortsfigur wird auf große Entfernungen, 
für welche die Standortsfigur sich in ihrer geographischen Bedeutung 
mehr und mehr dem ^Punkte» nähert, gleichgültig. Die Devi- 
ation stellt mehr und mehr nur Hin- und Rücktransport auf der- 



I08 '^i* Arbeitsorientierung. 

selben Linie dar und muß daher nach allen Seiten hin gleich leicht 
oder gleich schwer sein. — Bedeutet also der Materialindex einer In- 
dustrie durch die Gestalt, die er den Isodapanen gibt, (neben seiner 
Wirkung durch die Distanz) für die kleinen Ablenkungen auch 
noch eine geographische >Richtungsc- Konkretisierung des 
Werts des im Arbeitskostenindex gegebenen Virtualmaßstabs der 
Ablenkbarkeit, so fällt diese weitere Bedeutung des Materialindex 
für die Ablenkung auf große Entfernungen fort. Und da die 
geographische Richtungsdifferenz auch für die näheren Distanzen, 
wie die Figuren zeigen, nicht allzu groß ist, die Isodapanen sich 
auch hier in ihrer Gestalt Kreisen mindestens stark nähern, so 
ist es für die groben Zwecke der Theorie zulässig, diese in der 
nichtkreisförmigen Gestalt der Isodapanen liegende Bedeutung 
des Materialindex überhaupt zu ignorieren. Es muß der Theorie 
gestattet sein so zu verfahren, als ob die Isodapanen sämtlich 
kreisförmig wären, in welchem Fall dann nur noch ihre aus der 
absoluten Größe des Materialverbrauchs folgende Distanz als 
nähere Bestimmung der realen Ablenkungsbedeutung des Arbeits- 
kostenindex der Arbeitsplätze durch das Standortsgewicht übrig 
bleibt. 

3. Standortsgewicht und Arbeitskoeffizient. 
Diese nähere Bestimmung der realen Ablenkungsbedeutung des 
(wie erinnerlich) an der Tonne Produkt gemessenen Ar- 
beitskostenindex durch das Standortsgewicht, ist aber (wie gleich- 
falls erinnerlich) einfach die, daß jede Steigerung des Standorts- 
gewichts vermöge Kontraktion der Isodapanen die reale Ablen- 
kungsbedeutung herabsetzt, jede Senkung sie vice versa steigert. 
Das heißt nun aber soviel wie, die reale Ablenkungsbedeutung des 
Arbeitsindex einer Industrie ist nicht zu messen am Produktge- 
wicht (wie es der bisherige Begriff des »Arbeitskostenindex« tut) 
sondern am Standortsgewicht (Produktgewicht -+- lokalisiertem 
Materialgewicht). Oder anders gesagt: in der auf das Standorts- 
gewicht der Industrie bezogenen Arbeitskostenmasse, dem Ar- 
beitskoeffizienten der Industrie, wie wir das nennen wollen, 
hat man das allgem. Generalmerkmal, das im Charakter der In- 
dustrieen liegend, ihre Arbeits-Ablenkbarkeit bestimmt, vor sich. 

Es ist ja auch, wenn die G e s t a 1 1 der Isodapanen, die ver- 
schieden starke Ablenkbarkeit der Industrieen nach verschiedenen 
Seiten also, ignoriert werden kann, ganz klar : das Standortsgewicht 
ist das, was bei einer Deviation bewegt werden muß, und was 



Bedeutung des »Charakters der Industrien«. jOg 

also der zu komprimierenden Arbeitskostenmasse tatsächlich als ein- 
heitlicher ihren effektiven Ablenkungswert irgendwie bestimmender 
Faktor gegenübersteht. Und ist die nach verschiedenen Seiten 
verschieden starke Ablenkbarkeit der hidustrie, die qualita- 
tive Bestimmung ihrer Ablenkung durch das Standortsgewicht 
und seine Zusammensetzung, gleichgültig, so kann das Standorts- 
gewicht der Arbeitskostenmasse einfach als quantitativer 
Maßstab ihres Ablenkungswerts gegenübergestellt oder zur rech- 
nungsmäßigen Grundlage ihres Ablenkungswerts gemacht werden. 

Der Begriff des »Arbeitskoeftizienten« d. h. der Begriff der 
Größe der auf das Standortsgewicht der Industrie bezogenen Ar- 
beitskostenmasse tut das, und es ist nur noch zweckmäßig da- 
bei zu bemerken, daß dieser Arbeitskoeffizient ursprünglich aus 
einer Relation wie etwa loo: 3 (d. h. 100 M. Arbeitskosten p. T. P. 
bei 3 Tonnen Standortsgewicht) besteht, daß es aber nützlich 
ist, um die volle Vergleichbarkeit der Arbeitskoeffizienten der 
verschiedenen Industrien zu schaffen, überall die Reduktion auf 
I vorzunehmen, sich also zu fragen, wieviel für je eine Tonne 
der zu bewegenden Gewichte in jeder Industrie Arbeitskosten er- 
wachsen. Das tun wir : und wir werden also vom Arbeitskoef- 
fizienten der Industrie immer in dem Sinne ihrer Arbeitskosten 
per Tonne zu bewegendes Gewicht, pro Standortstonne — so 
soll das heißen — sprechen ^). Und in diesem Sinn werden wir 
künftig sagen, daß die Arbeitsorientiertheit der 
Industrien, soweit sie vongenerellenCharakter- 
e i g e nsc h a f t e n derselben abhängt, durch ihren 
Arbeitskoeffizienten bestimmt ist. 

Zur Veranschaulichung von dessen Bedeutung einige Bei- 
spiele: die Korsettfabrikation hat einen Arbeitskoeffizienten von 
ca. 1500 Mk., die Steingutwarenindustrie von ca. 55 Mk., die 
Rohzuckerherstellung (aus Rüben) von 1,30 Mk. lO^o Arbeits- 
kostenersparnisse an irgend einem Platz bedeuten nach diesen 
verschiedenen »Koeffizienten« 150 Mk., 5,50 Mk. und 0,13 Mk. 
Ersparnisse pro Standortstonne. Das heißt : bei einem angenom- 
menen Tonnenkilometersatz von 5 Pfg. stellen sie eine Deviations- 
möglichkeit von 3(XX) Km. für die Korsettherstellung, 1 10 Km. 



l) Jede derartige Standortstonne hat man sich zusammengesetzt zu denken 
aus den der Zusammensetzung des Standortsgewichts entsprechenden Portionen 
Produkt und Materialien. 



I lO L)ie Arbeitsorientierung. 

für die Steingutaibeit und 2,6 Km. für die RohzucK-erproduktion 
her. Die ganre himmelweit verschiedene Orientierungsweise der 
drei Industrien liegt exakt in diesen Zahlen. 

b) Gesamtorientierung. 
Wir sprachen bisher von Ablenkung der isoliert betrachteten Ein- 
zelprodukte. Es ist nun aber nicht schwer, sich auch das Schicksal 
einer Industrie in ihrer Gesamtorientienmg unter dem Einfluß des 
eben entwickelten Arbeitskoeffizienten und seiner Komprimierbarkeit 
klar zu machen. Das Bild dieser Orientier-mg ist sehr leicht zu ge- 
winnen, indem mansich erstens vorstellt, auf wieweite Entfernungen 
nach der Höhe des Arbeitskoeffizienten der Industrie deren Ein- 
zelproduktionen von den Minimalpunkten der einzelnen Stand- 
ortsfiguren abgelenkt werden können; und zweitens sich er- 
innert, daß jeder attrahierende Arbeitsstandort immer grundsätzlich 
gleichzeitig auf alle irgendwo vorhandenen Standortsfiguren der 
Industrie einw'irkt, also die Tendenz hat, Produktion von allen 
Seiten her an sich zu attrahieren. Aus diesen beiden Vorstel- 
lungen ergibt sich das Bild des Angehäuftwerdens der Produk- 
tion von verschiedenen Seiten her an den Arbeitsplätzen. Und 
ihres Angehäuftwerdens , — das ist wichtig — entsprechend 
dem Maß der Ablenkbarkeit cet. par. an weniger Arbeits- 
plätzen. Auch die letztere Nuance des Bildes ergibt sich aus 
einer Kombination der beiden Vorstellungen. Denn wenn die 
nach allen Seiten auf alle Standortsfiguren wirkende Attraktion 
der Arbeitsplätze einer Industrie über große Strecken hin wirk- 
sam ist, so wird das auch ein Wirksamwerden der Konkur- 
renz der verschiedenen Arbeitsplätze untereinander in der Attrak- 
tion bedeuten. Es werden die Arbeitsp.lätze derselben In- 
dustrie bei grundsätzlich gleicher komprimierbarer Arbeitskosten- 
masse doch verschieden starke reale Kompressionsprozente 
haben: es werden sich also mehr und weniger attraktionsfähige 
ergeben ; die attraktionsfähigeren mit den größeren realen Kom- 
pressionsprozenten werden die weniger attraktionsfähigen aus- 
scheiden, und in dem Radius, in dem sie nach dem Charakter 
der Industrie überhaupt wirken, von allen Seiten Pioduktion ar; sich 
ziehen. Diese Attraktion von allen Seiten, die Ausscheidung der 
»Schwachen^; wird um so größer sein, je weiter an sich nach 
der Ablenkbarkeit der Industrie der Radius der Wirkung ihrer 
Arbeitsplätze überhaupt ist. Und es wird also für die an sich in 
hohem Grade ablenkbare Industrie eine Agglomeration an wenigen 



Bedeutung des »Charakters der Industrien«. III 

Arbeitsplätzen sich ergeben gegenüber einem Verteiltbleiben der 
in gerir.gerem Grade ablenkbaren auf viele Plätze. 

Wir kommen also für die Gesamtorientierung der Industrie 
aus der Betrachtung des Arbeitskoeffizieuten und seiner Bedeutung 
für sie gleich weiter dazu zu sagen : Wenn die Ablenkbar- 
keit einer Industrie von derHöhe ihresArbeits- 
koeffizientenab hängt, so wird die Industrie an 
um so weniger Arbeitsplätze zusammengeführt, 
um so mehr arbeitsmäßig agglomeriert sein, 
je höher ihr Arbeitskoeffizient — ist. 

Das alles ist deutlich und wird in der Gesamtvorstellung der 
Orientierung, die sich ohne weiteres ergibt, antizipierend als rirl?- 
tig empfunden, auch ehe man es sich diskursiv, wie eben ge- 
schehen ist, klar macht. Man könnte nun von der sich ergeben- 
den Gesamtorientierung der Industrie ohne weitere Bemerkungen 
Abschied nehmen, wenn nicht bezüglich der »Zusarnmenziehung« 
in ihr noch ein Punkt klarzumachen wäre, der eine Alteration 
der Attraktionskraft der Arbeitsplätze angeht, die durch eine 
Alteration der Transportkosten bei Zusammenziehung hindurch- 
geht. Nämlich: man stelle sich z. B. den einfachsten Fall vor, 
das Zusammengezogenwerden der Produktion von zwei Standorts- 
figuren an einen Arbeitsplatz, wie es die nebenstehende Figur 
schematisch verdeutlicht. Man wird sehen, _--^^ 

daß der Arbeitsplatz an dem die Produktion /^T^"'' / 

attrahiert ist, jedes der Materialien, die er ^^''''' "\^' 
braucht, von verschiedenen Lagerplätzen be- ^;^>-^..^/yr -'^i 
zieht (das erste Material von Mi und M'i und \ / \ 
das zweite Material von M2 und M'2) und daß \ / "\ 

er sie, wenn die Produktion von mehr als zwei ^^- ^' 

Standortsfiguren attrahiert wird, von ebensoviel Fig. 18. 

Lagerplätzen beziehen wird, als St-mdortsfiguren da waren, vor- 
ausgesetzt, daß die Produktion jeder der Standortsfiguren ihre 
eigenen Lagerplätze hatte. Nun ist aber klar, daß es für jedes 
der benutzten Materialien in Bezug auf den Arbeitsplatz, der 
nun Standort ist, ein günstig.st gelegenes Lager geben wird. Und 
es ist ganz deutlich, daß — die nötige Ergiebigkeit des günstigst 
gelegenen vorausgesetzt — die Produktion, an den Arbeitsplatz 
verlegt, die nun weniger günstig gelegenen Materialien, die sie in 
den Einzelfiguren benutzte, nicht mehr in Anspruch nehmen wird, 
sie »stilllegen <r wird und ihren ganzen Bedarf aus dem günstigsten 



X 1 2 Die Arbeitsorientierung. 

decken wird. In unserem Fall wird das heißen : Mi und M'2 
werden stillgelegt und der ganze Materialbedarf wird aus M2 und 
M'i gedeckt. Es tritt die in der Wirklichkeit vorliegende Ge- 
staltung ein, daß ein Arbeitsplatz, der attrahiert hat, mit all den 
Einzelstandortsfiguren der" Produktion nicht mehr durch die 
Materiallager, die sie haben, sondern nur noch durch den Kon- 
sumplatz, für den er eben arbeitet, in Verbindung steht. Daß 
er eben, wie wir es täglich sehen, »in alle Welt« absetzt, während 
erfür^das Material nur die nächstgclegenen, ausreichend ergiebigen 
Lager benutzt. 

Das Stilllegen von Materiallagern, das dieser Erscheinung zu- 
grunde liegt, geschieht aus dem Grunde der Ersparung von über- 
flüssigen Transportkosten. Es hat zur Folge, daß bei jeder Stand- 
ortfigur, deren Produktion abgelenkt wird, der Ersparnis, die der 
ablenkende Arbeitsplatz bietet, nicht mehr die vollen Deviations- 
kosten der alten Standortsfigur, sondern diese Deviationskosten, 
vermindert um die Transportersparnis durch Benutzung der op- 
timalen Lager gegenübersteht. In unserem Falle also stehen 
der Ersparnis, die A bietet, nicht mehr die vollen Deviations- 
kosten von Ml M2 Kl beziehungsweise M'i M'2 K^ gegenüber, son- 
dern diese Deviationskosten sind für die Ablenkung der Produk- 
tion des ersteren Dreiecks zu vermindern um die Transporter- 
sparnis, die der Ersatz von Mj durch M'i bietet, und für die ab- 
gelenkte Produktion des zweiten Dreiecks um die Transport- 
ersparnis, die der Ersatz von M'2 durch M2 bietet, welche Trans- 
portersparnisse in der verschiedenen Länge der Linien zu den 
Lagern anschaulich sind. 

Man kann nun die Sache auch umgekehrt und zur Beleuch- 
tung ihrer Tendenz noch klarer ausdrücken. Man kann sagen: 
der Ersparnis, die der Arbeitsplatz an Arbeitskosten bietet, tritt 
auch noch die Ersparnis hinzu, die er durch die Remplacierung 
der Lager gewinnt. Man hat also um die effektive Attrak- 
tionskraft eines Arbeitsplatzes gegenüber der Produktion irgend 
einer Standortsfigur klarzustellen den Deviationskosten dieser 
Standortsfigur nicht nur den einfachen Ersparnisindex des Platzes, 
sondern seinen um die Ersparnisse durch Remplacierung verstärkten 
Index gegenüberzustellen. Nur so bekommt man einen Maßstab 
der vollen Attraktionskraft des Arbeitsplatzes zunächst gegen- 
über jeder einzelnen, in Betracht kommenden Standortsfigur und 
dann durch Zusammenfassung auch seines Gesamtschlagkreises 



Bedeutung des »Charakters der Industrien«. Ilß 

im Ganzen. Und nur so also ein korrektes theoretisches Bild 
von der Gesamtorientierung der Industrie, von Maß und Art 
ihres Zusammengezogenwerdens an den Arbeitsplätzen. 

Und dabei ist noch folgendes zu berücksichtigen : es können 
bei der Deviation auch neue Materiallager herangezogen werden 
und diese Heranziehung neuer Materiallager wie überhaupt die 
Remplacierung der Materiallager kann wesentliche Bedeutung 
besitzen für die Konkurrenz der Arbeitsplätze untereinander, und 
das konkrete Bild des Abgelenktwerdcns der Industrie mitbe- 
stimmen. — Daß bei der Deviation neue Materiallager herange- 
zogen werden können, ist ohne weiteres klar. Denn die Prädilek- 
tion der Materiallager braucht sich ja natürlich nicht auf die in 
den ursprünglichen Standortsfiguren verwandten Lager zu be- 
schränken, sondern kann selbstverständlich auch bisher nicht be- 
nutzte Lager, die dem Arbeitsplatze nahe liegen, in die Produktion 
hereinziehen (einfachster Fall in nebenstehender Figur). — Die 
mehr oder weniger große Möglichkeit des j{ 
Heranziehens neuer gut gelegener Lager ^'" 



<y — M, 



aber, sowie überhaupt die Möglichkeit der / ^N^.-'' ^ , 
Remplacierung weit vom Arbeitsplatz gele- ^ -^^/ 
gener durch ihnen nahe gelegene schafft Fig. 19. 

selbstredend gleichzeitig einen Auslesefaktor unter den Arbeits- 
plätzen. Arbeitsplätze, die Materiallager in der Nähe haben und 
wirksame Remplacierungen bei der Deviation eintreten lassen 
können, werden andere, denen diese Möglichkeit fehlt, schlagen. 
Schlagen genau in dem Maße, als der Attraktionskraft ihres Er- 
sparnisindex dadurch Inkremente aus den zu machenden Trans- 
portersparnissen zuwachsen 1). — Und, wie aus dem Vorherigen 
zu entnehmen ist, daß die Möglichkeit der Remplacierung erst 
das reale M a ß der Gesamtdeviation zu den Arbeitsplätzen genau 
begrenzt, so zeigt sich hier, daß die Remplacierung auch die 
Prädilektion der Arbeitsplätze und damit das konkrete Bild 
des Abgelenktseins, das entsteht, endgültig mitbestimmt. 

l) Man k.inn natürlich ganz präzis berechnen, wie die Attraklionskraft eines 
Arbeitsplatzes im Vergleich zu einem anderen durch diese Remplacierungsmöglich- 
keiten tangiert wird; man braucht dazu nur die Distanz der Arbeitsplätze zu ihren 
nächsten Materiallagern miteinander zu vergleichen. Genau um so viel als die 
Distanz beim einen Arbeitsplatz kürzer als beim anderen ist, ist bei ihm die Trans- 
portersparnis bei Remplacierung größer als beim andern, ist also seinem Erspamis- 
index mehr hinzuzufügen als dem des andern. 

A. Weber, Standort der Industrien. 3 



114 



Die Arbeitsorientierung. 



Wichtiger aber ist für uns dies : das allgemeine Maß des Ab- 
gelenktwerdens der Industrie hängt nach wie vor von der Höhe ihrer 
Arbeitskoeffizienten ab. Je höher aber dieser ist, über je weitere 
Entfernungen also durch ihn die Deviation sich vollzieht, um so 
größere Distanzen werden auch die vor sich gehenden Rempla- 
zierungen überdecken, um so wirksamere Transportersparnisse 
werden sie bedeuten, um so mehr werden sie die Attraktions- 
kraft der Arbeitsplätze stärken. Die Attraktionskraft der Arbeits- 
plätze einer Industrie wird also nicht ganz einfach parallel der 
Höhe ihres Arbeitskoeffizienten wachsen, sondern sie wird, ver- 
möge der zunehmenden Relevanz der Remplazierung mehr als 
proportional mit dessen Wachstum steigen, und die allgemeine 
Regel, daß der Arbeitskoeffizient die Ablenkbarkeit einer Industrie 
bestimmt, ist demnach dahin näher zu erläutern, daß beide sich 
wie Linien verhalten, bei denen das Ansteigen der einen vom 
Ansteigen der andern abhängt, das Ansteigen der Ablenkungs- 
linie aber das der Arb.Koeff.-Linie übertrifft; also dahin zu er- 
läutern, daß die Ablenkbarkeit nicht eine einfache Parallelerschei- 
nung, sondern eine weitergehende Funktionserscheinung des Ar- 
beitskoeffizienten darstellt. Industrien mit wirklich hohen Arbeits- 
koeffizienten müssen gleichzeitig außerordentlich stark agglomeriert 
sein. 

4. Die Milieübedingungen der Arbeitsorientierung. 

Nun zu den oben abgeleiteten Milieubedingungen der Ablenk- 
barkeit. Von ihnen scheint zweien der Charakter ganz individueller 
Verhältnisse anzuhaften, die sich jeder Betrachtung unter einer 
allgemeinen Regel entziehen : der gegenseitigen Distanz von Stand- 
ortsfiguren und Arbeitsplätzen und den Ersparnisindices der Ar- 
beitsplätze. Tatsächlich bleibt für die Gestaltung dieser Bedin- 
gungen auch immer ein Rest ganz konkret individueller Natur 
übrig. Denn was man hier auch für allgemeine Regeln feststellen 
mag; immer wird die konkrete Lage der einzelnen tatsächlich 
vorhandenen Standortfigur zu den tatsächlich vorhandenen Arbeits- 
plätzen bei jedem einzelnen Paar verschieden sein, und immer 
wird der tatsächlich vorhandene Kompressionsprozentsatz der Ar- 
beitskosten des einzelnen Arbeitsplatzes bei jedem Platz etwas 
Individuelles bleiben. — Daraus aber folgt nicht, daß sich diese 
konkreten Gestaltungen nicht doch innerhalb einer allgemeinen 
Regel bewegen. Und tatsächlich tun sie das. Die gegenseitige 
Distanz von Standortsfiguren u.xd Arbeitsplätzen und die tatsäch- 



Bedeutung der Milieubedingungen. I j c 

liehen Kompressionsprozente der Arbeitsplätze, beide sind im 
ganzen beherrscht von einem und demselben innerlich zusammen- 
hängenden allgemeinen Tatsachenpaar, nämlich von Bevölkerungs- 
dichtigkeit und Zivilisationshöhe. Wir kennen dieses Tatsachen- 
paar schon von früher. 

I. Es ist klar, in dünn bevölkerten Gegenden mit weit aus- 
einanderliegenden Konsumplätzen werden auch die Standorts- 
figuren mit ihren Minimalplätzen in großen Abständen über das 
Land verteilt sein. Es werden aber auch die »Arbeitsplätze« 
dünner über das Land verstreut sein als in dicht bevölkerten. 
Das zusammen aber heißt: die Distanz zwischen Standortsfiguren 
und Arbeitsplätzen wird durchschnittlich groß sein. Umgekehrt, 
dichte Bevölkerung wird heißen : Lage von Standortsfigur neben 
Standortsfigur, von Arbeitsplatz neben Arbeitsplatz, und also kurze 
durchschnittliche Distanz zwischen Standortsfiguren und Arbeits- 
plätzen. Die zu überwindenden Deviationsspannen werden sich 
also parallel der Bevölkerungsverdichtung dahin verändern, daß 
mit steigender Bevölkerungsdichte immer kürzere Spannen zu 
überwinden sein werden , daß sich demnach immer günstigere 
Voraussetzungen für die Ablenkung ergeben. Das ist das allge- 
meine Gesetz, unter dem dieser Punkt anscheinend so rein kon- 
kreter Gestaltung steht. 

Mit einem ziemlich weitgehenden .Anspruch auf Allgemein- 
gültigkeit kann man dann weiter sagen: dünn bevölkerte Gegen- 
den werden im ganzen zugleich kulturell zurückgebliebene sein, 
oder sagen wir besser, kulturell »undifferenzierte^ . Das wird 
heißen: die Leistungen für den herkömmlichen Arbeitslohn w. l« 
in ihnen an einem Platz nicht viel anders sein als an einem antliiii; 
und die Löhne selber werden gleichfalls ni ht sehr stark diffe- 
rieren. Die Arbeitskostendifferenzen der Arbeitsplätze werden 
daher klein, ihre relativen Kompressionsprozente niedrig sein. 
Während umgekehrt parallel den im ganzen mit der Dichtigkeit 
der Bevölkerung wachsenden Kulturdifferenzen auch die Arbeits- 
kostendifferenzen und die relativen Kompressionsprozente der 
Arbeitsplätze wachsen werden. Das wird das allgemeine Gesetz 
sein, unter dem diese Bedingung steht. 

Beide also werden gemeinsam von Bevölkerungsdichtigkeit 
sowie damit zusammenhängender Zivilisationssteigerung in der Art 
beeinflußt, daß sie parallel zur >Verdichtung« sich nach der Seite 
der Erleichterung der Arbeitsorientierung ändern; denn erhöhte 



j](5 Die Arbeitsorientierung. 

Kompressionsprozente heißen natürlich ganz ebenso wie ver- 
ringerte Deviationsspanrien Erleichterung der Standortsverlegung 
zum Arbeitsplatz. Es kann daher sehr wohl sein, daß in dünn 
bevölkerten Gegenden Industrien überwiegend transportorientiert 
auftreten, die in bevölkerungsdichtern überwiegend arbeitsorien- 
tiert sind. Den Schlüssel dazu bietet das Gesagte. 

2. Sehr einfach ist schließlich die Bedeutung der dritten 
IMilieubedingung, der Transportkostensätze. Je niedriger die 
Tonnenkilometersätze sind, um so weiter rücken die Niveaulinien 
der Deviationskosten auseinander, um so geringere Ersparnisindices 
von Arbeitsplätzen und um so entfernter liegende derartige Plätze 
werden also in ihrer Attraktionskraft wirksam. Oder anders aus- 
gedrückt : um so weiter greift die Arbeitsorientierung quantitativ 
nach Produktionszweigen . gemessen in den Gesamtkörper der In- 
dustrie ein und um so stärker kontrahiert sie vermöge der Aus- 
weitung der Attraktionsrayons der optimalen Arbeitsplätze die 
Produktion der abgelenkten Industrien an diesen. Das ist die 
generelle Regel unter der diese Milieubedingung steht. — Man 
kann einen guten Teil des Kampfs zwischen Handwerk und Groß- 
industrie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Beleg für 
diese Regel der Folgen der Transportkostensenkung ansehn. Es 
ist oben besprochen, wie weit der Niedergang des Handwerks 
Produktionsentleerung der Konsumplätze durch Verschiebungen 
im Materialindex der Industrien darstellt. Hier ist zu sagen, 
daß er gleichzeitig noch verstärkt ward durch die Erleichterung 
der Deviation der Produktion an die besten Arbeitsplätze vermöge 
der Eisenbahnentwicklung. Die lokalen Differenzen in den Ar- 
beitskostenindices, die früher von den Transportkosten gewisser- 
maßen überdeckt waren , wurden mit deren rapider Senkung 
plötzlich sichtbar und traten in das Niveau der praktischen Be- 
deutung. Und massenhaft haben daher gute Arbeitsplätze früher 
transportmäßig verteilte Produktion , die am Konsumplatz lag 
und daher handwerksmäßig organisiert sein konnte, um sich ver- 
sammelt. Es wird im zweiten Teil zu zeigen sein, auf welche 
Industrien insbesondere sich das erstreckt hat. Aber man frage 
sich schon hier, was wohl Fabrikate wie Möbel, Körbe, Bottiche 
usw. von den Konsumplätzen, wo sie handwerksmäßig hergestellt 
wurden, an die besten Arbeitsplätze, wo ihre Fabrikation in tech- 
nisch vielfach gar nicht wesentlich veränderten Bedingungen, aber 
eben doch für den Absatz im Großen und also großindustriell 



Entwicklungstendenzen. 1 1 7 

vor sich geht, verlegt hat; und man wird finden, daß es die 
niedrig gewordenen Transportkostensätze waren. 
5. Entwicklungstendenzen. 

Alle Veränderungen der Milieubedingungen haben 
also die Tendenz die Arbeitsorientierung zu fördern. Denn die 
allgemeine Entwicklungsrichtung der Wirklichkeit in normaler Zeit 
geht augenscheinlich nicht bloß auf Transportkostensf.nkung, son- 
dern sie verschiebt auch die anderen allgemeinen Bedingungen der 
Deviation : die Bevölkerungsdichtigkeit und Kulturdifferenzierung 
deviationserleichternd, da sie die Tendenz hat, größere Dichtigkeit 
und stärkere Differenzierung zu schaffen. 

Aber auf der anderen Seite ; dieselbe technische Entwicklung, 
die die Transportkosten senkt, verändert gleichzeitig in einem 
andern ihrer Teile den generellen Charakter der Indu- 
strien durch Mechanisierung der Produktion. Und sie verändert 
ihn dahin, daß sie den Arbeitskoeffizienten der Industrien herab- 
setzt, indem sie gleichzeitig beide Faktoren, die ihn bestimmen, den 
Arbeitsverbrauch und den Materialverbrauch p. T. P. in verschie- 
dener Richtung aber mit dem gleichen Resultat verändert. Sie 
steigert den Materialverbrauch durch den Kohlenverbrauch 
und die Einstellung von Gewichtsverlustmaterialien das ist selbst- 
verständlich. Ihr Inhalt ist aber gleichzeitig, manuale Arbeit 
in der Produktion überflüssig zu machen, den Arbeitsverbrauch 
also herabzusetzen. Demnach immer weniger Arbeit auf 
ein immer größeres Standortsgewicht. Das muß die Tendenz 
bedeuten, fortgesetzt arbeitsorientierte in transportorientierte Indu- 
strie zu verwandeln. Wenn man sich das volle Maß dieser 
Bindungstendenz mit den Anschauungshilfsmitteln unserer Theorie 
deutlich machen will, so kann man das, indem man auf der einen 
Seite das aus der Steigerung des Materialindex folgende Zusam- 
menrücken der Niveaulinien, das die »Schwierigkeit« der Deviation 
verdeutlicht, ins Auge faßt, auf der andern Seite aber sich gleich- 
zeitig vorstellt, wie durch das Sinken der komprimierbaren Arbeits- 
massen p. T. P. die Erspamisgrößen der Arbeitsplätze sinken, die 
»kritischen Isodapanen« der Arbeitsplätze in der Skala der enger 
gerückten Niveaulinien auch noch näher an den Minimalpunkt 
herangerollt werden und so auch von dieser Seite her die Devi- 
ationsmöglichkeit sinkt. Wenn man clies beides gleichzeitig ins 
Auge faßt, so sieht man, daß die Bindungstendenz, die von der 
Mechanisierung des Arbeitsprozesses ausgeht, sehr stark sein muß. 



jjg Die Arbeitsorientierung. 

Ob sie stärker sein wird als die oben besprochenen »Lö- 
sungstendenzen«, die gleichfalls in der geschichtlichen Entwick- 
lung liegen, ist abstrakt nicht zu sagen. Denn nur zwei der ge- 
geneinander wirkenden lösenden und bindenden Kräfte lassen sich 
auch abstrakt unmittelbar zu einander in Beziehung setzen und 
in ihrem Gesamteffekt an der Hand bekannter Tatsachen einiger- 
maßen bewerten : nämlich die Transportkostensenkung und die 
Steigerung des Materialverbrauchs. Zum Zweck eines vorläufigen 
Einblicks in die Tendenzen der Gesamtentwicklung lohnt sich's 
immerhin beide einmal miteinander in Verbindung zu bringen. 

Steigerung des Materialverbrauchs ist Steigerung der Ge- 
wichtsmasse, die bei einer Deviation vom Minimalpunkt transpor- 
tiert werden muß. Senkung der Transportkostensätze ist Herauf- 
setzung der Gewichtsmasse, die zu denselben Sätzen transportiert 
werden kann. Ist der Materialverbrauch einer Industrie also auf 
das Doppelte gestiegen, sind aber die Transportkostensätze der 
Gewichtseinheiten gleichzeitig auf die Hälfte gesunken, so muß 
sich das im Effekt ausgleichen und in bezug auf die Ablenkbar- 
keit der Industfie alles beim alten geblieben sein. In dem 
Anschauungsapparat unserer Theorie wird sich das derart 
wiederspiegeln, daß die Lage der Niveaulinien die gleiche ge- 
blieben ist. Die Tendenz, sie zusammenzuschieben (Steigerung 
des Materialindex) und die, sie auseinanderzurücken (Senkung der 
Kostensätze), haben sich gegenseitig ausgeglichen. Von dieser 
AUgenieinanschauung aus läßt sich nun über den Gesamteffekt 
der Bindungs- und Lösungstendenzen seit der zweiten Hälfte des 
19. Jahrhunderts immerhin doch etwas sagen. Nämlich: die rie- 
sige TransportverbiUigung, die der Dampf brachte, hat die Ton- 
nenkilometersätze über Land, wir sahen schon, auf 1/4, ^lo, ja ^/ao 
der Achsenfracht gesenkt. Es wird nun nicht viele Industrien 
geben, in denen die Mechanisierung des Arbeitsprozesses, so ge- 
waltig sie auch gleichzeitig mit Hilfe des »Bruder Dampf« um 
sich griff, die zu bewegenden Gewichte in gleichen Sätzen in 
die Höhe getrieben hat. Das aber wäre nötig gewesen, um das 
allgemeine Auseinanderrücken der Isodapanen voll zu paralysieren. 
Es wird also eine überwiegende Hinausschiebung derselben statt- 
gefunden haben, für die einen Industrien mehr, für die anderen 
weniger stark, je nach dem Maß ihrer Mechanisierung, aber im 
ganzen doch überall in recht erheblicher Weise. — Aus dem un- 
gehemmten Hinausgeschobenwerden der Isodapanen auf das vier- 



Entwicklungstendenzen. I ig 

und zehnfache, wie es in allen noch garnicht von der Mechani- 
sierung ergriffenen Teilen der Produktion vor sich gehen mußte, 
bekommt man ein Bild der Revolutionierung der Standortsbedin- 
gungen für diese bis heute doch noch recht großen Ausschnitte 
der Produktion, für die ungeheuer gesteigerten Attraktionsradien 
der Arbeitsplätze in ihnen und für das Maß, in dem also auch 
z. B. der Kampf zwischen Handwerk und Großindustrie in der 
oben erwähnten Art einfach als eine Folge dieser gesteigerten 
Attraktionskraft aufgefaßt werden kann. — Das durch das Gegen- 
gewicht gehemmte Hinausgeschobenwerden der Isodapanen aber 
in den sich mechanisierenden Teilen der Industrie löst folgende 
Betrachtung aus. Soweit überhaupt ein Hinausgeschobenwerden 
eintrat — und wir sahen, daß das doch wohl ganz überwiegend 
der Fall war — mußte auch hier eine Auflockerung und Ver- 
stärkung der Arbeitsorientierung eintreten ; — wenn nicht die 
Mechanisierung gleichzeitig ein Herabgehen der eigenen Attrak- 
tionskraft der Arbeitsplätze herbeiführte, die ihrerseits das Hin- 
ausgeschobenwerden voll paralysierte. Da nun das Sinken der 
relativen Ersparnisindices der Arbeitsplätze ein Zurückgerollt- 
werden der kritischen Isodapanen gegen die Minimalpunkte zu 
bedeutet, so ist das Bild, unter dem sich die Entwicklung für die 
mechanisierten Teile der Produktion uns darstellt, also dies: ein 
mehr oder weniger starkes Auseinanderrücken der Isodapanen 
und ein gleichzeitiges Zurückgerolltwerden der kritischen Isoda- 
panen in ihrer Skala. Nur wo im Resultat dieser beiden Bewe- 
gungen die in der Skala zurückgerollte kritische Isodapane nicht 
doch entfernter vom Minimalpunkt war als vor der Mechanisie- 
rung und Transportkostensenkung, war nicht auch hier eine Auf- 
lockerung eingetreten. Es gehört in den empirischen Teil, zu 
zeigen, ob das für große Teile der Produktion etwa der Fall war. 
Und ob also Transport- oder Arbeitsorientierung im ganzen weiter 
fortgeschritten ist bezw. welche von beiden heute noch fortschreitet. 
Mit dieser letzteren Heranführung der Fragen an die konkrete 
Wirklichkeit ist es nun möglich, auch von den Gesetzen der Ar- 
beitsorientierung für die reine Theorie Abschied zu nehmen. Die 
Abgrenzung der arbeits- zu der transportorientierten Industrie auf 
Grund der gefundenen Regeln wird sich als eine der Hauptaufgaben 
der Durcharbeitung des empirischen Materials ergeben, gleichzeitig 
aber auch als eines der besten Mittel zeigen, die Theorie selber 
an den Tatsachen auf ihre Richtigkeit zu prüfen. Denn das hier 



I20 Die Arbeitsorientierung. 

aufgestellte Generalmerkmal der Arbeitsorientierbarkeit der Indu- 
strien, ihr Arbeitskoeffizierit, ist eine klare und in der Wirklichkeit 
nicht allzuschwer feststellbare Eigenschaft der Industrien. Ihre 
Bedeutung für die Abweichung der Industriestandorte von den trans- 
portmäßigen Minimalpunkten muß sich am Wirklichkeitsbild kon- 
statieren lassen; ist anders, was hier vorgetragen wurde, etwas wert. 



V. Kapitel. 
Die Agglomeration. 

Transportkosten und Arbeitskosten waren die beiden einzigen 
regional wirkenden generellen Standortsfaktoren. Alle übrigen 
wirken, wie wir gesehen haben, nur im Sinne der lokalen, geo- 
graphisch an sich nicht bestimmten Zusammenziehung oder Ver- 
teilung der Produktion (agglomerativ oder deglomerativ); — also 
nur im Rahmen der durch die beiden anderen Faktoren geschaf- 
fenen allgemeinen Basis. Es kommt nun darauf an, auch das 
Wirken dieser weiteren Faktoren in die allgemeine Theorie mit 
einzufügen. 

Abschnitt I. 

Analyse der Agglomerativ- und Deglomerativfaktoren. 
1. Gegenstand der Analyse. 

Das erste, was hier für die abstrakte Theorie zu tun ist, ist 
zu zeigen, daß sie prinzipiell in ihren Kalkül diese beiden Gruppen 
nicht als zwei, sondern nur als eine Gruppe einzustellen braucht, 
nämlich nur als Tatsachen der Agglomeration. Und das ist ein- 
fach. Alle Deglomerativfaktoren können offenbar einfach ihrem 
Begriff nach nichts anderes sein als Gegentendenzen, die die Ag- 
glomeration auslöst. Sie sind Auflösungstendenzen dieser. Sind 
sie das aber, so kann sie die Theorie auch von ihnen als etwas 
Selbständigem abstrahieren und sie behandeln als Herab- 
setzungen der Agglomeration. Denn \yas die Theorie angeht, ist 
nicht die Analyse der Dynamik von wirkenden Agglomerations- 
und als Gegenwirkung ausgelösten Deglomerationstcndenzen, 
sondern was sie angeht, ist nur das Resultat dieser Dynamik, 
da dies allein das Standortsbild verändert. Dies Resultat aber kann 
entweder sein das vollständige Paralysiertwerden der Agglome- 



122 Die Agglomeration. 

rativtendenzen ; dann ändert der ganze Vorgang an dem bisher 
gewonnenen Standortsbilde gar nichts. — Oder es kann sein ein 
verbleibender Ueberschuß an Agglomerationstendenz. Und diesen 
Ueberschuß, nichts weiter hat die Theorie dann eben als einen 
das bisherige Bild möglicherweise ändernden Faktor in Rechnung 
zu stellen. Sie hat es also grundsätzlich in der Tat nur 
mit möglicherweise eingreifenden Agglomerationsvorgängen als 
Resultaten komplizierterer Untervorgänge zu tun. 

Trotzdem wäre es immerhin wünschenswert, daß die abstrakte 
Theorie imstande wäre, die Dynamik des Zusammenwirkens von 
Agglomerativ-undDeglomerativfaktoren,die das »Resultat« schaffen, 
in ihre Bestandteile aufzulösen, beide Gruppen in ihre einzelnen 
Teile zu zerlegen und wie für die Transportkosten und Arbeits- 
kosten, auch hier dann die Merkmale aufzustellen, an denen zu 
erkennen ist, in welchem Maß sich jede einzelne Industrie unter 
dem Einfluß dieser Faktoren befindet. 

Das ist aber hier leider nicht rein deduktiv «u leisten. Die beiden 
bisher betrachteten Standortsgründe waren einfache Größen, die aus 
den bekannten Tatsachen irgend eines isoliert gedachten Pro- 
duktionsprozesses abgeleitet und deren Wirkungsmaß für jede 
Industrie aus der Bedeutung dieser Tatsachen deduziert werden 
konnte. Beides fällt hier weg. Die jetzt zu betrachtenden 
Gruppen von Standortsfaktoren sind umgekehrt gerade dadurch 
gekennzeichnet, daß sie aus der gesellschaftlichen Na- 
tur der Produktion folgen, im isolierten Produktionsprozeß also 
bei der Analyse nicht anzutreffen sind. Und es ist völlig un- 
möglich a priori zu sagen, was alles bei einer solchen gesell- 
schaftlichen Verknüpfung durch Zusammenballung verbilligt oder 
verteuert wird. Es gibt keinen Komplex bekannter Obertatsachen, 
aus denen das abgeleitet werden könnte, sondern es gibt nur die 
empirische Kenntnis von Einzeltatsachen, die aussagt, daß gewisse 
Elemente der Produktion dabei sich eben verbilligen, andere ver- 
teuern. Und kennt so die abstrakte Theorie die einzelnen Teile nicht, 
aus denen die Agglomerativ- und Deglomerativtendenzen als Grup- 
pen von Standortsfaktoren zusammengesetzt sind, so kann sie natür- 
lich prinzipiell auch nicht versuchen, durch Deduktion a priori 
bestimmte allgemeine Industriemerkmale definitiv aufzufinden, nach 
denen sie das Ausmaß der Einwirkung dieser Faktorengruppen 
auf die Orientierung der einzelnen Industrien bestimmt. 

So ist also die Aufgabe der abstrakten Theorie hier an sich viel 



Ersparnisfunktion und Agglomerationsfunktion. j2i 

beschränkter als in den vorigen Abschnitten. Sie hätte hier, streng 
genommen, nur die Aufgabe ganz allgemeine Regeln über Art und 
Maß der Orientierungseinwirkung der Agglomerativtendenzen zu 
finden; während sie es der empirischen Theorie zu überlassen hätte, 
mit der Auffindung der einzelnen Agglomerativ- und Deglomerativ- 
faktoren auch die Einreihung der verschiedenen Industrien in die 
allgemeinen Gesetzmäßigkeiten der Agglomeration vorzunehmen. 

Es ist aber zweckmäßig, schon um eine gewisse Anschauungs- 
grundlage für die Erörterung zu schaffen, doch ohne Anspruch auf 
Vollständigkeit, einen kurzen Ueberblick über die wesentlichsten 
bekannten agglomerativ oder deglomerativ wirkenden Faktoren 
zu geben. Und es wird sich zeigen, daß sich damit dann doch 
auch innerhalb der reinen Theorie für die wenigstens vorläufige 
Gruppierung der Industrien etwas anfangen läßt. Die »strenge 
Methode« ist ja manchmal gerade dazu da vernachlässigt zu werden. 
2. Definitionen. 

Zunächst ein paar Definitionen. Ein Agglomerativ- 
faktor im Sinne unserer Erörterung ist ein »Vorteil«, also eine 
Verbilligung der Produktion oder des Absatzes, die sich daraus 
ergibt, daß die Produktion in einer bestimmten Masse 
an einem Platz vereinigt vorgenommen wird; während ein De- 
glomerativfaktor jede Verbilligung der Produktion ist, die der 
Auflösung solcher zusammengeballter Massen parallel geht. — 
Das Resultat des Zusammenwirkens von Agglomerativ- und 
Deglomerativfaktoren muß, wie man sieht, immer sein, daß jeder 
zusammengeballten Produktionsmasse bestimmte, aus dem Gegen- 
einanderwirken der beiden P'aktorengruppen folgende Kosten- 
in d i c e s pro Produktseinheit entsprechen, die sich als F u n k t i o n 
des Maßes der Zusammenballung ergeben. Ist dabei das Re- 
sultat so, daß diese Kostenindices bei größeren gegenüber klei- 
neren Zusammenballungen abnehmend sind, so sind sie offenbar 
für die betreffende Industrie Ersparnisindices, die aussagen, daß 
bei der und der zusammengeballten Masse die Kosten um den 
und den Betrag pro Produkteinheit infolge der Zusam- 
menballung geringer sind als bei völliger Verteilung der 
Produktion, oder als bei der und der geringeren Zusammenballung. 

Der Inbegriff dieser Ersparnisindices soll unter dem einheit- 
lichen Begriff der Agglomcrations-Ersparnisfunktion oder kürzer 
»Ersparnisfunktion« einer Industrie zusammengefaßt werden. 
Er würde »Agglomerationsfunktion« genannt werden. 



124 ^'^ Agglomeration. 

wenn nicht dieser Terminus besser vorbehalten würde für eine 
andere Beziehung, die bei der genauen arithmetischen Be- 
stimmung der entstehenden Agglomerationsgrößen wichtig 
wird, nämlich für die Funktion, die sich aus der Aneinander- 
reihung der jeder Agglomerationsgröße entsprechenden Z u- 
wachsquotienten an Gesamtersparnis bei weiterer 
-^^gglonieration ergibt (cf. darüber Anhang III 2). Wir haben 
es hier vorerst mit der Ersparnisfunktion zu tun. Sie zerfällt in 
die einzelnen Ersparnisindices, die pro Produkteinheit jeder Stufe 
der Zusammenballung entsprechen. Gibt es mehrere solche Stufen 
der Zusammenballung, deren jede eine zusätzliche Kostenerspar- 
nis pro Produkteinheit besitzt, so hat die Industrie dann also eine 
eigentliche Ersparnisfunktion. Ist die Ersparnis dagegen an eine 
einzige ganz bestimmte Größe der Zusammenballung gebunden 
und steigt sie bei weiterer Zusammenballung nicht mehr fort, so 
hat sie einfach einen fixen Ersparnisindex der Agglomeration. Es 
ist selbstverständlich, daß für die vollständige Erfassung beider Be- 
griffe auch die Wirkung der Deglomerativfaktoren, also der Subtra- 
henden, mit in Rechnung zu ziehen ist. Wk werden später sehen, 
wie. — Vorläufig für die Veranschaulichung des Zustandekommens 
dieser Ersparnisfunktion bezw. dieses fixen Ersparnisindex ein paar 
Bemerkungen über Agglomerativ- und Deglomerativfaktoren. 
3. Die Agglomerativ- und Deglomerativfaktoren. 
A. I. Man kann, was zunächst die Agglomerativfak- 
toren angeht, unterscheiden zwischen zwei Stufen der Agglo- 
meration, auf denen sie wirksam sind. Die erste und untere ist 
die Zusammenballung der Produktion durch einfache Auswei- 
tung des Betriebs. Denn es stellt ja jeder Großbetrieb 
geschlossenen Systems eine notwendige lokale Zusammenballung 
gegenüber der möglicherweise lokal verteilten Kleinbetriebspro- 
duktion dar. Die bekannten wirtschaftlichen Vorteile des Groß- 
betriebs gegenüber dem Kleinbetrieb — n. b. nicht etwa der 
Groß Unternehmung gegenüber der Kleinunternehmung, mit 
diesen haben wir es nicht zu tun — sind also ebensoviel auf 
dieser ersten Stufe wirkende lokale Agglomerativfaktoren. Es 
gibt ein Agglomerativminimum, das der betriebsmäßig möglichen 
Verwendung eines bestimmten technischen Apparats mit bestimm- 
ten Prozenten der Verbilligung entspricht; ein weiteres Agglo- 
merativminimum, das der betriebsmäßigen Durchführung einer 
bestimmten Arbeitsorganisation von wieder bestimmtem Prozent- 



Agglomerativfaktoren. 12 e 

satz der Verbilligung parallel geht; und endlich ein Agglomera- 
tivminimum, mit dem ein Betrieb sich in die allgemein wirtschaft- 
lichen Beziehungen billigen Großankaufs , billigen Kreditbe- 
zugs usw. hineinhängen kann. — Alle diese Agglomerativ- 
faktoren in Kombination schaffen den Großbetrieb in seiner mi- 
nimalen Größe, für diebetreffende Industrie. Und indem sie ihn 
schaffen, stellen die zugrunde liegenden Tatsachen ebensoviele 
Agglomerativfaktoren dieser ersten einfachen Stufe dar. Der Er- 
sparniskoeffizient des großen Betriebs gegenüber dem kleinen 
(Großbetriebsindex), der, sich so ergibt, ist zugleich der Agglo- 
merationskoeffizient jeder Industrie im Ausmaß dieser Stufe. 

2. Ob nun eine Industrie bei einer Zusammenballungstendenz 
wie sie durch diese betriebsmäßige Ausweitung geschaffen wird, 
verharrt, oder ob sie noch einer weiteren Zusammenballungsten- 
denz unterliegt, das hängt davon ab, ob und in welchem Maß 
für sie die Vorteile eines lokalen engen Nebeneinanderliegens 
mehrerer Betriebe in Betracht kommen, oder nicht. — Man 
kann, um eine vorläufige systematische Uebersicht (»vorläufig <', wie 
ich nochmals betone) dieser gesellschaftlichen Agglome- 
ration zu bekommen, sich klar machen, daß das lokale Neben- 
einander mehrerer Betriebe auf höherer Stufe einfach die Vor- 
teile des Großbetriebs weiter baut, und daß also die Agglome- 
rativfaktoren, die diese höhere Stufe der gesellschaftlichen Agglo- 
meration schaffen, dieselben sein werden wie diejenigen, die den 
Großbetrieb schufen. Tatsächlich läßt sich das zeigen. Als 
wesentliche Faktoren dieser höheren Stufe der Agglomeration 
treffen wir wieder den Ausbau des technischen Apparats, den 
Ausbau der Arbeitsorganisation, und die bessere Einfügung in 
den wirtschaftlichen Gesamtkörper. 

a) Ausbau des technischen Apparats. Der 
technische Gesamtapparat, der zur Durchführung eines Produk- 
tionsprozesses gehört, kann bei hoher Ausbildung sich in seinen 
einzelnen Teilen soweit spezialisieren, daß Separatmaschinen ent- 
stehen für so kleine Teile des Arbeitsprozesses, daß selbst sehr 
hoch entwickelte Großbetriebe nach ihrem Fassungsvermögen sie 
nicht mehr voll auszunutzen imstande sind. Solche Teilmaschincn 
müssen dann mit ihren Teilen des Arbeitsprozesses gewisser- 
maßen aus dem einzelnen Großbetrieb herausgestoßen werden 
und für mehrere arbeiten, d. h. Basis selbständiger technischer 
Hilfsgewerbe werden. An sich können die Werkstätten solcher 



120 D'^ Agglomeration. 

technischer Hilfsgewerbe lokal von den Hauptbetrieben, für die 
sie arbeiten, getrennt sein, brauchen also nicht zur lokalen Zu- 
sammenballung ihrer Hauptbetriebe zu führen. Tatsächlich aber 
bilden sie mit den Hauptbetrieben, für die sie arbeiten, technisch 
ein Ganzes. Und dieses technische Ganze funktioniert naturge- 
mäß dann am besten, wenn seine ineinander greifenden Teile 
lokal zusammengeballt sind, weil es dann in allen seinen Teilen 
in »Fühlung« verbleibt. Die Entstehung solcher Spezialmaschinen 
mit zugehörigen Hilfsmaschinen schafft also, anders ausgedrückt, 
ein technisches Agglomerationsminimum, was über das bisher be- 
trachtete betriebsmäßige hinausgreift, sobald es zur gesellschaft- 
lichen Zusammenballung der Betriebe führt. Es wird so ein 
Agglomerativfaktor für diese hc^here Stufe. 

Und ganz etwas Aehnliches mit gleicher Wirkung tut etwas 
zweites, das man so oft als Grund der gesellschaftlichen Agglo- 
meration angeführt findet, nämlich die bessere Möglichkeit des 
Maschinenersatzes und der Maschinenreparatur bei gesellschaft- 
licher Zusammenballung. Auch die Maschinenersatz- und Repa- 
raturwerkstätte ist ein Teil des technischen Apparats, — sein 
»Hausarzt« gewissermaßen. Die hochstehende spezialisierte Voll- 
ausbildung dieses Teils (dieser Hausarzttätigkeit), ist auch wieder 
nur in Anlehnung an einen großen technischen Gesamtapparat, 
der eben im ganzen über die Ausweitung des einzelnen Betriebs 
hinausgeht, möglich. Auch hier ist an sich zerstreute Siedlung 
des Apparats, für den gearbeitet werden soll — »Landpraxis« — 
möglich. Aber die beste und billigste Bedienung erfolgt »am 
Ort«. So wird auch die Vollausbildung dieser Spezialfunktionen 
im Apparat wieder ein Faktor der gesellschaftlichen Agglomera- 
tion. — Und so fort. 

b) Ebenso beim Ausbau derArbeitsorganisation. 
Die voll entfaltete, differenzierte und integrierte Arbeitsorganisation 
ist gleichfalls in gewissem Sinne ein Apparat, und auch dieser 
Apparat enthält Teile, die so spezialisiert sind, daß sie in der 
Regel nicht in das Gehäuse eines einzelnen Großbetriebs passen. 
Auch sie tendieren daher, spezialisierte Hilfs- oder Teilgewerbe zu 
schaffen; und auf demselben Wege v/ie oben die »technisch« funda- 
mentierten führen auch diese »arbeitsteilig« fundamentierten Teil- 
gewerbe zur gesellschaftlichen Agglomeration. — Es ist nicht nötig, 
die schon angeführten Gründe dafür noch einmal zu wiederholen. 

c) Auch die letzte Gruppe : das bessere Sicheinfügen 



Agglomerativfaktoren. 127 

in den Großverkehr kommt auf der Stufe der gesellschaftlichen 
Agglomeration wieder. Der isolierte Großbetrieb »hängt* sich 
besser ein als der Kleinbetrieb, weil er im großen, also unter 
Ausschaltung von Zwischenhändlern, ein- und verkaufen bezw. 
als ein sicheres Subjekt billigeren Kredit nehmen kann. Zu- 
sammenliegende Großbetriebe aber machen weitere Ersparnisse, 
so vor allem beim Materialbezug und beim Absatz. — Beim 
Materialbezug dadurch, daß die zusammengeballte Industrie sich 
einen eigenen Markt ihrer Materialien bei ihrer Agglomeration 
entwickelt, von dem sie immer erst im Augenblick des Bedarfs 
die Materialien in den benötigten Qualitäten und Quantitäten 
zu entnehmen braucht. Während die isoliert liegende Unter- 
nehmung genötigt ist, sich ihre Materialien lange vorher »auf 
Lager« zu kaufen; — was privatwirtschaftlich Zinsverlust, also 
Geldkostenerhöhung, volkswirtschaftlich ausgedrückt aber unwirt- 
schaftliche zeitweise Totlegung von Sachkapitalien darstellt und 
also erspart werden kann. — Beim Absatz ermöglicht das gesell- 
schaftliche Zusammenliegen Ersparnisse dadurch, daß die zu- 
sammengeballte Industrie ihrerseits auch hier wieder eine Art 
einheitlichen großen Markts ihrer Produkte darstellt. Und das 
heißt: es ist möglich, daß die ganze Absatzorganisation seitens 
der Fabrikanten gespart wird, an Stelle des »Reisenlassens« von 
Seiten der Fabrikanten der Besuch und direkte Einkauf von sel- 
ten der Händler am Produktionsort tritt; — was wieder nicht nur 
eine privatwirtschaftliche, sondern auch eine volkswirtschaftliche 
Ersparnis darstellt, da man eben dabei »Arbeit« spart. 

d) Wird so aus diesen und weiteren Gründen auch das mög- 
lichst vollkommene » Sichhineinhängen < der Prpduktion in die 
allgemeine Wirtschaftsorganisation zu einem allgemeinen Agglo- 
merativfaktor auch für diese höhere Stufe der Zusammenballung, 
so mag nicht unerwähnt bleiben, daß auch Herabsetzungen der 
»Generalunkosten«, die ja bekanntlich auf der unteren Stufe der 
Zusammenballung, also beim Großbetrieb gegenüber dem Klein- 
betrieb gleichfalls eine Rolle spielen, ebenfalls hier wiederkehren: 
Gas, Wasserleitung, Straßenanlagen, der gesamte »Generalapparat« 
wird bei der hohen technischen Durchbildung und volleren Aus- 
nutzung, die er in Zentren gesellschaftlicher Agglomeration erfährt, 
billiger für die Einzelunternehmung als auf der unteren Stufe. 

Alles in allem : Wenn für jede Industrie ein Betriebsgrößen- 
index, — er mag niedrig oder hoch sein — da ist, der aus dem 



128 Die Agglomeration. 

jeweilig erlangten Stande der Technik, Organisation usw. hervor- 
gehend aussagt, welche Einheitskosten p. T. P. jeder Größenstufe 
des Betriebs der Industrie entsprechen, und der ihre Agglome- 
rationstcndenz für die untere Stufe der Zusammenballung darstellt, — 
so treiben möglicherweise und gewiß sehr häufig dieselben Fak- 
toren, die ihn schufen, über diese Agglomerationsstufe hinaus. 
Und dann entsteht aus ihrem Zusammenwirken eine Agglome- 
rationstendenz, die gesellschaftliche Zusammenballungen schafft, 
und die also mit der ersteren zusammen das Maß für die zweite 
höhere Stufe der Agglomeration und damit also für diese über- 
haupt bestimmt. — Dies zur vorläufigen Orientierung über die 
aktiven Faktoren der Zusammenballung. 

B. Deglomerativfaktoren. Wie bemerkt, kann 
nun jede Agglomeration Gegenwirkungen, Verteuerungen, aus- 
lösen. Und erst die Bilanz zwischen den aktiven Faktoren und 
diesen Gegenwirkungen ergibt die tatsächliche Agglomerations- 
kraft, die im einzelnen Fall wirkt. 

Diese Gegenwirkungen folgen aus der Größe der Agglome- 
ration als solcher; sie haben im Gegensatz zu den Agglomera- 
tivfaktoren, deren Stärke aus den besonderen Eigentümlichkeiten 
jeder Industrie, der Technik, ihrer Organisationshöhe usw. fol- 
gen, nichts mit diesen besonderen Eigentümlichkeiten zu tun ; 
sondern in ihrer Art und Stärke nur mit der Größe der Agglo- 
meration. Jede Agglomeration von gleicher Art und Größe 
löst sie gleichartig aus. Sie gehen nämlich sämtHch aus von Ver- 
teuerungen des Bodens, welche die der Agglomeration parallel 
gehende Verdichtung und Aufeinanderhäufung der Nachfrage 
nach Bodennutzungen, die dadurch steigende Grenznutzbedeutung 
der Bodenteile und die Eskomptierung dieser Grenznutzbedeutung 
durch spekulative Manöver hervorruft. Das heißt, sie gehen alle 
aus von der Steigerung der Grundrente. Und man kann sie also 
alle als Ausstrahlungen dieser nach verschiedenen Richtungen be- 
zeichnen. 

Es ist hier nicht der Ort, auseinanderzusetzen, durch welche 
verschiedenen Medien hindurch diese Ausstrahlungen vor sich 
gehen; noch weniger, von welcher Art und welchem Maß die 
Wirkungen der verschiedenen Produktionsvertc'Uerungen sind, die 
sie schaffen. Das alles gehört nicht hierher. Es handelt sich 
nur um die begriffliche Konstatierung der Wirkungen, die 
sie haben. Und da ist in näherer Ausführung zu schon Gesagtem 



Deglomerativfaktoren. j 2Q 

nur festzustellen, daß alle diese Wirkungen eben nur Abschwä- 
chungen von Agglomerativtendenzen darstellen; denn angenommen 
z. B., die Grundrente schaft't eine Verteuerung der für die Produk- 
tion unmittelbar nötigen Bodenfläche (welcher Verteuerung durch 
Wanderung der Produktion an die Peripherie der Agglomera- 
tion nicht ganz zu entfliehen ist), so bedeutet das eine Herauf- 
setzung der General Unkosten, — von deren Herabsetzung 
durch Agglomeration v^ir vorher gesprochen haben. Ange- 
nommen, sie schafft eine Verteuerung der Lagerung der Materia- 
lien (der gleichfalls im Rahmen der Agglomeration nicht zu ent- 
fliehen ist), so bedeutet das eine Heraufsetzung der Kosten des 
Materialbezugs, — deren Herabsetzung durch Agglomeration wir 
gleichfalls besprachen. Angenommen, sie verteuert die Arbeitskosten, 
so bedeutet das ein Aufgesogenwerden der Verbilligung durch hoch- 
stehende Arbeitsorganisation, — die gleichfalls erörtert ist. Und 
so weiter. — In jedem Fall bedeutet also das Entstehen und die 
Steigerung der Grundrente nicht das Eingreifen von grundsätzlich 
neuen Orientienmgsfaktoren eigner Art, sondern immer nur von 
Subtrahenden der Agglomerationsfaktoren. — Das Wachstum 
der Subtrahenden wird dabei aber immer, insoweit die Höhe der 
Grundrente, was ja im Ganzen der Fall ist, der Größe der 
Agglomeration parallel geht, ebenfalls einfach der Größe der 
Agglomeration parallel gehen. 

Daraus folgt nun, und das ist wichtig : erstens man kann sich 
die Bedeutung der Deglomerativfaktoren tatsächlich bis ins Ein- 
zelne ausgedrückt denken, als ein unter bestimmten Verhält- 
nissen eintretendes Schwächerwerden der Agglomerativfaktoren, 
und zwar als ein Schwächerwerden, das parallel geht der Größe 
der Agglomeration. Zweitens aber, während die Agglomera- 
tionsfaktoren sich immer auf sachlich individualisierte Produktions- 
massen, einen oder mehrere zusammenhängende Produktionszweige, 
für die sie eben gelten, beziehen, steht das durch die Agglo- 
merativfaktoren geschaffene Schwächerwerden der Agglo- 
merationstendenzen nur mit der Größe der Agglomeration a l s 
solcher im Zusammenhang, tritt also auch ein, wenn diese 
Agglomeration Zufallszusammenballung gar nicht notwendig 
agglomerierter verschiedener Produktionszweige ist. Und das 
ergibt, — da das reale Maß der mit der Agglomeration zusammen- 
hängenden Ersparnisindices immer mit bestimmt ist eben von der 
Stärke der gleichzeitig ausgelösten Deglomerativtendenzen, — daß 

A. Weber, Standort der Industrien. q 



I30 



Die Agglomeration. 



es theoretisch »rein« zu denkende Ersparnisindices der einzelnen 
Industrie einer Agglomeration nur geben kann, wenn man sich zu- 
nächst jede Industrie isoliert agglomeriert denkt. Denn, treten 
andere Industrien dazu, so wird das aus der Zusammenballung 
selbst folgende Schwächerwerden der Agglomerationsfaktoren und 
damit das reale Maß der Ersparnisindices mitbestimmt von dem 
zufälligen Umstand, daß sich eben andere Industrien am gleichen 
Platz mit agglomerieren; und damit wird das theoretisch reine 
Bild der Agglomerationsorientierung der betreffenden Industrie 
durch die Wirklichkeit verwischt. Diese Alteration der Wirklich- 
keit lassen wir hier nach dem ganzen Prinzip der Untersuchung vor- 
erst außer Betracht. Wir behandeln die Agglomerationstendenz 
und ihre Ersparnisindices hier rein; d. h. so, als ob die ver- 
schiedenen Industrien sich nicht durch die Zufälligkeit des Zu- 
sammenfallens ihrer Agglomeration an denselben Plätzen störten. 
Danach dürfte wohl klar und auch durch die Anlehnung an 
die Wirklichkeit anschaulich gemacht sein, in welchem Sinn im 
folgenden von Ersparnisindices der Industrien bei Agglomeration 
und von der »Ersparnisfunktion« der Industrien als der Skala 
dieser Indices gesprochen wird. 

Deutlich dürfte dann weiter ohne viele Erörterungen auch sein, 
weshalb die Theorie sich diese »Ersparnisfunktion« vorstellen wird 
als eine solche, deren Einzelindices wohl immer weitergehende Er- 
sparnis pro Produkteinheit mit steigender Agglomeration an- 
deuten, aber doch eine mit steigender Agglomeration immer lang- 
samer wachsende Ersparnis, die also ein zunehmend schwächeres 
Ausmaß der Agglomerationskraft bei steigender Größe derselben 
kennzeichnen. Sich die Ersparnisfunktion so vorzustellen, ent- 
spricht eben einfach der Wirklichkeit. Denn einerseits liegen ja 
die bekannten Erfahrungstatsachen darüber vor, daß die verschie- 
denen Agglomerativfaktoren, der Ausbau der Technik, Ausbau 
der Organisation usw. von sich aus schon, sämtlich degressiv- 
progressiven Charakter besitzen, — und andererseits wird dieser 
Charakter notwendigerweise noch verstärkt durch die Abschwä- 
chungen, die sie durch die Grundrente bei steigender Größe der 
Agglomeration außerdem noch unter allen Umständen erfahren. 
Also die Ersparnisfunktion wird man sich etwa vorstellen wie 
eine Seite einer Parabel, die immer langsamer, je weiter sie vor- 
dringt, einem Maximalwert zustrebt. 

Keiner näheren Erörterung bedarf es wohl auch darüber, daß 



Gesetze der Agglomeration. I3I 

der > fixe Ersparnisindex«, der nur eine Stufe der Agglomeration 
kennt, und der oben begriff lieh eingeführt ward, nur ein begriff- 
liches Hilfsmittel für die Theorie ist, eine Zwischenannahme, 
der aber in der Wirklichkeit keine Sachlage je ganz entsprechen 
wird. Denn es ist evident, daß die Agglomerativfaktoren, die 
wir kennen gelernt haben, immer eine Reihe von Stufen mit 
wachsenden Ersparnissen schaffen werden, die von dem absoluten 
Verteiltsein der Produktion bis zur theoretischen Maximalagglo- 
meration führen; — daß also die Alternative »absolutes Verteilt- 
sein« oder > fixe Agglomeration in einer bestimmten Größe « in Wirk- 
lichkeit nie vorliegen wird. Die Annahme des Vorkommens dieser 
fixen Agglomeration wird aber nicht unwichtige gedankliche Zwi- 
s,chenhilfsdienste leisten. 

Abschnitt II. 
Die Gesetze der Agglomeration. 

Die Theorie der Agglomeration hat es nach dem VorangCr 
gangenen zu tun mit lokalen Zusarnmenballungen, welche daraus 
entstehen, daß in der zusammengeballten Produktionsmasse die 
Produkteinheit um einen bestimmten Index billiger hergestellt 
werden kann als anders. Sie hat es darnach nicht zu tun mit 
lokalen Produktionszusammenballungen, die sich als Folgeerschei- 
nung anderweiter Orientierungsgründe ergeben, die daher sich 
ergeben, ganz gleichgültig, ob die Agglomeration als solche Vorteile 
hat oder nicht. Wenn also, und das ist im weitesten Umfang der 
Fall, die Transportorientierung Industrien an den Lagern von Ver- 
arbeitungsmaterialien (Erze) oder an den Kohlenlagern oder an 
großen Konsumplätzen zusammendrängt (confer. oben S. 70), so 
ist das vom Standpunkt der Agglomerationslehre eine Erschei- 
nung, die nicht in ihr Gebiet gehört. Und ebensowenig fällt es 
in ihr Gebiet, wenn die attrahierenden Arbeitsplätze sich so ent- 
wickeln, daß sie tatsächlich große Agglomerationszentren dar- 
stellen (confer. oben S. 1 10). All das sind von ihrem Standpunkt 
aus zufällige Erscheinungen, Erscheinungen in denen die Ag- 
glomeration nichts Spezifisches hat. Sie hat es nur zu tun mit 
der Agglomeration als notwendiger Folge von Agglomerativ- 
gründen, nicht als Zufallsfolge anderer Orientierungsgründe. Und 
nur das, was an diesen anderweit entstehenden Zusammenbal- 
lungen etwa gleichzeitig selbständig agglomerativ bedingt ist, in- 

9* 



132 



Die Agglomeration. 



teressiert sie. Diejenige Agglomeration, mit der es darnach die 
Theorie zu tun hat, soll im folgenden, weil technisch Wirtschaft 
lieh notwendig, kurz als »reine« oder »technische« Agglomeration 
der anderweiten Zufallsagglomeration gegenübergestellt werden. 
A. Agglomeration bei Transportorientierung. 

Die Tendenz der technischen Agglomeration kann zunächst als 
wirksam gedacht werden gegenüber rein transportmäßig orien- 
tierter, nicht an Arbeitsplätze abgelenkter Produktion. Wie wird 
hier zuerst eine Agglomerationstendenz mit fixem Index wirken.^ 
I. Agglomeration bei fixem Index. 

Vorerst also unter der Annahme, daß die Agglomeration 
nur eine Einheit mit ganz bestimmter Ersparnis hat, stellen wir 
hier zwei Fragen: Wann bezw. wie viel wird agglomeriert .f* und 
wenn agglomeriert wird, dann w o } 

a. Wann und wieviel wird agglomeriert.? Es 
ist das an der Hand des Vorstellungsbehelfes der Minimalpunkte 
und Isodapanen, wie sie bisher benutzt worden sind, sehr leicht 
zu entwickeln. Man braucht sich nur an das über die Ersparnis- 
indices der Arbeitsplätze und ihre Wirkung Gesagte zu erinnern. 
Auch die Agglomerationszentren stellen Attraktionsplätze mit be- 
stimmten Ersparnisindices gegenüber der verteilten Produktion 
dar. Das Hingehen der Produktion an sie bedeutet gegenüber 
der an den Minimalpunkten verteilten Produktion auch wieder 
eine Deviation mit Transportkostenerhöhung. Und natürlich ist 
diese Deviation grundsätzlich an dieselben Bedingungen geknüpft 
wie im vorigen Abschnitt : Die Deviationskosten p. T. P. müssen 
kleiner sein als die Ersparnisse p. T. P. — Diese Ersparnisse 
p. T. P. zeigt der T^rsparnisindex der Agglomerationseinheit an. 
Die Deviationskosten p. T. P. zeigen die Isodapanen an. Es muß 
wieder für jede irgendwo liegende isolierte Produktion eine kritische 
Isodapane geben, deren Deviationsindex dem Ersparnisindex der 
Agglomerationseinheit gerade entspricht. 

Macht man sich das klar, so sieht man ohne weiteres : agglo- 
meriert werden isolierte Produktionen mit einander und es ent- 
stehen daraus Agglomerationszentren, wenn es Segmente ihrer 
kritischen Niveaulinien gibt und wenn ihr mit den anderen an 
einem Segment beteiligten Produktionen zusammengeworfenes 
l'roduktionsquantum die Agglomerationseinheit erreicht. Denn gibt 
es solche Segmente der kritischen Isodapanen, so gibt es gemein- 
same Punkte, an denen die .Vgglomerationsersparnis durch die 



Agglomeration bei fixem Index. j ■!■} 

Deviationskosten nicht aufgesogen wird. Und erreicht das dort 
zusammenwerf bare Produktionsquantum die Agglomerationseinheit, 
so kann die Ersparnis und also die Agglomeration auch effektiv 
in Erscheinung treten. Mit anderen Worten : das Entstehen von 
Agglomerationszentren und die Agglomeration isolierter Produk- 
tion an ihnen ist an zwei Bedingungen geknüpft, erstens an das 
Bestehen gemeinsamer Segmente in Bezug auf eine Agglomera- 
tionseinheit »kritischer« Isodapanen, und zweitens an das Erreicht- 
werden des Produktionsquantums der Agglomerationseinheit inner- 
halb dieser Segmente. Agglomeriert werden alle isoHerten Produk- 
tionen und die Zusammenballung ergreift alle Teile der Gesamt- 
produktion, für welche diese beiden Bedingungen erfüllt sind. Mag 
eine isolierte Produktion haben welche Lage und welches Pro- 
duktionsquantum sie will, hat sie Segmente kritischer 
Niveaulinien mit anderen für di e Schaffung de r Agglo- 
merationseinheit ausreichenden isolierten Produk- 
tionen, so wird sie mit diesen agglomeriert. 

Dabei ist zur Verdeutlichung der beiden »Bedingungen« noch 
dies zu bemerken, was auch wieder, wenigstens teilweise, analogen 
Verhältnissen bei der Arbeitsorientierung entspricht. Grund- 
sätzlich können nur diejenigen Produktionen zusammengeworfen 
werden, bei denen für j e d e einzelne die auf ihr Produktions- 
quantum bezogenen Ersparnisse die Deviationskosten übersteigen. 
Nur für sie gibt es ja das in Betracht kommende Segment. Tat- 
sächlich aber kann die Agglomeration zwecks Erreichung der 
Agglomerationseinheit etwas über diese theoretische Grenze hinaus- 
greifen und auch vereinzelte etwas weiter liegende Produktionen, 
deren kritische Niveaulinien nicht ganz zum Segment kommen, 
attrahieren. Sie kann das, wenn für andere Teile der agglo- 
merierten Quanten das Verhältnis zwischen Ersparnis- und Devia- 
tionskosten so günstig ist, daß bei Verwendung eines Teils der 
dort durch Agglomeration zu machenden Ersparnisse auf die 
Deckung des passiven Saldos zwischen Ersparnis- und Deviations- 
kosten bei Attraktion des gedachten exzentrischen > Splitters« doch 
noch für die agglomerierte Produktion im ganzen genommen, ein 
Ersparnisüberschuß bleibt. Denn dann schafft das Attrahiert- 
werden des * Splitters« für die in Betracht kommenden Produ- 
ktionen im Ganzen eben doch eine Verbilligung, die ihrer- 
seits von diesem Vorgehen abhängig ist. Darüber hinaus 
aber, d. h. zu anderen Zwecken als zur gelegentlichen Auf- 



I ^21. D^^ Agglomeration. 

füllung nicht ganz kompletter Agglomerationseinheiten wird 
es und kann es sich deswegen nicht auswachsen, weil, wie sich 
später zeigen wird, die die Agglomeration auslösende »Einheit« 
im Groben auch die obere Grenze der Agglomeration darstellt, 
und nur bei der Zusammenwerfung vieler Agglomerationseinheiten, 
die >^Ueberschußmittel< da sein könnten, um im großen Stil nicht 
zum Segment gelangende exzentrische Produktionen zu attrahieren. 
Das Ganze ist also keine Alteration großen Stils, sondern nur eine 
nicht erhebliche Modifikation der beiden Bedingungen, an die, 
wie entwickelt, die Agglomeration geknüpft ist, der Regel also: 
daß eine Agglomerationseinheit mit einem bestimmten Index alle 
diejenigen Teile einer Gesamtproduktion zusammenballen wird, 
welche Segmente von in Bezug auf diese Einheit kritischen Niveau- 
linien mit anderen für die Agglomerationseinheit bei Zusammen- 
ballung ausreichenden Produktionen haben. 

b. Wo wird agglomeriert.'' Wo aber wird dabei das 
Agglomerationszentrum liegen.^ Auch das ist mit den Isodapanen 
leicht deutlich zu machen. Die Agglomerationseinheiten müssen 
offenbar i n den gemeinsamen Segmenten der kritischen Isoda- 
panen liegen. Denn dort liegen die Punkte zusammengeballter 
Produktion ohne zu hohe Deviationskosten. — Und auch darauf, 
wo die Agglomerationszentren dort ge- 
nauer liegen werden, gibt es eine ein- 
fache Antwort. An sich ist jeder in 
einem gemeinsamen Segment liegende 
Punkt ein möglicher Agglomerations- 
punkt. Denn an jedem dieser Punkte 
wird bei eintretender Agglomeration ver- 
möge des Verhältnisses zu den Devia- 
tionskosten billiger produziert werden 
als an den isolierten Minimalpunkten. 
Fig. 20. Wo aber das Agglomerationszentrum tat- 

sächlich hingehen wird, wird sich danach richten, an welchem 
der verschiedenen möglichen Agglomerationspunkte mit Rück- 
sicht auf das zu agglomerierende Gesamtproduktions- 
quantum die geringsten Transportkosten entstehen. Nun sind 
die Produktionsquanten der in die Agglomeration eingehenden 
isolierten Einzelproduktion verschieden groß. Die Verschiebung 
eines großen Produktionsquantums zu Gunsten der Agglomeration 
aber macht größere Transportkosten als die Verschiebung eines 




Agglomeration bei fixem Index. I35 

kleinen. Innerhalb des Segments wird sich also die Produktion 
so legen, daß die g r o ß e n attrahierten Produktionsquanten weni- 
ger verschoben werden als die kleinen ; denn dadurch sinken die 
Gesamtdeviationskosten. Anders ausgedrückt : die großen attrah- 
ierten Produktionsquanten werden innerhalb des Segments die 
kleinen attrahierten Produktionsquanten an die ihrem ursprüng- 
lichen Minimalpunkt nächst gelegenen Stellen oder wenigstens in 
deren Nähe ziehen und dort das Agglomerationszentrum fest- 
legen. 

Man kann sich das Resultat dieser Dynamik auch ganz exakt 
in folgender Weise klar machen. Die sämtlichen agglomerierten 
Einzelproduktionen stellen mit ihrem entstehenden gemeinsamen 
Produktionsplatz (dem Agglomcrationszentrum) als Einheit ge- 
nommen wieder eine große Standorts figur der uns schon 
bekannten Art dar, deren Verankerungspunkte die verschiedenen 
Materiallager und Konsumplätze der Einzelproduktionen sind. 
Die Lage des Standorts in dieser Figur muß sich an der Hand 
der Dynamik der Komponenten der verschiedenen Ecken genau 
nach denselben Regeln vollziehen, wie in den früher betrachteten 
Standortsfiguren. Die genaue Lage des Agglomerationszentrums 
ergibt sich also als die des transportmäßigen Minimalpunkts dieser 
Standortsfigur. Sie muß innerhalb des viel beregten »Segments« 
der Niveaulinien liegen, ist innerhalb dieses Segmentes aber in 
der gedachten Art näher fixiert und auch genau konstruierbar. 
Dies von dem Wann und Wo der Einzelagglomeration. — 
c. Größe der Agglomerationseinheit. Aus der 
Lösung der Frage des Wo der Produktion im Einzelsegment er- 
gibt sich nun aber weiter auch, welche von mehreren etwa für 
sie vorhandenen Agglomerationsmöglichkeiten eine Einzelproduk- 
tion zur effektiven Agglomeration wählen wird; und hieraus wieder 
folgt die schon oben angedeutete wichtige Regel über die Größe 
der entstehenden Agglomerationszentren und dadurch ein Aufschluß 
über den Charakter der Gesamtagglomeration. Hat nämlich eine 
Einzelproduktion nach verschiedenen Richtungen Agglomerations- 
segmente mit anderen isolierten Produktionen, also mehrere Ag- 
glomerationsmöglichkeiten, so wird sie sich in d e m Segment 
agglomerieren, in dem nach den eben entwickelten Gesetzen das 
Agglomerationszentrum für sie am günstigsten, d h. von ihrem 
Minimalpunkt am wenigsten entfernt liegt. Denn hier ent- 
stehen bei Agglomeration die kleinsten zusätzlichen Transport- 



136 



Die Agglomeiation. 




kosten, also die größten Ueberschüsse aus dem Ersparnisindex. — 
Dabei ist nun folgendes zu beachten: Die geographischen 
Möglichkeiten eines Naheliegens des Agglomerationspunktes sind 

für sie um so stärker, je näher ihr 
die anderweitigen Einzelproduktio- 
nen liegen, je größer also die Seg- 
mente sind, die die beiderseitigen 
kritischen Isodapanen bilden. Man 
sehe zur Verdeutlichung davon nur 
die nebenstehende Figur an. — 
Die tatsächliche Lage des 
Punktes in den Segmenten aber 
hängt, wie aus dem Besprochenen 
hervorgeht , gleichzeitig von der 
relativen Größe darin Betracht kommenden Produktionsquan- 
ten ab. Daraus folgt: wenn auch jede der Einzelproduktionen mög- 
lichst das größte Segment, also die ihr nächstliegenden anderweiten 
Produktionen zur Agglomeration wählen wird, so wird sie das 
doch mit der Auswahl tun, daß sie dasjenige Segment wählt, in 
dem bei Mitberücksichtigung der relativen Größe der Produklions- 
quanten der Agglonierationspunkt ihr tatsächlich am nächsten 
liegt. Das wird aber unter den ihr nächstliegenden das mit dem 
möglichst kleinen anderv/eiten Zusatzproduktionsquantum 
sein, cks für die aufzubringende Agglomerationseinheit bei Zu- 
satz zu ihr gerade noch ausreicht. Das wird sie auswählen. 
In der ja leider hier furchtbar schwerfälligen, die Dinge kaum 
noch fassenden BegrilTssprache anders ausgedrückt heißt das: 
die isolierten Produktionen werden sich nicht schlechthin mit 
den ihnen nächstliegenden anderv;eiten agglomerieren, sondern 
in de: Skala der Produktionen von den kleinen zu den großen 
aufwärts steigend mit denjenigen kleinsten, für eine Agglomera- 
tionseinheit gerade noch ausreichenden, die sie am weitesten an 
.sich ziehen können. 

Das ist der Satz, der den schon beregten Aufschluß über 
den Gesamtcharakter der entstehenden Orientierung vermittelt. 
Daraus, daß jede Einzelproduktion bei Zusammenballung unter 
den ihr nächstliegenden anderweiten die k 1 e i n -. t e, die für eine 
Agglomerationseinheit ausreicht, bevorzugt, muß sich als Allge- 
meincharakter der Agglomeration die allerdings auch anderweit, 
'ber nicht sc exakt abzuleitende Tendenz ergeben, in der Größe 



Agglomeration bc-i fixem Index. 



^i? 



K' 



-f:;:/"^ 



der Züsammenbalhing überhaupt nicht über die Größe der Agglo- 
merationseinheit binaiiszugehen und sich also in einer dieser 
Agglomeration.seinheit entsprechenden Zahl von Zentren zusammen- 
zuballen. Dies Resultat Ist, wie gesagt, ja auch anderweit ableit- 
bar, indem man sich sagt, daß jede Agglomeration Deviation ist 
und daß diese Kosten verursachende Deviation nicht v.-eiter führen 
wird als zur Schaffung gerade der Einheiten, die diese Kosten 
ersetzen. Es ist aber von Bedeutung, es auch auf dem Wege 
der exakten Detaiianalyse des Entstehens der einzehnen Agglo- 
merationszentren genau nachzuweisen. 

d. M o d i fi k a t i o n e n. Es ist nun noch, wieder genau 
entsprechend dem schon bei der Attraktion der Aibeitsplütze 
besprochenen, eine aus der Ausschaltung von Material- 
lagen folgende Modifikation der Attraktionskraft der Agglome- 
rationszentren einzufügen. Diese Modifikation wird hier ebenso 
wie dort daraus hei vorgehen, daß bei Zusammenziehung mehrerer 
Produktionen an einem Platz für 
jedes verwendete Material günsti- 
gere und ungünstigere Lager ent- 
stehen werden, je nach der Lage 
der bisher in der isolierten Pro- 
duktion verwandten Lager zum 
Produktionsplatz. Woraus, wie bei -W";' 
<lcx\ Arbeitsplätzen Iblgen wird: die ^»g- '^^■ 

ungünstigen Lager werden ausgeschaltet werden (in der neben- 
stehenden Figur M'i und Ma), und der Bezug wird sich (ausrei- 
chende Ergiebigkeit vorausgesetzt) auf die günstigsten Lager jeder 
Materialart beschränken. 

Neben dieser Veränderung, die regelmäßig vor sich gehen 
wird, kann dann auch nocli, wie bei den Arbeitsplätzen, der 
zweite P'ail eintreten, daß der Agglornerationsplatz zufällig einem 
bisher nicht benutzten Materiallager 
nahe liegt und daß er daher dieses 
neue Lager an Stelle aller bisher in 
der Materialart benutzten, für die Pro- 
duktion als das günstigste einstellt. 
Vergleiche Figur. Hier wird erstens 
M'i als ungünstiger gegenüber Mi aus- 
geschieden, zweiten.*^ aber ?Vl2 sowohl 
wie M'?, weil beide ungünstiger sind 
als das neue Lager M"2. 



Z 




m; 




138 Die Agglomeration. 

Wie bei der Arbeitsplatzorientierung werden beide Fälle auch 
hier vermöge der Ersparnis an Transportkosten, die vorliegt, eine 
Verstärkung der Attraktionskraft der Agglomerationszentren um 
einen zu deren Ersparnisindex zu machenden Zuschlag bedeuten ; 
— einen Zuschlag, der, wie dort, um so größer sein muß, je 
weiter der Ersparnisindex attraktiv schon so wie so ausgreift, je 
entferntere isolierte Produktionen also angezogen sind und je 
größere Lagedifferenzen zwischen den ausgeschalteten ungünstigsten 
und den verwandten günstigsten Materiallagern danach vorhanden 
sein werden. — Dies alles so wie dort. Erwähnt werden muß 
nur noch folgendes : 

Während dort der Attraktionspunkt in seiner Lage durch 
die eintretende Materiallagerausschaltung nicht alteriert wird, da 
er ja fest gegeben ist, geht die Wirkung der Materiallageraus- 
schaltung hier weiter; sie tangiert auch die geographische Lage 
des Attraktions-, hier also Agglomerationspunkts, der hier ja in 
seiner Lage durch die Segmente der Isodapanen, die ihn be- 
stimmen, in der Grundlage von den Standortsfiguren selbst ab- 
hängig ist. Fallen Teile dieser Standortsfiguren als mitwirkend 
fort, so wird auch die Grundlage seiner Orientierung verschoben. 
Es ist nun aber zweierlei zu konstatieren: erstens die neue Lage, 
die er erhält, ist sehr leicht festzustellen. Und zweitens: sein 
Losgelöstwerden von den alten Grundlagen ist kein vollständiges ; 
die alten Lager wirken virtuell in bestimmter Richtung für die 
Agglomeration fort. — Das letzere ist ohne weiteres klar; denn 
die neuen Lager können erschöpft werden und dann muß auf 
die alten zurückgegriffen werden. 

Was aber das erstere, die neue Lage, betrifft, so braucht man 
sich nur die Konsumplätze, die vom Agglomerationspunkt bedient 
werden sollen, zusammen mit den als Benutzungsorten restieren- 
den Materiallagern als eine neue Standortsfigur mit den entspre- 
chenden Komponentengewichten vorzustellen, um zu sehen, wo 
der Agglomerationspunkt liegen wird, daß er sich nämlich einfach 
in dieser neuen Standortsfigur nach den uns bekannten Gesetzen 
als deren Minimalpunkt bilden wird (Fig. 22 A Minimalpunkt von 
K' Ml K M'2; Fig. 23 A Minimalpunkt von K' Mi K M"2). — 
Der Agglomerationspunkt wird dabei, wie man ohne weiteres 
sieht, im ganzen in der Nähe der selektierten Materiallager blei- 
ben; denn dem in wenigen starken Strängen konzentrierten 
Materialgewicht dieser Lager werden zahlreiche verteilte Konsum- 



I 




Agglomeration bei steigendem Index. j2q 

Stränge mit relativ also schwachem Gewicht gegenüberstehen, 
die sich zudem durch die bei der Agglomeration notwendige kon- 
träre Lage der Konsumplätze in ihrer Wirkung gegenseitig para- 
lysieren werden. Es wird also nur die ursprüngliche Lage des 
Agglomerationspunkts in der Nähe dieser Lager beibehalten oder 
jedenfalls nicht stark verschoben werden. 

2. Agglomeration bei steigendem Index. 

Jetzt zu dem der regelmäßigen Wirklichkeit entsprechenden 
Fall, daß für die in Betracht kommende Produktion eine Erspar- 
nis nicht nur bei einer ganz bestimmten einzigen Agglomerations- 
einheit eintritt, sondern daß eine eigentliche Ersparnisfunktion für 
sie besteht mit wachsender Ersparnis bei steigender Größe der Ag- 
glomerationen. Eine solche Ersparnisfunktion ist in Wahrheit aus 
lauter einzelnen Agglomerationseinheiten mit je einem bestimmten 
Ersparnisindex zusammengesetzt. Das ist 
ja ihr im vorigen Abschnitt entwickelter 

begrifflicher Inhalt. Die Agglomerations- f \ai a, jöy «# % \ag 
tendenz, die sie enthält, kann man sich in 
ihrer Wirkung auf die »verteilte« Industrie Fig. 24. 

also klar machen, indem man sie sich in das konkurrierende 
gleichzeitige Einwirken aller dieser verschiedenen Agglomerations- 
einhciten mit ihren verschiedenen Indices »zerlegt« vorstellt. Jede 
der Einheiten will die verteilte Industrie nach ihrer Agglomera- 
tionsgröße zusammenballen, jede verfährt dabei nach den Gesetzen, 
die wir kennen gelernt haben. Und wir können ihr gemeinsames 
Einwirken uns also deutlich machen als einen Kampf der ver- 
schiedenen Agglomerationseinheiten um die Form der Agglome- 
ration, wobei innerhalb jeder der kämpfenden Formen sich die 
Agglomeration nach den schon entwickelten Regeln vollzieht. Es 
fragt sich also bei Einwirken einer Ersparnisfunktion mit den Ein- 
heiten ai a2 as usw. einfach: nach welcher dieser Einheiten soll 
sich die Agglomeration vollziehen ? Lt entschieden, nach welcher, 
so vollzieht sich alles übrige nach den bereits bekannten Ge- 
setzen. 

Welche Agglomerationseinheit obsiegen wird, läßt sich dabei 
vom Standpunkt der beeinflußten Einzelproduktionen wieder ziem- 
lich einfach entwickeln. Um den Minimalort jeder Einzelproduk- 
tion gehen für jede Agglomerationseinheit, deren Ersparnisindex 
entsprechende »kritische Niveaulinien« herum; wobei die Linien der 
höheren Einheiten mit höheren Ersparnisindices auf entfernteren 



I40 



Die Agglomeration. 



Isodapanen liegen werden als die der niederen; in unserem Beispiel 
also a2 auf einer entfernteren als ai, aa als aa usw.; wie in den 
untenstehenden Figuren wenigstens für eine Funktion mit 2 Einheiten 
ai und 3 2 angedeutet. Die kritischen Niveaulinien höherer Einheiten 
haben demnach vermöge ihres größeren Schlagkreises die Aus- 
sicht, sich mit mehreren Niveaulinien anderer isolierter Produk- 
tionen zu schneiden als die der niederen Einheiten. Sie brauchen 
aber auch größere zusammenzuwerfende Produktionsmassen, umbei 




Fig. 25. 





Fig. 27. 

Fig. 28. 

vorhandenen Segmenten wirksam zu v/erden ; sie müssen also 

mehr isolierte Produktionen zusammenballen, als die niederen. 

Und sie werden neben diesen niederen Einheiten in einer Form 

in Konkurrenz treten, die man sich am besten an dem einfachsten 

Beispiel des Konkurrierens von nur zv;ei Agglomerationseinheiten 

(ai und 32) deutlich macht. 

Es kann hier zunächst der Fall vorliegen, daß die Niveaulinien 

höherer Ordnung — in unserem Beispiel repräsentiert durch a^ — 

nicht mehr Produktionen zusammenfassen als die der niederen, weil 

sie in so geringem weiteren Abstand von diesen die Minimapunkte 

umkreisen, daß sie nicht mit mehr Produktionen Segmente besitzen 

als diese (Fig. 25). Alsdann tritt überhaupt keine Konkurrenz der 



Agglomeration bei steigendem Index. I^I 

höheren Agglomerationscinhcitcn mit den niederen ein, es findet 
selbstverständlich Agglomeration nach den ersteren statt. — Es 
kann zweitens sein, daß die Niveaulinien höherer Ordnung infolge 
eines entsprechenden Abstandes von denen der niederen tatsäch- 
lich mehr Produktionen durch Segmente zusammenfassen als diese 
(Fig. 26 und 27, \v0a2 alle 4 Produktionen zusammenfaßt, während 
ai nur je zwei kopuliert). Dann ist an sich Agglomeration nach 
der höheren Einheit a^ wie nach der Einheit ai wirtschaftlicher 
als isolierte Produktion, vorausgesetzt, daß in beiden Fällen das 
genügende Quantum da ist. Es besteht also Konkurrenz zwischen 
beiden Agglomerationseinheiten. Es wird aber dann trotzdem 
doch keine Gesamtagglomeration nach der höheren Einheit aa 
stattfinden, solange die Relation der Agglomerationsersparnisse 
zu den Transportkostenzusätzen bei geteilter Agglomeration nach 
ai günstiger bleibt, als bei Gesamtagglomeration nach a2. Diese 
Relation ist nun geographisch genau ausgedrückt durch die Distanz 
zwischen der Isodapane, auf welcher der Agglomerationspunkt 
der betreffenden Einheit effektiv zu liegen kommt und der zu 
eben dieser Einheit gehörigen »kritischen« Isodapane. Letztere zeigt 
die Größe der durch die Agglomeration nach dieser Einheit zu 
machenden Ersparnisse an, denn sie läuft auf der Höhe der Trans- 
portkostenzusätze, die durch diese Ersparnisse gerade gedeckt 
werden. Erstere aber gibt die tatsächlich bei der Agglomeration 
zur Erlangung dieser Ersparnisse zu machenden Transportkosten- 
zusätze an. Je größer die Spannung zwischen diesen tatsächlich 
zu machenden Zusätzen und den tatsächlichen, Ersparnissen, um 
so günstiger die Agglomeration. Man braucht daher nur die 
Segmente der kritischen Niveaulinien der verschiedenen Einheiten, 
in unserem Fall also die Segmente von ag und ai (vom Stand- 
punkt der Einzelproduktionen aus) daraufhin anzusehen, in welchen 
von ihnen die Distanz der in ihnen entstehendeji Agglomerations- 
punkte und der kritischen Niveaulinien am größten sein wird, um 
zu wissen, in welcheii Segmenten und daher nach welchen Agglo- 
merationseinheiten agglomeriert werden wird. Und da ist — ein- 
mal gleich große Produktionsmassen in den Einzelproduktionen 
also Mittellage der Punkte in den Segmenten vorausgesetzt — 
zu sagen, daß die Distanz zwischen Agglomerationspunkt und 
kritischer Isodapane um so größer sein wird, je größer die Seg- 
mente sind. Denn je größer die Segmente, um so mehr rücken 
die kritischen Niveaulinien von dem zwischen ihnen liegenden 



IA2 Dis Agglomeration. 

Agglomerationspunkte ab , um so größer wird also die ent- 
sprechende Distanz. Der eben ausgesprochene Satz ist daher 
dahin zu konkretisieren, daß man im ganzen nur die Größe der 
verschiedenen vorhandenen Segmente anzusehen braucht, um zu 
wissen, nach welchen Einheiten die Agglomeration — ausreichende 
zusammengefaßte Produktionsmassen bei den Segmenten aller 
Einheiten vorausgesetzt — geschehen wird. 

In unserem Beispiel heißt das, in Fig. 26 wird nach ai agglo- 
meriert werden; denn, trotzdem an sich Agglomeration nach 
der höheren Einheit (a2) stattfinden könnte, wird sie doch nicht 
eintreten, weil die Segmente der niedrigeren Einheit größer sind, 
die größeren Distanzen zwischen Agglomerationspunkt und kri- 
tischen Niveaulinien aufweisen und also die größeren effektiven 
Ersparnisse haben. Und erst wenn, wie in Figur 27, die höheren 
Niveaulinien soweit von den niederen entfernt sind, daß sie nicht 
bloß mehr (und für die höhere Einheit als Gesamtmasse aus- 
reichende) Produktion in Segmenten zusammenfassen, sondern 
diese Segmente auch gleichzeitig größer sind als die der niederen 
Ordnung,, wird die höhere Agglomerationseinheit obsiegen. 

Um es in allgemeiner Form zu wiederholen: die Agglome- 
ration höherer Ordnung wird eine solche niederer Ordnung dann 
ausschalten, wenn ihre Niveaulinien in so viel weiterem Abstand 
um die Minimalpunkte gehen, daß sie nicht bloß das für die 
höhere Agglomeration notwendige »Mehr« an verteilter Produk- 
tionsmasse durch Segmente verbinden, sondern wenn diese Seg- 
mente auch größer sind, also günstigere Agglomerationspunkte 
für die Einzelproduktionen bieten, als die der niederen Ordnung. 

3. Natürlich kann es auch sein, daß überhaupt nur die Niveau- 
linien von Einheiten höherer Ordnung Segmente bilden, während 
die der niederen Ordnung gar nicht zur Berührung kommen 
(confer. Fig. 28). In welchem Fall dann die Agglomerationen 
niederer Ordnung aus der Konkurrenz ausgeschaltet werden. Es 
ist dies der extrem entgegengesetzte zum Anfangsfall. Die 
Niveaulinien höherer Ordnung laufen hier in sehr viel weiteren 
Distanzen um die Minimalpunkte herum, als die eng an diesen 
klebenden der niederen. 

3. Die Bedingungen der Agglomeration. 

So die abstrakte Formulierung. Es dürfte aus der Art, 
in der sie abgeleitet wurde, schon eine Bedingung ohne weiteres 
deutlich geworden sein, von der die Gestalt der Agglomeration 



Bedingungen der Agglomeration. 



143 



abhängt. Die nämlich der Art des Aufeinanderfolgens 
der kritischen Isodapanen der verschiedenen Einheiten. Enge 
Aufeinanderfolge der kritischen Niveaulinien bedeutet nach dem 
Auseinandergesetzten Agglomeration nach einer niederen, weite 
Aufeinanderfolge nach einer Einheit hoher Ordnung; die Agglome- 
ration hängt also erstens von der Skala der Niveaulinien ab. 
Diese Skala der Niveaulinien stellt nun aber nichts weiter dar, als 
den graphischen Ausdruck für die Stärke des Anwachsens der 
Ersparnisse mit den Agglomerationseinheiten. Sie ist das auf 
eine seitlich gehaltene Fläche projizierte Bild des Ansteigens 
der Ersparnisfunktion (confer. nebenstehende Verdeutlichung). 



/^ 



Ai A2 A3 
Fig. 29. 




Wachsen die Ersparnisindices per 
^J Tonne mit den Agglomerations- 

^2 einheiten rasch an, so liegen die 

aj ^,,^^-rrf^'.al diesen entsprechenden Niveau- 

linien weiter auseinander (confer. 
ai a2 83 in Fig. 29). Wachsen sie 
langsam an, so liegen sie näher 
beisammen (confer. Fig. 30). Das 
Auseinandergesetzte ist also weiter nichts als eine exakte Formu- 
lierung dafür, daß und in welcher Art die Größe der entstehenden 
Agglomeration abhängig sein wird von dem geringeren oder 
stärkeren Ansteigen der Ersparnisfunktion ; — dafür, in welcher 
Art ein starkes Ansteigen der Funktion zu größeren Einheiten 
führt als ein geringeres. Es zeigt also, daß und in welcher Art 
die Ersparnisfunktion den ersten Faktor der Agglomeration, der 
Zahl und Größe der entstehenden Agglomerationszentren darstellt. 
Es zeigt aber, wenn man genauer zusieht, auch, welche 
übrigen Faktoren mitwirken. Abgesehen von der Aufeinander- 
folge der NiveauUnien kommt nämlich offenbar dreierlei noch in 
Betracht : 

Erstens: das von der Skalenfolge der kritischen Linien 
scharf zu trennende Maß, nach dem sie sämtlich grundlegend 
distanziert sind. Dieselbe Skalenfolge von kritischen Isodapanen 
kann über einen weit ausladenden Kreisbau und über einen engen 
Trichter von Niveaulinien ausgebreitet sein, je nachdem die grund- 
legende Distanzierung derselben groß oder klein ist (cfr. die 
Figuren des Anhangs). Und beides wird natürlich für die 
Agglomeration etwas Verschiedenes bedeuten. Das ist gleich zu 
besprechen. 



I 44 ^'^ Agglomeration. 

Zweitens; von der gegenseitigen Distanz der Einzelproduk- 
tionen. Sind sie weit auseinandergerückt, über das Land verteilt, 
so wird die Segmentbildimg ihrer Isodapanen eine andere, nie- 
drigere sein, als im umgekehrten B'all. 

Drittens: von dem Produktionsquantum der Einzel- 
produktionen. Von ihm hängt es ja ab, wie groß die in den 
Segmenten zu agglomerierenden Produktionsmassen sind, ob 
also bezAV. welche der verschiedenen Größenklassen der Segmente 
die ihren Einheiten entsprechenden Quanten besitzen. 

Begrifflich aber ist da weiter zu bemerken : 

zum ersten Faktor, daß wir ihn schon aus der Betrach- 
tung über Arbeitsorientierung kennen und von dorther wissen, 
die grundlegende Distanz der Isodapanen wird ihrerseits bestimmt 
von zweierlei : dem Standortsgewicht der Industrie als in deren 
Charakter liegender Bedingung und den allgemeinen Transport- 
kostensätzen als genereller Milieubedingung. Dieser Faktor rückt 
also zu zwei Bedingungen auseinander, die besonders wirken. 

Der zweite und dritte Faktor aber kann umgekehrt 
zu einer einzigen Bedingung zusammengefafit werden : der der 
Produktionsdichtigkeit. Denn Produktionsquantum der 
Einzelproduktionen und gegenseitige Distanz derselben bedeuten 
auf irgend eine Flächeneinheit bezogen tatsächlich eben die Dichtig- 
keit der Produktionen auf dieser. — Und es ist auch zweck- 
mäßig, sie zu diesem Begriff der Dichtigkeit der Produktion zu 
kombinieren, da beide auch in der Wirklichkeit den einheitlichen 
Ausfluß ein und derselben allgemeinen Milieubedingung darstellen: 
nämlich der Bevölkerungsdichtigkeit, die empirisch ja jene beiden 
Seiten hat, Dichtigkeit der Bevölkerung am Platz = Produktions- 
quantum der Einzelproduktionen, — und Zahl der Wohnsitze der 
Bevölkerung = Distanz der Einzelproduktionen. 

Wir erhalten also wieder wie bei der Arbeitsorientierung 
zwei im Charakter der Industrie liegende Bedingungen, von denen 
die Ablenkung zu Agglomerationszentren abhängt, nämlich: die 
Ersparnisfunktion der Industrie und ihr Standorts- 
gewicht. — Und wie dort haben wir auch hier zwei Milieubedin- 
gungen, nämlich : die Transportkostensätze und die 
Produktionsdichtigkeit (oder wie wir empirisch auch 
sagen können, die Bevölkerungsdichtigkeit); also im 
Grunde dieselben Milieubedingungen wie dort. 



Bedingungen der Agglomeration. IdK 

Es handelt sich nun darum: erstens noch die Art des 
Einflusses des Standortsgewichts und der beiden Miheubedingungen 
etwas näher zu betrachten, und zweitens womöglich auch 
noch ein wenigstens allgemeines Bild der Gesamtagglomeration 
unter dem gemeinsamen Einfluß aller Bedingungen zu gewinnen. 

I. Die allgemeine Art, in der Standortsgewicht und 
Transportkostensätze wirken, braucht wohl nicht wieder- 
holt zu werden. Es dürfte in Erinnerung sein, wie sie beide 
sinkend, die Niveaulinien auseinander — und wie sie beide steigend, 
sie zusammenrücken lassen; — wie also diese beiden Faktoren 
ganz gleichartig wirken. Wichtiger ist, sich klar zu machen, daß 
auch die eine der beiden Tatsachen der Produktionsdichtigkeit, 
nämlich die Distanzierung der Einzelproduktionen 
grundsätzlich eine ganz gleichartige Wirkung ausübt. — Das Aus- 
einander- oder Zusammenrücken der Isodapanen (NB. ohne Ver- 
änderung ihrer Skalenfolge), wie es verändertes Standortsgewicht 
und veränderte Transportkostenzusätze hervorrufen, heißt weiter 
nichts als Vergrößern oder Verkleinern aller Isodapanenbilder. 
Das aber wieder ist für das Sich-berühren und -schneiden dieser 
>Bilder« dasselbe wie das geographische Zusammen- oder Aus- 
einanderrückenlassen der Bilder bei Nichtveränderüng 
ihrer Größe, also eben das selbe wie die durch die verschiedene 
Produktionsdichtigkeit geschaffene Veränderung ihrer Distanzie- 
rung. Man kann daher Standortsgewicht, Transportkostensätze 
und Distanzierung der Einzelproduktionen als eine in ihrer Wirkung 
einheitliche Art der Beeinflussung zusammenfassen, als eine Art, 
die man wohl am einfachsten sich klar macht in der Vorstellungs- 
form des Auseinander- und Zusammenrückens der Isodapanen- 
bilder bei NichtVeränderung ihrer Größe. 

Was bedeutet nun dies Auseinander- und Zusammenrücken 
für die Segmentgestaltung und demnach für den »Fuß« der 
Agglomeration.? Es ist zunächst klar: Nicht genau dasselbe, 
wie die früher betrachtete Veränderung in der Skalen folge 
der Isodapanen, die aus der veränderten Ersparnisfunktion folgt. 
Diese schuf mit der anderen Skalenfolge andere l^ilder. Das 
Auseinander- und Zusammenrücken gleicher Bilder darf also mit 
ihr nicht verwechselt werden. Aber wie dort das weitere Aus- 
greifen der höheren Isodapanen bei stärkerem Ansteigen der Er- 
sparnisfunktion, wird hier das Aneinanderrücken der Figuren 
natürlich Erleichterung irgend welcher Agglomeration überhaupt 

A. Weber, Standort der Industrien. lO 



146 



Die Agglomeration. 



bedeuten; weil es, wie ohne weiteres klar, erstens die Segment- 
bildung vermehrt und zweitens die Anhäufung genügender Pro- 
duktionsmassen in den entstehenden Segmenten erleichtert, also 
beide entscheidenden Faktoren wie dort günstig beeinflußt. Und 
wenn auch in anderen Prozessen als dort, wird es dabei auch 
Agglomeration nach höherem »Fuß« eintreten lassen. Daß dies 
der Fall sein wird, kann man aus neben- 
stehendem wieder auf eine Ersparnis- 
funktion mit nur zwei Stufen (ai und 
ag) vereinfachten Beispiel entnehmen. 
Die Skalenfolge der Agglomeration 
(also eben die Ersparnisfunktion) ist 
in Fig. 31 und Fig. 32 genau dieselbe. 
Was beide unterscheidet, ist nur die 
Distanz der Einzelproduktionen. Sie 
ist im ersten Fall größer, im zweiten 
kleiner. Es ist von Fig. 31 zu Fig. 32 ein 
Aneinanderrücken um ein Viertel ein- 
getreten. Bei Fig. 31 gibt es Agglome- 
ration nur nach ai, von welcher Ein- 
heit wir annehmen, daß für sie quan- 
titativ zwei Einzelproduktionen aus- 
reichen. Bei Fig. 32 aber gibt es als 
Folge des Zusammenrückens solche 
sowohl nach ai wie nach a2 (von welch 
Fig. 31 und 32. letzterer Einheit angenommen wird, daß 

für sie das Gesamtproduktionsquantum der zweiten Figur nötig 
ist, aber auch ausreicht). — Es wird hier auch tatsächlich Agglo- 
meration nach der höheren Einheit a2 eintreten, denn die Distanz 
zwischen kritischer Isodapane und Mittelpunkt des Segments 
(Agglomerationspunkt) ist bei a2 größer als bei ai und demnach 
auch die Agglomerationsersparnis. Also: Das Aneinanderrücken 
der Figuren beeinflußt auch den »Fuß«; der Agglomeration. Es 
beeinflußt ihn schwächer, als das Ansteigen der Ersparnisfunktion; 
denn rücke ich die Standortsfiguren um ein bestimmtes Stück zu- 
sammen, so rücken sämtliche Isodapanen, also auch die niederer 
Ordnung mit näher aneinander. Die Bruttoersparnis wächst daher 
in allen Stufen, nur in den höheren stärker als in den niederen. 
Lasse ich aber den gleichen »Ruck« nur in der Skalenfolge wirken," 
indem ich Isodapanen höherer Ordnung um denselben weiter aus- 




Die Agglomerationsformel. I47 

greifen lasse, so rücken eben nur die Isodapanen dieser Ordnung 
auseinander, die Bruttoersparnis wächst nur bei ihnen. Und der 
Agglomerationsfuß wird daher ganz anders, viel unmittelbarer 
beeinflußt als im vorigen Fall. — Es wird sich noch darum 
handeln, dies verschiedene Maß der Einwirkung der verschiedenen 
Bedingungen später schärfer auszudrücken. Einstweilen muß die 
Veranschaulichung der Verschiedenheit ihres Wirkens, die hier 
gegeben ist, genügen. 

2. Die letzte Bedingung, oder richtiger der zweite Teil der 
dritten Bedingung : das Produktionsquantum der Ein- 
zelproduktionen. Von ihm ist nur zu sagen, daß ein 
Steigen ganz offenbar die Agglomeration erleichtert, ihren »Fuß« 
erhöht, ein Sinken ihn herabsetzt. — Denn steigt die Produktions- 
masse in den Einzelproduktionen, die durch Segmente zu ver- 
binden sind, um das Gesamtquantum einer Agglomerationseinheit 
zusammenzubringen, — so können weniger weit ausgreifende 
Isodapanen doch schon durch ihre Segmente genügende Einzel- 
produktionen zusammenbringen, — und so können umgekehrt die 
gleichen Isodapanenfiguren, die für ihre höheren Grade früher 
nicht genügende Massen (bei vorhandenen Segmenten) hatten, 
diese jetzt besitzen. — Ja es kann so die Einzelproduktion »in 
sich« schon soviel Masse gewinnen, daß sie verschiedene Grade 
der Ersparnisfunktion auch ohne Zusammenballung darstellt; 
und man kann sich auch den extremen Fall denken, daß eine 
ganze Ersparnisfunktion durch Steigerung der Quanten der 
Einzelproduktion ohne Notwendigkeit einer Ablenkung »konsu- 
miert* wird. Man sieht hiernach, wie das Produktionsquantum 
grundsätzlich wirkt. Mehr aber als diese grundsätzliche Vorstel- 
lung kann hier nicht vermittelt werden; denn für die Verdeut- 
lichung der Produktionsquanten der Einzelproduktionen versagen 
die Vorstellungsbehelfe der Standortsfiguren und ihrer Isodapanen. 
4. Die Agglomerationsformel. 

Wohl aber ist es für die Bedeutung sämtlicher Bedingungen 
zusammen möglich, auf einem anderen Wege weiter vorzudringen. 
Es ist unter der Annahme gleichmäßig über das Land verteilter 
Einzelproduktionen mit überall gleichem Inhalt möglich, auf analy- 
tischem Wege zu einer präzisen Formulierung des Einflußgrades 
der verschiedenen Bedingungen und dadurch auch gleichzeitig zu 
einem Aufschluß über die Gesamtorientierung, die sich bei jeder 
Kombination von ihnen ergibt, zu gelangen. Das leistet das im 

10* 



j^g Die Agglomeration. 

Anhang in dem Abschnitt über die Formel der Agglomeration 
gegebene. Es leistet es wie gesagt, unter der Annahme überall 
gleicher Produktionsdichtigkeit, — einer Annahme, die für keine 
Produktion und kein Land vollkommen zutreffen wird. Die Formel, 
die uns Zahl und Größe der entstehenden Agglomerationszentren 
bei jeder Konstellation der verschiedenen Bedingungen mitteilt, 
hat daher, insoweit sie das tut, auch nur idealen Wert. Sie gibt 
insoweit nur einen allgemeinen von der Wirklichkeit meist wohl ziem- 
lich entfernten Vorstellungsinhalt, an dem wirdiese vergleichend mes- 
sen können, ohne zu versuchen, das formelmäßige Bild deutlich in 
ihr wiederzuerkennen. Auch damit leistet die Formel eine Ver- 
ständnishülfe. Das aber ist nur eins. Wichtiger dürfte sein, daß 
sie zugleich den Wert der Veränderungen jeder einzelnen der 
Bedingungen der Agglomeration genau präzisiert. Und daß sie 
das nicht nur für das ideale Bild tut, sondern auch für jede reale 
Wirklichkeit. Denn mag in dieser die Produktion auch in noch 
so viel verschiedenen lokalen Dichtigkeitsgraden aufgebaut sein, 
für jeden dieser Grade und daher im ganzen realen Körper müssen 
die aufgezeichneten Bedingungen nach genau denselben rela- 
tiven Einflußgraden wirken, wie in glatt und gleichmäßig ver- 
teilt gedachter Produktion, die ja doch eben nur einfach einen 
dieser verschiedenen Dichtigkeitsgrade des realen Körpers darstellt. 

Versuchen wir, das im Anhang gewonnene Resultat uns 
klar zu machen, seine Formulierung in unser laienhaftes Deutsch 
zu übertragen. 

Bisher wurde einfach mit den absoluten Ersparnissen, 
die per Tonne Produkt bei jeder Agglomerationsgröße erzielt 
werden können, gearbeitet; welche Ersparnisse als F'unktion der 
Agglomerationsgröße unter dem Begriff der Ersparnisfunktion 
zusammengefaßt wurden. Man kann sich, sagt der Anhang, nun 
aber auch nach dem relativen Anwachsen der Ersparnisse beizu- 
nehmender Agglomerationsgröße fragen, d.h. also nach dem Er- 
sparnis z u w a c h s, der von jeder Agglomerationsgröße aus bei 
weiterem Hinzutreten von Einzelproduktion noch erzielt wird. Und 
man erhält, da dieser Ersparniszuwachs, — wenn man sich die attra- 
hierten Kleinproduktionen gegenüber der attrahierenden Groß- 
produktion klein genug vorstellt — wiederum einfach von den je- 
weils erreichten Agglomerationsgrößen abhängt, die Vorstellung 
einer zweiten Funktion, die die Attraktionskraft der verschiedenen 
Agglomerationsgrößen ausdrückt, und die der Anhang «Agglo- 



Die Agglomerationsformel. I in 

m e r a t i o n s f u n k t i o n« nennt. Die so entstehende Agglomc- 
rationsfunktion f (M) ist dann also zusammengesetzt aus den 
Zusätzen an Gesamtersparnis die jedem Fortschreiten von einer 
Agglomerationsgröße zu einer weiteren entsprechen. Es ist im 
Anhang das Verhältnis dieser Agglomerationsfunktion zur Erspar- 
nisfunktion, mit der bisher gearbeitet wurde, auseinandergesetzt 
und gezeigt, daß und wie beide innerlich zusammenhängen. 

Hier geht uns nur an : die Agglomerationsfunl<tion stellt den 
eigentlichen prägnanten Ausdruck der Attraktionskraft dar, die 
irgend eine Großproduktion gegenüber verstreuter Kleinproduktion 
ausübt. Und zwar ergibt sich als Bestimmungsgleichung für das 
Maß, in dem eine Großproduktion »ausgreift« und Kleinproduk- 
tionen attrahiert, die Formel: R = v~, worin R den Radius des 

As 

Ausgreifens , A das Standortsgewicht der Industrie und s den 
Tarifsatz, der giltig ist, bezeichnet. Das heißt: es ergibt sich, daß 
das Ausgreifen einer Großproduktion oder das Maß der Agglome- 
ration direkt proportional verläuft dem Werte der Agglomerations- 
funktion und umgekehrt proportional dem Standortsgewicht der 
Industrie und dem Tarifsatz, der besteht. So die Umgrenzung der 
Relevanz dieser drei Agglomerationsbedingungen. 

Um nun von da zur Einsicht in das wirkliche Ausgreifen 
der Agglomerationsradien, zur Feststellung der wirklich entstehen- 
den Agglomerationshöhe also zu gelangen, muß man dann die bis- 
her vernachläßigte vierte von uns entwickelte Agglomerations- 
bedingung »die Produktionsdichtigkeit« in Rechnung stellen. Die 
Produktionsdichtigkeit (p) bestimmt als solche ganz unabhängig 
von irgend welchen anderen Umständen ohne weiteres das Maß, in 
dem der Radius (R) der Einzelagglomerationen ausgreifen muß, 
um irgend ein Agglomerationsquantum (M) zusammenzubringen. 
Und zwar so : da M = uR^p ist, so ist 

M 

Setzt man nun statt des unbekannten R, des unbekannten Agglo- 
merationsradius also, seine so gewonnene Bestimmung in die 
Agglomerationsgleichung ein, so erhält man 

'M f(M) 
oder 



R=[/] 



|/M = 



As 



j CO Die Agglomeration. 

das heißt soviel wie: Will man wissen, welche der verschiedenen 
möglichen Werte einer für eine Industrie bekannten Agglomera- 
tionsfunktion f (M) bei bekanntem Standortsgewicht der Indu- 
strie (A), bekannter Tarifgestaltung (s) und bekannter Produktions- 
dichtigkeit (p) effektiv wird, oder anders: welcher » Aggiomerations- 
fuß« bei bekannten Agglomerationsbedingungen für eine Industrie 
tatsächlich ein Faktor wird, so muß man dasjenige M, diejenige 
Agglomerationsgröße also, in die Formel einsetzen, bei der irgend 
ein Wert von: 

As 

f (M) = ry^ l/M ist. 

Damit ist das Problem gelöst, und der Anhang zeigt, wie man 
in einfacher Weise auf konstruktivem Weg (durch Diagramm) 
feststellen kann, ob überhaupt ein effektives M, das diesen Be- 
dingungen entspricht, existiert, also irgend welche Agglomeration 
entsteht, und wie man den Wert von M bestimmt. Der Anhang 
hebt dann auch hervor, wie man natürlich mit der so bekannten 
Größe der Einzelagglomerationen auch die Zahl der Agglome- 
rationszentren kennt, die in einem Gebiet mit einem bekannten 
Gesamtproduktionsquantum sich ergeben müssen. Man erhält die 
Zahl der Agglomerationszentren, indem man einfach das Gesamt- 
quantum (G) durch den Wert der Einzelagglomerationen (M) di- 
vidiert. 

B. Agglomeration bei Arbeitsorientierung. 

a) Allgemeine Gesetzmäßigkeiten. Was bisher 
ausgeführt ward, galt dem Einfluß der Agglomerativkräfte auf 
Industrien, die diese Kräfte an den transportmäßigen Minimal- 
plätzen orientiert vorfinden. Wie nun, wenn eben diese Kräfte 
die Produktion nicht dort, sondern an Arbeitsplätzen antreffen? 

Was dann eintritt, der Einfluß der Agglomerativfaktoren 
also auf an sich arbeitsorientierte Industrie, ist wohl am besten 
aufzudecken, wenn man sich klar macht: Arbeitsorientierung ist 
eine Form der Deviation vom Minimalpunkt, Agglomeration 
ist eine zweite. Was also vorliegt, wenn agglomerative Kräfte 
in an sich arbeitsorientierten Industrien auftreten, ist ein Kampf 
zwischen Agglomerationsdeviation und Arbeitsdeviation, ein Kampf 
zwischen über dem transportmäßigen Grundnetz aufzurichtenden 
»Agglomerationsplätzen« und »Arbeitsplätzen«. In diesem Kampf 



Agglomeration bei Arbeitsorientierung. 1 5 l 

wird siegen, welche der beiden Kategorien die größeren Netto- 
ersparnisse gegenüber der reinen Transportorientierung bietet. 
Und es kommt also darauf an, darüber Regeln aufzufinden. 

Da ist nun zuerst zu sagen: Will man sich die reinen 
Agglomerätiv- und die Arbeitsplätze im Kampf vorstellen, so darf 
man, um die beiderseitigen Ersparnisse zu ermitteln, nicht einfach 
gegenüberstellen Netto-Agglomerationsersparnis der einen und 
Netto- Arbeitskostenersparnis der andern Plätze. Sondern: Ein 
Arbeitsplatz kann und, wir wissen schon, wird in den weit- 
aus meisten Fällen auch seinerseits ein Platz von Zusammenbal- 
lungen, »zufälliger« Agglomeration, wie wir das nannten, sein. 
In dieser zufälligen Agglomeration nun werden auch Agglome- 
rationsersparnisse entstehen, genau nach der Einheit der Erspar- 
nisfunktion der Industrie, welche die Agglomeration des Arbeits- 
platzes nach ihrer Größe repräsentiert; — Agglomerationserspar- 
nisse, die etwas anderes sind als die besprochenen Arbeitskosten- 
kompressionen, die die Industrie nach dem Gesetz der Arbeits- 
orientierung dorthin ziehen. Diese Agglomerationsersparnisse sind 
also zu den Arbeiskostenersparnissen hinzuzuzählen, will man die 
Nettoersparnis haben, mit der die Arbeitsplätze gegenüber den 
transportmäßigen »reinen« Agglomerativplätzen auf den Kampf- 
platz treten. Es ist zu fragen: Was ist größer: Agglomerations- 
ersparnis der letzteren oder Arbeitskostenersparnis -\~ Agglome- 
rationsersparnis der Arbeitsplätze ? 

Das heißt nun: Sämtliche Industrien, in denen die »Zu- 
fallsagglomeration« durch Arbeitsplätze ebenso große oder grö- 
ßere Einheiten schafft als sie die »reine Agglomeration auf der 
Transportbasis« an ihren Plätzen schaffen würde, behalten ihre 
Arbeitsorientierung bei; denn hier ist ja schon die »Zufalls-Ag- 
glomerationsersparnis« allein größer als die, welche die anderen 
Plätze bieten könnten. — Nur diejenigen Industrien, bei denen 
die Zufallsagglomeration kleinere Einheiten schafft, sind viel- 
leicht anders orientierbar. Dies aber auch nur dann, wenn 
das Manquo an Agglomerationsersparnis, das diese kleineren 
Einheiten involvieren, nicht ausgeglichen wird durch die Erspar- 
nisse an Arbeitskosten, die die Arbeitsplätze bieten. 

Nun muß man sich an zweierlei erinnern: erstens: In 
Industrien mit stark entwickelter Arbeitsorientierung tritt nicht 
bloß solche, sondern durch Konkurrenz der Arbeitsplätze unter- 
einander auch Auslese unter diesen und dadurch starke Zufalls- 



^s- 



Die. AsTglomeration. 



agglonieration an optimalen Arbeitsplatzen ein. Es liegt in der 
Arbeitsorientierung selber Agglomerationstendenz. Und zwei- 
tens: Die Stärke dieser Agglomerationstendenz aus Arbeits- 
orientierung ist in drei von vier Faktoren, von denen sie abhängt, 
gleich bestimmt mit der Stärke der anderen Agglomerationsten- 
denz, deren Konkurrenz mit ihr wir jetzt betrachten. Standorts- 
gewicht, Transportkostensätze und Bevölkerungsdichtigkeit senken 
und steigern in gleicher Weise Arbeitsorientierung und deren 
Zufallsagglotneration wie die ihr gegenübergestellte »reine Ag- 
glomeration auf der Transportkostenbasis«. Daraus folgt: Die 
vierte Bedingung, von der beide Agglomerationen abhängen, muß 
sehr stark verschieden sein, damit nicht die Zufallsagglome- 
rationen der Arbeitsorientierung entweder schon ihrerseits gleich 
groß sind wie die mit ihr in Konkurrenz gedachten Reinagglo- 
merationen: — oder damit nicht wenigstens ihre kleineren Ein- 
heiten so groß sind , daß deren Arbeitskostenersparnisse für 
das Bestehen des Kampfs ausreichende Ergänzungen ihrer Ag- 
glomerationsersparnis darstellen. Nur für Industrien also mit 
sehr hoher Ersparnisfunktion und mit sehr schwacher Arbeits- 
orientierung und demnach sehr geringen Zufallsagglomerationen 
an Arbeitsplätzen kann eine Konkurrenz der reinen Agglomera- 
tionen auf der Basis der Transportorientierung im Kampf über- 
haupt siegreich sein und also durch sie einen Rückfall in agglo- 
merierte Transportorientierung an Stelle von Arbeitsorientierung 
geschaffen werden. Es wird demnach kein großer Ausschnitt der 
Produktion sein, in dem die ^reinen« Agglomerationstendenzen 
die sonst mögliche Arbeitsorientierung aufheben und sich an 
deren Stelle setzen. 

Vielmehr umgekehrt: Das Hinzutreten der Agglomerations- 
ersparnisse zu den Arbeitsersparnissen wird in nicht unerheb- 
lichen Gebieten der Produktion, nämlich überall, wo durch starke 
Arbeitsorientierung sowieso sehr starke Agglomeration vorliegt, 
die Arbeitsorientierung gegenüber der Transportorientierung noch 
verstärken. Denn überall, wo die durch Arbeitsplätze geschaffe- 
nen Zufallsagglomerationen größer sind als die auf der Trans- 
portbasis möglichen reinen Agglomerationen tritt der Saldo zwi- 
schen beiden als anderweit nicht zu erzielende Ersparnis zu den 
Ersparnissen der Arbeitsplätze noch hinzu, verstärkt deren Ag- 
glomerationskraft und schafft also eine Grenzverschiebung nach 
ihrer Seite hin. 



Agglomeration bei Arbeitsorientierung. 



153 



Man kann sich die beiden Arten der Grenzverschiebung in 
ihrer Bedeutung an folgendem ganz beUebig gewählten Beispiel 
deutlich machen: Man prüfe die Einwirkung folgender Erspar- 
nisfunktion für eine Reihe verschiedener Industrien. Es sei 

bei Tonnen lOO | 200 | 300 j 400 ! 500 | 600 | 700 \ 800 

die Agg.-Ersp. p. T. "iTT"!' 6"" f 7~| 7,$"] 7,75 1 7.82I 7,88 
u. s. w. 

Die Einwirkung dieser Agglomerationsersparnisse sei unter- 
sucht bei Industrien mit Arbeitskosten von lo, 50, lOO, 200, 300 
Mark p. T. P. Die Kompression der Arbeitskosten an den Arbeits- 
plätzen betrage überall lO%. Es mögen die Zufallsagglomera- 
tionen, die sich bei den Industrien parallel ihren Arbeitskosten 
infolge der Arbeitsorientierung ergeben , betragen Tonnen : 50, 
100, 200, 400, 800. Während die Einheit der ^reinen Agglo- 
meration auf Transportbasis«, die mit Hilfe der gedachten Erspar- 
nisfunktion erzielt werden kann, natürlich in allen Industrien die- 
selbe ist, und zwar sei sie überall 300 Tonnen. 

Dann zeigt die folgende Tabelle, wie »reine Agglomeration« 
und »Arbeitsoriehtierung« für die verschiedenen Industrien zu ein- 
ander stehen : 





A. Arbeitsorientierung. 


B. Reine Agglo- 
meration. 


C. Arbeits- 
orientierung 




Arbeits- ] Er- Aggl.-Ein- 
kosten sparnis heit 
p. T. P. ip.T.P.I 

Mk. . Mk. ; Tonnen 


Gesamt- 

Ersparnis 

p. T. P. 

Mk. 


Aggl.-Ein- Er- 
heit sparnis 
p. T. P. 
Tonnen Mk. 


+ Ersparnis 
gegen Trans- 
portorientie- 
rung, 
p. T. P. 


I. Gruppe 


10 I 1 50 


I 


300 ! 5 


— 4 


2. Gruppe 


50 5 100 
100 10 200 


6 - 
14 


300 5 
300 5 


+ I 

-f- 9 


3. Gruppe 


200 1 20 400 
300 30 800 


lU 


300 5 
300 5 


-+- 22 
+ 32,8 



Man sieht drei Gruppen von Industrien: Erstens Indu- 
strien mit ganz geringem Arbeitskostenindex (von weniger als 
50 Mk. p. T. P., Gruppe i), bei denen also die Arbeitsorientie- 
rung schon an sich so schwach ist, daß sie nur ganz geringe 
Abweichungen und kleine Anhäufungen schaffen kann. Hier tritt 
eine Ueberlegenheit der reinen Agglomeration mit ihren größeren 
Agglomerationseinheiten und größeren Ersparnissen (5:1) ein; 
hier führt diese also zu einer Grenzverschiebung zu Gunsten der 
Transportorientierung. Die Grenzverschiebung nach dieser Seite 
hin kann aber keine große geographische Verschiebung bringen, 



I e^ Die Agglomeration. 

und demnach überhaupt keine große sachhche Bedeutung haben, da 
es sich um nur »schwach« abgelenkt gewesene Industrien handelt. 

Zweitens entstehen Industrien, in denen zwar die Agglo- 
merationseinheiten der reinen Agglomeration auch noch größer 
sind als die der Arbeitsorientierung, (300 gegen 100 und 200 
Tonnen, Gruppe 2), in denen aber das Hinzutreten der, wenn auch 
schwächeren Zufalls-Agglomerationsersparnisse der Arbeitsorien- 
tierung letztere dennnoch schon stärker macht als erstere, die 
Arbeitsorientierung also trotz kleinerer Einheiten siegreich sein 
wird. (Ersp. 6:5 und 14:5.) 

Und drittens sind Industrien da, in denen die Einheiten 
der Arbeitsagglomeration von vornherein schon größer sind als 
die der »reinen« Agglomeration (400 und 800 gegen 300), und in 
denen also der Hinzutritt der Agglomerationsersparnisse überhaupt 
nicht anders, denn als verstärkende Potenz der Arbeitsorientierung 
wirken kann. 

Wie aber wird der Hinzutritt der Agglomerationsersparnisse 
in diesen Industrien nun näher wirken? 

Er wird, läßt sich sagen, das Ausgreifen der Arbeitsplätze 
dieser Industrie überhaupt verstärken. Und zwar in ganz der- 
selben Weise, wie das schon bei dem Hinzutreten der durch 
»Remplazirung« der Materiallager entstehenden Transporterspar- 
nisse zu Arbeitsersparnissen besprochen ward. Man wird die 
wirkliche Attraktionskraft jedes einzelnen Arbeitsplatzes einer In- 
dustrie erst dann umspannen, wenn man zu den Arbeitskosten- 
ersparnissen, die er bietet, nicht nur die Ersparnisse der »Lager- 
Remplazirung« sondern auch noch die aus der Gesamtmasse der 
attrahierbaren Produktion hervorgehenden möglichen Agglomera- 
tionsersparnisse hinzuzählt. Und das wird für die Gesamtorien- 
tierung der Industrie bedeuten: erstens, daß sonst transport- 
orientiert gebliebene Partikeln der Produktion attrahiert und an 
die Arbeitsplätze abgelenkt werden, daß also die Arbeitsorientie- 
rung als Ganzes durch den Hinzutritt der Agglomerationserspar- 
nisse gegenüber der Transportorientierung weiter ausgreift, als das 
sonst der Fall wäre. — Und zweitens wird es heißen, daß 
innerhalb der Arbeitsorientierung der Industrien die starken 
Plätze, die vermöge starker Kompressionsprozente, die sie bieten, 
die schwachen, wie wir sahn, an sich schon schlagen, ein weiteres 
»Prae« erhalten, ein »Prae« das aus der Tatsache hervorgeht, 
daß die bei ihnen zusammengeführte Produktion eben auch noch 



Der Formkoeffizient. 



155 



Agglomeiationseinheiten mit Agglomerationsersparnissen darstellt. 
Der Radius ihres Ausgreifens wird sich so noch vergrößern, sie 
werden dadurch die Produktion noch weiterer schwächerer Plätze 
an sich ziehen. Die Art der Arbeitsorientierung wird daher da- 
hin beeinflußt werden, daß die mit der Stärke dieser Orientierung 
an sich schon wachsende Konzentrationstendenz noch erhöht wird. 
Also: Erweiterung des Ausgreifens der Arbeitsorientierung 
und Verstärkung der an sich schon vorhandenen »inhärenten« Ten- 
denzen zur Konzentration an wenigen Plätzen, das ist die wesent- 
liche Wirkung, die die Agglomerationstendenzen auf die Arbeits- 
orientierung haben werden. 

Abschnitt 3. 
Hineinstellen in die Wirklichkeit. 

Wenn nun versucht wird, die gewonnenen Resultate wie im 
vorigen Kapitel wieder in die Entwicklung der Wirklichkeit zu 
stellen, so handelt es sich wie dort ausschließlich darum, das, 
was sie inhaltlich besagen, noch etwas deutlicher zu machen, 
nicht etwa schon um eine induktive Verifikation desselben. 
I. Der Formkoeffizient. 

Zum Zwecke dieser Verdeutlichung und nur für diesen 
Zweck sei dazu auch unternommen, die bisher aus methodolo- 
gischen Gründen ausgeschiedene Frage, von welchen spezielleren 
Eigenschaften der Industrie ihre geringere oder größere 
Agglomerierbarkeit abhängen wird, noch zu besprechen. Es sind 
dazu diejenigen der gewonnenen Bedingungen der Agglomeration 
näher anzusehen, die im Industriecharakter liegen. 

Es sind zwei dieser Bedingungen von solcher Art vorhanden : 
das Standortsgewicht und die Ersparnisfunktion. Von ihnen ist 
das Standortsgewicht ein einfaches offen zu Tage liegendes und 
leicht feststellbares Merkmal jeder Industrie, das kein Problem 
enthält. Ueber dasselbe sind also keine Worte weiter zu verlieren. 

Anders die Ersparnisfunktion der Industrie. Sie ist nichts Sicht- 
bares und Greifbares, sondern etwas Unbestimmtes ; in ihrer Art 
erst das Produkt von gewissen tiefer liegenden anderen Merk- 
malen der Industrie, und in einer Art, die man nicht ohne wei- 
teres sieht. Wir wissen nicht abstrakt, von welchen Industrie- 
merkmalen hängt sie ab und wie von diesen? — Und für ihre 
Konkretisierung hilft leider auch die Verdeutlichung ihres Z u- 



j c6 Die Agglomeration. 

Standekommens, wie sie im Abschnitt »Die Agglomera- 
tionsfaktoren« versucht ist, nicht sehr viel weiter. Klar ist zwar, 
daß zwischen Ersparnisfunktion der Industrien, den Agglomerations- 
faktoren, aus denen sie hervorgeht, und dem »Charakter« der ver- 
schiedenen Industrien ein Zusammenhang bestehen muß, — daß vor 
allem die zwei wesentlichsten Gruppen von Agglomerationsfaktoren, 
die wir konstatierten, der Ausbau des arbeitsorganisatorischen und 
technischen Apparats in jeder Industrie eine verschiedene Erspar- 
nisfunktion mit verschiedenen Agglomerationseinheiten schaffen 
werden. Von welchen Eigenschaften der Industrien aber die Grösse 
der Agglomerationseinheiten und ihre Aufeinanderfolge, kurz die 
Gestalt der Funktion dabei bestimmt sein wird, darüber läßt sich 
abstrakt nichts Bestimmtes sagen. 

Will man sich über die Ersparnisfunktion und ihren Zusam- 
menhang mit dem »Industriecharakter« irgend eine allgemeine Vor- 
stellung machen, so muß man von einer ganz anderen Erwägung 
ausgehen. Man muß sich sagen : Nur Industrien mit hohem 
Formwert im Produkt können hohe Agglomerationseinheiten 
und hohe Kompressionsprozente der Kosten, also überhaupt eine 
starke wirksame Ersparnisfunktion besitzen. Der Grund ist ein- 
fach und aus einem analogen Gedankengang für den Arbeitswert 
und den Arbeitskostenindex und seine Bedeutung für die Arbeits- 
orientierung schon bekannt. Wir sagten da : Nur dort, wo hohe 
Arbeitskosten, auf die Tonne Produkte bezogen , da sind , sind 
auch auf eben diese Tonne bezogen grosse Ersparnisse an Ar- 
beitskosten zu erzielen. Dasselbe gilt auch für die Arbeitskosten 
im weiteren Sinn genommen (also Maschinenkosten usw. inbe- 
griffen), die sich im »Formwert«, den ein Produkt hat, nieder- 
schlagen. Auch sie können nur , wenn sie an sich hoch sind, 
durch hohe Kompressionsprozente hohe Ersparnisindices ergeben. 
Diese Arbeitskosten im weiteren Sinn aber sind es ja , die der 
Ausbau der Arbeitsorganisation und Technik, die beiden wesent- 
lichsten Gruppen der Agglomerationsfaktoren , herabzusetzen su- 
chen — die also gleichzeitig das wesentlichste Kosten-Kom- 
pressionsobjekt der Agglomeration darstellen. Schaffen 
demnach Ausbau der Arbeitsorganisation und Technik erstens 
hohe Agglomerationseinheiten, und zweitens starke Kompressions- 
prozente der höheren Einheiten im Vergleich zu den niederen, 
so werden beide Dinge doch nur (genau wie die Kompressions- 
prozente der Arbeitskosten an den Arbeitsplätzen) Bedeutung für 



Der Formkoeffizient. 



157 



der Orientierung jeder Industrie gewinnen nach der Höhe 
des Form Wertindex, den sie p. T. P. besitzt. — Je höher 
dieser Index steht, um so grössere Ersparnisse p. T. P. stellen 
gleich grosse Kompressionsprozente gleich grosser Einheiten dar, 
um so weiterausgreifende kritische Isodapanen der Standortsfiguren 
werden ihnen daher entsprechen, um so stärker wird also die 
Attraktionskraft der Agglomerationseinheit sein usw. 

Soweit also dieser Formwertindex das Objekt der Kostenkom- 
pression durch Agglomeration darstellt — und, wie bemerkt, die 
beiden wichtigsten Gruppen der Agglomerationsfaktoren »arbeiten« 
mit seiner Kompression — werden wir in der Tat an ihm einen 
Maßstab der virtuellen Agglomerierbarkeit der Industrien besitzen; 
— einen Maßstab, von dem zu sagen ist, daß er nichts vollstän- 
diges über die tatsächliche Agglomerationstendenz der Indu- 
strie, ihre tatsächliche Ersparnisfunktion aussagt, weil er ja noch nichts 
darüber aussagt, wie weit eigentlich und welche Kompressionen 
durch Ausbau der Arbeitsorganisation und Technik in der Wirk- 
lichkeit effektiv vorliegen, und wie die Skalenfolge der Agglome- 
rationseinheiten ist, die ihnen effektiv entspricht, — ein Maßstab, 
der also vorerst nur das virtuelle Maß der Agglomerierbarkeit 
umschreibt. — Aber ein Maßstab, den wir einstweilen dem Fehlen 
jeder konkreten Vorstellung über die Abhängigkeit der Erspar- 
nisfunktion und virtuellen Agglomerierbarkeit der Industrien von 
ihrem generellen Charakter vorziehen können. Und also lohnt es 
sich, ihn auch noch etwas näher zu betrachten und mit dem zwei- 
ten generellen Merkmal, dem Standortsgewicht der Industrien, in 
Zusammenhang zu bringen. 

Der »Formwert« der Produktion einer Industrie hat zwei ihn 
konstituierende Hauptfaktoren : die in Löhnen und Gehältern ausge- 
drüc]<ten eigentlichen Arbeits kosten und die Maschinen- 
kosten, letztere im weitesten Sinn genommen, als Amortisa- 
tions- und Verzinsungskosten des stehenden Kapitals und Kosten 
des Kraftverbrauchs. Wir wollen beide als »P"ormwert durch Ar- 
beit« und »Formwert durch Maschinen« unterscheiden. In wel- 
chem Verhältnis der Formwertindex einer Industrie aus diesen 
beiden Faktoren zusammengesetzt ist, hat nun für ihn als Maß- 
stab der Agglomerierbarkeit große Bedeutung. Durch folgendes: 
Je mehr der Formwert einer Industrie aus Maschinenarbeit folgt, 
umsomelir tritt dem positiven Faktor der Agglomerierbarkeit, den 
er darstellt, ein negativer in Gestalt steigenden Brennmaterialver- 



leg Die Agglomeration. 

brauchs, Steigerung also des Materialindexes der Industrie , zur 
Seite. Man kann sagen, Formwert aus Arbeit ist ein reiner 
Faktor der Agglomerierbarkeit, Formwert aus Maschinen dagegen 
ein durch steigenden Materialindex weitgehend paralysierter. Das 
hindert nicht, daß man den Formwert einer Industrie als virtuel- 
len Maßstab ihrer Agglomerierbarkeit verwenden kann , wenn 
man nur den zweiten im Materialindex und Standortsgewicht lie- 
genden Maßstab stets gleichlaufend mit bedenkt. Es reizt aber 
dazu an, ihn mit diesem Standortsgewicht begrifflich in nähere Be- 
ziehung zu setzen und so wie aus Arbeitskostenindex und Stand- 
ortsgewicht für die Arbeitsorientierung, hier aus Formwertindex 
und Standortsgewicht für die Agglomerierbarkeit einen überspan- 
nenden Gesamtbegriff zu schaffen. Es ist das wie dort auch hier 
möglich, wenn man eben einfach den Formwertindex nicht mehr 
auf die T. F., sondern auf das gesamte zu transportierende Ge- 
wicht, die Standortstonne also, reduziert. Und wenn man also 
wie dort von einem Arbeitskoeffizienten, so hier von einem ->Form- 
k o e ff izi en te n« spricht, worunter man dann also den Form- 
wert einer Industrie pro Standortstonne versteht. Dann kann 
man sagen : Industrien mit hohem Formkoeffizien- 
ten haben starke, Industrien mit niedrigen 
schwache in ihrem Charakter liegende Agglo- 
merierbarkeit. Und man ist damit zu einem verhältnis- 
mäßig einfachen, allerdings durchaus cum grano salis, d. h. mit 
allen oben erwähnten Cautelen zu verstehenden Gedankenresultat 
gekommen. 

2. Formen der Agglomeration in der Wirklichkeit. 

Man kann nun fragen: Was wird diese so in ihren allge- 
meinen Gesetzen umschriebene und ihren Bedingungen jetzt des 
näheren noch charakterisierte Agglomeration praktisch betrachtet 
für Wirkungen ausüben ? In welchen Formen werden wir sie in 
der Wirklichkeit antreffen.? 

I. Wir erinnern uns: sie hat transportorientierte, und sie hat 
arbeitsorientierte Industrien vor sich, auf die sie einwirkt. Und wir 
erinnern uns weiter: auf die arbeitsorientierten Industrien wirkt 
sie im ganzen einfach derart, daß sie (nach im übrigen des nähe- 
ren gefundenen Regeln) ihre Kontraktion an den Arbeitsplätzen 
steigert. Nur bei ganz schwach arbeitsorientierter Industrie setzt 
sie an die Stelle der Arbeitsorientierung eine »reine« Agglome- 
ration auf der Basis der Transportorientierung. 



Wirklichkeitsformen der Agglomeration. j cg 

2. Nun ist die Sache nach den gewonnenen Resultaten aber 
weiter die: starke »technische Agglomeration« tritt nur auf Grund 
eines hohen Formkoeffizienten ein ; der Formkoeffizient aber setzt 
sich zusammen aus Formwert durch Arbeit und Formwert durch 
Maschinen. So lange aber Formvvert durch Maschinen stets gleich- 
zeitig mit starkem Materialverbrauch (Kohlenverbrauch) verbun- 
den ist, kann er wegen des gegenübertretenden hohen Standorts- 
gewichts schwer einen hohen Formkoeffizienten geben — es sei 
denn, daß ihm gleichzeitig ein starker menschlicher Arbeitsver- 
brauch, also Formwert durch Arbeit parallel geht. Folge; es 
werden — solange und insoweit die Maschinenarbeit starken Ma- 
terialverbrauch bedeutet — die Industrien mit hohem Arbeits- 
koeffizienten sein , die gleichzeitig die stärksten »notwendigen« 
Agglomerationstendenzen zeigen, das aber sind die stark arbeits- 
orientierten und also schon agglomerierten Industrien. 

3. Das will nun heißen: die praktische Hauptwirkung der 
technischen Agglomeration wird heut ganz einfach in einer Ver- 
stärkung der Arbeitsorientierung zu finden sein. Ihr gegenüber 
muß die weitere Wirkung, die sie ausübt, die geographische Al- 
teration der Transportorientierung durch Schaffung von den trans- 
portmäßigen Minimalpunkten abweichender »reiner« Agglomera- 
tionsplätze weit zurückstehen. Denn bei dieser weiteren Wir- 
kung arbeitet die Agglomerationstendenz im ganzen mit einem 
geringen Formkoeffizienten, ist also selber nicht so stark wie in 
den arbeitsorientierten Industrien. 

4. Daraus folgt für die spätere Betrachtung der Wirklichkeit 
folgendes wichtige Resultat : 

erstens: wir werden die transpoitorientierten Industrien 
durch Agglomeration zusammengezogen, aber doch nicht sehr weit 
entfernt von ihren transportmäßigen Minimalpunkten in der Wirk- 
lichkeit vorfinden; und 

zweitens: wo wir in der Wirklichkeit von der Transport- 
orientierung geographisch wesentlich abweichende Industrieorien- 
tierung finden, da haben wir es im Zweifelsfall mit arbeitsorien- 
tierter Industrie zu tun. 

Diese Tatsache wird uas die Analyse des empirischen Ma- 
lerials sehr erleichtern. Denn sie löst dies Material für eine erste 
Analyse einfach in zwei große Gruppen auf, die der transport- 
und die der arbeitsorientierten Industrie; und gestattet uns so 
mit der simplen Fragestellung, die in dieser Unterscheidung liegt, 



I^O ^'<^ Agglomeration. 

unter vorläufiger Nichtberücksichtigung aller weiteren Nuancen 
an die Wirklichkeit zu treten. 

3 Entwicklungstendenzen in der Wirklichkeit. 
Welche Entwicklungstendenzen aber werden wir in Bezug 
auf die Agglomeration bei näherem Zusehen dann später im realen 
Leben wirksam finden? Wir kennen die einzelnen Bedingungen 
der Agglomeration aus unserer Analyse ; es sind : Bevölkerungs- 
dichtigkeit, Transportkostensätze und Formkoeffizient. 

1. Die Verschiebungstendenzen der beiden ersteren und ihre 
Bedeutung ist deutlich. Klar ist, daß steigende Bevölkerungs- 
dichtigkeit und sinkende Transportkostensätze als 
Entvvicklungsrichtungen der modernen Zeit vorliegen und daß sie 
die Agglomeration fortgesetzt erhöhen müssen. Unaufhörlich 
werden durch die sinkenden Transportkosten die kritischen Niveau- 
linien der Standortsfiguren weiter hinausgeschoben, werden also 
wirksame Segmente höherer Agglomerationseinheiten geschaffen ; 
unaufhörlich werden durch Verdichtung der Bevölkerung bei gleich- 
zeitiger Zusammenschiebung der Standortsfiguren ausreichende 
Produktions-Flächenquanten für höhere Agglomerationseinheiten 
geschaffen. Ueber die Bedeutung dieser Entwicklungsrichtungen 
der Wirklichkeit ist also kein Wort weiter zu verlieren. 

2. Nicht ganz so einfach steht es mit der Bedeutung der 
Verschiebung der im generellen Charakter der Indu- 
strie liegenden Bedingungen die, aus Formwert und Standorts- 
gewicht bestehend, im Begriff des Formkoeffizienten zu- 
sammengefaßt sind. Diese werden auch nach der agglomerativen 
Seite hin verschoben, aber nicht ohne daß auch Gegengewichte 
wirksam werden. Auf der einen Seite wird der Formwert der 
Industrien ein Mittel hoher Agglomeration derselben ; denn der 
Ausbau der Arbeitsorganisation und Technik seit dem i8. und 
dem 19. Jahrhundert bedeutet, das ist allbekannt, die Schaffung 
immer größerer Gehäuse für die Produktion, also hoher Agglomera- 
tionseinheiten und hoher Kompressionen des Formwertindex der 
verschiedenen Industrien bei Anwendung dieser Agglomerations- 
einheiten; und er hat also, in unserer Gedankenbildung ausge- 
drückt, dem Formwert der verschiedenen Industrien die Bedeu- 
tung gegeben, daß er zur Bildung hoher wirksamer Agglomera- 
tionseinheiten, unter deren Wirkung die Industrien seitdem stehn, 
verwendet wurde. Und dadurch hat er unzweifelhaft ungeheuer 
agglomerativ gewirkt. — Dieser Ausbau von Arbeitsorganisation 



Entwicklungstendenzen. l5l 

und Technik hat aber doch, gleichzeitig auch Gegengewichte gegen 
das Sichdurchsetzen dieser Tendenzen eingestellt, und zwar durch 
seinen Einnuß auf den Materialverbrauch und damit das Standorts- 
gewicht der Industrien. Die Schaffung der neuen großen Gehäuse 
der Produktion hat zu einem sehr großen Teil zugleich bedeutet 
Ersatz manualer Arbeit durch mechanische, Ersatz von Formwert 
aus Arbeit durch solchen aus Maschinen, — also Steigerung der 
zu bewegenden Gewichtsmassen bei der Produktion , Zusammen- 
rücken der Niveaulinien und demnach Erhöhung der Widerstände 
die die geschaffenen hohen Agglomerationseinheiten für ihr Ins- 
lebentreten zu überwinden haben. Man kann dasselbe ein- 
facher auch so ausdrücken: Die Entwicklungstendenzen der 
modernen Wirklichkeit haben den Formkoeffizienten der Indu- 
strien auf der einen Seite durch die Ausbildung großer Agglome- 
rationseinheiten mit starken Ersparnissen einen außerordentlich ge- 
steigerten »Agglomerationswert« verliehen, — sie haben auf der 
anderen Seite aber durch eine parallel gehende generelle 
Herabsatzung eben dieser Formkoeffizienten, also der Kom- 
pressi jnsmassen selber (infolge der »Materalisierung« der Produk- 
tion) die revolutionäre Wirkung ihrer neuen x^gglomerationsein- 
heiten doch wieder eingeschränkt. 

3. Diese Tatsachen^, d. h. die einfache Erleichterung der Ag- 
glomeration durch Transportkostensenkung und Bevölkerungsver- 
dichtung und die komplexe Wirkung auf die maßgebenden Form- 
koeffizienten muß man im Auge behalten, wenn man die Bedeu- 
tung der Agglomerativtendenzen in der industriellen Umwälzung 
des 18. und 19. Jahrhunderts verstehen will. — Es ist klar, der 
Uebergang vom Handwerk zur Großindustrie, der deren wesent- 
lichsten Gehalt bildet , ist vom Standpunkt dieses Teils unserer 
Theorie gesehen, ein ungeheurer Agglomerationsvorgang; geschaf- 
fen — soweit er sich nicht schon aus dem in den früheren Ka- 
piteln Gesagten erklärt — durch die organisatorisch-technische 
Entdeckung eben der neuen Agglomerationseinheiten und geför- 
dert durch die gleichzeitige Senkung der Transportkostensätze 
bei steigender Bevölkerungsdichtigkeit. Es waren bis dahin auch 
die infolge hoher Formkoeffizienten an sich stark agglomerierba- 
ren Produktionen durchaus in Einzelproduktionsgestaltung verteilt 
geblieben, dabei wegen niedrigen Materialindexes, wie früher schon 
gesagt, gleichzeitig zumeist an den Konsumplätzen orientiert, — 
eben handwerksmäßig. Für sie bedeutet die Entdeckung der 

A. Weber, Standort der Industrien. I l 



j52 ^'^ Agglomeration. 

Komprimierbarkeit ihres Formwertindexes durch neue technisch 
und wirtschaftlich hochstehende Produktionsgehäuse eben jene 
Revohition , die langsam einsetzt von dem Augenblick der Ent- 
deckung der »Gehäuse« an, die aber ihre volle Schärfe erst er- 
reicht in der rasch ansteigenden Bevölkerung des 19. Jahrhunderts 
und seit der Transportkostensenkung auf ein Viertel. Was aber 
an die Stelle des alten Handwerks tritt, wie weit die eintretende 
Agglomeration nun ausgreift, zu welcher Höhe der Agglomera- 
tionseinheiten sie hinführt, wo sie die Agglomerationszentren hin- 
legt, das alles hängt dann ganz wesentlich davon mit ab, wie sich 
durch die innere technische Umgestaltung der Industrien gleichzeitig 
deren Materialindex verändert, in welcher Art dadurch ihr Stand- 
ortsgewicht zu-, ihr Formkoeffizient abnimmt, wieweit so vor allem 
die Kohlenlager »wirksam« werden, und wieweit die sonst natur- 
gemäß vorherrschende Orientierungstendenz der Agglomeration 
an die besten Arbeitsplätze so durchkreuzt wird durch eine auf 
der transportmäßigen Basis ruhende Agglomeration an diesen 
Lagern. Praktisch äußert sich das alles im wesentlichen in einem 
Kampf der »Arbeitsplätze« mit den »Kohlenlagern« und in einer 
^Selektion« der Arbeitsplätze nach ihrer Nähelage zu den Kohlen- 
lagern. Es wird sich aber im induktiven Teil zeigen, daß man 
die notwendige Agglomeration an den Kohlenlagern in ihrer Be- 
deutung meist überschätzt, daß der weit wichtigere Teil des 
Wirksamwerdens der modernen Agglomerationseinheiten Verstär- 
kung der auch sonst schon eintretenden Zusammenziehung bei 
den Arbeitsplätzen war, und daß die Zusammenballungen an 
den Kohlenlagern zu einem sehr großen Teile doch nur eine Neu- 
orientierung auch bisher schon an Materiallagern , nur eben an 
anderen und verteilteren, orientiert gewesener Industrien darstellt, 
also »Zufallsagglomeration«, nicht »technisch notwendige« Ag- 
glomeration vom Standpunkt unserer Theorie aus. — Aber gleich- 
zeitig wird sich auch ergeben , wie stark tatsächlich die für die 
alten handwerksmäßigen Produktionsgebiete im ganzen als neue 
Orientierung eingetretene Agglomeration an günstigen Arbeits- 
plätzen doch von dem Mitspielen der »Materialisierung« der 
Produktion mit beeinflußt ist, und wie daraus nicht nur die 
Wahl der Arbeitsplätze, die attraktive werden, sondern vor allem 
auch die Höhe der Agglomeration an diesen beeinflußt worden 
ist. Es wird sich endlich zeigen, daß die höchsten Stufen der »techni- 
schen<' Agglomeration im ganzen nur diejenigen Industrien erklom- 



Entwicklungstendenzen. l53 

men haben, in denen das bei der großen Umgestaltung eingetre- 
tene Verhältnis von Maschinen- zu Arbeitsformwert ein gewisses 
Maximum nicht überschreitet. 

Vor allem aber wird der zweite Teil zeigen, daß weder 
mit der für große Produktionsgehäuse nur >ausgenutzten« » Zu- 
fallsagglomeration » an den großen Materiallagern (vor allem 
Kohlenlagern), noch mit der technisch »notwendigen« Agglome- 
ration an Arbeitsplätzen das Phänomen der Agglomeration in un- 
serem heutigen Wirtschaftskörper erschöpft ist, daß vielmehr über 
beiden, sie weit überragend, eine Form »gesellschaf licher Agglome- 
ration« steht, die sich auf der Grundlage bestimmter Agglo- 
merierungsgesetze der menschlichen Arbeitskräfte an den »Ar- 
beitsplätzen« im wesentlichen ohne technischen Zwang ent- 
faltet. Und es wird eine Hauptaufgabe des zweiten Teils 
sein, nachzuweisen, erstens in welcher genaueren Art sich 
diese »gesellschaftliche« Agglomeration mit ihrer Industriebe- 
zirks und Großstadtbildung, den eigentlichen großen Phänomenen 
der heutigen Bevölkerungsaggregierung, über den hier bespro- 
chenen einfacheren und beschränkteren Agglomerationsformen 
erhebt, — und zweitens, wie sie nicht aus den bisherigen 
der reinen Wirtschaft angehörigen Gründen der Agglomeration 
hervorgeht, sondern aus ganz anderen in der besonderen sozi- 
alen Struktur unserer heutigen Wirtschaft liegenden Faktoren 
folgt, mit deren Verschwinden auch sie wiederum verschwinden 
könnte. 



I 1 • 



i64 



Die Gesamtorienlierung. 



Kapitel 6. 

Die Gesamtorientierung. 

Die Theorie ist bisher so verfahren, als ob im Produktions- 
und Absatzprozeß jeder Industrie die Produktion eine einfache 
und unteilbare Größe wäre, die nur als Ganzes zwischen Material- 
lagern und Konsumort eventl. auch Deviationspunkten von den 
genannten Standortsfaktoren hin und her gezogen werden kann, 
und die weiter völlig unabhängig von den Produktionsprozessen 
anderer Industrien verläuft. Beides: die Unteilbarkeit des Pro- 
duktionsprozesses und seine Unabhängigkeit von anderen Pro- 
duktionsprozessen liegt in Wirklichkeit nicht vor. Wir haben also 
etzt zu würdigen: erstens daß der Produktionsprozeß fast 
jeder Industrie in Wirklichkeit aus verschiedenen Stücken besteht, 
die, technisch von einander unabhängig, auch unabhängig von 
einander und daher an verschiedenen Orten vorgenommen wer- 
den können; — er ist meist ein Konglomerat von »Kügelchen«, 
die unter der Dynamik der besprochenen Standortsfaktoren viel- 
leicht lokal an einen Platz »zusammengerollt« sein können, die 
aber vielleicht durch sie auch lokal verteilt werden können. Und 
zweitens ist zu berücksichtigen, daß die Dynamik, die diese 
Kügelchen, die Teile des Produktionsprozesses bewegt, nicht um- 
schlossen ist von den Kiementen eines einzelnen Produktions- 
prozesses; daß sie vielmehr mit diesen Elementen eingepflanzt 
ist in eine noch größere Dynamik, die aus dem gegenseitigen 
Verflochtensein der verschiedenen Teile der industriellen Produk- 
tion eines Landes hervorgeht. Die erstere Tatsache ist als Pro- 
duktionsstufengliederung der Industrie, die letztere als das Inein- 
andergreifen der selbständigen Produktionsprozesse, jetzt noch 
näher zu betrachten. 



Produktionsstufen bei Transportorientierung. 165 

Abschnitt I. 

Die Produktionsstufengliederung. 

A. Transportorientierung. 

Wir nehmen an, es wirken auf eine Industrie ausschheßlich 
Transporteleniente ein, sehen also von Deviationen jeder Art 
(arbeitsmäßigen oder rein agglomerativen) vorläufig ab. Was heißt 
es dann, daß der Produktionsprozeß nicht an irgend einem Stand- 
ort in Einem durchgeführt zu werden braucht, sondern in eine 
Anzahl von Stücken zerschlagen werden kann, die an verschie- 
denen Plätzen durchführbar sind.^ 

Soll diese Zerschlagbarkeit zu einer tatsächlichen Zersclila- 
gung und Verlegung des Standorts der Teile an verschiedenen 
Stellen führen, so kann der Grund ausschließlich der sein, daß 
man dadurch an Tonnenkilometern, die in der Standortsfigur zu 
verfahren sind, spart. Denn die Herabsetzung dieser Tonnen- 
kilometer auf ein Minimum ist ja das einzige regulative Prinzip, 
das für die Transportorientierung besteht und die bisher betrach- 
teten Prädilektionspunkte ergab. Wir haben also einfach zu er- 
örtern: sind die Tonnenkilometer der Standortsfigur, die wir 
uns für zerschlagbare Produktion natürlich ganz ebenso den gan- 
zen Produktionsprozeß überspannend denken müssen, wie für 
nicht zerschlagbare, — sind die Tonnenkilometer, die in solch 
einer Standortsfigur zu verfahren sind, niedriger wenn die Pro- 
duktionsstufenstandorte auseinander rücken, die »Kügelchen«: sich 
trennen, oder wenn es beim bisherigen Einheitsstandort bleibt? 
Dies erstens. Und zweitens : Wenn die Standorte auseinander- 
rücken, wohin wandern dann die Kügelchen, wo liegen also die 
Transportstandorte der zerschlagenen Produktion.? 

I. 

Zunächst eine präparatorische Verdeutlichung 
dieses W a n n und W o mit den Hilfsmitteln des bisherigen 
Vorstellungsapparats. 

Man nehme als einfachsten leicht übersehbaren Fall eine 
Produktion mit drei Materiallagern, die nach den technischen Be- 
dingungen zerschlagbar ist in zwei Stufen, derart: erste Stufe 
Vereinigung von zwei Materialien zu einem Halbfabrikat; — zweite 
Vereinigung von diesen mit dem dritten Material zum Produkt, 
Die Figur 33 auf folgender Seite verdeutlicht dann, wie unter 
bestimmten Annahmen der Gewichtsverhältnisse der Materialien und 



i66 



Die Ge?amtorientierung. 




Fig. 33. 



ihres »Eingangs* nach den bisherigen Standortsregeln der Standort 
P der unzerschlagenen Produktion liegen könnte; und sie nimmt 
weiter schematisch die beiden etwa ein- 
tretenden Standorte der zerschlagenen Pro- 
duktion an in Fi und Pg — Pi für die 
erste, P^ für die zweite Stufe. — Was liegt 
nun vom Standpunkt der bisherigen Vor- 
stellungsmittel vor, wenn die Zerschla- 
gung eintritt? Offenbar dies: tritt sie 
ein, so hat man statt nur einer Stand- 
ortsfigur mit vier Verankerungen zwei 
Standortsfiguren mit je drei Verankerungen. Die erste Standorts- 
figur ist Ml M2 P2; — sie ist gebildet von den beiden Material- 
lagern der ersten Stufe und dem Produktionsplatz der zweiten, 
der ihr Konsumort ist. Die zweite Standortsfigur ist M3 Pi K; — 
sie ist gebildet aus dem Produktionsplatz der ersten Stufe zu- 
sammen mit dem Lager des hinzutretenden weiteren Materials 
als Materiallagern und dem definitiven Konsumort des fertigen 
Produkts als dritten Eckpunkt. — Pi, der Standort der ersten 
Stufe ist zu bestimmen als Minimalpunkt der zuerst genannten, 
P2, der Standort der zweiten als Minimalpunkt der zu zweit 
genannten Standortsfigur. Und demnach wird das Problem des 
>Wo« der Produktionsstufenstandorte deutlich als ein solches, 
das in den Grenzen unserer bisherigen Vorstellungsbehelfe liegt. 
Es handelt sich, tritt die Zerschlagung ein, um die Bestimmung 
von Standorten in Standortsfiguren, von denen gewisse Eck- 
punkte in ihrer Lage noch zu bestimmen sind; — die Eckpunkte 
die ihrerseits Produktionsstufenstandorte sind. Gelingt es diese 
Eckpunkte zu bestimmen, so ist — das ist das Eigentümliche — 
damit das ganze vorliegende Problem gelöst. Denn jede Be- 
stimmung eines solchen Eckpunktes ist gleichzeitig die Bestim- 
mung eines Zerschlagungsstandortes. Mit anderen Worten: Auch 
die Bestimmung der Zerschlagungsstandorte liegt im Bereich des 
bisherigen Vorgehens; sie sind als Eckpunkte von Standortsfi- 
guren zu bestimmen, von denen bestimmte Bedingungen — wir 
werden noch sehen welche — bekannt sind. Das mathematische 
Problem, das darin liegt, löst Anhang I 8 — 11. Die Lösung 
wird hier gleich verwertet werden. 

Vorerst das, was sich aus der gewonnenen Vorstellung für 
das »Wann« des Eintretens der Zerschlagung ergibt. 



Wann tritt Zerschlagung in Stufen ein? j57 

Hier ist das erste dies. Die Fragestellung kehrt sich um. 
Sie muß nicht heißen: wann tritt Zerschlagung ein, sondern: 
wann tritt sie nicht ein.'^ Wann bleiben die Kügelchen und 
demnach die Produktion an einem Ort zusammen? — Sieht man 
sich nämlich unsere schematische Figur noch einmal an, so be- 
merkt man ohne weiteres: das Zustandekommen eines einheith- 
chen Standorts bei trennbaren Produktionsprozessen ist nichts als 
ein besonderer Lagefall der separaten Produktionsstufenstandorte. 
Es ist der Fall, in dem in der Standortsfigur der ersten Stufe 
der Produktionsplatz zum Konsumort hingerückt ist, — und in 
der zweiten der Produktionsplatz am Lager des in der ersten 
Stufe hergestellten Halbfabrikates liegt. Ist das der Fall, so 
rücken die beiden separaten Standorte zu einander und vereini- 
gen sich. In allen anderen Fällen liegen sie getrennt. — Das 
Problem des »Wann« der lokalen Zerschlagung oder Nichtzer- 
schlagung der Produktion löst sich also auf in die Frage: Unter 
welchen besonderen Verhältnissen der Einzelproduktionsprozesse 
liegt der Fall vor, daß in ihren Standortsfiguren die genannte — 
hier vorerst schematisch für eine Zerschlagbarkeit nur in zwei 
Stufen klar gemachte — Verbindungslage ihrer Produktions- 
plätze eintritt? 

Man könnte meinen: nur dann, wenn — um bei unserem 
Schema zu bleiben — in dem Erstproduktionsprozeß der Pro- 
duktionsplatz nach den Gewichtsverhältnissen, die er hat, am 
Konsumort liegt, und außerdem in dem anschließenden 
Zweitprozeß der Produktionsplatz nach den dortigen Gewichts- 
verhältnissen grundsätzlich am Lager des Halbfabrikats des Erst- 
stadiums liegt. Womit der Nichteintritt der Zerschlagung bei 
Vorliegen ihrer technischen Möglichkeit offenbar ein ganz seltener 
Ausnahmefall sein würde, fast alle überhaupt technisch in mehrere 
Stufen teilbare Produktionsprozesse auch verschiedene Stand- 
orte der Stufen haben müßten. Aber so viel Bedingungen sind 
nicht nötig. Es genügt, daß entweder der Produktionsort 
des Erstprozesses am Konsumort, oder der des Zweitprozesses 
am Halbfabrikatlager liegt. Denn: liegt der erstere am Kon- 
sumort, so wird er jeder durch die Gewichtsverhältnisse des 
zweiten Stadiums bedingten grundsätzlichen Lage des dortigen 
Standorts folgen, also auch z. ß. der dortigen grundsätzlichen 
Standortslage am Konsumort oder an einem der Materiallager 
oder jeder Zwischenlage. Und er wird dadurch, daß er ihr 



]58 Die Gesamtorientierung. 

folgt, olnie weiteres das Zusammenfallen der beiden Standorte 
schaffen. Und umgekehrt: liegt der Standort des zweiten Sta- 
diums »grundsätzlich« (d. h. eben nach den Gewichtsverhält- 
nissen desselben) am »Lager« des zu verarbeitenden Halbfabrikats, 
das die erste Stufe liefert, so mag der Halbfabrikatsstandort 
des ersten Stadiums sich befinden, wo er will, auch an den 
Erstmateriallagern oder in irgend einer Zwischenlage, der Stand- 
ort des zweiten Stadiums wird ihm dahin folgen, und es wird 
dann auf diesem Wege die Vereinigung der Standorte stets 
bestehen. 

Es brauchen also nur entweder in der ersten oder in 
der zweiten Stufe die Bedingungen so zu sein, daß der Standort 
dort grundsätzlich dem Verbindungspunkt zur anderen Stufe 
»nachläuft«, so wird die Zerschlagung unterbleiben. Wie selten 
aber trotzdem dies Unterbleiben bei technischer Zerschlagbarkeit 
sein wird, mag man sich vorläufig aus der Erwägung deutlich 
machen: Damit der Produktionsstandort der zweiten Stufe dem 
Standort der ersten grundsätzlich »nachläuft«, muß das in ihm 
zu verarbeitende Halbmaterial, das aus der ersten Stufe hervor- 
geht und das den Produktionsplatz an sein »Lager« ziehen soll, 
mit einem Standortsgewicht in die zweite Stufe eintreten, das im 
ganzen nach den gefundenen Standortsregeln gleich ist dem zu- 
künftigen Produktgewicht plus den hinzutretenden weiteren lokali- 
sierten Materialgewichten oder größer; das heißt, es muß in der 
Verarbeitung des zweiten Stadiums noch sehr stark an Ge- 
wicht verlieren. Die zweiten und weiteren Stadien industrieller 
Produktionsprozesse stellen aber meist Verarbeitung von Rein- 
material dar, nicht mehr Ausscheidung von Materialrückständen, 
und werden also — außer sie sind »kohlen-orientiert« — sehr 
selten diese Standortslage haben. Dies auf der einen Seite. An- 
dererseits, damit der Produktionsstandort der ersten Stufe dem 
der zweiten »nachläuft«, muß er am Konsumplatz liegen, d. h. 
darf es im ersten Stadium keinen Stoffverlust oder doch nur 
solchen geben, der durch Hinzutritt von Ubiquitäten ausgeglichen 
wird, — was wieder, da die erste Stufe industrieller Produktions- 
prozesse im ganzen gerade Herausarbeiten des Reinmaterials, 
also Ausscheidung von Materialrückständen, darstellt, auch sehr 
.selten sein wird. Man sieht, die Bedingungen des »Nachlaufens« 
werden sowohl von der einen wie von der anderen Seite nicht 
sehr häufig sein. Und man kann schon auf Grund dieser vorläu- 



Lage der Stufenstandorte. i5q 

figen Erwägung sagen: bei Produktion, die technisch zu 
zerschlagen ist, wird einheitlicher Produktions- 
standort Ausnahme, die Zerschlagung der Produk- 
tion in mehrere Standorte die Regel sein. 

11.^). 

Wir fragen jetzt: Wo werden bei Eintreten der Zerschla- 
gung die Produktionsstufen-Standorte sein? Um daneben auf 
Grund des gewonnenen Resultats auch auf die präzise For- 
mulierung des »Wann« des Auseinanderfallens noch zurückzu- 
kommen. 

Die Standorte der Stufen sind, wie wir uns erinnern, kon- 
struktiv zu finden als in der Lage unbekannte Eckpunkte der 
Standortsfiguren, in denen sukzessive die zerschlagene Produk- 
tion verläuft. Von diesen Standortsfiguren sind nun die zugehö- 
rigen »Gewichtsfiguren«, d. h. die Figuren, die aus den in ihnen 
zu bewegenden Gewichten nach den allgemeinen Standortsregeln 
zu bilden sind, bekannt. Das ist der Schlüssel, mittels dessen 
die Auffindung der unbekannten Ecken und damit der Stufen- 
standorte in der wohl überraschend einfachen Art erfolgt, wie 
sie der Anhang I ii zeigt. Ich verweise auf das dortige Resultat 
und wende es hier nur für eine Reihe wichtiger Fälle an. 

Nimm an: es trete Zerschlagung in Stufenfiguren ein, die 
Dreiecke darstellen, die Zerschlagung gehe also in Produktions- 
stufen — zunächst einmal zwei — vor sich, die je die Verei- 
nigung zweier Materialien bilden. So ist die Lösung im Anhang 
unmittelbar gegeben. Man kennt dann, da man die Gewichts- 
dreiecke der alsdann vorhandenen beiden »Standortsfiguren mit 
je einer unbekannten Ecke« kennt, die Kreisbögen, auf denen 
die beiden »unbekannten Ecken«, die beiden sukzessiven Stand- 
orte also, liegen müssen, — wenn überhaupt Zerschlagung eintritt 
und die beiden ;> Ecken« nicht einfach zusammenfallen. (Es sind 
die einander zugewandten Kreisbögen über Mi M2 und M3 K der 



l) Die Kasuistik, die hier und in den ganzen weiteren Teilen dieses Abschnitts 
angewandt ist, wird den Leser sehr ermüden. Sie ist auch nicht für den »Leser«, 
der einfach den Gedankengang der Arbeit verstehen will berechnet, er kann sie 
überschlagen. Die wissenschaftliche Exaktheit aber erfordert sie durchzuführen, 
denn es galt zu zeigen, wie weit die auf dem Boden der hier entwickelten theo- 
retischen Anschauungen gefundenen mathematischen Lösungen die mannigfaltigen 
Gestaltungen der Wirklichkeit und ihre Probleme auch tatsächlich überdecken. 



I70 



Die Gesamtorientierung. 




Fig. 34- 



nachstehenden Figur). — Und man weiß weiter, daß beide Standorte 
auf einer Linie Hegen müssen (cf. Anhang 1 9 u. 11), die zwei leicht kon- 
struierbare Punkte der beiden Gesamtkreise verbinden ( — die Punkte 

C und Ci der P'igur — ), In den 
Schnittpunkten dieser Linie mit den 
Kreisbögen hat man dann also ohne 
weiteres die beiden Zerschlagungs- 
standorte (P und Pi der nebenstehen- 
den Figur). 

Diese einfache Bestimmung gilt, 
wie man ohne weiteres sieht, ge- 
nerell. 

Man setze eine Produktion aus zwei 
Materialien, den Verlauf des Gesamt- 
prozesses also in einem Standorts- 
dreieck ; es sei aber möglich, den Pro- 
zeß zu zerschlagen : als erste Stufe Ver- 
bindung der beiden Materialien, als 
zweite abermalige Verwendung des 
zweiten Materials (z. B. Kohle) zum Halbfabrikat, damit Fertig- 
stellung zum Produkt. Die Konstruktion, die die Standorte der 
beiden Stufen ergibt, ist einfach (cfr. die nebenstehende Figur): 
Kreisbogen über den Materiallagern mit dem Winkel des ersten 
Gewichtsdreiecks als Peripheriewinkel; allgemeiner Ort des ersten 
Standorts; — Kreisbogen mit dem analogen' Winkel des zweiten 
Gewichtsdreiecks über dem zweiten Materiallager und dem Kon- 
^, sumort : allgemeiner Ort des zweiten 
Standorts, Bestimmung der Punkte C und 
jCi auf den Kreisen. In dem Schnittpunkt 
ihrer Verbindungslinien mit dem einander 
sich zugekehrten Teil ihrer Kreise hat 
man dann die Standorte der beiden 
Stufen. 

P^ine Produktion mit fünf Materialien; 
technische Zerschlagungsmöglichkeit in 
drei Stufen: zunächst die beiden ersten 
Materialien, dann das gemeinsame Pro- 
dukt mit den beiden nächsten, und schließlich deren Produkt mit 
dem letzten Material zum fertigen Fabrikat. 




Fig- 35- 



Lage der Stufenstandorte. J7j 

Das Bestimmungsbild der Produktionsstandorte ist dies: 




Fig. 36. 
Grundsätzlich ganz ebenso , wenn nicht sukzessive sondern 
parallele Zerschlagung eintritt, d. h. wenn sich der Produktions- 
prozeß in seinen Anfangs- oder auch Mittelstadien in neben ein- 
ander hergehende und später erst sich vereinigende Wurzelstränge 
auflöst. Man denke z. B. an Wagenfabriken, wo die Metallteile 
in der Wurzel des Hütten- und Metallverarbeitungsprozesses, die 
anderen Teile in der des Holzverarbeitungsprozesses und wieder 
andere in noch anderen Prozessen zur Halbfabrikatreife gebracht 
und dann im Endprozeß vereinigt werden. Das Bild des Produk- 
tionsprozesses und seiner Stufenstandorte stellt sich schematisch 
dann in der Art der folgenden Figur dar: 




Fig. 37- 
Kurz, in der Tat: Es ist eine generelle Lösung, die wir haben. 
Und nur eine wirklich fühlbare Grenze ist für sie da: — die 
nämlich, daß sie sich grundsätzlich nur auf Produktionsstufen, 
deren Standortsfiguren Dreiecke sind, also nur auf die Fälle der 
Vereinigung von zwei Materialien auf einer Stufe bezieht. Das 
ist prinzipiell empfindlich, aber nicht ganz so schwerwiegend, wie es 
scheint. Denn es wird nicht allzu häufig sein, daß Produktionsstufen 
mehrerer so komplizierter Zusammensetzungsprozesse, wie ihn die 



c 




172 Die Ge=amtorientierung. 

Verbindung von drei und mehr Materialien darstellt, aufeinander- 
folgen. Nur dann aber, wenn mehrere so komplizierte Produk- 
tionsstufen auf einander folgen, sind ihre Standorte mit den bis- 
herigen Hilfsmitteln unbestimmbar. In allen anderen Fällen kennt 
man immer die Kreisbogen, auf denen die Standorte der anschlie- 
ßenden einfacheren Produktionsstufen, deren Figuren > Dreiecke 
mit einer unbekannten Ecke« sind, liegen (vgl. nebenstehende 
Figur, wo M4 K diesen Kreisbogen 
für eine anschließende einfache Pro- 
duktionsstufe andeutet). Und damit 
hat man die Möglichkeit mit Hilfe des 
Varignonschen Gestells, indem man 
seine eine »Ecke« sich auf dem Be- 
stimmungskreisbogen des Standorts 
Fig. 38. der anschließenden Produktionsstufe 

bewegen läßt (in nebenstehender Figur also auf M4 K), die Linie 
(Pi — Pi') zu bestimmen, auf der der Standort der »komplizierten« 
vorhergehenden Produktionsstufe hegen muß. Auch hier also ergibt 
sich dann doch eine recht weitgehende allgemeine geographische 
Bestimmung beider Punkte. — Wie zu bemerken: ihre allgemeine 
geographische Bestimmung. Denn der speziellen Konstruktion im 
Einzelfall mit den Hilfsmitteln komplizierter Rechnung steht über- 
haupt auch bei noch viel größerer »Verwirrung« nichts im Wege. — 
Doch interessiert uns letzteres hier, wo wir ja nur »Regeln« und 
eine allgemeine Anschauung suchen, weiter nicht. 

III. 
Hier interessiert vielmehr noch ein Zweites, nämlich, daß die 
einfache Konstruktion für diese allgemeine Bestimmung der Zer- 
schlagungspunkte noch eine präzisere Abgrenzung der Antwort 
auf die Frage des Wann des Eintritts der Zerschlagung gibt. — 
Der Mathematiker sagt uns, auf Grund seiner Konstruktion (cf. 
Anhang I il), daß — abgesehen von dem generellen Fall, daß 
der eine Standort dem anderen nachläuft, weil er nach den Ge- 
wichtsverhältnissen seiner Standortsfigur in der »Ecke« dieser 
Figur, die der andere Standort darstellt, liegt — die Zerschlagung 
auch dann nicht eintritt, v;enn die Bestimmungskreisbogen der 
Stufenstandorte sich schneiden und gleichzeitig die Bestimmungs- 
gerade durch ihr Segment geht. 

Er sagt aber damit im Grunde eigentlich nichts »generell« 
Bedeutsames, sondern nur etwas über eine bestimmte geographi- 



Komplikationen. 



173 




Fig. 39- 



sehe Situation aus. Denn es ist einfach eine Folge einer solchen 
bestimmten geographischen Siiuation, die Folge einer geographisch 
zufälligen Nähelage der verschiedenen Materiallager der verschie- 
denen Stufen, wenn die über den Materiallagergruppen der ver- 
schiedenen Stufen zu errichtenden Kreise so nah aneinander 
rücken, daß sie sich schneiden. Und daß dann, wenn dabei der 
Durchgangspunkt der Bestimmungsgraden in dem gemeinsamen 
Segment liegt, keine Zerschlagung mehr eintritt, ist ohne weiteres 
klar; denn die Schnittpunkte rücken ja übereinander (cf. neben- 
stehende Figur), es müßte also ge- 
wissermaßen »Ueberzerschlagung« eintre- 
ten ; statt dessen bleiben die Kügelchen 
der Produktionsstufen, sobald sie sich ge- 
troffen haben, natürlich bei einander, tritt 
also gemeinsamer Standort im Segment 
ein. Das Uebereinanderrücken der Kreis- 
bögen und das »Sich-Treffen« der Kügel- 
chen ist also wie oben bemerkt, einfach 
^Folge besonderer geographischer Situation und erfordert daher 
keine weitere Modifikation des Genereilen, was über Eintritt und 
Nichteintritt der Zerschlagung gesagt war. 

IV. 
Weiter ist von Interesse: Die Konstruktion reicht zur 
Bestimmung der Standorte auch dann noch aus, wenn mit der Zer- 
schlagung des Produktionsprozesses gleichzeitig eine Veränderung 
in den verwandten Materiallagern, die Heranziehung von neuen 
(Remplacierung) vor sich geht. — Das wird sich stets ereignen, 
wenn Materiallager der letzten Stadien dem Konsumort, oder 
Materiallager der ersten Stadien deren Hauptmaterialien näher 
liegen, als die bei einlieitlicher Produktion für die Gesamtstand- 
ortsfigur optimalen Lager. Es 
tritt dann ein, was z. B. neben- 
stehende Figur zeigt. Hier 
ist das Lager M'2 in der ersten 
und das Lager M'3 in der zwei- 
ten Stufe substituierend einge- 
treten, weil sie bei Zerschla- 
gung für die Produktion bes- 
ser liegen als M2 bezw. M3, 
die bei unzerschlagener Produktion die optimalen waren. Man 




Fig. 40. 



17A. I^i^ Gesamtorientierung. 

sieht aber gleichzeitig: Die Konstruktion der Zerschlagungspunkte 
wird dadurch nicht erschwert; sie findet einfach nach den allge- 
meinen Regeln mit den neuen Lagern statt. 

Und das gilt auch, wenn ein bei unzerschlagener Produktion 
von einem Lager bezogenes Material, das in verschiedenen 
Stadien des Produktionsprozesses mitwirkt (Kohle), bei zerschla- 
gener Produktion von verschiedenen Lagern bezogen wird. Die 
Zerschlagung hat dann auch wieder einfach die Verwendung von 
mehr Materiallagern zur konstruktiven Basis als bei unzerschla- 
gener Produktion. Auch da sind keine konstruktiven Schwie- 
rigkeiten. 

B) Die Produktionsstufen und die Arbeitsorientierung. 

Nun möge eine Industrie im ganzen Produktionsprozeß oder 
in Teilen desselben arbeitsorientiert sein. Was heißt die Mög- 
lichkeit ihrer lokalen Gliederung in Stufenstandorten dann? 

I. Ist die Industrie bereits in der Form der Transportorien- 
tierung, die ja doch auch der Arbeitsorientierung zugrunde liegt, in 
Stufenstandorte aufgelöst, so ist ganz einfach jeder Stufen- 
standort mit seiner Standortsfigur als ein selbständiger Pro- 
duktionsprozeß anzusehen, auf den allein dann die Arbeits- 
plätze dieser Stufe als Deviationspunkte nach den Regeln, die wir 
darüber kennen, wirken. Ablenkung tritt dann also ein, wenn ein 
Arbeitsplatz innerhalb der kritischen Isodapane der betreffenden 
Stufen-Standortsfigur liegt usw. — Und tritt sie ein, so setzt sich der 
Deviationspunkt in der Reihe der Stufenstandorte an die Stelle 
des transportmäßigen ; und wird also^ wie er Standort seiner Stufe 
wird, gleichzeitig Fixierungspunkt der bisher unbekannten PCcke 
der angeschlossenen anderen Stufenstandortsfiguren, der Figuren 
der Vor- oder Nachprozesse. Die Konstruktion der Stufenstand- 
orte wird sogar vereinfacht. Denn an die Stelle eines erst kon- 
struktiv zu erschließenden unbekannten Eckpunkts einer Stufen- 
standortsfigur tritt ein geographisch fester von vornhinein be- 
kannter in die Reihe. 

Indem der Arbeitsstandort so in die Reihe der Stufenstand- 
orte tritt, verschiebt er nun allerdings nicht bloß den Standort 
seiner eigenen Stufe, sondern auch die Standorte der Vor- und 
Nachstufen ; denn diese sind ja nicht fest, sondern werden in der 
ausführlich dargetanen Art in der wechselseitigenDynamik der ganzen 
Reihe der Stufenstandorte gebildet, und sind also von der Lage 



I 



Produktionsstufen bei Arbeitsorientierung. 



V5 




Stufe) 



Fig. 41. 
zu erschließen- 



des jetzt verschobenen Standorts selbst mit abhängig. Die Ver- 
schiebung wird, (wie es die nebenste- 
hende Figur für einen zweistufigen Pro- 
duktionsprozeß, bei dem Arbeitsdevi- 
ation auf die zweite Stufe einwirkt, an- 
deutet), so erfolgen, daß die angrenzen- 
den Stufenstandorte sich mehr als bisher 
nach dem dazwischen liegenden Arbeits- 
standort ausrichten. Dadurch werden 
für die Deviation augenscheinlich Trans- 
portkosten gespart (P'i P'2 ist kürzer als 
Pi P'2 das sonst hätte durchlaufen wer- 
den müssen), und es werden also die 
Deviationsmöglichkeiten über ihr aus 
der alten Lage der Stufenstandorte mit 
Hilfe unsrer Mittel (kritische Isodapane 
um die Standortsfigur der abzulenkenden 
des Maß etwas hinausgesteigert. 

Ich glaube nicht, daß es nötig ist die kleine Alteration, die 
hier vorhegt, weiter zu verfolgen. Wichtiger ist, daß die Rempla- 
zierung bisher benutzter Materiallager durch neue, wie wir sie oben 
bei der Deviation im unzers chlagenen Produktionsprozeß 
besprachen, natürlich auch hier eintreten kann, und daß sie bei 
zerschlagenem Produktionsprozeß mit der Ausschaltung der- 
artiger Materiallager augenscheinlich gleichzeitig die Ausschaltung 
ganzer Vor- oder Nachproduktionsstufenstandorte herbeiführen kann 
und ihren Ersatz durch solche, die auf ganz andern, dem attrahieren- 
den Arbeitsplatze näher liegenden Materiallagern aufgebaut sind. 
Das gibt dann unter Umständen eine recht starke geographische Re- 
volutionierung der Standortsreihe der Produktionsstufen durch die 
Arbeitsdeviation der einen Stufe. Konstruktive Schwierigkeiten aber 
schafft es natürlich gleichfalls nicht. Und seine prinzipielle Wir- 
kung ist selbstverständlich genau die gleiche wie bei der bloßen 
Materiallager-Remplazierung in unzerschlagener Produktion: die 
Attraktionskraft der Arbeitsplätze wird um das Maß der durch 
Remplazierung gewonnenen Transportkostenersparnisse gesteigert. 

2. Schließlich ist noch zu erwähnen, daß selbstredend die Ar- 
beitsdeviation auch die >Zerschlagung« von vorher einheitlich 
durchzuführenden Produktionsprozessen erst ihrerseits herbeiführen 
kann, indem sie einen Standort »ablenkt«, der vorher seinem be- 



j.yQ Die Gesamtorientierung. 

nachbarten Stufenstandort »nachlief«. Doch Hegt hier augen- 
scheinHch nur eine zwar äußerlich sehr fühlbare Wirkung der 
Arbeitsdeviation vor, aber nichts, was irgend ein »Problem« 
enthält. 

C) Die Produktionsstufen und die Agglomeration. 

Endlich gibt das Vorgetragene auch den Schlüssel zur Be- 
urteilung dessen, was die Mitberücksicktigung der Agglomeration 
bei zerschlagener Produktion bedeutet. Die grundsätzlichen Er- 
wägungen sind genau dieselben wie bei der Ablenkung durch Arbeits- 
orientierung. — Die Agglomerationsfunktion besteht für jede Produk- 
tionsstufe separat und wirkt auf jede separat. Sie wirkt auf sie 
nach den allgemeinen Agglomerationsgesetzen, die wir kennen. 
Die Entstehung der Agglomerationszentren ist also in der bekann- 
ten Weise von der Segmentgestaltung der Isodapanenbilder re- 
guliert, — und zwar der Isodapanenbilder der Standortsfiguren 
der Stufen, die jeweils für die Agglomeration in Betracht kommen. 

Auch hier ergibt sich das Problem, daß durch die eintre- 
tende Agglomeration in der gleichen Art, wie bei Arbeitsdeviation, 
eine Verschiebung der Vor- und Nachproduktionsstufenstandorte der 
agglomerierten Einzelproduktionsstufe erfolgen wird. Auch hier aber 
gilt das über die Bedeutung dieser Tatsache bei der Arbeitsdeviation 
Gesagte mut. mut. Und auch hier wird überdies diese ganze Frage 
der Verschiebung der Pi-oduktionsplätze der Vor- und Nachstufen in 
ihrer praktischen Bedeutung weit überragt werden durch die auch 
hier vor sich gehende Ausschaltung von nicht optimalen Vor- 
oder Nachstufenstandortsfiguren und ihren Ersatz durch zum Ag- 
glomerationsplatz besser gelegene mit anderen Lagern, — überragt 
insofern, als ebenso wie bei der Arbeitsdeviation die Steigerung 
der Attraktion der Deviationsplätze, die das bedeutet, viel wich- 
tiger sein wird, als die Steigerung, die aus dem ersteren Vorgang 
sich ergibt. 

Das Wesentliche, was über die Verhältnisse der Arbeitsdeviation 
hinaus Problem bleibt, ist dies, daß auch das »Wo« des Agglomera- 
tionspunktes sich mit der Verschiebung der grundlegenden Standorts- 
figuren etwas verschieben muß. Doch sahen wir ja früher schon, daß 
sich das Agglomerationszentrum auch bei nicht zerschlagener Produk- 
tion (durch die Ausschaltung schlechter Materiallager) verschiebt. 
Und was dort gesagt ward aarüber, daß und wie es trotzdem durch 
die Lage der Konsumorte und der optimalen Lager eindeutig be- 
stimmt bleibt, und sich nicht sehr stark örtlich verschiebt gilt auch 



Hineinstellen in die Wirklichkeit. 



1/7 



hier. Es bedarf also wohl der Erörterung dieses Problems weiter 
nicht, da es nicht mehr unklar ist und praktisch kaum irgend eine 
Relevanz besitzt. 

Wir stehen damit am Ende der Betrachtung der prinzipiellen 
Natur auch der Produktionsstufenorientierung. Die nächste Frage 
ist: von welchen Bedingungen der Wirklichkeit ist sie demnach 
abhängig? und wie werden also die bekannten Verschiebungen 
der Wirklichkeit auf sie wirken? 

d) Hineinstellen in die Wirklichkeit. 

I.Allgemeines. 

a. Die Standortszerschlagung der Industrien, die ja auf deren 
»natürlich-technisch« gegebenen Produktionsstufen beruht, scheint 
dadurch ausschließlich von den »generellen Charaktereigenschaf- 
ten« der Industrien abzuhängen und gänzlich unabhängig von 
Milieubedingungen, Transportkostenhöhe wie Bevölkerungsdichtig- 
keit zu sein. Und in der Tat, es muß ofifenbar in erster Linie 
die Natur des Produktionsprozesses sein, die sie reguliert, und 
es müssen die Veränderungen in ihm sein, die sie verändern, 
Genauer gesagt, die technische Natur des Prozesses und die 
Art seiner Bewältigung muß in erster Linie regeln, ob der Pro- 
duktionsprozeß einer Industrie überhaupt mehrere technisch selb- 
ständige Teile hat, wie für jeden dieser Teile die Materialverhält- 
nisse gestaltet sind, und muß bestimmen wie sich die Selbständigkeit 
der Teile und ihre Materialverhältnisse durch den Gang der Entwick- 
lung verschieben. Das alles aber muß das Zerschlagungsbild regu- 
lieren. Denn nur durch diese Tatsachen werden die Einzelstand- 
ortsfiguren, um die es sich handelt, geschaffen und verändert. 

Generell wäre dabei dann zu sagen: Je mannigfaltiger die Mate- 
rialverwendung ist und durch je mehr technisch selbständige Produk- 
tionsstufen hindurchgehend die Verwendung von zusätzlichen neuen 
Materialien sich ausbildet, um so mehr muß die Zerschlagung offen- 
bar zunehmen. Eine Industrie, die eine ganze Serie selbständiger Pro- 
duktionsslufen hat, aber nur in der ersten Stufe Kombination ver- 
schiedener Materialien, später ausschließlich Arbeitsprozesse durch- 
läuft, für sie besteht eine Nötigung zur Zerschlagung nach Trans- 
portorientierungssätzen überhaupt nicht. Das grundsätzliche Bild 
ist hier : Standort der ersten Stufe nahe bei den Materialien, Stand- 
ort aller übrigen Stufen frei auf den Weg zwischen ihm und dem 
Konsument. De facto wird in diesem Fall der letztere Standort, 
durch Vorteile des Absatzes veranlaßt, fast immer am Konsum- 

A, Weber, Standort der Industrien. 12 



, -f g Die Gesamtorientierung. 

ort sein. Trotz der großen Zahl selbständiger Produktionspro- 
zesse wird also nur eine Zerschlagung in zwei Stufen erfolgen: Mate- 
rialstufe und Konsumortsstufe, — das typische Bild, das wir in äl- 
teren einfach organisierten Produktionen (vor allem ohne Kohlen- 
verwendung in höheren Stufen) vorfinden. In um so mehr spä- 
teren Produktionsstufen aber Materialien hinzutreten , für um so 
mehr Stufen entstehen selbständige Standortsfiguren und also 
fixierte selbständige Zerschlagungsstandorte. Wobei allerdings zu 
bemerken ist, daß nur der Hinzutritt von Gewichtsmaterialien (Koh- 
len und Grobmaterialien) wirklich eine Verlängerung der Standorts- 
reihe schafft; denn das Hinzutreten eines Reinmaterials oder von 
Ubiquitäten bedeutet ja jedesmal weiter nichts, als daß der betref- 
fende Produktionsplatz wieder am Konsumort fixiert wird, gliedert 
also das vorhandene Zerschlagungsbild nicht weiter. Die Materialisie- 
rung der Produktion durch Kohlenverwendung in höheren Produk- 
tionsstufen vor allen Dingen muß es sein, durch die die moderne Ent- 
wicklung, wenn überhaupt die Produktionszerschlagung befördert. 
Fehlerhaft aber wäre es zu sagen, daß je größer in einer In- 
dustrie die Gewichtsverluste der Rohmaterialien in ihren höheren 
Stufen sind oder werden, um so stärker ihre Zerschlagung werden 
muß. Denn ganz unabhängig von der Größe der Gewichtsverluste: 
auch der kleinste Gewichtsverlust eines hinzutretenden neuen Ma- 
terials begründet transportmäßig einen selbständigen Standort der 
Stufe. Die Größe des Gewichtsverlustes dabei begründet nur das 
mehr oder weniger große Hingezogenwerden des Stufenstand- 
ons an das Lager. Ist das hinzutretende Material der höheren 
Stufen Kohle, so kann das dann so weit gehen, daß die sepa- 
rierten Stufen durch Hingezogenwerden an ein Kohlenlager sogar 
wieder vereinigt werden, also wiederum gerade umgekehrt Ver- 
einfachung eintritt. 

b. Mit diesen wenigen Sätzen über die Abhängigkeit der Zer- 
schlagung von der mehr oder weniger großen Materialisierung des 
Produktionsprozesses, ist nun aber in Wirklichkeit die Erörterung 
von deren Bedingungen doch nicht erschöpft. Denn nur für 
die rein transportmäßig gegebene Zerschlagung gilt dieses 
ihr alleiniges Bestimmtwerden von aer Natur des Produktions- 
prozesses. \ls kann aber nun durch Arbeits- und Agglo- 
merationsdeviation auch noch über die transportmäßige 
hinausgehende Zerschlagung eintreten '); und insoweit dies möglich 
I) Cf. S. 174 f u. 176 f. 



Entwicklunirstendenzen. 



1/9 



ist oder erfolgt, muß die Zerschlagung offenbar weiter abhängig wer- 
den von den Bedingungen, unter denen diese beiden Arten von Orien- 
tierung stehen. Sie muß für diese vorher nicht separierten Teile des 
Produktionsprozesses insbesondere abhängig werden von Transport- 
kosten und Bevülkerungsdichtigkeit, die ja die Arbeits- und Agglome- 
rationsorientierung als Milieubedingungen mitbestimmen. Wenn z. B. 
die heute an einige große Arbeitsplätze abgelenkte Produktion der 
Wäsche zurzeit eine Zerschlagung erfährt, die die Zwischenstufe 
des Bestickens für die deutsche Fabrikation teilweise bis nach 
Madeira hinausgezogen hat, so ist deutlich, daß die Zerschlagung, 
die hier vorliegt, von dem beherrschenden Faktor der Transport- 
kostensenkung mit bedingt ist. — Ueber die so entstehenden 
Gesamttendenzen ein paar Worte. 

2. Entwicklungstendenzen der Wirklichkeit. 
I. Wir sagten oben : es muß die technische Natur des Produk- 
tionsprozesses und die Art seiner Bewältigung sein, die grund- 
legend regeln, ob in den verschiedenen Sphären der industriellen 
Arbeit überhaupt Produktionsstufengliederung vorliegt, und wie sie 
gestaltet ist. Nichts wäre nun verkehrter als zu glauben, die 
technische Produktionsstufengliederung des mittelalterlichen 
Gewerbes, von der wir einmal ausgehn wollen, sei gering gewesen. 
Es war d i e technische Produktionsstufengliederung vorhanden, die 
auf der Basis der traditionellen Werkzeuggestaltung, jenes alten ge- 
meinsamen Besitzes des vorderasiatisch-europäischen Kulturkreises 
sich von selbst ergab. Und diese Werkzeuggestaltung zerschlug 
den Produktionsprozeß in ungefähr ebensoviel technisch selb- 
ständige Teile, als er denkbarer Weise überhaupt besitzt, denn 
sie stellte seine Beherrschung nicht in einheitlicher, sondern in tech- 
nisch >>zerstückter« Weise dar — mit kleinen Mitteln, die sich je- 
desmal nur eines möglichst kleinen Teils des sukzessiven Produk- 
tionsprozesses zu bemächtigen vermochten und diesen daher tech- 
nisch auseinanderrissen; der Produktionsprozeß, den die Metalle, 
die Erden, das Holz, das Leder und die Faserstoffe ganz ebenso 
wie der, den die meisten Nahrungsmittelrohstoffe zu durchlaufen 
hatten, war überall ein langer »Leidensweg« mit zahlreichen selb- 
ständigen Pltappen. Richtig ist nur, daß der mittelalterlichen 
Wirtschaft zweierlei eigentümlich ist: erstens, daL^ die wirt- 
schaftliche Organisationszerschlagung (»Produktionsteilung <), 
die über dieser technisch vorhandenen Zerschlagung sich 
erhob, über ein gewisses bescheidenes Maß nicht hinauswuchs. 

12* 



igO Di^ Gesamtorientierung. 

Die Reihe der hintereinanderstehenden wirtschaftlich zu 
selbständiger Organisation gelangenden Produktionsabschnitte blieb 
gering^). Es waren meist nicht mehr als 2 oder 3. Und zwei- 
tens: es blieben auch die wirtschaftlich selbständig gewordenen 
Produktionsabschnitte im ganzen doch geographisch beieinander, 
gruppiert am Konsumorte; der bescheidenen Produktionszer- 
schlagung, die eintrat, folgte keine örtliche Zerschlagung in Stu- 
fenstandorte, Die Verhinderung allzu zahlreicher hintereinander 
stehender Produktionsstufen und ihre Festhaltung am städtischen 
Markt, soweit sie doch entstanden, war bekanntlich ein notwen- 
diger Teil der alten Stadtwirtschaftspolitik. 

Was aber war die Basis, die diese Politik und die Gruppie- 
rimg all der technisch selbständigen Teile einer weitgehend zer- 
schlagbaren Produktion um den städtischen Markt ermöglichte ? 
Nun, offenbar die Tatsache, daß die technische Zerschlagbarkeit, 
die bestand, noch nicht zu geographischer Zerschlagung zwang. 
Es galt eben für alle einzelnen Teile der Produktionsprozesse, 
das was in den früheren Abschnitten für die als unteilbare Ein- 
heiten gedachten Produktionsprozesse der handwerksmäßigen Zeit 
überhaupt behauptet worden ist: sie waren sämtlich nach den 
Standortsregeln noch konsumorientiert. 

Mein, nicht sämtliche ! Aber soweit sie nicht konsumorien- 
liert waren, versagte ihnen gegenüber auch die lokale Kon- 
zentrationspolitik der Stadt. Ja, man kann die Entstehung eines 
größeren Teils der mittelalterlichen »Landgewerbe« überhaupt voll 
nur verstehen, wenn man solche Gewerbe als »Produktionsstufen« be- 
greift, denen gegenüber diese Politik versagte, weil sie die Standorts- 
regeln, nach denen diese Stufen rohstoff- und nicht konsumorien- 
tiert waren, nicht zu brechen vermochte. Die Konzentrations- 
politik der Städte denkt nicht daran, das Hüttengewerbe, das immer 
materialorientiert war, in die städtischen Mauern einzusperren, Sie 
versagt sich den aufkommenden Glashüttenprozeß, der gleichfalls 
brennmaterial-orientiert ist, irgendwie zu konzentrieren. Und als 
später, seit dem 14. Jahrhundert mit der zunehmenden Einstellung 
der Wasserkräfte in die Produktion die Materialisierung auch anderer 
Anfangs- oder Mittelstufen der Produktion anhebt, da ziehen auch 
diese, da zieht der »Eisenhammer«, der »Kupferhammer«, das »Walz- 
werk«, die »Papiermühle« den schon »ausgesogenen« anderen Pro- 
duktionstufen ohne Rücksicht auf alle Konzentrationspolitik nach. 



i) Dazu die bekannten Ausführungen von Bücher Art. Gewerbe und sonst. 



Entwicklungstendenzen. igj 

Es ist eben einfach die geringe Materialisierung ^) der mittel- 
alterlichen Produktion, die mit der allgemeinen Lage am Kon- 
sumort auch die geringe örtliche und sachliche Produktionsslufen- 
gliederung der Zeit verursacht, aber auch begrenzt. 

2. Es ist nun interessant sich klar zu machen, daß und wie 
die weitere Entwicklung zunächst zu einer weiteren Förderung 
der Zerschlagung hinführt: 

a. Die Ergänzungen, ja teilweise schon Zerstörungen der alten 
handwerksmäßigen Produktion durch großindustrielle , die in 
der Ausbildung der großen Textilhausindustrien seitdem 15. und 
16. Jahrhundert liegen, sind von unserem Standpunkt aus Pro- 
duktionsstufen-Auswanderung vom Konsumort weg. Das Spin- 
nen und Weben trennt sich von dem konsumorientiert verblei- 
benden Schneiderhandwerk und wandert an die optimalen Ar- 
beitsplätze, Und dabei sind es hier bei diesem Hergang, der 
die alte handwerksmäßige Produktion mit ihrer »Standortsein- 
heit« aufhebt, vom Standpunkt unserer Theorie gesehen, augenschein- 
lich veränderte »Milieuverhältnisse«, nicht veränderte »technische« 
Verhältnisse, die wirken. Die hausindustriell werdenden Teile der 
Produktionsprozesse gehen auf Grund der gestiegenen Bevölke- 
rungsdichtigkeit, die lokale Arbeitskraftüberschüsse mit lokalen 
Arbeitsverbilligungsmöglichkeiten hervorbringt, und der verbes- 
serten allgemeinen Transportverhältnisse, die die so entstan- 
denen Arbeitsplätze attraktiv macht, an diese Plätze. 

b. Auch die dritte große Umwälzungsperiode, die Zeit von 
der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bis zum Ende des 19. 
mit ihren ungeheuren Mechanisierungsvorgängen zunächst der alten 
merkantilistischen Hausindustrien und dann des Handwerks selber, 
steigert zunächst noch die örtliche Dispersion der Produktions- 
stufen-Standorte weiter. Die geographische Zickzacklinie der 
Produktion wächst, wenn das mechanisierte Spinnen jetzt größten- 
teils vom mechanisierten Weben geographisch losgerissen wird; 
sie wächst, wenn bei der Verarbeitung der Hölzer die mecha- 



l) Was nach unsererTerminologie unter »Materialisierung« zu verstehen ist, ist der 
größere oder geringere Verbrauch von »lokalisierten« Materialien und die Stärkung der 
Materialkomponenten dadurch. Auch der Uebergang von Ubiquitätenverbrauch zu 
lokalisiertem Materialverbrauch bedeutet darnach »Materialisierung«, nicht weniger 
wie der Uebergang zu steigenden Kraftverbrauch. In diesem Sinne hatte aber 
das Mittelalter auch wegen seines starken Ubiquitätenverbrauchs (Holzverbrauchs 
vor allen Dingen) wenig »materialisiert« industrielle Produktion. 



l32 Die Gesamtorientierung. 

nisierte Holzbeafbeitungsfabrik sich zwischen die Sägemühle und 
die verschiedenen Arten der Holz-Fertigwarenprodulv:tion schiebt, 
wenn bei der des Leders die mechanische Schäftefabrik zwischen 
die Gerberei und die Schuhmacherei sich einklemmt, wenn in der 
Sphäre der Papierfabrikation die Cellulosefabrikation als selb- 
ständige Produktionsstufe entsteht, und wenn die Mechanisierung 
in der Verarbeitung der Metalle die Fabrik der Halbfabrikate 
(der Schloß-, der Uhren-, der »Rad «-Teile usw.) ganz allgemein 
zwischen die Rohstoff- und die Fertigwarenproduktion hineinstellt; 
kurz, wenn überall die Mechanisierung der Produktion zunächst 
neue geographisch-selbständige Produktionsstufen mit selbständi- 
gem Standort schafft. Daß die Mechanisierung und Kapitalisie- 
rung der Produktion das in der Zeit der großen industriellen Re- 
volution des 19. Jahrhunderts im wesentlichen tut, und daß sie so 
die Vorstellung einer immer weitergehenden arbeitsteiligen Zer- 
stückelung der Produktionsprozesse und einer zunehmenden selb- 
ständigen lokalen Orientierung der »Stücke« schuf, ist ebenso un- 
zweifelhaft, wie das weitere, daß sich ganz wesentlich an diesen 
Vorgang leider die oberflächliche mit der Freihandelslehre eng 
verbundene Theorie der sog, »internationalen Arbeitsteilung« an- 
geknüpft hat, die diese durch stets vermehrte Arbeitsteilung zu selb- 
ständiger Existenz ausgeschiedenen »Stücke« der Produktionspro- 
zesse sich nun ganz frei nach ihren »natürlichen« optimalen Produk- 
tionsplätzen hinbewegen und die gleichartigen sich dort »konzen- 
trieren- ließ — so als ob es gar keine Transportzusammenhänge 
gäbe, die sie lokal binden, und die doch in Wahrheit immer erst- 
mals für die geographische Verteilung aller Produktionspartikeln 
zu befragen sind. Man sah ganz einfach das arbeitsteilige Sich- 
zerlegen der Produktionsprozesse ; — Spezialisation und Pro- 
duktionsstufengliederung unterschied man dabei gar nicht — ; 
man sah weiter die selbständige lokale Orientierung der Teile; 
und wie das Wort Arbeitsteilung für diese Zeit überhaupt das 
große Ruhekissen ward, auf dem sie sich begrifflich schlafen legte, 
so ruhte man sich für die Standortslehre von nun an auf dem 
schönen aber herzlich inhaltsarmen Begriff der geographischen 
oder internationalen Arbeitsteilung aus. 

3. Heut liegt die Sache so, daß jeder Blick ins Leben uns 
unschwer diese ganze alte Vorstellung als überlebt empfinden, ja 
ihre Grundlage, die gesamte Anschauung auf dem Gesetz der 
Arbeitsteilung beruhender fortgesetzter Ausgliederung immer neuer 



Entwicklungstendenzen. jg? 

Stücke des Produktionsprozesses zu wirtschafUicher und lokaler 
Selbständigkeit als eine Uebergangser scheinung er- 
kennen läßt, der eine ganz andere entgegengesetzte Entwicklung 
heut folgt. Wir stehen heut vor der Tatsache, daß die Kapitali- 
sierung und Mechanisierung der industriellen Produktionsprozesse 
den umgekehrten Zug der Konzentration einschlägt. Hat sie die 
industriellen Produktionsprozesse früher gewissermaßen in ihren 
kleinsten Teil isoliert »ergriffen« und in ihre Gewalt und die ihr 
angemessene Form gebracht, so rafft sie die einzelnen eroberten 
Partikeln jetzt gewissermaßen wiederum zu P2inheiten zusammen 
und leitet dadurch mit jenen ungeheuren kapitalistischen Konzen- 
trationsvorgängen, die wir vor uns haben, gleichzeitig eine neue 
und zwar wiederum gewaltige Standortsrevolution ein. Die 
Konzentrationsvorgänge, die im industriellen Gesellschaftskörper 
heute überall Kristallisationszentren schaffen, von denen aus mit 
»Polypenarmen« durch die verschiedenen traditionellen Produk- 
tionsstufßn hindurch gegriffen und früher getrennte Anfangs-, 
Mittel- und Endprozesse zu einheitlichen Körpern zusammengezogen 
werden, sind gewiß zunächst und ihrer wesentlichen Art nach »Kon- 
zentration« von Kapitalien. Und sie brauchten die technische 
und arbeitsorganisatorische Selbständigkeit der zusammengefaßten 
Einzelteile der Produktion an sich nicht zu tangieren, könnten also 
auch die alte Stufengliederung und ihren örtlichen Niederschlag be- 
stehen lassen. Aber in Wirklichkeit laufen zwischen den »kapitalisti- 
schen« Konzentrationstendenzen und den modernen »ökonomisch- 
technischen« Organisationstendenzen Bindeglieder hin und her, die 
hier zu verfolgen sehr viel zu weit führen werden, zu denen aber das zu 
sagen ist: daß der große Rahmen kapitalistischer Zusammenbal- 
lungen heute auch neue Gehäuse betriebsorganisatorischer und tech- 
nischer Zusammenziehung schafft, früher getrennte und gerade teil- 
weis erst in letzter Zeit zur Selbständigkeit gebrachte Produktions- 
vorgänge zusammenzieht und zwar in sehr großem Stil. Jeder 
kennt die Entwicklung in der Eisenindustrie, die Zusammenziehung 
der früher selbständigen Vorgänge der Roheisengewinnung, der 
Stahldarstellung und des Walzens, ja Schmiedens, oder der Roh- 
eisengewinnung und des Gießens zu einheitlichen ungeteilten Prozes- 
sen. Dieser größten und sichtbarsten Erscheinung auf technischem 
Gebiet aber gehen zahlreiche weniger sichtbare und nicht weniger 
wirksame auf technischem und betriebsorganisatorischem parallel. 
Der Webwarenfabrikant, der sich seine Spinnerei angliedert, und 



1 8^ Die Gesamtorientierung. 

sie auch äußerlich betriebsorganisatorisch mit der Weberei, soweit 
es irgend geht, vereinigt, — der Kleineisenwarenfakrikant, der 
alle die disjecta membra der alten hausindustriellen Produktions- 
stufengliederung unter einem »Dach« vereinigt, — die mechanische 
»VVerkstätte«, die ihre Glashütten mit sich vereinigt, die Kanonen- 
fabrik, die die fertigen Kanonen in einem einzigen Betrieb aus 
den Rohstoffen hervorgehen lässt, sie alle sind Exponenten dieser 
allgemeineren Entwicklung. Ueberall sind es die modernen 
Kapitalzusammenballungen, die hinter diesen technischen und 
betriebsorganisatorischen Zusammenziehungen als ihr größerer 
Rahmen stehen, überall aber werden letztlich durch sie auch neue Pro- 
duktionsgehäuse geschaffen, die früher getrennte Produktions- 
stufen zu technisch-organisatorischen Einheiten zusammenziehen. 
Die Produktionsstufengliederung wird vereinfacht, und die früher 
»lokal« zerschlagenen Teile gruppieren sich wieder zusammen. Es 
entstehen neue »Standortseinheiten«, die teilweis ganze Produktions- 
reihen in Einem überspannen. Und — das ist das Wesentliche für 
uns — diese neuen »Einheiten« müssen sich nun nach ihrem aus der 
Zusammenziehung hervorgehenden »Standortsgewicht«, »Arbeits- 
koeffizient« und »Formkoeffizient« auch ganz neu orientieren. 
Die Notwendigkeit einer grundsätzlich völligen Neuorientierung 
mag in den ersten Stadien der Entwicklung noch verdeckt sein; 
die Sache mag sich da noch so vollziehen, daß gewisse starke, 
zu Kristallisationszentren werdende Werke die Produktion an- 
derer-, »Stufen« geographisch einfach »an sich ziehen«: die 
mechanische Werkstätte zieht die Glashütte zu sich heran, das 
Bessemerwerk das Schienenwalzwerk oder die Kesselschmiede, 
die oder jene Eisenhütte soviel Eisengießerei oder Kleineisen- 
warenproduktion, als ihr paßt. Auch das kann, wenn es größeren 
Umfang annimmt, schon Standortsumwälzungen sehr fühlbarer 
Art, ganze oder teilweise »Stilllegungen« von Industriegebieten, 
denen ihre Teilprozesse, auf die sie sich spezialisiert haben, »weg- 
gesogen« werden, bedeuten; — wir erleben das zur Zeit an den 
*reinen Walzwerken« der Lahngebiete. — Aber damit ist die 
Sache noch nicht erledigt; auf die Dauer kann es bei solchen 
»Heranziehungen« von andern Produktionsstufenteilen an die 
stärkeren Kristallisationspunkte nicht bleiben; auf die Dauer d. h. 
wenn der Prozeß so lang andauert, daß er die Industrie als ganzes 
durchdringt, muß auch eine prinzipielle Neuorientierung der durch 
diese Zusammenziehungen entstandenen neuen großen Einheits- 



Ineinandergreifen selbständiger Produktionsprozesse. jgc 

produktionsgehäuse folgen; eine Neuorientierung, die wegen der 
ungeheuren stehenden KapitaHen die für diese modernen Riesen- 
gebilde in Frage kommen' und ihrem »historischen« Standort ein 
grosses Gewicht geben, langsam vor sich gehen mag, die aber 
— sofern die Standortslage überhaupt von ökonomischen Gesetzen 
beherrscht wird — schließlich unbedingt erfolgen und die neuen 
Gehäuse an die nach ihrem Standortsgewicht, Arbeitskoeffizient 
usw. ihnen eigentümlichen Plätze hinschieben muß. — Erst damit 
wird die Standortsrevolutionierung, die die moderne Konzentra- 
tionsbewegung eingeleitet hat, vollendet sein. Und wie wir also 
das ganze 19. Jahrhundert hindurch unter dem Einfluß einer 
Revolutionierung der Standorte gestanden haben, die aus der 
handwerksmässigen Einheit und Einfachheit heraus die dislozierte 
und so außerordentlich verworren in »Zickzacklinie« verlaufende 
und die Theorie ja tatsächlich auch ganz verwirrende Orientierung 
der »einzelorganisierten« Großindustrie alten Stiles schuf, so stehen 
wir heut am Anfang einer neuen Revolutionsbewegung, die uns 
in einem wohl ziemlich langen Leidensweg zu einer neuen wohl 
wieder sehr viel einfacheren und durchsichtigen Orientierung, zu 
Einheitsstandorten der nunmehr »gesamtorganisierten« Großindu- 
strien hinüber leiten wird. 

Abschnitt 2. 
Ineinandergreifen selbstängiger Produktionsprozesse. 

Wir sind bisher so verfahren als ob die verschiedenen indu- 
striellen Produktionsprozesse der Wirklichkeit ohne irgend eine 
Beziehung zu einander selbständig nebeneinander herliefen. Das 
ist nicht durchaus der Fall. Sie greifen in verschiedener Art 
tatsächlich ineinander über. Und dieses Ineinandergreifen bleibt 
noch zu besprechen. Es kann dreifacher Art sein: 

Erstens: Es kann die Produktion ganz verschieden- 
artiger Artikel vom gleichen Unternehmer im gleichen Betrieb 
zusammengefaßt werden, von unserem Standpunkt aus gesehen also 
eine lokale »Verkoppelung« an sich selbständiger Industriepro- 
zesse bestehn. 

Zweitens: Es kann die übrigens lokal getrennt blei- 
bende Produktion verschiedenartiger Artikel doch aus derselben 
Material- oder Halbfabrikatwurzel hervorwachsen, — also V o r- 
stufenverbundenheit verschiedener nebeneinander ste- 
hender Industrieprozesse bestehen, indem sachlich selbständige 



l85 Die Gesamtorientierung. 

Produktarten erzeugende Betriebe in Anfangsstufen auf denselben 
Materialarten ruhen und dadurch in diesen Vorstufen verbunden 
sein können. Und endlich, davon wieder verschieden 

drittens: Das Produkt der einen Industrie kann in eine 
andere übergehen, auch ohne daß es wie im vorigen fall Material 
oder Halbfabrikat darstellt, vielmehr als »Produktionsmittel« oder 
als »Hilfsprodukt« (z. B, Verpackungsgegenstand); und es kann 
also auf diese Weise etwas bestehen, was man am besten als 
Absatzverbundenheit der einen Industrie mit einer oder 
mehreren anderen bezeichnet. 

I. Die Verkoppelung. 

Wenn man in einem und demselben Betrieb (NB. Betrieb 
nicht Unternehmen! das letztere ist uns gleich, da ein einheit- 
liches Unternehmen keine lokale Einheit darzustellen braucht) 
wenn man also im gleichen Betrieb Produkte verschiedenartiger 
Produktionsprozesse, und da jedes Produkt »grundsätzlich« für die 
Theorie seinen eigenen »Prozeß« hat, so kann man auch sagen über- 
haupt »verschiedenartige« Produkte herstellt, so kann das erstens 
technische und zweitens wirtschaftliche Gründe haben. Es kann 
sein, daß es technisch garnicht anders geht, als gleichzeitig meh- 
rere Gegenstände verschiedener Art zu schaffen. Man denke z. B, 
an eine chemische Fabrik, die aus einer Kombination verschie- 
dener Rohstoffe verschiedene Produkte wie Soda, Schwefelsäure 
und was weiß ich alles^ gewinnt. Diese technische Notwendig- 
keit der Verkoppelung kann aber fehlen. Die Eiektrizitätsfabrik, 
die heute Kabel, Akkumulatoren und elektrische Apparate viel- 
fach in einem einzigen Betriebe herstellt, das Konfektionshaus, das 
Mäntel, Kapes, Umhänge, Blusen usw. gleichzeitig fertigt, tun das aus 
wirtschaftlichen, nicht technischen Gründen. Beide Vorgänge 
sind ganz verschieden und bedeuten auch standortsmäßig etwas 
ganz Verschiedenes. 

a) Die Verkoppelung der Produktionsprozesse, die aus tech- 
nischer Verbundenheit hervorgeht, bedeutet einen not- 
wendig einheitlichen Standort für mehrere Produktarten. Und das 
heißt soviel wie : sie ist anzusehen wie eine Gabelung eines ein- 
heitlichen Produktionsprozesses von der Produktionsstätte an. Es 
wirken bei der Orientierung des Standorts nicht ein Konsumort, 
sondern mehrere mit. Die Mitwirkung mehrerer Konsumplätze 
und ihre Bedeutung aber haben wir bei der agglomerierten Pro- 
duktion längst kennen gelernt. Wir wissen, sie bedeutet für die 



Verkoppelung. jg^ 

Bestimmung des Standortes keine Schwierigkeit. Es sind bei der 
Orientierung eben einfach die Komponenten mehrerer Konsum- 
plätze in die Rechnung einzustellen. Die Standortsfigur, die ent- 
steht, hat je nach der Zahl der Produktarten, die entstehen, meh- 
rere Konsumkomponenten, die mit den respektiven Gewichten der 
Produktarten zu belasten sind. Das ist alles. Die Standortsfigur 
einer isolierten Produktion sieht z. B. bei Industrien, die in ihren 
derartigen Betrieben zwei Produktionsarten kombinieren, so aus : 




Fig. 42. 
Der Standort bestimmt sich dabei nach den allgemeinen Regeln. 

b) Dasselbe, könnte man denken, liegt nun auch vor bei 
technisch nicht notwendiger Verkoppelung. Und 
unzweifelhaft hat die Standortsfigur, die hier schließlich ent- 
steht, äußerlich ganz den gleichen Charakter. Aber sie kommt 
auf gänzlich andere Art zustande, bedeutet daher standortsmäßig 
auch etwas anderes. Sie muß nämlich — abgesehen von dem 
exzeptionellen Fall, daß die verkoppelten Güterarten zufällig gleichen 
Konsumort und gleiclies Materiallager haben — standortsmäßig 
stets eine Deviation der verbundenen Prozesse aus den Minimal- 
punkten ihrer isolierten Lage darstellen. Denn die verschiedenen 
verbundenen Produktionsprozesse müssen ja bei verschiedenen 
Materiallagern und verschiedenem Konsumort verschiedene Stand- 
ortsfiguren mit verschiedenen Minimalpunkten haben; sodaß, wenn 
ihre Produktion zusammengefaßt wird, eine Ablenkung aus diesen 
stattgefunden haben muß. Damit rückt diese Art der Verkoppe- 
lung unter die Gesetzmäßigkeiten der Deviation, wie wir sie für 
Arbeits- und Agglomerationsorientierung kennen gelernt haben. 
Und sie ist auch wie diese begrifflich aufzulösen. Es kann dabei 
sowohl die besondere Nuance der Arbeitsdeviation, wie der Ag- 
glomerationsdeviation maßgebend sein. 

Es kann sein : Die Verbindung der verschiedenen Produktions- 
prozesse an den Ablenkungsplatz hin geschieht deshalb, weil dort 
ein Arbeiterstamm vorhanden ist, der für jeden der Prozesse 
besondere Ersparnisindices in der Produktion herbeiführt. Und 



l88 ^^^ Gesamtorientierung. 

auf dessen besondere Geschicklichkeit hat man dann aus irgend- 
welchen wirtschaftlichen Gründen z. B. um vor Konjunktur- oder 
Modeschwankungen besser geschützt zu sein, nicht nur den einen 
der Produktionsprozesse, sondern gleichzeitig mehrere aufgebaut. 
Es bleibt hier kein besonderes Problem: die Arbeitsplätze sind 
Deviationspunkte für die verschiedenen Prozesse; und sie werden 
nach Maßgabe der Relevanz, die ihr Ersparnisindex für jeden 
Prozeß entsprechend dessen Arbeitskoeffizienten hat, attrahieren. 
Die Ausschaltung der ungünstigen Materiallager, die Steigerung der 
Attraktionskraft großer Plätze, alles wird nach den Gesetzen, die uns 
bekannt sind, vor sich gehen. Nur daß es sich bei jedem einzel- 
nen Platz nicht auf mehrere Produktionsprozesse gleicher Art, 
sondern immer auf mehrere Prozesse verschiedener Art bezieht, 
deren Beeinflussung separat zu untersuchen ist. Das ist einfach. 

Komplizierter scheint der andere Fall: Es kann sein, die Ver- 
bindung der Produktionsprozesse und die Deviation, die sie herbei- 
führt, geschieht aus Gründen der Agglomeration; sie geschieht 
deshalb, weil bei Verbindung verschiedener Produktionen unter 
einem Dach Organisations-, Maschinenverwertungs-, Einkaufs- und 
Absatzvorteile zu erzielen sind, die die getrennte Produktion der 
verschiedenen Waren wegen ihres geringen Umfangs nicht ge- 
stattet. Was dann entsteht, ist eine kombinierte Agglomerations- 
einheit mehrerer Industrien, die also auch von einer Ersparnis- und 
Agglomerationsfunktion beherrscht wird, welche sich nicht auf eine, 
sondern auf die Zusammenballung mehrerer Industrien bezieht. 
Wie solche Ersparnisfunktion die Einzelproduktionen der in Be- 
tracht kommenden Industrien zu den einzelnen Agglomerations- 
zentren, die entstehn, zusammenballt, hat nichts Besonderes. Es 
kommen einfach für die Entstehung der Agglomerationszentren die 
bekannten Gesetze der Segmentbildung der Isodapanen zur An- 
wendung; nur mit dem Unterschied, daß es sich nicht um Isoda- 
panen einer Produktionsart, sondern verschiedener handelt. 

Wohl aber scheint die gedankenmäßige Anwendung der 
generellen Formel der Agglomeration und damit die allgemeine 
Vorstellung über die Gesamtorientierung der kombinierten Produk- 
tion etwas schwierig zu werden. Denn es scheinen nun nicht eine, 
sondern mehrere Agglomerationsformeln der verschiedenen Indu- 
strien zur Anwendung zu kommen. Doch wird die Sache nicht so 
schwer, daß man nicht mit den oder vielmehr der Formel als bloßem 
Vorstellungsbehelf — als der sie, wie nicht oft genug betont werden 



Verkoppelung. I gg 

kann, ja doch überhaupt nur gedacht ist — auch hier durchkommen 
könnte. AeußerHch ist einfach in die Formel der Agglomeration das 
f (M) (die Agglomerationsfunktion) der kombinierten Produktion und 
das Standortsgewicht (A), das diese hat, einzustellen. Und grund- 
sätzlieJi wäre, wenn man sich dann fragt, welchen Agglomerations- 
tendenzen folgt irgend eines der Produkte, die in' Betracht kom- 
.men, nur zu sagen: wenn sie alle getrennt produziert werden, den 
und den, die sich aus der einfachen Formel ergeben ; wenn kom- 
biniert, mit den und den anderen produziert wird, den und den, 
die sich aus der Kombinationsformel ergeben. Aber im ganzen 
wird diese ganze komplizierte Gedankenoperation gar nicht einmal 
nötig sein. Denn die willkürliche Kombination verschiedenartiger 
Produkte im gleichen Betrieb (NB. wieder Betrieb, nicht Unter- 
nehmung) kann überhaupt in der Regel wirtschaftlich nur ren- 
tabel sein, wenn verwandte Arbeitsarten, gleichartige Maschinen, 
gleichartige Rohstofifkategorien etc. für die verschiedenen Pro- 
dukte verwendet werden^). Was soviel heißt wie, wenn die 
Sache so liegt, daß der Betrieb etwa die gleiche Agglomerations- 
funktion und den gleichen Materialindex hat, mag er nun nur 
für das eine oder das andere Produkt oder in Kombination 
für verschiedene eingestellt sein. Das bedeutet dann, daß man 
überhaupt — im Groben wenigstens — den Agglomerationsvor- 
gang der isolierten und kombinierten Produktion für die allge- 
meine Orientierung gar nicht zu unterscheiden braucht. Die Ag- 
glomerationsformel des einen ist gleich der des anderen. 

Ein nicht unwichtiges Nebenresultat ergibt sich aus 
dieser Betrachtung der willkürlichen Verkoppelung noch, näm- 
lich dies : Die Produktionsdichtigkeit, die man bei 



i) Bei der technisch notwendigen Verkoppelung ist das natürlich ganz 
anders. Hier können ja die Produkte, die aus denselben Rohstoffen hervorgehen, 
natürlich im einzelnen ganz verschiedene Maschinen- und Arbeitsarten erfordern. 
Zwei Produkte aber, die in diesen Dingen wesentlich verschieden sind, unter einem 
Dach zu vereinigen, wenn es nicht technisch notwendig ist, hat gar keinen Wert, 
da ja dadurch weder eine bessere Ausnutzung der Maschinen, noch der Arbeits- 
kraft, noch ein Rohstoffankauf iu größeren Massen usw. erzielt werden kann, die 
wichtigsten Agglomerations-Ersparnisse also ausbleiben. Tatsächlich gibt es in der 
Wirklichkeit auch im ganzen nur die beiden Formen: technisch notwendige Ver- 
koppelung im Produktionsprozeß teilweis verschiedenartiger Produkte und willkür- 
liche Verkoppelung in ihm eng verwandter. Ueber Nebenprodukterzeugung vgl. 
weiter unten. 



190 



Die Gesamtorientierunt 



der Frage nach dem wahrscheinlichen Agglomerationsmaß irgend 
einer Produktionsart in der Wirklichkeit in Rechnung zu ziehen, also 
z. B. auch in die Agglomerationsformel einzustellen hat, darf nicht 
die aus dem nachgefragten Flächenquantum nur dieser einen Pro- 
duktionsart sich ergebende Produktionsdichtigkeit sein, sondern 
es muß die aus dem Flächenquantum aller in gleichartigem 
Produktionsprozeß auf derselben Fläche hergestellten und 
daher in willkürlicher Verkoppelung zu Agglomerationseinheiten 
zusammenfaßbaren Produkte sein. Denn dieses Flächenquantum 
entscheidet offenbar, welche Agglomerationen, sei es isolierter, sei 
es kombinierter Art, in der Wirklichkeit entstehen. Daß das so 
ist, bedarf nach dem Gesagten wohl keiner weiteren Ausführung; 
es ist aber wohl das Wesentlichste, was sich als Ergänzung der allge- 
meinen Standortslehre hier ergibt. 

2. Die Materialverbundenheit. 

Selbständige Produktionsprozesse können durch die Materialien, 
die sie benutzen, ebenfalls entweder in technischer oder in wirtschaft- 
licher Weise mit einander verbunden sein. In technischer Weise 
sind sie es dann, wenn das Material des einen Prozesses Neben- 
produkt oder zweites Hauptprodukt irgend einer der Stufen des 
anderen ist. So ist z. B. die Wollindustrie mit gewissen Bran- 
chen der Lederindustrie dadurch »materialverbunden«, daß Leder 
bei der Wollgewinnung als zweites Hauptprodukt auf einer An- 
fangsstufe abzweigt. Und so ist die Anilinfabrikation mit ande- 
ren koksbenutzenden Industrien verbunden dadurch, daß sich der 
ihr als Rohstoff zugrunde liegende Steinkohlenteer bei der Ko- 
kerei als Beiprodukt ergibt. — Nur wirtschaftlich aber sind 
zwei Industrien im Material verbunden, wenn ein und derselbe Roh- 
stoff, ein und dasselbe Halbfabrikat alternativ entweder für 
die eine oder für die andere verwendbar ist, ein ungeheuer häu- 
figer Fall. Der riesig reich gegliederte in zahllose Branchen, d. h. 
ebensoviel selbständige Produktionsprozesse verzweigte heutige 
Industriekörper geht doch in seinen Wurzeln nur auf einige we- 
nige gar nicht so schwer aufzählbare Rohstoffgruppen zurück, ist 
also in gewaltigen Teilen unter sich materialverbunden derart, 
daß Rohstoffgruppen wie Holz, Erze, Erden, Leder usw. alterna- 
tiv für die verschiedenen Teile Verwendung finden. 

Die Wirkung beider Arten von Materialverbundenheit ist wie- 
der keineswegs dieselbe. 

a. Im Falle der technischen Materialverbun- 



Materialverbundenheit. 



IQI 



d e n h e i t bietet sich für j e d e n einzelnen isoliert gedach- 
ten Produktionsprozeß der einen Produktion das Bild dar, daß er 
an irgend einer Stelle in einer Gabelung mit dem der material- 
verbundenen anderen Industrie zusammenläuft (confer. nachste- 
hendes Schema). 




Fig. 43- 
Besteht dann dabei zwischen den Materialien der ver- 
schiedenen Industrien, die an der Gabelungsstelle entstehen, 
eine ausgesprochene Rangordnung, derart, daß eins von ihnen 
Hauptmaterial, die andern aber wenn nicht Abfall- so doch aus- 
gesprochene Nebenprodukte ^) sind, so ist die Orientierungsfrage, 
die erwächst, sehr einfach. Der Prozeß, dessen Material das 
Hauptmaterial ist, wie z. B. die Bretter im Holzverarbeitungspro- 
zeß (Sägespäne Nebenprodukt) ist der dirigierende in ihm und 
nach ihm orientiert sich die gemeinsame Anfangsstufe; und der 
so geschaffene Standort derselben wirkt für die übrigen Indu- 
strien, die die Nebenprodukte verwenden, \^ie ein von Natur ge- 
gebenes Lager ihres Materials. Hier bleibt kein Problem. 

Wohl aber bleibt ein solches, wenn die an der Gabelungsstelle 
entstehenden Produkte sämtlich standortsmäßig wichtig sind (aus 
Gewichts- oder aus Wertgründen, confer. die Anmerkung). Als- 
dann tritt ein Hineingestelltsein dieser Stufe in die Dynamik 
von mehreren gleich, oder ähnlich wichtigen Produktions- 
l) Sie können das entweder dadurch sein, daß sie an Gewicht sehr weit zu- 
rück — wenn auch im Werte gleich stehn. Dann wirken sie standortsmäs- 
sig überhaupt nicht; ihre Determinante ist zu schwach: so wirkt Wolle, obgleich 
es ein zweites wertvolles Produkt der Gerberei ist, oder wenigstens sein kann, doch 
auf die Orientierung des Mitprodukts Leder nicht fühlbar ein. — Oder Nebenpro- 
dukte können dadurch unerheblich werden, daß sie, wenn auch nicht an Gewicht, 
:j doch an Wert sehr zurückstehen. Sie würden dann standortsmäßig wirken 
müssen, wenn sie nicht ökonomisch aus der Kalkulation ausgeschieden 
würden; das ist z. B. ein bei Knochen gegenüber dem Fleisch vorliegender Fall. 
Die Fleischerei wird von der Knochenverwertung in ihrer Orientierung nicht fühl- 
bar beeinflußt, weil das »Mitprodukt« relativ zu geringwertig ist. 



ig2 Die Gesamtorienlierung. 

reihen ein ; die Stufe hat dann zwei oder noch mehr Fortsetzungs- 
prozesse der Produktion, die auf sie als den Schlußstandort des 
gemeinsamen Anfangsproduktionsprozesses einwirken, und sie daher 
in ihrer Lage nicht ohne weiteres klar sein lassen. Die Lösung, die 
es hier gibt, aber ist dann die gleiche, wie bei dem schon 
besprochenen umgekehrten Fall, daß zwei oder mehr ver- 
schiedene Produktionsstufenstränge sich durch einen Zusammen- 
setzungsprozeß später zu einem Produkt vereinigen. Man 
braucht nur die Konstruktion, die dafür (oben S. 17 1) in Anleh- 
nung an die allgemeinen Regeln der Bestimmung der Produk- 
tionsstufenstandorte gegeben wurde, hier in umgekehrter geogra- 
phischer Lage sich angewandt zu denken, so sieht man, wie der 
gemeinsame Anfangsstandort (der hier an die Stelle des dortigen 
gemeinsamen Schlußstandortes tritt) und die auf ihn folgenden 
Standorte der Einzelreihen sich gegenseitig bestimmen. 

b Viel einfacher liegt im ganzen die nur wirtschaftliche 
Materialverbundenheit, die zugleich, weil den ganzen Wirtschafts- 
körper durchziehend, die viel wichtigere ist. Die Theorie, die 
von der Vorstellung der Einzelproduktionsprozesse in dem Sinn, 
wie sie bisher stets verwandt wurde, ausgehen muß, hat hier zu 
sagen: Die transportmäßige Orientierung der Einzelpro- 
zesse, in denen alternativ für Prozesse verschiedener Art verwend- 
bare Materialien vorkommen, wird sich für jeden Prozeß nach den 
einfachen uns bekannten Regeln vollziehen, ohne Rücksicht 
darauf, ob das Material, das dem Prozeß der einen Art dient, gleich- 
zeitig' auch noch in anderen Prozessen verwandt werden kann. Der 
Einzelprozeß der einen Art braucht sich (soweit rein transportmäßige 
Orientierung in Betracht kommt) und wirdsich also um die Tatsache, 
dasssein Material vielleicht aus denselben Lagern bezogen, in Einzel- 
prozessen anderer Art auch verwandt wird, ebenso wenig kümmern, 
wie er sich ja darum kümmert, daß sein Material, vielleicht auch 
vom gleichen Lager bezogen, in anderen Einzelprozessen der glei- 
chen Industrieart noch verwandt wird. Also: Für die grund- 
legende Transportorientierung, die im Wirtschaftskörper entsteht 
und von der wir immer wieder als Basis ausgehen müssen, ist 
es — und das ist ungeheuer wichtig — prinzipiell gänzlich 
gleichgültig, daß z. B. Roheisen heute sicherlich gleichzeitig in 
mehreren hundert verschiedenen Produktionsstufenreihen Rohstoff 
ist und für diese verschiedenen Reihen aus denselben Lagern 
bezogen wird, und dito Holz und Leder usw. Das grundlegende 



Material Verbundenheit. IQ 7 

Transportnetz, zunächst einmal abgesehen von seinen Alterie- 
rungen durch Agglomerations- und Arbeitsorientierung, muß sich 
ganz genau gleichgestalten, ob all die hundert verschiedenen Pro- 
zesse, die z. B. Eisenerz aus demselben Lager beziehen, sämtlich 
nur dies oder ob sie hundert verschiedene zufällig an demselben 
Lager vereinigte Rohstoffe benutzen. Die verschiedenen Prozesse 
sind eben innerlich in der Bestimmung ihrer Standorte in 
kemer Weise dadurch von einander abhängig, daß sie alle den 
gleichen Rohstoff benutzen; sie haben nur alle zufällig den 
gleichen geographischen Ausgangspunkt, mehr nicht. 

Von Bedeutung wird dieser mögliche gemeinsame geogra- 
phische Ausgangspunkt der Produktion erst dann, wenn man sich 
vorstellt, daß nun die Agglomeration und die Arbeitsorientierung 
in das transportmäßige Grundnetz eingreifen, — aber auch dann 
von keiner Bedeutung, die ein Standortsproblem irgend neuer Art 
schafft. Genau so nämlich, wie Agglomeration und Arbeitsorion- 
tierung für die Anfangsstufen derselben Industrie durch ihre 
Ablenkung Plätze gemeinsamer Orientierung schaffen, können sie 
es auch für die gleichartiges Material oder Halb- 
fabrikat darstellenden Stufen verschiedener Industrien. 
Was dabei eintritt, ist genau das Gleiche wie im ersteren Fall. 
Es ballen sich die Einzelproduktionsstufen, die verschieden- 
artigen späteren Produktionsprozessen, also im Grunde verschie- 
denen Industrien angehören, nach genau den gleichen Regeln und 
in ganz der gleichen ArL zusammen wie die, welche Vorstufen 
von Produkten gleicher Art sind. Es wird hier für die Zu- 
sammenballung wichtig, daß die Prozesse geographisch an der- 
selben Stelle verankert sind, sich also »naheliegen«; — aber es 
ist darüber gar nichts theoretisch Besonderes zu sagen. — Wenn 
nicht dies vielleicht, daß durch die Anschauung von der ursprüng- 
lich isolierten Orientierung der verschiedenen materialverbundenen 
Prozesse und durch die Anschauung ihrer Zusammenballung ausdieser 
isolierten Lage nach den allgemeinen Regeln, das anscheinend so 
riesig komplizierte Problem der Orientierungszusammenhänge im 
Industriekörper, wie mir scheint, große Durchsichtigkeit und un- 
geheure Vereinfachung erfährt. Denn der ganze Industriekörper 
ist ja von diesen »wirtschaftlichen« Materialzusammenhängen durch- 
setzt; es scheint zunächst beinahe unmöglich, darnach die Orien- 
tierung der einzelnen Industrie üherhaupt isoliert zu betrachten 
und für sie Regeln aufzustellen. Wer weiß wie viel andere In- 

A. Weber, Standort der Industrien. 17 



jQ_^ Die Gesamtorientierung. 

dustrien scheinen immer gleichzeitig auf ihre Orientierung einzu- 
wirken. Und doch ist es möglich und zulässig, wenn man ein- 
mal gesehen hat, daß die gemeinsamen »wirtschaftlichen« Ma- 
terialzusammenhänge nur sekundäre Abweichungen schaffen 
von dem ganz unabhängig zu ihnen auf der Basis der isolierten 
Produktionsprozesse aufgebauten Grundnetz der Transportorientie- 
rung und, daß diese Deviationen sich ganz einfach nach denselben 
Regeln vollziehen, als ob man es im ganzen Industriekörper nur 
mit einer einzigen gleichartigen Industrie zu tun hätte. Ich 
glaube, wenn man das eingesehen hat, dürfte die Art, in der die 
ganze abstrakte Theorie hier von der Basis der isolierenden Be- 
trachtung der einzelnen Industrie, ja des einzelnen Produktions- 
prozesses her aufgebaut ist, nicht mehr unzulässig scheinen. 
3. Die Absatzverbundenheit. 

Wie oben definiert: Es kann das Produkt des einen Industrie- 
prozesses in einen andern übergehen, ohne daß es dort Material 
oder Halbfabrikat wird ; es kann vielmehr als stehendes Pro- 
duktionsmittel oder als Hilfsprodukt in ihm fungieren. Das Neue 
gegen die bisherigen Fälle ist dann dies, daß beide Industriepro- 
zesse nicht mehr durch einen gemeinsamen P r o d u k t i o n s - 
platz verbunden sind, sondern nur noch a) beim Produk- 
tionsmittel derart, daß der Produktionsprozeß des einen Ab- 
satzplätze des andern schafft, b) beim Hilfsprodukt derart, 
daß ein gemeinsamer Absatzplatz entsteht (bei dem z. B. das Ver- 
packungsmaterial und das Hauptprodukt sich vereinigen). »Pro- 
duktionverbundenheit« ist beides zweckmäßigerweise nicht melir 
zu nennen, weil keine Produkteinheiten schaffende Stoffumwand- 
lung mehr erfolgt. Es tritt in beiden Fällen keine organische 
Verbindung der beiden Produktionsprozesse ein. Es besteht eben 
nur eine Verbundenheit durch den Absatz des einen Produktions- 
prozesses in den anderen hinein. 

Diese Verbundenheit kann nun gewiß sehr wichtige Kon- 
ijequenzen für den Standort des Produktionsmittels oder Hilfs- 
produkts haben, — auch abgesehen davon, daß diese Prozesse 
in ihren Standortsfiguren nach den vom Hauptprozeß für sie 
geschaffenen Absatzplätzen »ausgerichtet« sind. Es kann sein 
imd tritt sehr vielfach ein, daß durch die Verbundenheit die 
Produktionsmittel- und 'Hilfsprodukt-Fabrikation an den Standort 
des Hauptprozesses herangezogen, mit ihm vereinigt wird. Ge- 
schieht das aus allgemeinen Standortsgründen, d. h. des- 



Absatzverbundenheit. 



195 



wegen, weil in der für den Nebenprozel^ entstehenden Standorts- 
figur die Produktionsplätze nach dorn Materialindex am Konsum- 
platz sich befinden, so liegt darin wieder nichts theoretisch 
irgendwie Besonderes. Die Produktionsplätze der Hauptindustrie 
sind dann eben in ihrer Eigenschaft als Konsumplätze der Hilfs- 
industrie ohne weiteres auch die Standorte der letzteren. — Ge- 
schieht das Herangezogenwerden des Nebenprozesses an die 
Standorte des Hauptprozesses aber aus anderen als solchen all- 
gemeinen Gründen, z. B. deswegen, weil die Hilfsindustrie nach 
der Art ihres Artikels lokale »Fühlung« in der Produktion mit 
der Hauptindustrie braucht ( — etwas, was z. B. in der Maschinen- 
fabrikation vielfach vorkommt — ) so scheint in der Tat etwas 
»Besonderes« vorzuliegen. Aber es ist zu betonen, doch wieder 
nichts, was ein »Problem« enthält. Es liegt dann eben aus 
»speziellen« Standortsgründen — solche werden ja sicher sehr 
vielfach in die Regeln der allgemeinen Theorie eingreifen — der 
Standort der Hilfsindustrie am Konsumort, also vielleicht wo an- 
ders als er nach den allgemeinen Regeln liegen sollte. Aber der 
Konsumort ist ja durch die Hauptindustrie eindeutig gegeben. 
Und es bleibt folglich gar nichts unbestimmt. 

Zu bemerken ist noch : Es ist gar keine Frage, daß bei der 
Produktion stehender Produktionsmittel und von Hilfsprodukten 
derartige besondere Standortsgrüiide weitgehende Bedeutung 
haben, und daß gerade sie es sind, die infolge des Attrahiert- 
werdens der Hilfsproduktionsplätze an die Hauptindustrie den 
Charakter dieser Industrien als »H i 1 f s i n d u s t r i e n« in 
der Wirklichkeit schon dem oberflächlichen Blick deutlich 
machen. Aber es ist zu betonen, ob eine solche Vereinigung der 
Produktionsplätze durch derartige besondere Standortsgründe ge- 
schaffen wird oder nicht, ändert an dem grundsätzlichen, stand- 
ortsmäßigen Charakter dieser Hilfsindustrien gar nichts. Eine 
Maschinenindustrie bleibt eine ihrem Hauptprodtiktionsprozeß »ab- 
satzverbundene« Industrie, ob nun aus besonderen »Fühlungsgrün- 
den« ihre Produktionsplätze an die Konsumorte (will sagen: die 
Produktionsplätze der Hauptindustrie) gezogen werden, oder ob 
sie sich in ihren Standortsfiguren nach den allgemeinen Regeln 
anders orientiert. — Es ist ganz verkehrt, den Begriff der Hilfs- 
industrie auf das Vorliegen dieser lokalen »Fühlungs«-Notwendig- 
keiten einzuschränken, er gilt ganz allgemein für alle mit Haupt- 
industrien in der gedachten Art absatzverbundenen Produktionen. 

13* 



196 



Die Gesamtoricnlienine 



Höchstens dann ist für die allgemeine Theorie an dieser 
Absatzverbundenheit und an ihrem besonderen Fall der lokalen 
Fühlungnahme etwas zu vermerken, wenn dadurch eine Rück- 
wirkung auf die allgemeine Lage des Hauptprozesses ein- 
treten sollte. Das kann sein: die lokale Fühlungnahme kann ein 
Grund dafür werden, daß sich auch der Hauptprozeß, der bei- 
spielsweise in irgend einem Stadium bestimmte Maschinenarten 
braucht, gleichfalls seinerseits nach deren Produktionsplätzen »hin- 
sehnt«, wo er leichter und sicherer Reparatur, und eben aus der 
Fühlungnahme hervorgehende »Anregungen« zur technischen Wei- 
terentwicklung hat. Er wird dann vielleicht zu den Maschinenfabri- 
kationsstätten hin »abgelenkt«, wo er das alles findet. Diese Art 
der Ablenkung aber mit ihren Gesetzen ist uns schon bekannt. 
Sie gehört in die Kategorie der Agglomeration. Denn die Ma- 
schinenfabriken ihrerseits können behufs lokaler Fühlungnahme 
nur solche Plätze suchen, wo sie voll beschäftigt sind. Und das 
sind eben Agglomerationseinheiten der Hauptproduktion, und wir 
haben gesehen, daß ja gerade diese Fühlungnahme mit Maschienen- 
fabrikcn (confer. oben S. 126) einer der Faktoren ist, die diese 
Agglomerationseinheiten hervorbringen. 

Es ist vielleicht auch hier wieder etwas kompliziert, sich klar 
zu machen, wie die Dynamik ist. Das Bedürfnis der lokalen Füh- 
lungnahme ist der Grund, weswegen, um bei dem Beispiel zu 
bleiben, die Maschinenindustrie sich am Produktionsplatz des 
Hauptprozesses orientiert; diese Tendenz der Fühlungnahme kann 
verwirklicht werden, aber nur an großen Produktionsplätzen die- 
ses Prozesses. Sie ist nun umgekehrt auch für den Hauptprozeß 
vorhanden und bedeutet hier ein Verbilligungsmoment Da dies 
VerbilIigui>gsmoment aber nur in Agglomcrationseinheiten, an die 
es von der anderen Seite her geknüpft ist, auftritt, so wird es 
eben ein Agglomerationsfaktor und beeinflußt die Hauptindustrie 
dadurch nach den Regeln der Agglomeration. Die Maschinen- 
fabrikation geht dorthin, wo die Hauptindustrie sich agglomeriert; 
und die Hauptindustrie agglomeriert sich u. a., weil die Maschinen- 
industrie dort hin geht. 

Die Gesamtorientierung. 

Derart also sehen die standortsmäßig wichtigen Verbindungs- 
stränge aus, die zwischen den verschiedenen Industrieprozessen 
laufen. Sie stellen sämtlich (abgesehen nur von der technischen 
Produktionsverkoppelung und technischen Materialverbundenheit), 



Gesamtorienüerung. 



197 



wenn überhaupt Alterationen so nur sekundäre Alterationen des 
nach den allgemeinen einfachen Regeln auf der Basis isoliert ge- 
dachter Industriezweige aufgebauten Grundnetzes der Industrie- 
orientierung dar. Diese Alterationeh ihrerseits sind weiter nichts 
als bestimmte Nuancen der Arbeits- und Agglomerations-Devia- 
tionsprozesse, die wir kennen, und unterstehen den längst bekann- 
ten Regeln dieser. Die beiden in das Grundnetz der Transport- 
orientierung selber eingreifenden Verhältnisse der Produktions- 
verbundenheit technischer Art, die beide ja im Grunde iiberhaupt 
nur eine und dieselbe Erscheinung für verschiedene Froduktions- 
stufen betrachtet darstellen, sie beide gehen doch gleichfalls nur 
nach Regeln vor sich, die schon bekannt sind und ihr Eingreifen 
sprengt die allgemeine Anschauungsbasis, von der die Analyse 
der Orientierung ausging, keineswegs. 

So umspannt also diese Basis mit den aus ihr entwickelten 
Regeln tatsächlich quantitativ und qualitativ die Gesamt- 
orientierung der Industrie. Quantitativ indem sie die Industrie- 
produktionen jeder Art in sich einschließt, qualitativ indem sie die- 
selben sowohl in ihrer isoliert gedachten Orientierung wie auch 
in ihrer Gesamtorientierung grundsätzlich nach allen generellen 
Beziehungen, die auftreten, umfasst. Man kommt zu einer 
völligen begrifflichen Beherrschung schließlich auch der 
Gesamtorientierung, wenn man vorstellungsmäßig, wie unsere 
Theorie von den »Einzelsträngen der Produktion« ausgeht, — 
wenn man sich für jeden dieser Einzelstränge die Minimalpunkte 
der Transportorientierung zurückgehend von den Konsumplätzen 
zu den Materiallagern klar macht — und wenn man sich dann 
nach den Regeln der Arbeits- und Agglomerationsdeviation analy- 
siert, auf welche Weise diese Einzelstränge » ablenkungsweise - in 
Verbindung gesetzt und zu dem scheinbar so außerordentlich 
komplizierten Gewebe verflochten werden, das den heutigen Indu- 
striekörper darstellt. Das ist alles nach dem Ausgeführten be- 
grifflich klar einschließlich des In-Verbindung-Tretens auch der 
»Stränge« ungleicher Produktarten, einschließlich also der Ent- 
stehung der komplizierten Kombinationsgebilde, die wir in den 
wirklichen industriellen Produktionsgehäusen mit ihren mannig- 
faltigen Gütern, die sie gleichzeitig produzieren, heute so vielfach 
vor uns haben. 



Iq8 ^ie Induslrie im GesamtwirtschaftskÖrper. 



Kapitel VII. 

Die Industrie im GesamtwirtschaftskÖrper. 

Nun aber entsteht die weitere mit allem Bisherigen noch 
keineswegs erledigte Fra^^c : Wie weit wird die Einzel- und Ge- 
samtlagerung der Industrie durch diese sie äußerlich umspannen- 
den Regeln auch schon innerlich eindeutig bestimmt? Wieweit 
geben sie für jede industrielle Froduktionsmasse von bestimmter Zu- 
sammenselzuru und Größe, die in einem Land von bestimmter 
geograplüsciifci Gestaltung hergestellt wird und über dasselbe 
im Konsum verteilt werden soll, auch schon ein ganz bestimm- 
tes definitives Büd der örtlichen Lagerung, in der das geschehen 
wird? Es kann ja sein, sie regeln die Produktion, die in Be- 
tracht kommt, in all ihren Teilen, sie lassen ihr aber doch noch 
die Möglichkeit offen, sich in ?jehr verschiedener Art über das 
Land hin zu gruppieren. 

Es wird sich herausstellen, dafi das tatsächlich der Fall ist; 
und wir gehen also, indem wir das jetzt konstatieren, und indem 
wir die Industrie uns in dan Gesamlwirtscbaftskörper gestellt 
denken, an die Aufdeckung der Grenzen, wo das Wirkungsfeld 
der reinen Theorie aufhört und wo die realisti?xhe Theorie die 
yon dieser gesponnenen Fäden aufnehmen muß, um sie mit Hilfe 
des Materials der Empirie schließlich zu verknüpfen. 

Es ist klar : das bisher Ausgeführte kann überhaupt nur den 
Anspruch erheben, ein defisiitiv bestimmtes Bild der Orientierung 
zu geben im Rahmen der Suppositionen, auf denen es aufgebaut 
ist, und die bis zum Schluß der Betrachtung festgehalten worden 
sind. Es kann das Bild geben also nur im Rahmen eines Zustands 
mit gegebener Lage und Größe der Konsumplätze, gegebener 
Lage der Materiallager und gegebener Lage der Arbeitsplätze, die 
zudem, von beliebiger Ausdehnungsfähigkeit bei gleichen Arbeits- 



Auflösung der Suppositionen. 



199 



kosten sein müssen. — Innerhalb dieser so konstruierten Wirk- 
lichkeit oder richtiger Unwirklichkeit weist die bisherige Theorie 
in der Tat jedem industriellen Produktionspartikel seinen ganz 
bestimmten geographischen Platz eindeutig an. 

Und dabei hat es kein Bedenken und ist noch keine »Lücke« 
in der Theorie, daß sie das nur in hypothetischer Form tut. Das 
heißt, daß sie das tatsächlich entstehende Bild auch hier immer 
noch von bestimmten anderen Verhältnissen abhängig macht, in- 
dem sie immer nur sagt : bei den und den Transportkostensätzen, 
der und der Bevölkerungsdichtigkeit, dem und dem Standortsge- 
wicht der Industrien, den und den Arbeitskosten- bezw. Formwert- 
indices tritt die und die Gestaltung ein, während sie von einer abso- 
luten generellen Gestaltung niemals spricht. Es macht das für ihre 
Vollständigkeit nichts aus, denn diese Dinge, die sie da als gegeben 
annimmt, sind vom Standpunkt der Standortslehre in der Tat 
»gegeben«. Sie folgen in ihrer Allgemeingestaltung eigenen Ge- 
setzen, und sind daher vom Standpunkt der Standortslehre aus 
tatsächlich Phänomene, die sie nicht zu erklären braucht. Man 
bedenke, Transportkostensätze und Malerialindex der Industrien 
sind in ihren allgemeinen Abwandlungen Ausfluß der generellen 
technischen Entwicklung; Arbeitskosten- und Formwertindices sind 
teils Ausfluß dieser, teils der allgemeinen Entfaltungshöhe der 
ökonomischen Organisatiationskenntnisse. Die Bevölkerungs- bezw. 
Prodüktionsdichtigkeit endlich, die leizte der Bedingungen, von 
denen die reine Theorie die jedesmalige Gestaltung abhängen 
läßt, ist in der allgemeinen Form, in der sie als Gestaltungs- 
bedingung in der bisherigen Theorie in Betracht kommt, (nämlich 
als aligemeines Verhältnis der Bevölkerungsgröße bezw. der von 
ihr nachgefragten Produktenmasse zur Fläche), in irgend einem 
(natürlich isoliert gedachten) Standortskörper gleichfalls etwas, was 
seine Wurzeln außerhalb der Standortssphäre hat. In allen diesen 
Bedingungen wird, wenn sie als gegeben angenommen werden, 
nichts »supponiert«, was eigentlich die Theorie selber noch ;'.u er- 
klären hätte. 

Anders nun bei dem allgemeinen Rahmen, in den sie ihre 
insoweit also theoretisch lückenlosen Regeln überhaupt bisher 
hineingestellt und in dem sie sie entwickelt hat. — Die Lage und 
Größe der Konsumplätze ist vom Standpunkt der Standortslehre 
natürlich ebensowenig etwas Gegebenes wie die Lage und die 
Kostensätze der Arbeitsplätze, wie auch endlich die Lage zum 



200 ^'^ Industrie im Gesaintvvirtschaftskürper. 

mindesten der agrarischen Materiallager. Vielmehr sind das alles 
Dinge, die gerade durch die Wirtschaftsortverhältnisse selber mit 
oder vielleicht sogar allein »gestaltet« werden. Sie sind also in 
einer Standortstheorie nicht vorauszusetzen, sondern mit zu er- 
klären; ihre Gegebenheit, die ein Analysenbehelf sein durfte, ist 
aufzulösen in die wirkliche Gestaltung. — Dabei muß sich dann 
zeigen, ob die bisherige Theorie zur Erklärung des industriellen 
Standorts in dieser Gestaltung tatsächlich ausreicht, oder ob und 
w o sie eventuell Lücken hat, die eine anderweitige Betrachtung 
noch ausfüllen muß. 

»Die angenommenen Gegebenheiten auflösen«, — d. h. also 
die gefundenen Lagerungsgesetze der Industrie in den lebendig 
und beweglich gedachten Gesamtwirtschaftskörper stellen. Man 
stelle sich das vor : sofort erscheint vor der Phantasie das Bild 
eines Zirkellaufs der Kräfte, das anscheinend kaum entwirrbar ist. 
Die Konsumplätze, die Arbeitsplätze und die Materiallager, nach 
denen sich in diesem Wirtschaftskörper in jedem Augenblick die 
industrielle Orientierung ausrichtet, sie selber sind in der Gestalt, 
in der sie da sind, zu einem guten Teil erst Resultat eben 
dieser gleichen industriellen Orientierung, die sich nach ihnen 
richten soll. Denn, jedes industrielle Produktionspartikel, das 
irgendwo nach irgendwelchen Regeln sich standortsmäßig hin- 
zieht, schafft mit den Arbeitskräften, die es dort verwendet, 
gleichzeitig auch eine bestimmte Verteilung des Konsums , also 
einen Teil der industriellen Orientierungsunterlage selber; schafft 
dadurch weiter auch eine bestimmte Gestaltung der Materiallager- 
basis, die zur Verwendung oder, soweit agrarisch, überhaupt zur 
Ausbildung kommt, und damit noch einen weiteren Teil indu- 
strieller Orientierungsunterlage, von der bisher bei der Erklärung 
als gegeben ausgegangen wurde. 

I. 

Um dem Kreislauf, der in all dem liegt, zu entgehen, kann 
man auf den Ausweg kommen, zu sagen: jede industrielle Lage- 
rung und überhaupt jede Wirtschaftsortgestaltung einer bestimmten 
Zeit ist nichts als eine nach dem jeweiligen Entwicklungsstande 
der Allgemeinbedingungen eingetretene Modifikation eines früheren 
Zustands; vom Standpunkt der jeweilig herrschenden Periode aus 
gesehen, nichts weiter als eine »rationalistische« Umgestaltung 
eines historisch gewachsenen Körpers, der nun teilweise in seiner 
Gestaltung irrational geworden und danach insoweit umgebildet 



Histurischc Standortsdynamik. 201 

wird. Dieser historische Körper mit ahem, was er umschHesst, auch 
mit all den bislierigen Sitzen industrieller Produktion und der durch 
sie geschaffenen Konsum- und Matcriallagergestaltung, die er hat, 
ist das, was man als das jeweils Gegebene, als Orientierungs- 
unterlage ansehen kann und muß, auf der dann die gefundenen 
Regeln die Standorte bestimmen werden jeweils in der Art, wie 
es aus dem Entwicklungsstande der AUgemeinbcdingungen (Trans- 
portkostensät/.e, Materialindices usw.) der Zeit tolgt. 

Unzweifelhaft ist hiermit, indem man also das durch die Zeit 
Gegebene an Stelle des durch Gedankenhypothese bisher als ge- 
geben Angenommenen, als Rahmen, in dem die Industrieorientierung 
untersucht wird, einstellt, mancherlei gewonnen. Nicht anders als 
so wird beispielsweise bei der Realanalyse des heutigen Wirtschafts- 
körpers in der Untersuchung des Zeitraums von 1861 bis heute 
später verfahren werden können. Hier wird in der Tat das, was 
am Anfang der Periode da war, einschließlich der Industrielage- 
rung, die bestand, als ein Gegebenes einzustellen sein, als eine 
historische Basis, an deren Modifikationen die Standortsregeln, 
die abgeleitet worden sind, in ihrer Bedeutung gemessen werden 
müssen. — Allein es dürfte klar sein, diese historische Basis ist 
etwas gänzlich anderes als die »Basis«, die wir suchen. Sie ist 
das »Material«, das umgestaltet wird. Wir aber suchen nicht 
nach diesem, sondern nach der »Grundlage <-, die diese Umge- 
staltung prinzipiell selber hat. Wir suchen die allgemeine 
Basis, auf Grund deren der neue Körper, der sich an den histo- 
risch alten ansetzt, sich seinerseits ausrichtet. Wir haben 
diese Basis bisher in gegebenen Konsumplätzen, Materiallagern 
und Arbeitsplätzen konstruiert; vvir müssen sie jetzt, da alles das 
in der Wirklichkeit für den neuen Körper, dessen gesetzmäßige 
Bildung wir erkennen wollen, nicht gegeben ist, in den Dingen 
und d. h. in dem Versuch einer reinen weitergehenden Analyse 
des Gesamtwirtschaftskörpers selber suchen. 

II. 

Was ist die allerallgemeinste Dynamik, die die verschiedenen 
Teile irgend eines isoliert gedachten Wirtschaftskörpers standorts- 
mäßig unter sich verbindet.? — Wir werden sie erkennen, wenn wir 
uns fragen, welche Lagerungsdynamik sich entwickeln muß, wenn 
ein Volk ein neues menschenleeres Land zum Zweck des Aufbaus 
eines solchen isolierten Wirtschaftsorganismus okkupiert, und wenn 
wir uns denken, daß es sich dabei in seiner örtlichen Gruppierung von 



202 Die Industrie im Gesamtwirtschaftskörper. 

ganz ausschließlich wirtschaftlichen Gesichtspunkten leiten ließe. 
Die Dynamik, die sich dabei entwickelt, müßte die von 
> Lagerungsschichten« sein, die unter einander kausal verknüpft 
sind und zwar, wie wir später noch etwas näher sehen werden, 
nicht nur nach einer Richtung, sondern bis zu einem gewissen 
Grade reziprok. — Es ist klar, es muß zunächst irgend eine Lage- 
rungsschicht geben, die — ist einmal der (abgeschlossen gedachte) 
Siedlungskörper überhaupt gewählt — die Basis und der Ausgangs- 
punkt der ganzen weiteren Gliederung wird. Und diese Schicht 
muß, mögen die Dinge liegen wie sie wollen, mag von Anfang an 
gleich Städtegründung erfolgen oder nicht, die Agrarschicht 
sein; denn es muß unter allen Umständen die Besiedelung der 
landwirtschaftlichen Fläche soweit vor sich gehen, daß sie die 
nötigen Agrarprodukte für die Gesamtbevölkerung hervorbringt. 
Und dafür muß sich der dazu nötige Teil der Bevölkerung über 
eine so große Agrarfiäche hin verteilen, als eben nach den jewei- 
ligen Verhältnissen (Natur, Technik, Organisation) für diese Her- 
vorbringung des nötigen Agrarprodukts erforderlich ist. Es geht 
uns vorläufig nichts an, daß diese Fläche je nach der gedanklich 
später einzusetzenden Gestaltung der weiteren Lagerungsschichten 
(ihre Konzentration in Städten u. s. w.) schließlich vielleicht ver- 
schieden dicht besiedelt und nach dem dadurch geschaffenen Zu- 
sammen- oder Auseinanderrücken der Agrarbevölkerung auch im 
ganzen etwas verschieden groß sein wird, — beides in Wirkung 
der bekannten Thünenschen Gesetze von den verschiedenen In- 
tensitätsgraden der Produktion bei verschiedener Entfernung vom 
Absatzort. Wie dem auch sei, mag jener für die Herstellung des 
geförderten Agrarprodukts nötige Bevölkerungsteil schließlich in 
verschiedenen Dichtigkeitsgraden und über eine etwas größere 
oder kleinere Fläche verteilt sein, — sicher ist, daß zwischen 
der Bevölkerungsmasse , die in einem isolierten Wirtschafts- 
körper leben will und der Fläche, die sie für ihre Versorgung 
mit Agrarproddkten braucht, (bei gegebener Natur des Landes, 
gegebenem Bedürfnisstand, gegebener Technik und gegebener 
Organisationshöhe des Wirtschaftskörpers) eine ganz bestimmte 
nur eben in den angeführten Grenzen schwankende Beziehung 
besteht, eine Beziehung, die besagt, daß ein bestimmter Teil der 
Bevölkerung über diese Fläche verteilt sein muß, und daß diese 
Fläche eine bestimmte Größe haben, also eine bestimmte geo- 
graphische »Anheftung« eines bestimmten Bevölkerungsteils an 



Theoretische Lagerungsschichten. 203 

den Boden schaffen muß; — womit sie die erste unterste Lage- 
rungsschicht des Wirtschaftskörpers konstituiert^). 

Die durch diese erste Lagerungsschicht geschaffene besie- 
delte Fläche mit ihren Menschen stellt nun die geographischc 
Basis dar für alle anderen Schichten, und zwar in einer Art, die 
man vielleicht so analysieren kann: Sie stellt sie dar zunächst für 
den Teil der Industrieproduktion, der unmittelbar für sie arbeitet. 
Dieser Teil hat durch seine sämtlichen Produktionsstufen hindurch 
in ihr die geographische Konkretisierung der Lage seines Kon- 
sums. Er muß sich — man denke an die Theorie — nach dieser 
geographischen Konkfctisierung des Konsums, wie solche im ein- 
zelnen auch gestattet sein mag, »ausrichten«; — nach den Kon- 
sumplärzen, die sie e*>thält, seine Materiallager, die verwendet 
werden sollen, aussuchen und seine Standortsfiguren nach ihr 
bilden. Kurz, er wird in ihr die geographische Grundlage haben, 
nach der sich seine gesamte Lagerung konkretisiert. Das gibt 
das Recht, in diesem so agrarisch determinierten Teile der Indu- 
strieprodukiion, oder genauer in der Industriebevölkerung, die in 
ihm tätig ist, die zweite von der ersten agraren standortsmäßig be- 
stimmte Lagerungsschicht zu sehen, die den Wirtschaftskörper weiter 
aufbaut : »die primäre agrarorientierte Industrie- 
schicht«. 

Nun gibt es aber außerdem noch folgende große Gruppen, 
die standortsmäßig einzugliedern sind: i. die Industriebevölkerung, 
die für den Bedarf der Industrie an Industrieprodukten tätig 
ist; 2. die Zirkulationsbevölkerung, die den Handel und Verkehr 
besorgt; 3. die Nur-Konsumenten (Beamte, liberale Berufe, Rent- 
ner) und schließlich 4. die Industriebevölkerung, die für den Be- 
darf dieser beiden letzten Schichten arbeitet ^). 

Von diesen Gruppen ist die der Industriebevölkerung mit In- 
dustrieabsafz in gleicher Weise durch die primäre Industrieschicht 



1) Es ist natürlich möglich und in der Wirklichkeit massenhaft vorliegend, daß 
man sich diese Agrarfl.lche ( — die Gesamtbasis des zu okkupierenden Wirtschafts- 
körpers — ) mit nach industriellen Produktionsvorteilen (Industrie-Rohstoffen etc.), 
die sie in sich schließt, aussucht. Aber das ändert nichts daran, daß sie durch 
ihre für die Versorgung des Gesarntkörpers mit Agrarprodukten nötige Größe, die 
Grundlage des gesamten Lagerung^aufbaus bildet. 

2) Man könnte noch an die persönliche Klientelbevölkerung (Dienstboten etc.) 
als besondere »Schicht« denken. Aber diese ist ja >standortsmäßig€ überall ein 
Teil der »HeiTenschicht«, und braucht daher nicht au»gegliedert zu werden. 



204 ^'^ Industrie im Gesfuntwirtschaftskürper. 

mit Agrarabsat/. determiniert, wie diese durch die Af^rarschicht. 
Die primäre Industrie, für die sie tätig ist, schafft für sie die geo- 
i;raphische Konkretisierung der Sphäre ihres Konsums und damit 
die lokale Ausgestaltung ihrer ganzen Standortsunterlage nach den 
Regeln wie vorhin. Dabei ist allerdings zu beachten: streng ge- 
nommen ist diese industrieorientierte Industrie gegliedert nicht in 
eine, sondern in zahlreiche Schichten. Durchgeführte Arbeitstei- 
lung vorausgesetzt, wird sie sich aufbauen müssen erstens aus 
der Schicht, die unmittelbar für die agrarorienticrte Industrie tätig ist, 
dann zweitens aus einer solchen, die wiederum für diese erste Depen- 
denzschicht tätig ist, aus einer nächsten, die für diese arbeitet usw. Es 
werden (in abnehmender Größe) hintereinander gruppierte Einzel- 
schichten da sein müssen, deren jede die Konkretisierung ihrerSphäre 
des Konsums und damit ihre allgemeine Standortsunterlage von der 
vorhergehenden, für die sie tätig ist, erhält. Nimmt man z. B. an; 
ein Volk bestehe zur einen Hälfte aus Industriebevölkerung, zur 
andern aus Agrariern, habe also überhaupt nur die bisher bespro- 
chenen Schichten, so müssen offenbar — da die Hälfte der Be- 
völkerung ausreicht, um für die ganze die Industrieprodukte her- 
zustellen — 25 % der ganzen Bevölkerung genügen, um für die 
Agrarbevölkerung das zu tun. Das heißt die agrarorientierte 
Industrieschicht muß 50 % der Industriebevölkerung umfassen. 
Für diese 50 % müssen weitere 25 ^o der Industriebevölkerung 
genügen, um ihren Industriebedarf zu decken. Sie sind die erste 
Unterschicht der industrieorientierten Industrie. Für diese müssen 
wieder zum gleichen Zwecke 12,5 % der Industriebevölkerung ge- 
nügen, die zweite Unterschicht der so orientierten Industrie, für 
welche wieder 6,25 % das gleiche leisten, die dritte Unterschicht 
usw. Das macht anschaulich, in welcher Weise, wenn man ge- 
nauer zusieht, die Industriebevölkerung in Lagerungsschichten von 
abnehmender Größe in einander geschachtelt ist, deren jede ihre 
Standortsunterlage in der vorhergehenden hat, an die sie absetzt. 
— Es geht uns aber diese ganze Schachtelung hier vorerst nichts 
an. Der gesamte Aufbau findet ja seine Basis in der Lagerung 
der agrarorientierlen Industrie. Und wir fassen ihn daher in einer 
einzigen Vorstellung als dritte große Lagerungsschicht, die »s e - 
kundäre oder industrieorientierte Industrie- 
schicht«. 

Nimmt man nun diese diitte Schicht mit jenen beiden ersten 
in Gedanken als ein Ganzes, so hat man schon den »Körper« vor 



Theoretische Lagerungsschichten, 205 

sich, an dessen Standortsgliederiing der größte Teil des Rests 
sich einfach anlehnt. Die Masse der Substanz der oben ange- 
führten bisher noch nicht besprochenen Gruppen ist einfach eine 
proportionale Verstärkung seiner Formen. 

Eine solche einfache Verstärkung dieser Formen stellen dar 
alle jene Teile der Zirkulationsbevölkerung, die die materielle 
Vermittlung der lokalen Güterzirkulation ausführen, also die 
Kleinhändler- und Verkehrsbevölkerung, die ja, es war das schon 
in der Einleitung besprochen, in jene anderen Schichten lokal 
einfach eingebettet sind. Sie werden in ihrer Lagerung von diesen 
einfach mitbestimmt und verstärken sie proportional. — Und eine 
bloße Verstärkung der bisherigen Formen stellen gleichfalls dar 
aus der Gruppe der Nur-Konsumenten, die ganze große Masse der 
Beamten mit örtlicher Funktionsgestaltung. Sie lagern sich 
(im groben) einfach nach der Lagerung der Masse der Bevölke- 
rung, sind also standortsmäßig gleichfalls bloß Exponenten dieser, 
weiter nichts. — Diese ganze Masse der lokalen Handels- und 
Organisationselemente braucht man also gedanklich eigentlich von 
den bisherigen Schichten überhaupt gar nicht abzusondern. Man 
könnte sie ganz einfach als diesen zugehörigen Teil, gewisser- 
maßen einen »Rand« derselben ansehen. Will man sie trotzdem 
sondern, so mag man sie als standortsmäßig ganz und gar von 
den bisherigen Schichten mitbestimmte »lokale Organisa- 
tionsschicht« bcgrifTlich einrangieren. 

Eine wirklich selbständige Lagerungsschicht für sich sind erst 
wieder die anderen Teile der Zirkulationsbevölkerung und der 
Nur-Konsumenten, d. h. also, von ersteren alle Elemente, die nicht 
mit der lokalen, sondern allgemeinen Organisation und Leitung 
des Güteraustauschs materieller und immaterieller Ait befaßt sind; 
— und von letzteren diejenigen Beamten, die gleichfalls nicht 
lokale, sondern generelle Organisationsfunktionen haben, ferner die 
Mitglieder der sog. »Iiberalen<' Tätigkeiten, und die Rentner. Sie alle 
sind in ihren Lagerungstendenzen toto coelo von der lokalen Or- 
ganisationsschicht verschieden. Das heißt: sie sind — zum min- 
desten anscheinend — in der Standortswahl in gleichem Maße 
»frei« wie jene festgekettet. Sie sind anscheinend unter allen Ele- 
menten des Wirtschaftskörpers die, für deren Standortswahl die 
wirtschaftlichen Gründe entweder die wenigste Stringenz besitzen 
(Rentner, Intellektuelle, Künstler) oder doch, soweit sie eine habe, 
in ganz anderer sehr viel komplizierterer und mit anderen Grün- 



206 Die Inc^ustrie jm Gesa:nlwirlschaffskörper. 

den untermischter Form (zentrale Beamte, Gtoßhandelsleute). 
Doch das geht uns hier jetzt nichts an. Wir brauchen uns auch 
darum nicht zu kümmern, daß die Lagerungsform, in der uns 
diese Elemente in der Wirklichkeit entgegentreten, fast immer die 
irgend einer städtischen, genauer »hauptstädtischen« Zentralisation 
zu sein pflegt. — Was uns angeht, ist einmal: ihre Lagerungs- 
form, ist etwas wirklich Selbständiges Dies erstens. Zweitens 
aber: So weit sie an dem allgemeinen Wirtschaftskörper in irgend 
einer Weise ausgerichtet ist, so ist sie es an dem Gesamtkörper, 
wie ihn die drei bezw. vier vorigen Schichten schaffen. An ihm 
sind, soweit sie in dem Wirtschaftskörper, dem sie angehören, 
selber eine sie lokal determinierende Standortsbasis haben, die 
zentralen Bank- und Handelskreise, an ihm auch die zentralen 
Funktionäre der öffentlichen Organisation, an ihm auch die Be- 
amten und Künstler usw. orientiert. So mannigfaltig also und von 
so vielgestaltigen Gesetzen beherrscht auch die Lagerung aller 
dieser Elemente sein mag, sie gehören doch dadurch unter sich 
zusammen, daß sie eben in ihrer Lagerung erst auf der Basis der 
Gesamtheit der anderen vorgenannten Schichten denkbar sind. 
Wir werden sie weiter als vierte (oder fünfte) Lagerungsschicht 
unter dem a potiori gewählten Namen der »zentralen Or- 
ganisationsschicht« zusamenfassen. 

Bleiben schließlich die Bevölkerungsteile, die für die Bedürf- 
nisse der beiden letzten, also der Organisationsschichten, lokaler 
und zentraler Art industriell (oben ad 4 genannt) oder natürlich 
auch in der Form eben dieser beiden letzten Schichten selber tätig 
sind, die industriellen und sonstigen Dependenzschichten dieser 
beiden, — die natürlich ihrerseits auch wieder ganz ebenso, wie 
schon oben einmal auseinandergesetzt, industrielle und »sonstige« 
zusammengesetzte Dependenzschichten besitzen usw. Sie aber 
machen uns, trotz ihres Schachtelungs-Regressus in infinitum, nicht 
mehr viel Sorge. Wir brauchen nämlich von ihnen nur die Depen- 
denz der z e n t r a 1 e n Organisationsschicht gedankenmäßig als etwas 
Separates auszusondern. L>enn ebenso wie die lokale Organi- 
sationsschicht äußerlich als Verstärkung in die andere allgemeine 
Lagerung eingeht, so geht natürlich auch ihre Dependenz ohne 
die Notwendigkeit einer Ausscheidung in sie ein. Die Dependenz 
der zentralen Organisationsschicht mit ihrer Dependenz dagegen, 
das ist die (fünfte) Lagerungsschicht, die gedanklich zu konstruieren 
ist und die wir einfach die »zentrale Dependenzschicht« 



Dynamik der Lagerungsschichten. 207 

nennen wollen. Sie baut sich in ihren Unterscbichten durchgängig 
aus industriellen Teilen mit Beimischung der nötigen Handels- 
organisationsteile und anderen Organisaiionsteile der Bevölkerung 
auf. Doch lassen sich dabei die niclitlokaien Handels- und Or- 
ganisationselemente, die sie enthält, als zahlenmäßig praktisch 
nicht belangreich ignorieren ; die lokalen Handels- und ürgani- 
sationselemente aber sind wieder nur Verstärkung der in ihr ent- 
haltenen Industrieelemente. Sodaß man also diese ganze Gruppe 
für Zwecke der praktischen Analyse einfach als eine einzige Unter- 
schicht, die für die Formen ihrer Orientierung nur aus Industrie 
besteht, eine industrielle Dependenzschicht der zentralen Organi- 
sationsschicht ansehen kann. 

Wir haben also nunmehr: 

I, Die Agrarschicht, 2. die primäre (oder agrarorientierte) In- 
dustrieschicht, 3. die sekundäre (oder industrieorientierte) Industrie- 
schicht ( — in diesen Schichten als Verstärkung eingeschlossen 
die lokale Organisationsschicht — ), 4. die zentrale Organisations- 
schicht, 5. die zentrale (industrielle) Dependenzschicht. 

Und damit verfügen wir über eine wenigstens für praktische 
Zwecke ausreichende Gliederung des ganzen Lagerungsmechanis- 
mus. 

Die Standortsdynamik, die seine Teile unter sich verbindet, 
führt in gewissem Maße, wie schon bemerkt, auch rückwärts von 
den letzten Schichten zur ersten agrarischen hinunter, nicht bloß 
von den unteren hinauf. Derart nämlich, daß die durch die nicht- 
agrarischen Schichten geschaffene Lagerung der Zentren des Kon- 
sums für die Agrarproduktion die Mittelpunkte herstellt, um die 
dann die »Ringbildung« im Sinne Thünens vor sich geht. Und 
diese Ringbildung schafft ja nicht bloß eine bestimmte geogra- 
phische Verteilung der Produktionsarten in der Landwirtschaft, 
sie schafft bekanntlich damit vermöge der Intensitätsgrade der 
Bewirtschaftung auch eine solche der Agrar bevölkerung 
selber; und damit ändert sie bis zu einem gewissen Grade auch 
wieder die Basis der gesamten Lagerungspyramide, die ja eben 
in der lokalen Verteilung der Agrarbevölkerung gefunden wurde. 
Es entsteht so eine jener vielen Kreislaufdynainiken des wirtschaft- 
lichen Lebens, die seine Kausalanalyse derart dornig machen. 
— Es wird auf diese Aenderung der Basis der Lagerungspyramide 
und ihre quantitative Bedeutung in der empirischen Theorie näher 
einzugehen sein. Hier ist nur, um zu zeigen, daß sie nicht die 



208 ^'*^ Industrift im Gesaintvvirtschaftskörper. 

grundsätzliche Berechtigung des Standortsaufbaus, wie er vorge- 
nommen ward, zerstört, daran zu erinnern, daß sie eben nur eine 
Rückwirkung ist und daß sie mit ihrer Ringbildung sich nur 
anschließen kann an eine schon vorhandene bestimmte strukturelle 
Konfiguration des VVirtschaftskörpers, genauer an die vorange- 
gangene »Wahl« irgend einer »Fläche« als Gesamtbasis des Wirt- 
schaftsUörpers, und zwar als Agrarbasis, innerhalb deren sich dann 
die Siedlungsplätze der nichtagraren Bevölkerung fixieren ^), die 
schließlich die Rückwirkung auf das »Land« ausüben. Diese »Rück- 
wirkung« ist begrifflich unmöglich anders als eine Sekundär- 
erscheinung einzugliedern, wenn das auch Thünen selber nicht 
getan hat, der bei der »Stadt« als unerklärtem Grundphänomen 
seiner agrarischen Standortsverteilung stehen blieb. ¥/ir aber wollen 
ja gerade u. a. aufzuklären suchen, nach welchen ökonomischen 
Regeln, wo und wie eben diese Städte wachsen. Und dazu 
müssen wir hinter ihre Rückwirkung auf die »Verteilung« der 
landwirtschaftlichen Bevölkerung zurückgehen ; was zu der Kon- 
struktion des Lagerungsaufbaues in der vorgeführten Art zwingt, 
und was die Thünensche Ringbildung eben erst als eine spätere 
Erscheuiung in den Gesamtvorgang gedanklich einstellt. 

IIL 

Wie weit setzt dieser Standortsaufbau an die Stelle der kon- 
struierten Gegebenheiten wirkliche Gegebenheiten und legt durch 
diese also die Industrie nach den gefundenen Regeln eindeutig 
fest ? 

I. Es waren drei konstruierte Gegebenheiten zu ersetzen: 
solche, die sich auf die Konsumplätze, solche, die sich auf die 
Materiallager und solche, die sich auf die Arbeitsplätze und deren 
Eigenschaften bezogen. — Die ganze vorgenommene Analyse des 
Lagerungsmechanismus baut sich auf den Gedanken auf, die 
Lagerungsschichten nach dem Gesichtspunkt von einander abzu- 
sondern, wie eine immer die Konkretisierung der Konsum- 
unterlage für die andere wird. Die Konsumunterlage ist also 
in diesem Aufbau durch alle Schichten hindurch etwas »Gegebe- 
nes«, wenn auch natürlich für alle oberen Schichten durch Ver- 
schiebungen in den unteren jev/eils Veränderliches. Sie ist es 

l) Wobei, wie schon oben gesagt, gerade die Wirtsch.iftsvorteile dieser nicht- 
agraren Siedlungsplätze für die Wahl der »Fläche« entscheidend gewesen sein 
können. Das ändert aber nichts daran, daß sie nur eine Inzidenz der Wahl des 
Winschaftskörpers aber nicht der primäre Faktor seines Lagerungsaufbaus sind. 



Das Resultat und das verbleibende Problem. 20Q 

demnacli auch für jede in dem Aufbau enthaltene Lagerungs- 
schicht der Industrie. Und zwar ist sie es überall, nicht bloß in 
der Form eines unbestimmten geographischen Verteiltseins des 
Konsums, sondern vielmehr überall in der Form des von der bis- 
herigen Theorie verwendeten Vorliegens ganz bestimmter Plätze 
von ganz bestimmter Größe des Konsums. 

So, — wie man 'ohne weiteres sieht — , für alle höheren 
Stufen, für die die Produktionsstätten der industriellen Unter- 
schichten oder die zentralen Organisations- bezw. Handelszentren 
Absatzorte und augenscheinlich Absatzorte von ganz bestimmter 
Größe werden. So aber auch schon für die erste, auf der Agrar- 
basis aufgebaute industrielle Lagerungsschicht. Denn so sicher 
es erstens äußerst mannigfaltige agrarische Siedlungsformen, also 
eine sehr verschiedene erste Strukturgestaltung dieser Konsumbasis 
gibt, an die sich die erste Industrieschicht als ihre Unterlage an- 
zuheften hat ; — und so sicher zweitens die unmittelbare Sichtbar- 
keit des geographischen Angeheftetseins der Industrieschicht an 
diese Strukturgestaltung für den Betrachter der Wirklichkeit äußer- 
lich gestört sein mag durch die Tatsache, daß die stark zerstreute 
agrarische Siedlung des Konsums in der Regel nicht anders als 
durch irgendwelche schon agglomerativen Zusammenfassungen der 
Industrieproduktion hindurch (»Städte«) befriedigt wird ; was natür- 
lich die unmittelbare Deutlichkeit des Angeheftetseins an die 
agrare Konsumverteilung verwischt; so sicher sind das alles doch 
nur äußere Erschwerungen für die Erkenntnis der Tatsache, daß 
auch hier ein wenn auch äußerst vielgestaltiges System gegebener 
Konsumplätze von gegebener Konsumgröße vorliegt, nach dem 
die Industrie, die dafür arbeitet, sich ( — von der Rückwirkung, 
die sie auf dasselbe ausübt, zunächst wie erörtert, abgesehen — ) 
ganz genau so ausrichtet wie bei den durchsichtigeren Formen der 
Konsumverteilung, die sie dann in den höheren Lagerungsschichten 
zu ihrer Basis hat. 

2. Ist also der Kosmos der Konsum[i!ätze in der Wirklich- 
keit in der Art gegeben, wie ihn die Theorie bisher hyposta- 
sierte, so ergibt sich die Gestaltung desjenigen der Material- 
lager aus ihm von selber nach den Regeln, die die Theorie für 
die Entstehung der Standortsfiguren von dr : Konsumplätzen aus 
aufgestellt hat, zum größten Teil weni,, iis. Zu jsnem Teil 
nämlich, zu dem die Materialbasis einfach Ausbeutung in der 
Natur vorhandener Lager ^■on vorhandenen Stoffen also im gan- 

A. W e b e r , Standort der Industrien. ja 



_• . . I ;e IiKlustrie im Gesamiwirtschaftskörper. 

zen .bergmännischer« Art ist. Die »Auswahl« der Materiallager 
ist hier das Einzige, was vorgeht und eben in der Theorie be- 
scb.rieben ist. Die Materiallagerbasis ist in soweit, als sie sich 
auf sie be/.ieht, überall in Wirklichkeit etwas ohne weiteres Ge- 
gebenes. Problem bleibt nur, wie jener Teil der Materialbasis in 
der Wirklichkeit entsteht, der landwirtschaftlicher Art ist, da ja 
liier die Lager seiher erst »geschaffen« werden müssen, und nur 
i!\re natürlichen Bedingungen gegeben sind. 

Gäbe CS nicht eine selbständige Dynamik der landwirtschaft- 
lichen Standortsverteilung, in der diese Lager ihrerseits gleich- 
falls mit drin stehen, so wäre die Antwort auf das Problem ein- 
fach. Denn es wäre dann zu sagen: Es treten die -natürlichen 
Bedingungen < der Produktion der Lagerstoffe hier an die Stelle 
des effektiven Schon-Vorhandenseins der Stoffe im vorigen Fall. 
Und nach denselben Regeln, nach denen dort das günstigere oder 
ungünstigere Schon-Vorhandensein, d. h. die bergmännische Ge- 
winnungsmöglichkeit in Verbindung mit der >^Lage« nach den be- 
kannten Regeln die Heranziehung der schon vorhandenen Lager 
entscheidet, entscheiden hier die günstigeren oder ungünstigejen 
»natürlichen I>edingungen« in Verbindung mit der »Lage« die 
»Ausbildung« der Lager. Beidemal wären diese Lager dann bei 
gegebenen Konsumpiätzen von selbst »gegeben«. In der Tat 
wirkt aucr. die Indu.sttieorientierung von ihrer Seite her dahin ihre 
agrarische IMateriallagerbasis so in Analogie zu ihrer bergmänni- 
schen zu gestalten als etwas einfach in den natürlichen Verhält- 
nissen Gegebenes. Sie wird dabei aber auf die eigenen Tenden- 
zen der landvyirtschaftlichen Standortsverteilung stoßen, in der, 
wie schon bemerlct, die Ausbildung dieser agrarischen Material- 
lager natürlich gleichfalls drinsteht. Und das wird augenschein- 
lich heißen, daß neben den Bedingungen, nach denen ein virtu- 
elles industrielles Materiallager agrarischer Art von irgend einer In- 
dustrie zur Ausbiidimg gebracht werden möchte (Standortslage 
zu ihren Konsum- und Arbeitsplätzen und natürliche Qualität in 
der Skala der virtuellen Lager seiner Art) in der Wirklichkeit 
für die Ausbildung mitentscheidend werden die »ökonomischen« 
Gesamtbedingungen des Landwirtschaftsbetriebes, in dem es drin- 
stehcn würde. Diese Bedingungen sind natürlich solche der 
Thünenschen Ringbiidung, können keine anderen sein, und also 
zum Teil ihrerseits wieder späte Sekundärerscheinungen u. a. eben 
aucli der Industrielagerung, deren Primargrundlage sie hierm.it 



Das Resultat und das verbleibende Problem. 2 I I 

tangieren. Daraus folgt: das Konkrete der Entwickelung 
dieser agrarischen Materiallager ist erst dort voll zu geben, wo 
dieser Zirkellauf in die Betrachtung mit eingestellt wird, also in 
der empirischen Theorie. Und als ein so einfach wie die andere 
Art der industriellen Materiallager in der Wirklichkeit für die 
Orientierung Gegebenes können wir diese Lager demnach nicht 
betrachten. Wir können aber darnach doch einsehen, daß sie 
sich bilden nach Regeln, die wir wenigstens grundsätzlich kennen 
und die nichts Problematisches besitzen. Denn der Eingriff der 
ökonomischen Gesamtbedingungen des Landwirtschaftsbetriebs 
bedeutet ja doch, wie gesagt, ganz einfach, daß die bekannten 
Gesetze der Thünenschen Ringbildung mit maßgebend werden. 
Genauer gesagt: daß um jedes virtuelle industrielle Agrar-Material- 
lager noch andere Agrarausnutzungen die Ausnutzung des Bodens 
zu Materialproduktionen änderer Art mit konkurrieren und daß 
die nach den Thünenschen Gesetzen rentabelste von ihnen ob- 
siegt. Was man auch so ausdrücken kann: virtuelle Lager ihrer 
Agrarmaterialien wird jede Industrie so viel haben als »natürliche 
Produktionsfläche« für diese Materialien da ist; aber sie wird sie 
haben zu ganz verschiedenen »Lagerpreisen«. Der »Lagerpreis« 
jedes Lagers aber wird bestimmt durch die Notwendigkeit, die 
nach der Thünenschen Lehre rentabelste anderweite Verwen- 
dungsart bei seiner Verwendung für das betreffende Material zu 
»verdrängen«. Mit diesem Lagerpreis stehen diese virtuellen Lager 
dann in der Reihe der möglichen Materiallager ihrer Art ganz 
genau so. wie die in einfacherer Weise gegebenen bergm.ännischen 
Materiallager in der ihren und werden nach den Regeln, die wir 
kennen, als Standortsunterlage ausgebildet und zur Produktion 
herangezogen. Der Unterschied besteht nur in der komplizierteren 
und teilweise erst als Folgeerscheinung der Gesamtlagerung zu 
bestimmenden Art, wie sich dieser Preis bildet. 

Die Konsumlager und die Materiailager, die die Basis der 
Industrieorientierung bilden, werden also durch den analysierten 
Standortsaufbau des Wirtschaftskörpers in teilweis ganz unmittel- 
barer und einfacher, teilweis etwas komplizierter, in jedem Fall 
aber doch in ganz eindeutiger W'eise nach Regeln, die wir ken- 
nen, der Industrie als etwas Gegebenes geboten. Das aber heißt 
nun soviel wie : Wäre die Industrie in ihrer Orientierung unab- 
hängig von den Arbeitsplätzen und ihren Arbeitskostendifferenzen, 
wäre sie ausschließlich von Transportverhältnissen und von den 

14* 



Die Industrie im Gesamtwirtschaftskörper, 



Krjiftep der >reinen« auf der Basis der Transportorientierung auf- 
gebaute" Agglomeration bestimmt, so wäre das Bild ihrer Orien- 
tierung itn Rahmen des analysierten Standortsaufbaus durch die 
gefundenen Standortsregeln bereits eindeutig gegeben. Denn in- 
soweit sie von diesen Kräften orientiert wird, kommt lediglich 
der Kosmos der Konsumplätze und Materiallager als gegebene 
geographische Unterlage der Wirklichkeit, die für die eindeutige 
Bestimmung nötig ist, für sie in Betracht. Es wäre in jedem 
geographischen Rahmen für jede allgemeine ökonomische und 
technische Entwicklungshöhe bei gegebener Bevölkerungszahl auf 
der Basis einer bestimmten agrarischen Siedelungsart, — wenn 
weiter nur die grundsätzliche Art der Verteilung der zentralen 
Organisationsschicht bekannt ist, — ganz bestimmt zu sagen, 
»auszurechnen«, wie sich das Lagerungsbild der Industrie ge- 
stalten müßte. Es wäre gar kein Raum für e'^en Einfluß, den 
ein bestimmtes »Wirtschaftssystem« (Kapitalis'^v's, Sozialismus 
oder sonst eins) im großen auf die Orientierung noch ausüben 
könnte, da schon die »reinen Regeln« die Industrie in wenigstens 
allgemeiner Art durchgängig fest fixierten. Die theoretische Auf- 
gabe die zu lösen ist. wäre schon erledigt und eine weitere rea- 
listische Theorie des Standorts überflüssig. 

IV. 
Wie aber, wenn man nun die Arbeitsdeviationen und die 
Arbeitsorientierung, die auf ihnen ruht, mit in Rechnung stellt? 
Sie sind bisher auf der Annahme gegebener Arbeitsplätze 
mit gegebenen Kostendifferenzen usw. aufgebaut gewesen. Gibt 
uns der bisherige Lagerungsmechanismns irgendwelche prinzipi- 
ellen Anhaltspunkte für das lokale Verteiltsein solcher Kosten- 
differenzen, für die Entstehung der »Arbeitsplätze« also, und für 
die Gesetze ihrer Ausbildungsfähigkeit, die bisher durch die An- 
nahme ihrer unbegrenzten Expansionsfähigkeit bei unberührter 
Arbeitskostenhöhe gedankenmäßig ausgeschaltet wurden? Offen- 
bar nicht im geringsten. Von irgendwelchem Gegebensein ist 
hier in unserem gpn/f^n bisherigen schematischen Standortsauf- 
bau nicht die Rede. Das aber heißt nun augenscheinlich so- 
viel wie : daß in den Gesetzen der Entstehung und Entwicklung 
der Arbeitsplätze in dem Sinn, wie wir das Wort bisher gebraucht 
haben, die große Lücke liegen muß, die die bisherige Betrach- 
tungsweise läßt, daß hier das Problem liegen muß, das einer wei- 
teren theoretischen Betrachtung bleibt , das Mysterium , das 



Das Resultat und das verbleibende Problem. 



13 



demnach die realistische Theorie zu lösen hat. Hier n^iß auch 
die Stelle sein, an der die von dieser in die Betrachtaii^^ einzu- 
stellende Bedeutung des jeweiligen Wirtschaftssystems eingreift. 
Denn hier ist der Punkt, wo die bisherige von ihm abstrahie- 
rende Betrachtung für seinen Einfluß die Gestaltung ganz allge- 
mein frei läßt. Gewiß, es ist ja keineswegs gesagt, daß die 
Entstehung und Entwicklung der * Arbeitsplätze' überhaupt aus 
wirtschaftlichen Gründen sich erklärt. Wenn aber überhaupt, so 
können es nur Gründe sein, die in dem jeweiligen Wirtschafts- 
system, und zwar die in der Stellung liegen, die dies den Ar- 
beitskräften in der Wirtschaft anweist. Denn abgesehen von 
dem, was man in Anlehnung an Sombart durchaus zweckmäßig 
>Wirtschaftssystem« nennt, d. h. abgesehen von der besonderen 
Organisationsbestimmtheit der Wirtschaft, die ihr die jeweils herr- 
schenden besonderen Sozial prinzipien einer Zeit aufdrücken 
und die sie als Teil der jeweiligen allgemeinen Gesellschafts- 
ordnung erscheinen lassen, sind durch die generelle Analyse der 
Wirtschaft als reiner Wirtschaft, die wir vorgenommen haben, 
alle allgemeinea wirtschaftlichen Beziehungen, die auftreten 
können, schon berücksichtigt. Die weitere realistische Theorie 
muß also, das zeigt sich, eine Theorie der Arbeitskraft be- 
ll andlung in dem historisch gegebenen Wirt- 
schaftssystem sein. Sie muß, will sie die Standortslehre der 
heutigen Industrie erschöpfen, will sie die lokale Gruppierung 
der Wirtschaftskräfte und die Bevölkerungsaggregierung die wir 
heute haben, von ihrer Seite her wirklich ganz erklären, sich 
schheßlich fragen : was bedeutet die Tatsache der kapitalistischen 
Behandlung der Arbeitskraft als eine »Ware< für die Art in der 
sich diese »Ware« im Kapitalismns lokal gruppiert.'^ — Es wird 
sich zeigen ; sie bedeutet soviel wie ungefähr den halben lokalen 
Aufbau unseres gegenwärtigen Gesellschaftskörpers. 



214 Exkurs i. 



Exkurs I. 

Die bisherige Literatur. 

Es hat. wenn ein Stoffgebiet in einer neuen Form iingefaßt wird, 
im Grunde wenig Wert, iiich mit der älteren Literatur auseinanderzu- 
setzen. Das, was getan ist, muß für sich selbst sprechen; zu den 
älteren Gedanken steht es in keiner näheren Beziehung. Ich habe 
daher auf die ursprüngliche Absicht, eine sachlich-kritische Analyse aller 
früheren Auseinandersetzungen vorzunehmen, verzichtet. Es wäre mehr 
ein Schulmeistervcrgnügen als eine sachliche Notwendigkeit, die etwaigen 
Fehler in den Behauptungen meiner Vorgänger nachzuweisen. Ich will 
hier nur grundhäi:..'lich die Art der Behandlung des Gegenstandes durch 
sie beleuchten, um gleichzeitig damit eine Art Ueberblick über das, 
was bisher geschehen ist, zu geben. 

Vorher über den Gegenstand selbst noch ein Wort. — Der 
Gegenstand einer Theorie des Wirtschafts o r t s läuft sachlich 
augenscheinlich in Tatsachen der Wirtschafts g e o g r a p h i e aus: er 
läuft in sie aus in derselben Art wie der jeder Theorie der V^irt- 
schaftsart sächlich schliesslicii in Tatsachen der Wirtschaftsge- 
schichte mündet. Erstes Material der Analyse ebenso wie lotztes 
Ziel der wissenschaftlichen Erklärung sind in beiden Fällen die kon- 
kreten Einzelerscheinungen ; diese Einzelerscheinungen in unserem 
Fall in ihrer räumlichen Anordnung, im anderen Fall in ihrem zeit- 
lichen Auftreten. Trotzdem, so wenig die Theorie der Wirtschaftsart 
Wirtschaftsgeschichte ist, so wenig ist die des Wirtschaftsorts Wirt- 
schaftsgeographie. Und zwar einfach deswegen nicht, weil sie sich 
damit begnügt, von den empirischen Einzeltatsachcn zu allgemeinen 
Gesetzmäßigkeiten aufzusteigen und diese Gesetzmäßigkeiten der Wissen- 
schaft als Hilfsmittel der »rubrizierenden^ Erklärung der Einzeler- 
scheinungen zur Verfügung zu stellen, — weil sie aber zu den Einzel- 
erscheinungen in ihrer individuellen Form imd deren E i n z c 1 erkiärung 
nicht wieder herabsteigt. Sic steigt zur Kausalanalyse des Einzelobjekts — 
dem letzten Ziel aller wissenschaftlichen Arbeit — nicht wieder her- 
unter, bleibt vielmehr bei der Präparation der allgemeinen Hilfsmittel 
für dieselbe stehen, weil sie weiß, daß ihre Formeln immer nur eine 



Die hislicrige Literatur. ? l ^ 

gewisse »Seite« des F.inzelohjekts, die Seile, für deren K'ariltliunj^ 
man . sbstraiiierti hat, erklären können, und daß e=i einer vollständig 
and;Tcn Arbeit und einer ganz anderen Methode bediuf, um uurcii Zu- 
sammenfass.mtr der von ihr abstrakt gewonnenen Formeln mit ;.ahlrcichen 
and'iren gesetzmäßig vielleicht noch nicht erfaßten Ursaehenreihen die 
Einzelerscheinung in ihren wesentlichen Formen schließlich, soweit es 
geht, voll verständlich zu machen. Das überläßt die Nationalökonomie 
als Theorie der Wirtschafts a r t der Wirtschaftsgeschichte, die dabei 
neben den ökonomischen »Gesetzmäßigkeiten« zahlreiche nichtöko- 
nomische Ursachenreihen zu berücksichtigen hat ; und das über' ißt sie 
als Theorie des Wirtschafts o r t s zweckmässig der Wirtschaftsg'.v.gra- 
phie, die die ihr gebotenen Gesetzmäßigkeiten hier vor allen» mit 
den von ihr -festgestellten chorologischen Tatsachen, •••ieiicicht av.ch 
mit Gesetzmäßigkeiten anderer Art (meteorologischen, geologischeu etc.) 
in Verbindung zu bringen hat und so erst die konkrete räumliche Ein?ei- 
aggi-egierung der Wirtschaftskräfte begreiflich machen wird. 

Darum, es wird in der Arbeit, die vorliegt; nicht Wirtschaftsgeo- 
graphie getrieben, sondern s Nationalökonomie des Wirtschaftsovts* -). 
Was riun die früliere Kchandiung dieses ZvvCfge.s der N;iiiona]<>konomie 
auf dem Gebiet des industriellen Standorts betriif?., so Hegen drei Kate- 
gonen vi;n Arbeiten vor : 

I . T a t s a c h e n z u s a m m e n f a 5 s u n g c n. A. Eine solche sind 
die 1865 erschienenen Roscherschen »Studien über die Naturgesetze, 
welche den zweckmäßigen Standort der Industriezweige bestimmen^ 
(in j- Ansichten der YolkswirtschaJt-.- 11^), Der Titel läßt eine Theorie 
vermuten. Man wird sich, aber bei Röscher nicht wundern, daß der 
ganze Wert der Arbeit iu der emsigeri Zusammentragung von Einzel- 
tatsuchen besteht. Aus allen Ländern und den verschiedensten Zeiten 
erfährt man die interessantesten Dinge über den »vornchniiichen Stand- 
ort; einer großen Anzahl von Indi!:^trier.. Diese Dinge werden >cxem- 



l) Es ist naliirlicb uine reine Zv. üvkm'tlSigkeitsfrage, vorj welcher der ühiichen 
»universiKitsmäßigen« l'achJisziplinen die hier gekennieiclnieteii verschiedene:; Auf- 
gaben im ganzen durchgeführt verders. Den modernen sFachkoUerc noch wcHtr 
zu steigern, iicgt gewiß keine Veranlassung vor, wichtig ist ivir, daß man geircnritc 
Aufg'.ben, wenn sie methodisch verschiedenartige sind, auch In ihrer E;iger-a:t als 
solchu erkennt Die heutige Antluopogeographie, wie sie nun einmal gaw.r-lcn ist, 
ist gcwilS nicht iiloß »Tatsachen-«, sondern auch »Ge.setzesc Wissenschaft und sie 
hat in der »W .n;.c!.'iftsgeographie« sich wohi oder übel — vielfach allerdings '.virk- 
iich nchr »übcOi — auch mit naiionalokonomischen Gcsctzmätiigkciten befaßt und be- 
fassen müssen. Sie wird das auch weiter tun luüssen ; sie kiinute es aber vielleicht 
künftig mehr mit dem Bewußtsein lun, dabei ein Gebiet mit besond.:rer Methode 
zu bearbeiten. Vn!l;ii.ht kann ihr auch einif^'-S van dieser für sie df.ch frcradir-, 
tigen Aufgabe von der N'ationjlökonbmie ahj;tnom:rc' vor.!' :; 



2i6 Exkurs i. 

plifikativ« in das Netz einiger allgemeiner Sätze, die sie beweisen 
sollen, hineingehängt, — wenn sie mit dem Beweisthema auch oft 
kaum in irgend einem Zusammenhang stehen , und wenn auch ihr 
Wert viel mehr in ihrer selbständigen reinen Tatsächlichkeit beruht. 
Die allgemeinen Sätze selbst enthalten zwei wesentliche Gedanken : 
erstens den, daß die Industrie bei »niedriger Arbcitsgliederung« im 
ganzen konsumorientiert sei, mit deren Zunahme aber dann sich nach 
»Produktionsvorteilen« lokal gruppiere. Und zweitens, daß bei dieser 
Gruppierung nach Produktionsvortcilen die für die Standortswahl ent- 
scheidende Tatsache sei, ob der Preis des Produktes »hauptsächlich 
vom Rohstoff, von der Arbeit oder vom Kapital abhänge«. Der 
im Preis vorherrschende der drei Produktionsfaktoren bestimme die 
Wahl des Standorts. Diese letztere Roschersche Formulierung hat 
tatsächlich die ganze weitere industrielle Standortslehre beherrscht; 
darüber, daß sie verkehrt ist, vergl. den Exkurs 2. — Auch die erste 
Behauptung ist irreführend; denn es ist nicht die geringe »Arbeits- 
gliederung« als solche, die die primitive Industrie überwigend an die 
\Konsumorte verteilt, sondern deren viel stärkeres Aufgebautsein auf 
»Ubiquitäten« (vor allem Hol/j und ihre geringere Verwendung von 
»Gewichtsverlustmaterialien« (Kohle). Siehe darüber das Kapitel »Trans- 
portorientierung«. Wozu dann noch künstliche Maßregeln der primi- 
tiveren Zeiten kommen, die sie auch entgegen dem ökonomischen 
Prinzip an den Konsumorten zusammendrängen (Bannrechtc, Autarkie- 
politik der Städte), oder die sie zunächst an großen Konsumplätzen 
^pflanzungsmäßig« entstehen lassen (z. B. die von Röscher viclbercgtcn 
»Luxusindustrien« des Merkantilismus). Mit niedriger Arbeitsgücderung 
hat das alles sehr wenig zu tun : Sie geht den vfrühen« Zuständen nur 
aus anderen Gründen im ganzen »historisch-tatsächlich" parallel. — Es 
ist daher denn weiter wohl tatsächlich richtig, daß das Gewerbe erst 
in späteren Entwicklungsstadien sich zunehmend mehr nach »Produk- 
tionsvorteilen« lokal gruppiert. Aber das ist einfach eine Folge des 
überhaupt langsamen Sichdurchsetzens der rein ökonomischen Prinzipien 
in der Wirtschaft gegenüber heteronomen Regelungen derselben. Zu 
meinen, daß das von zunehmender Arbeitsgliederung komme, beruht 
auf einer optischen Täuschung, die parallele Erscheinungen infolge 
mangelnder Analyse kausal kopuliert. 

B. Roschers obengenannte zweite und wesendiche Behauptung, 
daß der im Preis entscheidende der drei Produktionsfaktoren : Roh- 
stoff, Arbeit und Kapital durch den Platz seiner größten Billigkeit 
den Standort bestimmt, hat dann, wie gesagt, die weitere Theorie be- 
herrscht. Sie hat vor allen den phantasiereichen E. Laspeyres zu 
einer Studie über »die Gruppierung der Industrie innerhalb der nord- 
amerikanischen Union« begeistert (Vierteljahrsschrift für Volkswirtschaft 
;87o/7i, Bd. 30 S. 63 ff., u. Bd. 31 S. i ff.), in der auf Grund der 



Die bisherige Literatur. 217 

Schätzungsziffern des amerikanischen Zensus die Anteile von Rohstoff- 
wert, Arbeitslohn und Kapital am Produktionswert insbesondere der 
Baumwoll- und Wollfabrikation der Union untersucht, die verschiedene 
Höhe der Anteile get^endweise gegenüberstellt, mit der gegendweis 
verschiedenen Entfaltung der Industrie in Verbindung zu bringen und 
diese nach Roscherschcm Prinzip daraus zu erklären versucht wird. 
Die Untersuchung ruht durch die Natur der Schätzungsziffern auf 
faktisch ganz unsicherer Basis, sie ist — das kann hier" nicht 
näher ausgeführt werden — methodisch in zahllosen Punkten anfecht- 
bar und sie ergibt schließlich auch gar nicht — wie sollte sie 
auch ! — eine Bestätiguag der falschen Sätze Roschers, sondern ein in 
Bezug auf die Bedeutung von Lohn- und Rohstoffwert ganz unbe- 
stimmtes Resultat, das im übrigen die Industrie anscheinend dorthin 
wandern läßt, wo der Kapitalanteil im Verhältnis zum Gesamtwert des 
Produkts am niedrigsten ist (was aber wieder, wenn man näher ins 
Detail geht, auch nicht stimmt). Es werden trotzdem daraus weit- 
gehende Schlüsse nach der Richtung einer von der »Billigkeit« des 
Kapitals abhängigen, im übrigen aber angeblich geographisch imbe- 
stimmten Konzentrationstendenz der Industrie gezogen, die aber gänz- 
lich in der Luft schweben, da die größere oder geringere Höhe des 
Kapitalanteils ja tatsächlich nicht das mindeste über die größere oder 
geringere »Billigkeit« des Kapitals hier und dort aussagt. Wo der 
Kapitalanteil groß ist, ist ja vielmehr eher umgekehrt zu vermuten, 
daß das Kapital (^Maschinen) billiger war als anderwärts. 

C. Dieser Versuch einer Verifikation der alten Theorie hat wohl 
zur Nachfolge nicht sehr gereizt ; vielleicht ist das der Grund, weswegen 
die Tatsachenuntersuchung von da an durch beinah 40 Jahre einfach 
liegen geblieben ist. Erst ganz neuerdings ist als erste Rückkehr zu 
der Frage eine kleine, an ihrem Ort künftig zu berücksichtigende Studie 
über »Die Großstadt als Standort der Gewerbe« erschienen (von 
Schwarzschild in Jb. f. N. IIL Flg. XXXII, 721 ff). 

2. Eine andere Kategorie von Arbeiten, die vorliegen, sind dann 
bloße »Systematisierungen«, d. h. Arbeiten, die nicht mehr auf eigenen 
Tatsachenuntersuchungen fußen, sondern kurzerhand ein »System« zu 
geben versuchen, durch das sie die »Faktoren« des Standorts der Indu- 
strien und ihre »Bedeutung« bestimmen. Damit hat — seine »Katalogi- 
sierungsneigungen« prädestinierten ihn dazu — Schäffle den Anfang 
gemacht. Er hat in sein »Gcsellschafdichcs System« (3. Aufl. 1873) ein 
ganzes Kapitel über den Standort der Erwerbszweige eingefügt, in dem 
für die Industrie die Roscherschen Gedanken aufgenommen, etwas um- 
gestaltet und in einem reichen Schäffleschen Schematismus auseinander- 
gefaltet werden. Alle späteren ähnlichen Arbeiten sind demgegenüber 
nur Wiederholungen oder, soweit sie anscheinend selbständig sind, 
weniger weitgehend durchgebildete Systematiken. So die jetzt so viel 



2lS Exkur-, i. 

zirkruii, kurzen rv.-merkunge;i Marsballs im zehnten Kapitel seiner 
>Principle^« ; ebcjso die von H o b s o n in »Evolution of modern 
Capitulisn-i.« (Kap. TV, lo — 13); oder endlich die von Ross in »The 
locacion of Indu'.tik'S« (Quarterly Journal of Kcononiics An.-il 1896). 

Der GrunJ. weswegen aüc diese Arbeiten, einschließlich der von 
Schiifie, das n.icht bieten, was man eigentlich braucht, ist einiach : sie 
vei\vrchseln Sj'Stematik und Theorie, oder, soweit sie das nicht tun, 
geben sie eben Systematik als Surrogat einer Tiieovie. Es werden die 
versciiicdcnen Faktoren, die den Standort der Industrien bestimmen 
sollen, äufgefchrt, — man erfährt aber nicht, •.'.■.■hui- der Verfasser 
sie eigentlich kennt — ; sie werden gruppiert uia in ihrer »Bcdeu- 
tunjr« einigerniafSen beriprochen. Wie sie geserÄjiUißig zusammen- 
wirken, welche GesaTntdynamik der Orientierung infolge dieses Zu- 
sammenwirkens besteht, nach welchen l^^jgenschaften die Industrien iu 
diese Gesamtdynamik cinyarangieren sind, das alles bleibt unklar, Es 
kann auch nur auf Gn:-.d cnier abstrakten Deduktion und nicht durch 
eine irgendwie vorgenommene Gruppierung vons blauen Hiinmei her- 
untergefallener Standortsfaktoren gewonnen werden. Folge ist, man 
kann nach dem Gebotenen voa keiner einzigen Industrie genau sagen, 
wie sie sich nun eigentlich oticnUeren muß. Nur Schä^Tle geht in 
dem, was er gibt, etwas weiter. Man kann aber nur sagen: leider, 
denn seine positiven Behauptungen sind fast durchgängig ungenau oder 
— - man muß es ruhig sagen — falsch. Es würe ein leichics, auf die 
linke Hälfte einer Seite die einzelnen Gedank<^n des Schäiileschen Sy- 
stems hinzuschreiben und auf der rechten Hulfte jedesnial in Anleh- 
nung an die Resultate unserer Theorie ihre Schiefheit oder Unrichtig- 
keit in wenigen Sätzen darzutun. Ich v.'il! das lassen, da. ich ja hier 
keine iRezensiou« und auch keine Streitschrift gßgf-n die Anwcndui-.g 
gewisser veralccier Methoden verfasse; und nur in der Verwendung 
dieser Methoden, nicht aber in den — gewiß cn-'.ins:nten - - Fähig- 
keiten Schäffies liegt das Unglück. Zudem ist ja zweifelhaft, ob SchütVle 
selbst in seinen Aüfstelliiugcn mehr als etwas Vcrläuiii^es gesehen haben 
wollte. Zu verschweigen, dafS sie überwiegend schief sind, geht alier- 
d;ss~. nicht an. 

3. Die letzte Gruppe von Aibcitoo cnvllich ist au das Problem des 
StandorU? von der Seite der Phänomene der modernen BeviUke- 
rungsaiigregierung herangeführt. T\Ian sieht da.s heutige Städ^e- 
vvachstum und die inneren Wanderungen, sucht bich über die Ursachen 
klar 2U werden, and bringt dann die Aggregicrangsphänomene mit Jen 
Gesetzen der Indu^^trielagerung in Zusammenhang. Es ist das bisher 
überwiegend von Statistikern in Arbeiten im ganzen vtatsächiicher« 
Art geschehen, deren letzter und voriäuhg abschließender Typus das 
Buch vm F. A. Weber »Tiie grov>'th of Clties- (1899) ist. — Aber 
auch Sombart ist aas dem Bedürfnis, in seine Theorie der kaptaiisti- 



Ein landläufiger und ein \vi.->si>iächaftlichcr Irrlum. 2 IQ 

sehen Fntwicklung aueh eine Erklärung der ihr eigcntiirrJif Iien Art 
der iievrilkcningsajjgregierung einzufügen (im 2. Bd. seines Kapitnlismos} 
zu einer Theorie der Städtebildinv^ gelangt und dai)ei natiiri'.eh sofDrt 
auf das Problem des industriellen Standorts gestoßen, das er also n-.it 
behandeln nuiiitc. ~ Für alle diese Arbeiten wäre nun eigendich ein. 
Kenntnis der i- Gesetze der Ir»dustrielagerurig« eine V oraussei z u u!; 
gewesen. Daß die.^e Vorau.-i,etzung in Wirkliehkcit fehlte, hat jemand 
wie Sombart natiirücli sofort gefühlt und in der ihm eigenen Art wi'ison- 
schafdicher Reinliciikeit^ auch ohne weiteres au^gesproclleri. Daß dahr, 
diese fehlenden vGcHCtz?^ weder von ihm noch von den andern Ar- 
beiten so nebenbei auch noch »bescha<7t<r werden konnlen — Sombart 
prätendiert das üln-i,^ 'Tj.s .anch gar nicht — und daß diese Arbeiten 
also für die Standoit :lctire nicht allzuviel Ertrag geben, wird niemand 
wun<.iern. Ihr großer VVert bleibt deswegen bestehen; er liegt in. .der 
einfaciien An'ik'r.kun^ der Tatsachen der modernen Städtebilduug und 
ihrer ersimalige i sachlichen .'Vnalyse. Die gcistvoiie Theorie der 
Städtebii';liing ir.jtbch, die Sombart trotz des Mangels einer eigcntiichen 
Standortslei.rn av:fge.baut hat, wird wohl nur teilweise bestehen bleiben 
können. Ihiser zweiter Teil wird zeigen , daß es doch übcrwiet^cnd 
wesendich andere Kräfte sind, die die groß- und viesensiüdtischcn Be- 

ciis er meint. 

Erwähiit werden m:;;.^ noch, daß auch eine Arbeit vor;ic>2^t, die die 
prinzipielle Art des Einflusses der N a t u r f a k t o r e n :iuf die Indu- 
strieorientieiung zu erörtern sucht, im wesentliclien unter der »geogra- 
phischen«, aber für unsere Betrachtung beinahe ganz unfruchtbaren 
Fragestellung, ob die Abh.ängigkeit von ihnen steigt oder sinkt: Mau- 
Tiier: La disiribalion geographiciue des industrics (Revue internatio- 
nale de Socioiogie Juli looSj. Schade, daß .so viel interesi>;intc Gesichts- 
punkte, wie dort, ohne jedes iStandortsresultat^ ver.schvYendet wurden 



Exkurs 2. 

Ein landläufiger und ein wissenschaftlicher Irjtum. 

In den Erörterungen über Jndustrieorientierungen spielen zwei in 
rnavicher Beziehung auf die gleiche Wurzel zurückgehende Behnuptvngen 
eiy.e große Fl(j!le, die beitie die Uesamtlagcrungsverhältnissc der In- 
dustrien auf eine einfache Formel zurückzuführen suchen, leider aber 
lieid.e auf <:ine verkehrte. 

I. Die heute, man kann sogen, landläufige An, in der <iic Frage 
der Indiistrieorieutierung in ihrem grundlegenden Teil erledigt wird, 
ist die, daß man sagt: Industrien niedrigwertiger Produkte sind trans- 
poriorientiert, solche hochwertiger folgen anderen Orientierungsten- 



220 



Exkurs 2. 



denze... Kei denen man meist in ziemlich undeutlicher Weise an Zu- 
sammcnballur.gsier.den/cn in Großstädten denkt. Die Vorstelhui":, die 
dieser FornvuKc. i-iig zu Grunde liegt, ist, daß hochwertige Produkte in 
ihrer lokalen Bv . i^ung gewissermaßen »freier- seien als niedri^T.vertige, 
weil bei ihnen ...e Preisaufschläge, die sie durch den Tr-..sport er- 
Icider,, im Vergleich zum ganzen Preise niedrig seien, sie also hohe 
zusätzliche Transportkosten »vertrügen«; während große Transport- 
kosten_;'Cchläge bei niedrigwertigen Produkten den Preis empfindlich 
steigern würden, von diesen also nicht vertragen werden könnten. — 
Es ist das so einer von den angenehm eingehenden Gedanken, wie sie 
sich in unserer Wissenschaft massenhaft herumbewegen, in deren »clair 
obscur« eine halbe Wahrheit und eine ganze Unricl.dgkeit enthalten ist. 
Die »halbe Walirheit« ist hier, daß niedrigwertige Produkte von ihrem 
transportmäljigen Minimalpunkt nicht weit ;>al 'gelenkt« werden können. 
Die Theorie sagt ohne weiteres warum: einfach weil in niedrigwertigen 
Produkten keine, absolut betrachtet, stark komprimierbaren Kosten- 
ekmente enthalten sein können, deren Kompression die zusätzlichen 
Transportkosten pTP ausgleichen und so die »Ablenkung« möglich 
machen könnte. Es ist also richtig: niedrigwertige Produkte vertragen 
keine Ablenkungstransporte und sind danach »transportorientiert«. 

Hochwertige Produkte aber sind nun keineswegs wegen ihrer 
größeren Hochwertigkeit an sich ablenkungsfähiger. Sic sind es nur, 
wenn und insoweit ihre Hochwertigkeit von Kostenfaktoren kommt, die 
bei der Ablenkung komprimiert werden können und durch ihre Kom- 
pression also die Ablenkungskosten wieder ausgleichen. - Sie sind es 
also nur, wenn und insoweit sie hohe »Form«- und für die »Arbeits- 
ablenkung hohe »Arbeitskoeffizienten« haben. Beruht aber die Hoch- 
wertigkeit der Produkte einfach auf hohem Rohstoffwert, so ist es ganz 
unsinnig zu sagen, daß Industrien solcher Produkte leichter ablenkbar 
seien als Industrien niedrigwertiger Produkte, die den gleich niedrigen 
»Form«- bezw. »Arbeitskoeffizienten« haben. Denn auch in dem Preis 
der Produkte hochwertiger Industrien müssen irgendwelche Faktoren 
enthalten sein, durch deren Komprimierung die bei der Ablenkung 
entstehenden zusätzlichen Transportkosten ausgeglichen werden und 
wegen deren Komprimierung sie ja eben abgelenkt werden; und an 
diesen komprimierbaren Kostenfaktoren fehlt es eben hier. Es wird 
ja selten sein, daß in hochwertige Rohstoffe nicht auch hohe Arbeits- 
werte pro Gewichtseinheit in Hand- oder Kapitalform bei der Verar- 
beitung investiert werden, da man sie irn ganzen für feinverarbeitete 
Luxusartikel verwenden wird; und hoher spezifischer Rohstotfwert der 
Produkte wird fast immer auch einen hohen Formwert neben sich habdn, 
so daß Industrien hochwertiger Produkte in der Tat praktisch über- 
wiegend ablenkbar sein werden. Aber dieses tatsächliche regelmäßige 
Koinzidieren der Wirklichkeit mit der landläufigen Behauptung macht 



Ein landläufiger und ein wissenschattiicher Irrtum. 22 1 

deren inneren Gehalt nicht besser. Will sie «^-^ch über den Grund 
der größeren oder geringeren Ablenkbarkeit der Industrien aussagen, 
und sagt sie doch darüber etwas falsches. 

2. Dies- die landläufige verkehrte- These. Nun zur x. Wissenschaft -<. 
Diese arbeitet seit der klassischen Schule r"it der beliebten Vorstellung 
des »Zusammenarbeitens« der drei bekannten »Produktionsfaktoren«. 
Land, Kapital und Arbeit, für die industrielle Produktion also »Roh- 
stoffe«, Kapital und Arbeit werden gleichwertig nebeneinandergestellt; 
aus ihren »Beiträgen« konstituiert sich der Gesamtwert, der Preis der 
Produkte. Was liegt von dieser Vorstellung her näher als zu sagen, 
daß in demselben Maße, als einer dieser Beiträge im Preis relativ gegen- 
über dön anderen mehr Bedeutung hat, seine größere oder geringere 
lokale Höhe an verschiedenen Plätzen auch für den Standort maß- 
gebend werden, er also der entscheidende Standortsfaktor werden 
müsse! — Das ist die Vorstellung, die, wie im Exkurs i schon erwähnt, 
Röscher das »Verdienst« hat, in die Theorie eingeführt zu haben. Daß 
sie mindestens ebenso »einschmeichelnd« ist wie die eben besprochene 
landläufige, wird kein Mensch bestreiten. Aber sie ist leider ganz 
ebenso falsch wie diese. Und zwar liegt das nponov cJ^eaSo; genau an 
derselben Stelle wie dort: auch hier wird die Werthöhe der 
Rohstoffe im Produkt für die Orientierung als mitentscheidend ange- 
sehen, indem ja eben die Wertrelation zwischen Rohstoff, Arbeit und 
Kapital als entscheidend angesehen wird. • Ein genaues Zusehen aber 
zeigt und unsere ganze Theorie tut eigentlich nichts als das auszu- 
führen : es ist nicht diese Wertrelation entscheidend, sondern die von 
der Werthöhe der Rohstoffe ganz unabhängige Relation des Arbeit- 
und Kapital Werts zum Rohstoffgewicht, das, was wir als Höhe des Ar- 
beits- bezw. Formkoeffizienten bezeichnet haben. Der Arbeits- und 
Formkoeffizient aber kann ganz derselbe sein bei Verarbeitung von 
Rohstoffen von verschiedenster Werthöhe und folgeweise ganz verschie- 
denen Wert- und Preisanteilen der drei Faktoren im Produkt; und um- 
gekehrt: demselben Wert- und Preisanteil des Rohstoffs können ganz 
verschiedene bewegte Gewichtsmengen und folgeweise ganz verschieden 
hohe Arbeits- und Formkoefhzienten parallel gehen. Nur die Höhe 
der Arbeits- bezw. Formkoeffizienten aber ist entscheidend für die 
Frage, nach welchen Faktoren sich orientiert wird, ob nach Rohstoffen, 
genauer gesagt Transportkosten, oder nach anderen. W^obei wir wissen, 
da.^ der Rohstoff bezw. Transportorientierung überhaupt nicht die 
Ori ntierung nach »Arbeit und Kapital«, sondern die nach »Arbeits- und 
For.-nwert«, und zwar in der eigentümlichen Dynamik der Arbeits- und 
Agglomerationsorientierung gegenüberzustellen ist. Das alles kann hier 
nicht noch einmal auseinandergesetzt werden. Die Roschersche For- 
mulierung ist in diesem letzteren speziellen Punkt ja auch mehr unvoll- 
ständig als direkt verkehrt. Daß sie aber in ihrer grundlegenden An- 



222 Exkurs 2. 

schatiiing der Orientierung nach Wertameüen der Profluktionsfaktoren 
überhaupt direkt verkehrt ist, dürfte klar sein — sofern unsere Theorie 
nämlich richtig ist. — Zu welchen abstrusen Konsequenzen Roschers 
These führt, läßt sich übrigens praktisch leicht sehen : in der Gold- und 
Silberwarenfabrikaiion kann man den Wertanteil der Rohstoffe heut in 
ganz grobem Durchschniit vielleicht auf -/s des Produktionswerts veran- 
schlagen, in der Eisengießerei auf allerhörhstens ^3, meist auf weniger. 
Die Bijontericindustrie also müßte nach Röscher rohstolforientiert, die 
Eisengießerei aber frei von Rohstofforientierung sein oder wenigstens 
weniger transportgebunden. Die Wirklichkeit sagt, wie jedermann 
weiß, ganz genau das Umgekehrte. Und weswegen? Sehr einfach, 
weil in der Bijouterie ein Arbeits- und Formwert von loooö Mark 
und sehr viel darüber auf die Standortstonne kommt, eine Kom- 
pression von IG % der Formwertkosten also eine Ersparnis von im ge- 
ringsten Fall looo Mark pro Standortstonne und (bei 5 Pfg. Tonnenkilo- 
meterkosten) demnach eine Ablenkbarkeit der Standortstonne und so- 
nach der Industrie auf ca. 2000 km von ihrem transportmäßigen Mini- 
malpunkt schafft; — eine Ablenkbarkeit, die die Industrie praktisch 
frei von Transportkostenrücksichten macht. — In der Eisengießerei da- 
gegen kommt auf die Standortstonne im ganzen kaum ein Formwert 
von mehr als 100 — 200 Mark. Eine Kompression der Transportkosten, 
»des Formkoeffizienten«, um 10% bedeutet hier also bestenfalls 20 Mark 
Ersparnisse pro Standortstonne und demnach unter normalen Verhält- 
nissen eine Ablenkbarkeit von etwa 40 km! Das sagt alles. — 

Eins bleibt noch zu erwähnen: man kann auch gegen den Versuch 
unserer Theorie bestimmte Maßstäbe der verschiedenen Orientierung 
der Industrie in bestimmten Eigenschaften dieser zu gewinnen gewiß 
manches sagen. Man kann insbesondere gegen die Verwendung des 
»Arbeitskoeffizienten« (also der Durchschnittsarbeitskosten der In- 
dustrien pro Standortstonne) als Maßstab ihrer Ablenkbarkeit zu Ar- 
beitsplätzen hin dies einwenden: daß dieser Arbeitskoeffizient in Wahr- 
heit doch nur ein Maßstab dieser Ablenkbarkeit sein könne bei grund- 
sätzlich überall gleicher Kompriniierbarkeit gleich großer Arbeitskosten- 
massen. Nun haben, kann man weiter folgern, gleiche Arbeitskosten- 
massen bei verschiedenen Industrien ja doch ganz verschiedene Arbeits- 
leistungen, eben jedesmal die besonderen in der betreffenden Industrie 
zu bietenden Arbeitsleistungen, zum Inhalt. Und das MafS ihrer Kom- 
primierbarkeit muß unter anderem gewiß auch von der besonderen 
Natur dieser Leistungen, ihrer verschiedenen Beschleunigungsmöglich- 
keit usw., abhängen. Es brauchen also gleiche Arbeitskostenmassen 
nicht gleiche Kompriniierbarkeit zu haben; und es bedürfe, kann man 
sagen, demnach immer erst noch einer besonderen Analyse der kon- 
kreten Zusammensetzung der Arbeitskoeffizienten, ehe man seine wirk- 



Ein landläufiger unr! ein vissenschafilicher Irrtum. 22"* 

liehe Ablenkur.gsbeaeutung beurteilen könne. 

Das ist unzweifelhaft grundsätzlich richtig. Was es besagt, ist aber 
ganz ausschließlich dies, lUiß der Arbeitskoeffizient einer Industrie noch 
nicht das letzte Wort für die genaue zahlenmäßige Bestimmung 
des effektiven »Abgelenktsein- einer Indu'-trie ist, daß er vielmehr nur 
ein »allererster« ganz grober Maßstab ihrer Ablenkbarkeit über- 
haupt ist, etwas, hinter dem noch allerhand »individuelle« Verschieden- 
heiten der Industrien Raum behalten, um das Maß ihres wirklichen 
Abgelenkt woidens näher zu bestimmen. Aber meh'. als einen groben 
Maßstab darzubieten, wird auch gar nicht präterdi^vrt. Es soll nur 
überhaupt einmal ein »Erkennungszeichen« gewonnen werden, nach dem 
man die Industrie für ihre Orientierung, hier ihre Arbeits- Orientierbar- 
keit, überhaupt »rangieren« kann, — ein grobes unseretwegen, wenn nur 
nicht wie bisher immer — ein verkehrtes. 

Ganz dasselbe gilt (wie übrigens der Text selbst auch ziemlich 
deutlich sagt) in gleicher Weise für den »Formkoeffizienten«. Auch 
er ist nur ein allererstes gänzlich grobes Signum, hier der Agglome- 
rierbarkeit der Industrien, kein »Präzisionsthermometer« ihres effektiven 
Angehäuftseins. Auch er erscheint mir aber trotz seiner »Ungenauig- 
keit« doch besser als gar kein Erkennungszeichen oder ein verkehrtes. 



224 



Technische Ausdrücke. 

Seite 

Agglomeration (»technisch-notwendige« — »zufälUge«) . 131 

Agglomerativ- — Deglomerativfaktoren 123 

Agglomerationsformel 147 

Agglomerationsfunktion 123 

Absatzverbundenheit 134 

Arbeitskoeffizient 108 

Arbeitskostenindex , 106 

Arbeitsplatz 96—99 

Ersparnisfunktion T" 

Formkoeffizient '5 

Formwertindex 156 

Gewichtsfigur 56 

Gewichtsverlustmaterial 53 

Grobmaterial 53 

Isodapanen I02 

Materialindex 60 

Materialverbundenheit 190 

Reinmaterial 53 

Remplazierung von Materiallagern in 

Standortseinheit 15 

Standortsfaktor 15 

Standortsfigur 50 

Standortsgewicht .... 61 

Standortskomponenten j4 

Ubiquitäten iF 

Verkoppelung 186 

Zerschlagung (in Produktionsstufen) 162 



22 i 



Mathematischer Anhang. 



Von Georg Pick. 



Vorbemerkung. 
Auf Wunsch des Verfassers dieses Buches ist im Nachfolgen- 
den der Versuch gemacht, einige für das Standortsproblem erforder- 
liche mathematische Ueberlegungen in gemeinverständlicher Form 
darzustellen. Bezüglich der Abteilungen I. und II. sei auf eine aus 
neuerer Zeit stammende kleine Schrift von Scheffers^) hingewiesen, 
in welcher die HiUsmittel für derartige Aufgaben auseinandergesetzt 
sind. Was den Kern von III., die Agglomerationsformel anlangt, so 
ist die Art ihrer Aufstellung ganz analog der Verfahrungsweise bei 
formell ähnlichen Problemen in verschiedenen Anwendungsgebieten. 
Weitere Durchführungen, namentlich in der Richtung auf Stand- 
ortsiiguren mit mehr als drei Punkten u. a. wären sehr zu wünschen, 
bieten aber allerdings noch einige erhebliche Schwierigkeiten. 
I. Der Ort der geringsten Transportkosten. 
I. Das Standorts- 
dreieck. In beistehender 
Figur bedeute Ai das 
Materiailager, A2 das 
Kraftstofflager, A3 den 
Konsumplatz. Zu 33 Ton- 
nen des Erzeugnisses 
(wir wollen as übrigens 
stets gleich Eins gesetzt 
denken) seien ai Tonnen 
Material, ao Tonnen Kraft- 
stoff erforderlich. Liegt 
dann die Produktions- 
stätte in P, ri Kilometer von Ai, T2 von A2, 1$ von A3 entfernt, 

(Aus : 




i) G. Scheffers, Funktionen der Abstände von festen Punkten. 
Mathematisch-naturwissenschaftliche Mitteilungen in Württemberg. 1900). 
A Weber, Standort der Industrien. jC 



2 26 Anhang. 

SO erfordern as (=: l) Tonnen des Erzeugnisses offenbar 

K = ain + aafa + agrg 
Tonnenkilometer an Transportkosten. 

F'ür welche Lage von P fallen diese möglichst klein aus ? 
Es ist von vornherein klar, daß, so lange P außerhalb des 
Standortsc'ireiecks A1A2A3 liegt, eine Annäherung von P an die 
ihm zunächst gelegene Seite des Dreiecks zu einer Verminderung 
aller drei Distanzen ri, ra, r^ und also zu einer Herabsetzung der 
Transportkosten führt. Außerhalb des Dreiecks kann dem- 
nach der gesuchte Minimalort nicht liegen. Er liegt also entweder 
im Innern des Dreiecks, oder auf dessen Umfang. Wir behandeln 
zunächst die erste dieser beiden Möglichkeiten. 

2. Minimalpunkt im Innern des Standortsdreiecks. Mecha- 
nisches Modell. Die mathematische Analyse der Bedingungen *) 
für den Punkt geringster Transportkosten ergibt Folgendes. Man 
stelle sich im Punkte P ein Bewegliches vor, welches mit der 
Stärke ai nach Ai, mit der Stärke aa nach A2, mit der Stärke 
as nach A3 gezogen wird. Jene Lage von P, bei welcher diese 
drei Züge sich das Gleichgewicht halten, so daß das Bewegliche 
unter ihrem Einfluß keine Verschiebung erleidet, ist der gesuchte 
Minimalort. 

Es liegt hienach nahe, die Lage von Po (wie der Ort klein- 
ster Transportkosten heißen mag) durch ein mechanisches Modell 
mit automatischer Einstellung zu veranschaulichen. Man wird so 
auf einen alten, von Varigaon zur Demonstration des Kräfte- 
parallelogramms erdachten Apparat geführt^). Am Rande einer 
kreisförmigen Scheibe mit Gradeinteilung (siehe Figur 45 auf fol- 
gender Seite) sind drei kleine Röllchen mit horizontaler Achse fest- 
klemmbar ; über jedes Röllchen läuft ein Faden ; die drei in- 
neren Fadenenden sind in einem Punkte zusammengeknüpft, die 
äußeren Enden hängen frei herab und können geeignete Ge- 



I) Die Bedingungen können für diesen Fall so ausgesprochen werden: Die 

Funktion des Orts K besitzt im Minimalpunkt nach allen Richtungen den Diflferen- 

tialquotienten Null: 

dK 

T — = o für jede Richtung s. 

Dies gibt zwei Bedingungsgleichungen, deren anschauliche Bedeutung im Text aus 
einandergesetzt ist. (Vgl. Scheffers, a. a. O.) 

2) Vgl. Mach, Die Mechanik in ihrer Entwicklung historisch-kritisch darge- 
stellt (4. Aufl. Brockhaus 1901) Seite 50 f. 



Anhang. 



227 




Fig. 45- 



wichtchen tragen. Um einen gegebenen F'all zu v(Twirklichen, 
■stellt man zuvörderst die 
Klemmen so ein , daß sie 
die Ecken des (verjüngten) 
Standortsdreiecks bilden. Hie- 
zu dient die Teilung am Rand ^ 
der Kreisscheibe. Hierauf be- 
lastet man die drei Fäden durch 
Gewichte, entsprechend den 
Transportgewichten ai. aa, as, 
die man etwa durch die glei- 
chen Zahlen einer kleinen Ge- 
wichtseinheit, i. B. Dekagramm, 
ersetzen wird. Der Verknüp- 
fungspunkt stellt sich von selbst 
in den gesuchten Minimalpunkt ein. 

3. Geometrische Konstruktion von P,. Das Gewichtsdreieck. 
In Fig. 46 sieht man die an 
Pj) angreifenden Kräfte ai, a2, 
33 durch Strecken von ent- 
sprechenden Längen darge- 
stellt. Nach dem Parallelo- 
grammsatz ist jede dieser 
Strecken, wenn sie von Po 
entgegengesetzt ihrer Richtung 
aufgetragen wird, Diagonale 
des von den beiden anderen 
bestimmten Parallelogramms, 
falls Gleichgewicht herrscht. Fig. 46. 

Trägt man von irgend einem Ausgangspunkt aus die drei im 
Gleichgewicht befmdlichen Kräfte (Strecken) in ihrer Richtung 
und Größe hintereinander auf, so entsteht ein gescnlossenes Drei- 
eck (G1G2G3 der Figur). Die Winkel dieses Dreiecks yi, Y2, Ta 
sind die Supplemente der drei Winkel ß], ^2, ßsi welche im Punkte 
Po durch die Verbindungslinien zu den Ecken Ai, A2, A3 gebildet 
werden, wie man aus der Figur unmittelbar ersieht. Das Drei- 
eck Gl, G2, G3, welches durch seine Seiten ai, a2, 33, 
vonvorn herein völ ligbestimmtist, soll G e w i chts- 
dreieck genannt werden. Dieses Gewichtsdreieck also liefert 
die Winkel yi 72. Ts. somit ßi, ^2, ßa- Um den Punkt Po zu 

15* 




228 



Anhang. 



finden, hat man jene Lage von P zu ermitteln, von welcher aus 
die Richtlinien nach Ai, A2, A3 gerade unter diesen Winkeln 
auslaufen, oder, wie man sagt, von welcher aus A2A3 unter dem 
Winkel ßi, Ä3A1 unter fi2, A1A2 unter ßa »gesehen- wird. 

4. Fortsetzung. Die drei Konstruktionskreise. Soll der 
W'inkel A]PoA2 die gegebene Größe ßi haben, so muß nach dem 

Peripheriewinkel - Satze 
Po auf einem gewissen 
Kreisbogen liegen, der 
sich von Ai zu A2 
spannt. Auf einen ana- 
logen Kreisbogen A2A3 
ist Po angewiesen, weil 
A2P0A3 die vorausge- 
gebene Größe ßi haben 
soll, und ein dritter 
Kreisbogen für Po ergibt 
sich aus A3P0A1 = ß2. 
Man braucht also nur 
diese Kreisbögen zu 
zeichnen (es genügen 
ihren Durchschnittspunkt zu erhalten 




als 



zwei derselben), 

(Figur 47). 

Um den Kreisbogen durch Ai, A2 zu zeichnen, lege man 
(Fig. 48) an A1A2 in den beiden 
Eckpunkten nach unten den 
Winkel (ßs — 90°) an, so daß ein 
gleichschenkeliges Dreieck ent- 
steht mit der Spitze in C. Diese 
ist schon der Mittelpunkt des 
gesuchten Kreises, welcher hie- 
niit ohne weiters gezeichnet wer- 
den kann. In der Tat ist A2CA1 
-90") = 360 ''— 2ß3, 




C 
Fig. 48. 

= 180"- -2 X(ß3- 

also ist der erhabene Winkel bei C gleich 2ß3, wie verlangt ist^). 
5. Uebergang zu den Randlagen des Minimalpunktes. 



i) Statt dieser Konstrul<tion kann man auch folgende Vorschrift geben: Man 
errichte über den drei Seiten des Standortsdreiecks je ein dem Gewichtsdreieck 
ähnliches Dreieck. Die diesen Dreiecken umschriebenen Kreise sind die gesuchten. 




Anhang. 22Q 

Wann liegt Po nahe bei einer Seite des Dreiecks z. B. A1A2A3? 
Es ist augenscheinlich, daß dann Winkel A0P0A3, also ,3i nahe 
gleich 180^, also yi nahe gleich Null sein muß. Das Gewichts- 
dreieck hat also einen Winkel, der sehr klein ist, und entsprechend 
muß die gegenüberliegende Seite ai sehr klein sein, während die 
beiden anderen a2, a^ 
nahezu gleich sind. Wenn 
also ai Null ist, und a-z = a^, 
dann liegt Po auf AoAg. 
Aber dies ist von vorn- 
herein klar; denn Ai ist 
ja nunmehr überhaupt nicht beteiligt, das Standortsdreieck ist 
also zur Standortslinie zusammengeschrumpft (Plg. 49). 

Wann liegt Po nahe bei einer Ecke, etwa Ai .? Es ist evi- 
dent, daß dann Winkel A2P0A3, das heißt ßi nahe gleich A2A1A3, 
also gleich dem Winkel ai des Standortsdreiecks sein muß, wäh- 
rend (j] bei mehr zentraler Lage merklich größer ist. Also ist 
yi, das Supplement von ßi, jetzt nahe gleich dem Supplement 
von a,i (Außenwinkel des Standortsdreiecks bei Ai), sonst merk- 
lich kleiner. So lange also die Winkel des Gewichtsdreiecks 
kleiner sind als die entsprechenden Außenwinkel des Standorts- 
dreiecks, liegt Po im Innern des letzteren ; ist aber ein Winkel 
von G1G2G3, z. B. yi, gleich dem entsprechenden Außenwinkel 
von A1A2A3, hier also iSo** — a,, so liegt Po in der entsprechenden 
P2cke, hier Ai. 

6. Lage von Po in einer der Ecken. Die Fälle ohne Ge- 
wichtsdreieck. Wir wollen uns vorstellen, daß das Gewichts- 
dreieck G1G2G3 Veränderungen unterworfen wird, und dabei ver- 
folgen, wie die Lage von Pq infolgedessen sicli verschiebt, ao, 
83 sollen festgehalten werden, ai soll sich allmählich vergrößern, 
wodurch bewirkt wird, daß auch der gegenüberliegende Winkel 
yi wächst. Wir haben soeben gesehen, daß Po in die Ecke Ai 
tritt, sobald yi die Größe 180» — ai erreicht hat. Was geschieht 
nun, wenn sich ai und entsprechend auch yi noch weiterhin ver- 
größert r Offenbar verbleibt Vq nunmehr in der 
Lage Ai. Denn, wenn bei den Transportwerten ai, 32, 33 der 
Anteil ai schon so groß ist, daß der Transport von Ai nach Pq 
gänzlich vermieden werden muß, um ein Kostenminimum zu er- 
zielen, so wird dies umsomehr erforderlich sein bei noch größeren 
Werten von ai. 



230 



Anhang. 




Fig. 50. 



Wenn nun bei weitergehender Vergrößerung von ai dieses 

Qewicht so groß wie 32 
— otj, und 33 zus3mmen ge- 

worden ist, so ist 71=180" 
geworden, das Gewichts- 
dreieck ist auch hier wie- 
der zusammengeschrumpft auf eine Strecke^) (F'ig. 50). Wächst 
nun 31 noch weiter, so daß 3i > 32-1-^3 wird, so läßt sich aus 
ai, ao, 33 überhaupt kein Dreieck mehr zusammensetzen, das 
Gewichtsdreieck hat zu existieren aufgehört. Po hegt nach wie 
vor in Ai ^). 

Das in 2. beschriebene Modell gibt auch in diesen Fällen die 
richtige Lage von Po, wenn dafür Sorge getragen wird, daß der 
Verknüpfungspunkt der drei Fäden nicht über die Röllchen hin- 
weggleiten kann, was etwa durch Anbringen von engen Gabel- 
fassungen um die Röllchen bewerkstelligt werden kann. 

7. Uebersichtliche Zusammenfassung. Kennzeichen der 
verschiedenen Fälle. Im Ganzen können wir nach dem Ge- 
sagten drei von einander getrennte Möglichkeiten unterscheiden, 
welche sich folgendermaßen charakterisieren. Erstens: Gewichts- 
dreieck vorhanden, Po im Innern des Standortsdreiecks; zweitens: 
Gewichtsdreieck vorhanden, Po in einer Ecke; drittens: Gewichts- 
dreieck fehlt, wobei Po stets in eine Ecke zu liegen kommt. 
Während nun der dritte Fall durch die Unmöglichkeit, aus den 
gegebenen ai, 33, 33 ein Dreieck zu bilden, sich sofort zu er- 
kennen gibt^ ist für die Unterscheidung der ersten beiden Fälle 
noch ein Kennzeichen anzugeben nötig. Erinnern wir uns an die 
Konstruktionskreise in 4. So lange Po im Inneren des Standorts- 
dreiecks liegt, schneiden sich alle drei Kreise im Inneren, jeder 
derselben schließt also die jeweilige dritte Ecke aus. Es nähere 
sich nun Po der Ecke Ai, so geht der Kreis über A2A3 nahe an 
Ai vorbei und tritt Po gerade in Ai ein (dadurch dsß, wie wir 
in 5. gesehen haben, yi = i8o^ — ai wird), so geht die Peripherie 
dieses Kreises durch Ai hindurch und wird dort von den beiden 



J) Vgl. 5. Der Unterschied der beiden Vorkon-, mnisse ist augenfällig. 
2) Für die Fälle der Eckenlage von P„ gelten für diesen Punkt andere Be- 

dK. 
dingungen als die oben (in der Fussnote zu 2.) mitgeteilten. Es ist jetzt -^ 

daselbst im allgemeinen nicht gleich Null, sondern nach allen von Po ausgehenden 
Richtungen positiv. 



Anhang. 23 1 

anderen Kreisen getroffen. Bei weiterer Vergrößerung von yi 
muß der Kreis durch Aa, A3 über Ai hinübertreten, so daß nun- 
mehr Ai in sein Inneres zu liegen kommt. Der Schnittpunkt der 
drei Kreise fällt also jetzt ganz außerhalb des Standortsdreiecks, 
Gleichzeitig hört er auf, die Lösung unserer Aufgabe zu bilden; 
denn Po bleibt weiterhin mit Ai vereinigt. Fall zwei wird also 
daran erkannt, daß einer der Konstruktionskreise 
die dritte Ecke (d. i. diejenige, die nicht auf seiner Basis- 
seite liegt) umschließt; diese Ecke ist dann jedesmal der 
Minimalort. 

8. Verhalten von Po bei festbleibenden Gewichten ai, ao, as, 
aber veränderlichem Standortsdreieck. Wir haben die Lagen - 
änderungen von Pq verfolgt, welche bei festem Standortsdreieck 
durch Aenderung der Transportgewichtsquoten ai, a2, aa bewirkt 
werden. Nun wollen wir im Gegenteil ai, 82, 33 festgehalten 
denken, dagegen das Standortsdreieck seine Gestalt wechseln 
lassen, und zusehen, wie sich hiebei P^ verhält. Wir werden üb- 
rigens zwei Ecken, etwa Ai, A2, unbeweglich annehmen; nur die 
dritte, A3, soll sich verschieben. 

Zunächst die Fälle ohne Gewichtsdreieck, also diejenigen, 
wo eines der Gewichte ai, ag, 83 die Summe der beiden an- 
deren überwiegt. Nach 5. liegt Po in Ai, wenn ai, in A2, wenn 
ao, in A3, wenn as das große Gewicht ist. Entweder also bleibt 
Po bei allen Verschiebungen von A3 unbeweglich in einer der 
festen Ecken Ai, A2, oder Po macht alle Bewegungen von A3 mit, 
indem es stets mit diesem Punkt zusammenfällt. 

9. Fortsetzung. Das Zentrum auf dem Kreise durch Ai, 
A2. Existiert das Gevvichtsdreieck, so kann man vor allem dem- 
selben den Winkel 73 entnehmen, und also nach 4. den Kreis- 
bogen über A1A2 konstruieren (Fig. 51). Es ist zu unterscheiden, 
ob A3 in dem Segment zwischen der Sehne A1A2 und dem Bogen 
liegt, oder außerhalb desselben. Tritt ersteres ein, so haben wir den 
Fall zwei aus 7.: P« fällt mit A3 zusammen. Liegt jedoch 
A3 außerhalb des Segments, dann tritt die Konstruktion von 
4. in ihr Recht, und man weiß von vornherein, daß Po auf dem 
Kreisbogen AiAa selbst liegen muß. Die Verbindungslinie P0A3 
bildet (siehe 3. und 4.) mit den Richtlinien von Po nach Ai und 
A2 die durch das Gewichtsdreieck gegebenen Winkel iSo** — Y2, 
180° — Yi. Ihre Rückwärtsverlängerung über Po hinaus schließt also 
mit diesen Richtlinien die festbleibenden Winkel 72, Yi ^^^- ^^ 



232 



Anhang. 




immer also A3 sich befinden mag, wird Po auf dem Kreisbogen durch 
Ai, Aa Hegen, und zwar so, daß die 
Verlängerung von A3P0 im Punkte Pq 
mit PqAi stets denselben Winkel, 
yi, einschließt. Nach dem wieder- 
holt angewandten Peripheriewinkel- 
satze muß somit P0A3 den Kreis durch 
/ K Ai, A2 in einem festbleibenden Punkte 
(M der Fig. 51) schneiden, welchen 
man leicht konstruieren kann: man 
braucht nur in A2 an AoA-, den Win- 
kel Y2 nach unten anzulegen, so trifft 
der sich ergebende, zweite Schenkel 
dieses Winkels den Kreis in dem ge- 
suchten Punkt M. 

Diese Ueberlegung ist richtig, so 
lange Po nicht in einen der Punkte A], A2 zu liegen kommt. In 
diesen Fällen nämlich ist kein Grund mehr vorhanden, daß A3, 
Po und M in gerader Linie liegen. Vielmehr ist klar, daß Pq stets 
und nur dann in Ag liegt, wenn A3 irgendwo in dem Winkelraum 
gelegen ist, der zwischen der Verlängerung von MAi über Ai 
und derjenigen von A2A1 über Ai enthalten ist; Aehnliches gilt 
für As- 

Denken wir uns A3 auf einem beliebigen Strahl durch M aus 
großer Entfernung sich der A1A2 annähernd. Passiert der Strahl 
diese Gerade außerhalb der Strecke AiAo, so liegt Po von 
vornherein unbeweglich entweder in Ai oder in Ao. Passiert 
der Strahl jedoch zwischen Ai, Ao, so liegt Pq, so lange A3 das 
Segment über A1A2 nicht erreicht hat, im Schnittpunkte von 
A3M mit dem Kreisbogen. Sowie aber A3 in das Innere des 
Segments eindringt, wird der Punkt Po mitgenommen und ist 
dann stets mit A3 vereinigt. 

Während Aa in der ganzen Halbebene oberhalb 
AiA2 seine Lage irgendwie wechselt, bleibt doch Po 
stets beschränkt auf das Innere und den Rand des 
Kreissegments A1A2. 

10. Uebersichtsfigur für die bei wechselnder Lage von 
A3 wechselnden Transportkosten. Eine und dieselbe Lage von 
Po kann sehr verschiedenen Lagen von A- entsprechen, wie eben 
sich gezeigt hat. Was aber dabei mit A3 wechselt sind die im 



Anhang. 



233 



Ganzen auflaufenden Transportkosten. Ueber diesen Umstand 
erhält man eine gute Uebersicht, indem man immer alle die 
Lagen von A3 durch eine Linie verbindet, welche gleiches Trans- 
portkostenminimum aufweisen. Diese Linien zeigen (Fig. 52) in 



Fig. 52- 



A, Linien jleidierlransporlkosten.wenn aii 

T La^.r btwejli* isl.Rückt A, ,on «.rusrLlrac 
zur nodisten, so nehmen die Tonsporlkosii 
ixmdas MaSder Strtcks p lu. 




verschiedenen Teilen der Halbebene über A1A2 sehr verschie- 
dene Gestalt. In den früher erwähnten Winkelräumen bei Ai 
und A2 sind es offenbar konzentrische Kreisbögen um Ai be- 
ziehungsweise A2. In dem dazwischenliegenden Hauptraum haben 
wir wieder das Segment und das Aeußere zu unterscheiden. Im 
ersteren hat man ellipsenartige Kurvenbögen; im letzteren ent- 
steht eine Linie aus einer anderen, indem man deren Punkte auf 
den Strahlen durch M um ein und dasselbe Stück verschiebt. 
An den Trennungslinien der vier Räume erscheinen die Linien 
gebrochen. 

II. Zwei Standortsdreiecke in Wechselbeziehung. Zwei 
Standortsdreiecke A1A2A3 und A'iA'^A's sollen zu einander in 
solcher Beziehung stehen, daß Aj zugleich Prpduktionsstätte für 
das erste Dreieck, A3 zugleich Produktionsstätte für das zweite 
Dreieck ist; in dieser Eigenschaft werden wir diese Punkte auch 
mit bezw. Po, P'o bezeichnen. Die Standorte A1A2 sowie A\, 
A'a denken wir uns gegeben, desgleichen die beiderseitigen Ge- 
wichtsquoten ai, 32, 33 und a'i, a'.,, a'3. Gesucht werden die 
Punkte Po = A'i und P'o = A, in solcher Lage, daß die gesamten 
Transportkosten möglichst klein werden. 



'■34 



Anhang. 



Extreme Fälle sind diejenigen, wo auf einer der beiden Seiten 
das Gevvichtsdreieck fehlt. Wenn dies zum Beispiel bei den ersten 
Quoten ai, 82, 83 der Fall ist, so muß Po = A'i entweder mit Ai 
oder A2 oder mit A3 = P'o vereinigt liegen. Hier hat man also 
entweder A'i sogleich gegeben, oder die beiden Produktionsstätten 
sind vereinigt, also eine einzige solche mit vier gegebenen Punk- 
ten ist zu ermitteln. Getrennte Produktionsstätten mit Orien- 
tierung außerhalb der gegebenen Punkte sind also nur möglich, 
wenn beide Gewichtsdreiecke vorhanden sind. Unter dieser 
Voraussetzung existieren aber die Kreissegmente über A1A2 und 
A'iA'a wie in 9. Pi und did beiden Punkte M, M'. Man ver- 
binde also M mit M', so schneidet diese Gerade aus den beiden 

Kreisbögen die gesuchten Punkte 
aus (Fig. 53). 

Diese Regel ist nun aber meh- 
reren Einschränkungen unter- 
worfen. Wenn die beiden Seg- 
mente sich teilweise decken, 
und M' den gemeinsamen Teil 
durchsetzt, so liegen nach 9. Po, 
P'o vereinigt, und brauchen über- 
haupt nicht mehr auf MM' zu 
sein. Es liegt da wieder der 
Fall einer einzigen Produk- 
tionsstätte mit vier Ausgangspunk- 
ten vor. Wenn andrerseits die 
MM' eines der beiden Segmente 
gar nicht trifft, so liegt nach 52. 
Po oder P'o in einer der Ecken Ai, 
A2 bezw. A'2 A's, ist also wieder 
von vornherein gegeben, und das 
Weitere geht dann auf die ur- 
sprüngliche Fundamentalaufgabe 
zurück. Die Ausnahmen sind 
also wieder sämtlich Fälle von 
prinzipiell einfacherer Natur, als 
derjenige, für welchen die oben angegebene Konstruktion die 
Lösung herbeiführt. 

12. Standortspolygone mit mehr als drei Ecken. Ob- 
zwar im allgemeinen das Wesentliche der Aufgabe und der Prin- 




Fig- 53- 



Anhang 



235 



zipien ihrer Behandlung bei Standortsfiguren mit mehr als drei 
Ecken unverändert ist gegenüber dem Fall des Dreiecks, lassen 
sich doch schon im nächst höheren Falle des Vierecks nicht 
mehr so einfache Konstruktionsregeln angeben wie beim Dreieck. 
Um so mehr ist erwähnenswert, daß wenigstens das mechanische 
Modell auch noch in allen höheren Fällen (entsprechend abge- 
ändert) funktioniert. Läßt man nämlich an den Ecken irgend 
einer Standortsfigur den Gewichtsquoten entsprechende Gewichte 
an Fäden ziehen, die sämtlich in einem Verknüpfungspunkt zu- 
sammenlaufen, so stellt sich dieser in allen Fällen automatisch in 
den Minimalpunkt ein. 

Auch für die Unterscheidung der Fälle von Innenlage und Eck- 
punktlage von Po sind 
jene einfachen Krite- 
rien nicht mehr vor- 
handen, wie im Drei- 
ecksfall. Es genüge 

hier hervorzuheben, 
daß offenbar Po dann 
sicher in eine Ecke A 
der Standortsfigur zu 
liegen komm.t , wenn 
deren Gewichtsquote Fig. 54. 

die Summe aller übrigen erreicht oder übertrifft (Fig. 54). 

II. Linien gleicher Transportkosten. 
I. Begriff der Isodapanen. Ist bei irgend welchen Standorts- 
figuren und bekannten Transportgewichten 3182 der Ort Po der 
kleinsten Transportkosten bestimmt, und wird die Produktions- 
stätte nicht in Po, sondern davon entfernt angelegt, so laufen 
höhere als die minimalen Transportkosten auf. Nun kann man 
sich vorstellen, daß die Produktionsstätte nach den verschiedensten 
Richtungen von Po allmählich abrückt, wobei jedesmal die Trans- 
portkosten allmählich steigen, und zwar offenbar auf jede Höhe 
gebracht werden können, wenn man sich nur weit genug vom 
Ausgangspunkt entfernt. Kleinere Transportkosten als die in Po 
kann man natürlich nirgends erzielen; aber es ist klar, daß man 
zu jeden willkürlich angenommenen Transportkosten über den- 
jenigen von Po Orte finden kann, und zwar in jeder Richtung von 
Po aus finden kann. Es wird also nicht einen solchen Ort geben. 




Anhang. 



Fig. 55- 




stellt. 



Transportkosten-Niveaulinien I. 
CewicM3quoten:3A5. 
DleMimmaltrsnsporlkosterv sind durch die Strecke Mj, 
Niveaulinie zu Niveaulinie dunji die Strecke m darge- 



Fig. 56. 




Tron sportkosten -Niveaulinien 11. 
Gewichttquöten; 3.4.6. 



Anhang. 



237 



Fig. 57 




Fig. 58. 




TronspoHkosten- Niveaulinien I\'. 
Cewichtsquoten 3,4,12 



238 Anhang. 

sondern es wird eine sich um Po herumziehende geschlossene 
Linie existieren müssen, auf der überall dieselben Transportkosten 
stattfinden. Eine solche Linie (L. gleicher Transportkosten, 
Niveaulinie der Transportkosten, Isodapane) wird also für jeden 
angenommenen Wert der Transportkosten, wenn er nur höher 
ist als das Minimum derselben, vorhanden sein, und die Gesamt- 
heit dieser Linien gibt ein anschauliches Bild der Abhängigkeit 
der Transportkosten von der Lage der Produktionsstätte. Wenn 
das Minimum M Tonnenkilometer beträgt, so denken wir uns die 
Niveaulinie etwa von 10 zu 10 Tonnenkilometern verzeichnet, 
also jene zu M+io, M + 20, M-f-ßO etc. Tonnenkilometern. 

(■•-;. s. 236/7, Fig. 55/58.) 

2. Isodapanen für sehr grosse W^erte der Kosten sind 
nahezu Kreise. Sehr großen Transportkosten entsprechen Orte, 
die sehr weit von Po, also überhaupt von dem Standortspolygon 
entfernt sind. Ist diese Entfernung so beträchtlich, daß die Di- 
mensionen des Polygons, dagegen gehalten, einflußlos erscheinen, 
so wird jene Entfernung allein für die Kosten maßgebend. Die 
Linien also, welche sehr großen Transportkosten entsprechen, 
werden nicht wesentlich von großen Kreisen um Po als Mittel- 
punkt abweichen. Ist der Radius eines solchen Kreises R, so 
sind die Transportkosten für irgend eine Lage der Produktions- 
stätte auf seiiner Peripherie annähernd gleich 

R(ai4-a2+ aa-f-- • •) Tonnenkilometer, 
da man ohne merklichen Fehler alle Standorte in Po vereinigt 
denken darf. Bezeichnet man die Summe 

ai 4-32 4-33+- • -. 

das ist das Gesamtgewicht, welches bei Erzeugung von einer 
Tonne des Produkts in Aktion kommt, mit G (Standortsgewicht), 
so erhält man folgende Regel: Für Produktions statten in 
großer Entfernung vom St an dortsp olygo n findet man 
die Transportkosten, indem man das Standorts- 
gewicht mit der Entfernung vom M inim.alp un k t mul- 
tipliziert: G X R. 

Sind die Isodapanen, wie in i. angedeutet, für bestimmte 
Abstufung der Transportkosten verzeichnet, so werden offenbar 
diese großen Kreise um so dichter liegen, je größer das Stand- 
ortsgewicht ist; denn je größer G, desto kleiner der Zuwachs von 
R, der die nämliche \7ergrößerung von R X G bewirkt. 

3. Kleinere Werte der Transportkosten. Das Gefälle 



Anhang. 239 

der Transportkosten. Gehen wir zu kleineren Werten der Trans- 
portkosten über, so wird die entsprechende Niveaulinie enger um 
die Standortsfigur herum verlaufen. Gleichzeitig wird die Gestalt 
der Standortsfigur, und die Verteilung der Gewichtsquoten ai, 
a2, 33, . . . auf die einzelnen Ecken derselben Einfluß auf die 
Gestalt der Niveaulinie gewinnen, welche um so mehr von der 
Kreisform abweichen wird, je weniger die zugehörigen Trans- 
portkosten das Minimum übersteigen, je enger also eben jene 
Linie um Po herum verläuft. Unter allen Umständen aber zeigt 
uns das verzeichnete Liniensystem Folgendes an: Verlegt man 
die Produktionsstätte von einer Niveaulinie auf die nächste, so 
erhöht man die Transportkosten um 10 Tonnenkilometer. Also : 
entfernt man sich weiter von Po, indem man eine Niveaulinie in 
zu ihr senkrechter Richtung verläßt, so vergrößern sich die Trans- 
portkosten, und zwar um so rascher, je näher an der betreffenden 
Stelle die nächste Niveaulinie der eben verlassenen liegt. Ist 
z. B. die Distanz zur nächsten Niveaulinie 5 Kilometer, so entfällt 
auf diese 5 Kilometer ein Zuwachs der Transportkosten von 10 
Tonnenkilometern ; wäre die Distanz 10 Kilometer, so würde erst 
auf 10 Kilometer der gleiche Kostenzuwachs entfallen. Im ersten 
Fall beträgt der Kostenzuwachs für einen Kilometer Distanz 2 
Tonnenkilometer. Nennt man den Betrag, um welchen sich die 
Transportkosten erhöhen, wenn die Iroduktionsstätte um einen 
Kilometer senkrecht zur Niveaulinie verschoben wird, das G e - 
fälle der Transportkosten, so ergibt sich als Regel zur 
Bestimmung dieser Größe: Man dividiere 10 durch, die 
Distanz der benachbarten Niveaulinien^). Je 
enger die Niveaulinien an einer Stelle aufeinanderfolgen, desto 
größer ist dieses Gefälle. 

4. Veranschaulichung durch ein räumliches Modell. (Trans- 
portkostenfläche.) Man denke sich für jede Lage von P im 
Gebiet senkrecht zur Ebene eine Strecke von der Länge der 
dort stattfindenden Transportkosten errichtet. So erhält man 
über jeder Lage von P einen Punkt im Raum, den Endpunkt 
jener Strecke, und alle diese Punkte geben eine Fläche. Der 

l) Diese ungenaue Erklärung des Begriffs mag hier genügen. In Wahrheit han- 
delt es sich um den mit umgekehrtem Vorzeichen genommenen Differentialquotienten 

dK 

-^— der Transportkosten nach derjenigen Richtung, in der K am schnellsten ab- 



240 Annang. 

tiefste Punkt derselben liegt über dem Punkt Po; rings um den- 
selben steigt die Fläche an, in einiger Entfernung von Po unter- 
scheidet sie sich nicht mehr merklich von einer Kegelfläche mit 
vertikaler durch Po gehender Achse, während sie gegen den 
tiefsten Punkt zu unregelmäßige Gestalt zeigt. Geht man auf der 
Fläche so, daß man die Höhe über der Ebene nicht ändert, so 
bewegt man sich über einer Isodapane. Senkrecht zu einer sol- 
chen verläuft der steilste Anstieg an der betreffenden Stelle; je 
steiler derselbe ist, desto schneller wachsen dort die Transport- 
kosten bei senkrechtem Abrücken von der Niveaulinie. Die 
Steilheit gibt eine direkte Anschauung vom Gefälle der Trans- 
portkosten. 

5. Aussehen des Isodapanensystems in der Umgebung 
von Pq. In unmittelbarer Umgebung von Po ist die Verteilung der 
Isodapanen und im Zusammenhang damit die Gestalt der Trans- 
portkostenfläche sehr verschieden, je nach den in I. 7. unter- 
schiedenen Hauptfällen. Liegt Po im Inneren des Standortdreiecks 
(oder -Polygons), so ist die erste (bei fixierter Abstufung z. B. 
für die 10 TK-Skala) auf Po folgende Niveaulinie ringsum weit 
von Po entfernt, entsprechend dem Umstände, daß streng ge- 
nommen in Po selbst das Gefälle den Wert Null hat. Dasselbe 
gilt auch noch für die Eckenlage, so lange die zugehörige 
Gewichtsquote nicht sehr überwiegt. Nur zeigt sich sogleich, 
daß die erste Niveaulinie soweit sie außerhalb des Dreiecks (Poly- 
gons) verläuft, viel näher an Po heranrückt, als im Innern. Wenn 
aber die Gewichtsquote der betreffenden Ecke sehr beträchtlich 
wird, so nähert sich in entsprechendem Maße die erste Isodapane 
allseitig dem Punkt Pq, um ihn je bedeutender jenes Gewicht 
überwiegt, desto enger zu umschließen. Die Transportkosten- 
fläche wird in den ersten Fällen um ihren tiefsten Punkt herum 
die Gestalt einer sehr flachen Mulde zeigen, bei Eckenlage etwas 
steiler nach außen als gegen das Dreiecksinnere verlaufend. Im 
Falle des grofien Gewichts dagegen wird die Fläche um den 
tiefsten Punkt eine mehr oder weniger steil trichterförmige Ein- 
senkung aufweisen. Die verschiedenen Annahmen entsprechenden 
Figuren 55 — 58 geben ein deutliches Bild aller dieser Verhältnisse. 

III. Agglomeration. 

I. Die Ersparnisfunktion. Ihr Diagramm. Eine Groß- 
produktion vom täglichen Erzeiignisquantum M wird eine in der 



Anhang. 



241 



Entfernung r gelegene Kleinproduktion derselben Gattung mit der 
täglichen Produktionsmenge m aufsaugen, wenn die aus der Ag- 
glomeration entspringenden Ersparnisse höher sind als die auf- 
tretende Vergrößerung der Transportkosten. Letztere ist leicht 
zu berechnen. Ist A das 
Standortsgewicht der 



M' 



Pro- r 

duktion, so betragen die Fig. 59. 

Mehrkosten für eine Tonne des Erzeugnisses offenbar Ar Tonnen- 
kilometer und also im Ganzen Arm Tonnenkilometer, das heißt 
Arms in Geld, wenn s der Tarifsatz ist. 

Die Ersparnisse, die aus der Agglomeration entspringen, sind 
von der Produktionsgattung abhängig. Für jede solche Gattung 
ist die Vorstellung zulässig, daß man in einer Tabelle zu jedem 
Agglomerationsquantum die Ersparnis per Tonne täglichen Er- 
zeugnisses verzeichnet hat. Diese Ersparnis also ist bedingt 
durch das Agglomerationsquantum M, ist eine »Funktion« des- 
selben, und soll mit cp (M) bezeichnet werden. Wir nennen sie 
die Ersparnisfunktion. Statt dieselbe in Form der 
erwähnten Tabelle gegeben 
zu denken^ können wir sie 
sehr übersichtlich durch eine 
geometrische Figur darstel- 
len. Auf einer von zwei zu 
einander senkrechten Ach- 
sen tragen wir vom Schnitt- 
punkt aus die Werte M in 
beliebiger Längeneinheit (als 
sogenannte Abszissen) auf, 
senkrecht dazu errichten wir 
im Endpunkt jeder Abszisse 
Strecken von der zugehörigen ^^- 

Ersparnis :p (M) als Länge (Ordinaten). So erhalten wir Punkte in der 
Ebene und durch deren Verbindung eine Linie, welche zusammen- 
fassend den ganzen Verlauf der Ersparnisfunktion versinnlicht. 

2. Die Grundformel der Agglomeration. Die Agglomera- 
tionsfunktion. Ist nun M das Quantum einer Großproduktion, so 
betragen bei derselben die durch Agglomeration erzielten Er- 
sparnisse für die Einheit des Erzeugnisses cp (M), also für das 
tägliche Erzeugnis 

M cp(M). 




A. Weber, Standort der Industrien. 



16 



242 Anhang. 

Wird die Kleinproduktion mit dem Quantum m mit der 
Großproduklion verschmolzen, so ergibt sich ebenso eine Ge- 
samtersparnis im Betrage von 

(M4-m)cp(M+m). 
Somit ist der durch die Verschmelzung erzielte Ersparnis- 
zuwachs 

(M -l-m)cp(M-fm) — MS(M). 
So lange dieser größer ist als die in i, berechnete Trans- 
portkostenerhöhung 

A rs. m, 
wird die Verschmelzung wirklich eintreten. Man hat also zur 
Berechnung der größten Entfernung R, bis zu welcher die auf- 
saugende Kraft der Großproduktion M reicht, die Gleichung 
_ (M + m)cp(M + m)— Mcp( M) 
m 
Auf der rechten Seite ist hier sowohl M als auch m ent- 
halten. Wäre nun m irgendwie beträchtlich, so würde es in der 
Tat Einfluß auf die Größe von R haben. Es liegt aber in der 
Natur des Problems, welches in Behandlung steht, daß m im Ver- 
gleich mit M ein sehr kleiner Betrag ist, und unter solchen Um- 
ständen wird die rechte Seite der erhaltenen Gleichung von m 
ganz unabhängig, also zu einer bloßen Funktion von M. Man 

denke sich in der Tat den 
Ausdruck einmal mit seinem 
Wert m, ein zweitesmal mit 
*»** dem doppelten Wert 2m 

'f^^ ^^ gebildet. In Fig. 61 sieht 

'Ifd^) y^ man drei Rechtecke in 

einander geschachtelt, deren 
Größen offenbar 
Mcp(M) 

(M-i-m)cp(M+m) 

TT rVm n-vhr^ (M -f- 2 m)cp(M -h 2 m) 

sind. Ihre Unterschiede, 
Fig. 61. Figuren von der Art, welche 

die Alten Gnomon nannten, sind für den obigen Ausdruck maß- 
gebend. Es ist nun augenscheinlich der große Gnomon 

(M+ 2m)cp(M+2m)— M9(M) 
um so genauer gerade doppelt so groß, als sein Bestandteil 
(M -h m)9(M-{- m) — M9(M), 




Anhang. 



243 



je kleiner m ist. Also hat man 

(M 4- 2m)cp(M 4- 2 m)— My(M) _ (M +m)cp(M + m)— Mcp(M ), 
2m ~ m 

worin die behauptete Unabhängigkeit Hegt, 

Die Funktioh 

^ (M + m)cp(M + m)-M9(M) 
m 
soll Agglo merationsfunktion heißen. Die frühere For- 
mel lautet also jetzt 

As . R ■^-. f(M), 
die Grundformel der Agglomeration. Sie zeigt, daß der Radius, 
innerhalb dessen die Agglomerationskraft einer Produktion vom 
Quantum M wirksam ist, dem Werte der Agglomerationsfunktion 
für M direkt, dagegen dem Standortsgewicht, sowie dem Tarif- 
satze verkehrt proportional ist. 

3. Diagramm der Agglomerationsfunktion. Zur Uebersicht 
denken wir uns nun, wie vorhin die Ersparnisfunktion, so jetzt 
die Agglomerationsfunktion in einem Diagramm (F'ig. 57) darge- 
stellt. In demselben haben also die Senkrechten zur Achse der 
M die Längen f(M). Ueber einem kleinen Stück von der Länge 
m, welches vom Endpunkt von M aus abgetragen wird, liegt, 
begrenzt nach beiden Seiten von den Ordinalen f(M) und f(M-|-m), 
nach oben von der Diagramrnkurve ein Flächenstreifen, den man 






jfInMN. 



M n+r 



Fig. 62. 
um so genauer als Rechteck mit der Basis m und der Höhe 
f(M) berechnen kann, je kleiner m ist. Dieser Streifen hat also 
die Größe 

m . f(M) = (M-l-m)cf (M + m)— M-f(M), 



244 Anhang. 

und Stellt somit seinem Werte nacli den täglichen Ersparniszu- 
wachs dar, der sich eVgibt, wenn die Agglomeration vom Werte 
M zum Werte M-f-m fortschreitet. Betrachten wir nun die 
Fläche, die über der gesamten Abszisse M, nach oben von der 
Dipgrammkurve, nach rechts und links von Ordinalen begrenzt; 
steht. Man kann sie in lauter Streifen zerlegt denken, sie ist also 
ihrem Werte nach nichts anderes, als die Summe aller Ersparnis- 
zuwächse von Beginn des Agglomerationsprozesses bis zur Höhe 
M, also gerade die Gesamtersparnis durch Agglomeration bis 
zur Höhe M, das heißt gleich 

M . cf (M). 
Endlich kann man von hier aus noch zu einer Anschauung von 
(p(M) selbst gelangen. Man denke sich (Fig. 62) die beiden Ach- 
sen und die Ordinate zu M als undurchlässige Wände und die 
eben besprochene Fläche als aus starrem Material bestehend, 
(nach vorn und rückwärts etwa noch durch parallele Platten be- 
grenzt). Nun werde das Material verflüssigt, so stellt sich das- 
selbe mit horizontaler Oberfläche ein. Da der Inhalt der nunmehr 
rechteckigen Figur Mcp(M), die Basis aber M ist, so gibt die Höhe 
direi<t c{;(M) '). 

4. Agglomeration ursprünglich gleichmäßig verteilter 
Kleinproduktionen. Man stelle sich jetzt über ein größeres Gebiet 
gleichmäßig verteilte Kleinproduktionen vor. Entwickelt sich 
irgendwo darin eine Großproduktion durch Agglomeration, so 
wird dieselbe in einem gewissen Umkreis die vorhandenen Klein- 
produktionen aufsaugen. Wollen wir diesen Umkreis mittelst der 
Agglomerationsformel berechnen, so müssen wir bedenken^ daß 

Gsich M durch den Agglomerationsprozeß selbst 
>v ändert, vergrößert. Wir bezeichnen mit p den 
^ \ Betrag der täglichen Erzeugung, der auf die 
j Flächeneinheit des Gebiets (etwa Quadratkilo- 
y/ meter) bei der ursprünglichen gleichmäßigen 
Verteilung entfällt; wir nennen p die Produk- 
Fig- 63. tionsdichtigkeit. Hat nun (Fig. 63) eine 

in G befindliche Großproduktion gerade bis zum Radius R die 

l) Die hier und im friiher«>n Paragraphen erläuterten Beziehungen zwischen 

Ersparnis- und Agglomerationsfm^i'tion drückt die höhere Rechnung so aus: Die 

Agglorr.eri^'onsfanktion ist der DifFerentialquotient der mit M multiplizierten Er- 

dlUx) 
sparnisfunktion : f(M) = \-Jf • 



Anhang. 245 

gesamte Produktion aufgesaugt, so muß sie die Höhe 

uR2.p 
erlangt haben. Somit ist dieser Wert für M in die Agglomerations- 
formel einzutragen, oder auch umgekehrt aus 

uR2.p=M 
R zu berechnen: 

R=|/l", 

und einzusetzen. Man erhält so 

A R s = f(7iR2p) 
beziehungsweise 

As\/^ = l(W). 

Hieraus soll M berechnet werden; natürlich ist dies nur möglich, 
wenn die Agglomerationsfunktion f(M) bekannt ist. Hat man aber 
den Wert von M ermittelt, also die Höhe der Agglomeration, so 
ist es leicht die Zahl der im Lande entstandenen Großproduk- 
tionen approximativ anzugeben. Denn, wenn Q die Größe der 
täglichen Erzeugung im ganzen Gebiet bedeutet, so ist die An- 
zahl offenbar 

Q 
M* 
5. Ermittelung der Agglomerationshöhe am Diagramm 
der Agglomerationsfunktion. Nach dem Gesagten handelt es 
sich darum, M so zu bestimmen, daß 

_^. IXm = f(M) 

wird. Wir denken uns in die Figur, welche die graphische Dar- 
stellung von f(M) enthält, noch eine zweite Linie eingetragen, in- 
dem wir zu jeder Abszisse M auch die Ordinatenlänge 

KTip 

zuordnen (Fig. 64). Die Punkte, die man so erhält, erfüllen eine 
wohlbekannte Linie, Parabel genannt. Jene Abszisse M ist 
die gesuchte, wo die f(M)-Kurve und die Parabel 
gleicheOrdinaten haben, das heißt, wo die bei- 
den Linien zusammentreffen. 

Es sind hier verschiedene Möglichkeiten vorhanden. Die 
f(M)-Linie kann von allem Anfang an unterhalb der Parabel ver- 
laufen und unterhalb derselben bleiben. Dann ist die Gleichung 



246 Anhang. 

niemals erfüllt, sondern stets 

N > f(lvl), 
was offenbar besagt, daß die Transportkostenzuwächse für keine 




Fig. 64;). 
Aggiomeratiorshohe durch die Ersparnisse hereingebracht werden 
können. Hier ist Agglomeration überhaupt ausgeschloisen. 

Zweitens kann die zn Beginn oberhalb der Parabel verlau- 
fende f(M)-Linic an einer Stelle die Parabel passieren und von 
da ab unterhalb derselben bleiben. In diesem Falle wird Agglo- 
meration bis zu jener Höhe eintreten, welche durch die Abszisse 
des Treffpunkts der beiden Linien angegeben wird. 

Der dritte Fall, daß r(M) von Anfang und stets oberhalb der 
Parabel verlauft, entspricht wchi kaum wirklichen Vorkomm- 
nissen. 



l) Kürze halber ist iu der Figur die Bezeichnang 
fü«- den sogenannten Parameter (3 p) der Parabel benutzt. 



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